miniatur|Die Lage des Legionslagers am oberpannonischen Donaulimes miniatur|Brigetio mit Almásfüzitő (Odiavum/Azaum) auf dem Plan von Samuel Mikovíny in den 1740er Jahren miniatur|Moderne Gedenktafel auf dem Gelände des Legionslagers für den hier verstorbenen Kaiser Valentinian I. miniatur|Blick auf das zwischen 1871 und 1877 errichtete Sperrfort Ingmánd in Komorn, in dem sich heute ein römisches Lapidarium befindet. Ein baugleiches, jedoch kleineres Exemplar stand ab 1885 direkt auf der östlichen Retentura des Legionslagers und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend abgetragen.

Das Legionslager Brigetio (in der Antike auch Brigetium oder Bregetio genannt) war ein römisches Militärlager, dessen Garnison für die Überwachung eines Abschnitts des pannonischen Limes (Limes Pannonicus) entlang der Donau zuständig war. Der Strom bildete hier in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Brigetio lag auf dem Gebiet der nordungarischen Stadt Komárom-Szőny (Komorn) im Komitat Komárom-Esztergom.

Zunächst als Kohortenkastell konzipiert, wurde nach dessen Auflassung gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. etwas westlicher ein Legionslager errichtet. Im Zuge der Einrichtung des Legionsstandorts entwickelte sich östlich des heutigen Stadtteils Szőny ein ziviles Lagerdorf (Canabae legionis) und zwei Kilometer westlich davon – in der Mitte von Szőny – ein bedeutendes städtisches Zentrum. Das antike Brigetio gehört mit seinen umfangreichen Funden und Befunden zu den wichtigsten antiken Forschungsstätten in Ungarn. In die Geschichtsbücher ging Brigetio als Sterbeort des Kaisers Valentinian I. (364–375) ein, der, während er Friedensverhandlungen mit den geschlagenen germanischen Quaden und sarmatischen Jazygen führte, einen Schlaganfall erlitten haben dürfte.Christine van Hoof: Valentinian I. (375–392). In: Manfred Clauss (Hrsg.): Die römischen Kaiser. 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian. 4. Auflage, Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60911-4, S. 346.

Lage Für die Strategen unter Kaiser Claudius (41–54) war die Standortwahl vor allem durch die Nähe zur Mündung der Waag in die Donau entscheidend. Die Waag bildete den größten Nebenfluss am nordpannonischen Grenzabschnitt.László Barkóczi, András Mócsy: Die römischen Inschriften Ungarns (RIU). 2. Lieferung. Salla, Mogentiana, Mursella, Brigetio. Adolf M. Hakkert, Amsterdam 1976, ISBN 963-05-0680-7, S. 89. Das Land am Fluss ist eben und deshalb gut zu überwachen. Erst weiter östlich von Komorn steigt das Land auf pannonischer Seite zum Gerecse-Gebirge an. Von dort transportierte ein später errichteter Aquädukt Frischwasser bis in das Legionslager. Brigetio war auch ein wichtiger Straßenkreuzungspunkt, der an einer bedeutenden Heer- und Handelsstraße lag, die sich entlang der Donau hinzog. Sie verband die beiden pannonischen Machtzentren Carnuntum und Aquincum. Daneben konnte Aquincum durch eine Direktverbindung, die das Pilisgebirge und die Budaer Berge südlich umging, erreicht werden. Das sich von Brigetio aus entflechtende Wegenetz erschloss zudem wichtige Zentren im Landesinneren. Neben diesen Gegebenheiten floss hier der nördliche Donauarm in den südlichen Hauptstrom,Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 53. der zwischen Pressburg und Komorn durch die Große Schüttinsel geteilt wird. In den Nordarm fließen westlich des Legionslagers – aus den Nordkarpaten kommend – die schiffbaren Flüsse Neutra und Waag.

Forschungsgeschichte miniatur|links|Komorn in dem 1726 veröffentlichten Kartenwerk des Luigi Ferdinando Marsigli. Neben der frühneuzeitlichen Festung links ist mittig das Legionslager zu sehen. Die davon abgehende gepunktete Linie soll die damals noch sichtbaren Spuren des Aquäduktes nach Dotis (Tata) darstellen. Der italienische Humanist und Dichter Antonio Bonfini (1434–1503) berichtete unter dem Titel Latinae gentis colonia als erster von den Spuren römischer Siedlungstätigkeit in dieser Gegend. Genauer ging der Humanist, Geschichtsschreiber und Arzt Wolfgang Lazius (1514–1565) auf das antike Fundgut ein, das damals bei Befestigungsarbeiten an der Burg von Komárom zu Tage trat. Er berichtet von einer Unmenge an aufgefundenen römischen Steindenkmälern, die größtenteils auf Schiffen nach Wien abtransportiert wurden. Anlässlich ihrer Reise entlang der Donau identifizierten Richard Pococke (1704–1765) und dessen Cousin Jeremiah Milles (1714–1784) den Platz als das antike Brigetio. Die beiden Engländer sowie ihr Vorgänger, der italienische Offizier und Gelehrte Luigi Ferdinando Marsigli (1658–1730) waren die ersten, die Zeichnungen von den Ruinen des Legionslagers, der Zivilstadt und des dazwischenliegenden Amphitheaters anfertigten. Diese Skizzen zeigen, dass die antiken Strukturen zu dieser Zeit noch sehr deutlich in der Landschaft auszumachen waren. Die damalige Hauptverbindungsstraße folgte exakt der Trasse der römischen Limesstraße und führte nördlich am heute nur mehr auf Luftbildern erkennbaren Amphitheater über die Via principalis direkt zwischen den noch sehr gut erhaltenen Wällen und Mauern des ehemaligen Legionslagers hindurch. Später beschrieb der Theologe und Geschichtsschreiber Matthias Bel (1684–1749) unter anderem auch das Aquädukt von Brigetio.

Im 19. Jahrhundert setzten sich mehrere namhafte Forscher für den Erhalt der noch bestehenden antiken Mauerreste ein. Damals untersuchte unter anderem auch der Begründer der ungarischen Archäologie, Flóris Rómer (1815–1889), das Gelände. Dennoch setzte bald ein großflächiger Steinraub ein, dem eine rücksichtslose Ausplünderung der antiken Grabstätten folgte. Auch der Ende des Jahrhunderts gegründete Komáromer Museumsverein war gegen diese Zustände weitgehend machtlos. Als im Zuge der Neubefestigung von Komorn 1885 eine Lünette des Außenwerks als k.u.k.-Batteriestellung im Bereich des südöstlichen Hinterlagers eingerichtet wurde, war es dem archäologiebegeisterten Offizier Miloš Berkovics-Borota zumindest möglich, einige Mauerabschnitte vor ihrer Zerstörung zu zeichnen, zu vermessen und diese Befunde 1887 im ungarischen archäologischen Fachblatt Archaeologiai Értesítő zu publizieren. Eine weitere Dokumentation von Berkovics-Borota zu seiner Ausgrabung und zu den Funden wurde 1885 im Band 4 der Österreichischen militärischen Zeitschrift veröffentlicht.Miloš Berkovics-Borota: Das Standlager Bregätium der Legio I Adjutrix, pia fidelis. In Österreichische militärische Zeitschrift, Band 4, 1885, S. 177–205 (Volltext-online bei Archive.org) 1927 bis 1928 sowie Anfang der 1940er Jahre führte der Archäologe István Paulovics (1892–1952), die ersten wissenschaftlichen Grabungen in Brigetio durch.

Unglücklicherweise ging 1942, mit der Errichtung einer Ölraffinerie und der angrenzenden Bebauung auf dem rückwärtigen Areal des ehemaligen Kastells, jede Möglichkeit einer großflächigen Erforschung für immer verloren.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 54. Die damaligen Eingriffe betrafen besonders die Siedlungsspuren südlich und südöstlich des Legionslagers. Wie alliierte Luftaufnahmen zeigen, wurde die (später wiedererrichtete) Raffinerie im Zweiten Weltkrieg gezielt durch einen dichtgelegten Bombenteppich zerstört, der das Gelände – zum großen Schaden der antiken Siedlungsstrukturen – vollkommen durchwühlte.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 56, Abb. 42. Zudem wurde damals auch die Dokumentation der Grabungen an den Toren des Legionslagers vernichtet, so dass es heute einige Unklarheiten zu deren baulicher Disposition gibt.Klára Kuzmová, Ján Rajtár: Bisherige Erkenntnisse zur Befestigung des Römerkastells in Iža. In: Slovenská Archeológia. 34, 1986, S. 185–222, hier S. 198.

Aufgrund der modernen, massiven Überbauungen auf dem Lagerareal blieb es auch nach dem Zweiten Weltkrieg nur bei kleinen Notgrabungen, die von den Archäologen Aladár Radnóti (1913–1972) und László Barkóczi vorgenommen wurden. Neben den militärischen Komplexen wurden später auch die angrenzenden Töpferwerkstätten des Lagers, Villae sowie Gräberfelder freigelegt. Im Anschluss daran fanden bis zum Jahr 1992 erneut Rettungsgrabungen statt. Im selben Jahr begannen unter der Leitung von László Borhy und Emese Számadó auch systematische Untersuchungen im ehemaligen Stadtgebiet des Municipiums von Brigetio.Gabriella Fényes: Untersuchungen zum Keramikhandel von Brigetio. In: Münstersche Beiträge zur Antiken Handelgeschichte. 22, 2, 2003, S. 85–109; hier: S. 85.

Im Luftbild zeichnet sich heute noch das teilweise unter einer landwirtschaftlich genutzten Fläche liegende Vorderlager (Praetentura) mit seiner Umwehrung und der im Lagerinneren zum nördlich gelegenen Haupttor (Porta praetoria) führenden Via praetoria deutlich ab. Über dem östlichen Teil der Praetentura entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein Fußballplatz, die zu ihm führende Stadion utca liegt genau an der ehemaligen nordöstlichen Wehrmauer. Die Südwestflanke des hinteren Lagerbereichs (Retentura) deckt sich exakt mit der westlichen Hauptzufahrtsstraße zur Raffinerie, während die rechtwinklig zu dieser Zufahrt liegende Mátrai Gyula utca in ihrem Verlauf der rückwärtigen Südmauer des Lagers folgt. Eine moderne Landstraße und die unmittelbar nördlich, fast parallel dazu geführte Bahnlinie zerschneiden das Lager fast direkt über der antiken Via principalis.

Name Der antike Name wird mehrfach durch das römische Reichsstraßenverzeichnis Itinerarium Antonini (263, 2; 264, 4; 265, 3) aus dem 3. Jahrhundert überliefert. Zudem konnte die Örtlichkeit anhand aufgefundener Meilensteine sowie vieler in Brigetio selbst gefundener Inschriften identifiziert werden. Brigetio gehörte während des Prinzipats zur Provinz Oberpannonien, wird aber in dem spätantiken Staatshandbuch Notitia dignitatum,Notitia dignitatum; Occ. XXXIII 51. der Provinz Valeria zugeschlagen, die einen Teil der aufgelösten Provinz Unterpannonien aufnahm.

Baugeschichte 350px|miniatur|Lageplan der Militäranlagen und zivilen Strukturen von Brigetio

Kohortenkastell Das Fundgut aus Brigetio deutet auf eine Gründung in claudisch-neronischer Zeit hin.Vladimir Vlasak: Das römische Lager von Rusovce-Gerulata. Ein Beitrag zu Lokalisierung und Anfängen. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 43. Verlag des Römisch-germanischen Zentralmuseums, 1998. S. 531–589, hier: S. 587. Vielfach wird für die Entstehung des KohortenkastellsKohortenkastell Brigetio bei auch von einem Zeitraum „um die Mitte des 1. Jahrhunderts“ gesprochen.Thomas Fischer: Beispiele zur Entstehung römischer Städte in den Nordwestprovinzen. In: Gundolf Precht, Norbert Zieling (Hrsg.): Genese, Struktur und Entwicklung römischer Städte im 1. Jahrhundert n. Chr. in Nieder- und Obergermanien. Kolloquium vom 17. bis 19. Februar 1998 im Regionalmuseum Xanten (= Xantener Berichte, Band 9), von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2752-8, S. 11–16; hier: S. 14. Barkóczi konnte in diesem Zusammenhang östlich des Legionslagers, unmittelbar an der Donau, ein frührömisches Hilfstruppenkastell nachweisen. Die Anlage wurde im Vorfeld durch zwei Gräben geschützt und besaß eine Breite von 200 Metern. Die Länge ließ sich nicht mehr ermitteln, da der Fluss das Vorderlager (Praetentura) im Laufe der Jahrhunderte abgeschwemmt hatte.

Legionslager mini|Bronzenes Weihetäfelchen des Legionssoldaten Ulpius Sabinus