mini|400px|Die Position etlicher Vokale des Protogermanischen wurde durch den i-Umlaut verschoben
Als i-Umlaut bezeichnet man in der historischen Sprachwissenschaft einen Lautwandel, bei dem sich ein Vokal einem nachfolgenden i-Laut (kurzes i, langes ī oder j) annähert oder ganz angleicht, indem er mit gehobener oder weiter nach vorn verlagerter Zunge gesprochen wird.
Der i-Umlaut ist in den germanischen Sprachen in verschiedenen Ausprägungen zu finden;Siehe aber Fausto Cercignani, Early “Umlaut” Phenomena in the Germanic Languages. In «Language», 56/1, 1980, S. 126–136. einzig im Gotischen ist er als eigene, von einer allgemeinen Hebung *e > i klar geschiedene Lautentwicklung unsicher.Siehe Fausto Cercignani, Alleged Gothic Umlauts. In: Indogermanische Forschungen 85, 1980, S. 207–213. Beispiele: neuhochdeutsch König, mittelhochdeutsch künic < urgermanisch *kuningaz; neuhochdeutsch Lamm – Lämmer < althochdeutsch lamb – lembir; nhd. sitzen, neuenglisch sit, altsächsisch sittian < urgermanisch *setjan.
Die umgelauteten Vokale wurden im Laufe der Sprachentwicklung auch auf Wörter und Formen übertragen, in denen sie rein lautlich nicht erklärbar wären, und dienen dabei zum Teil der Kennzeichnung grammatischer Kategorien, zum Beispiel nhd. Schwan – Schwäne (statt älterem Schwanen) nach Gast – Gäste als direkter Fortsetzung von ahd. gast – gesti.Braune/Reiffenstein, 2004, S. 201
Die Schreibweise von Langvokalen hängt von der Sprache ab, siehe hierzu die Hinweise.
Germanischer i-Umlaut Als allen germanischen SprachenRinge, 2006, S. 126 ff. eigene Form des i-Umlautes wird der Umlaut von germanisch (germ.) *e zu germ. *i angenommen. Im Gotischen ist dieser Lautwandel aber verdunkelt, weil dort germ. *e grundsätzlich als gotisch (got.) i erscheint – außer vor den Konsonanten got. r, h und ƕ, wo es weiterhin als e (geschrieben ai) auftritt. So zum Beispiel in got. faíhu 'Vermögen' im Vergleich zu althochdeutsch (ahd.) fihu 'Vieh'.Braune/Heidermanns, 2004, S. 39Krause, 1963, S. 71
Bei diesem Lautwandel wird ein germ. *e zu einem *i gehoben, wenn in der Folgesilbe, möglicherweise auch in der gleichen Silbe,Ringe (2006, S. 126 f.) zählt auch die Entwicklung von idg. *ey zu germ. *ī (z. B. in idg. *deywós 'Gott' zu germ. *Tīwaz 'Tyr' (Ringe, 2006, S. 127)) zu diesem Lautwandel. Andere Autoren tun dies nicht (vgl. zum Beispiel die Ausführungen in Krause, 1963, S. 47 zu diesem Lautwandel, wo er ihn abseits von *e > *i vor i-Laut behandelt, oder ebenso Gutenbrunner, 1951, S. 32). ein i-Laut auftritt.Ringe, 2006, S. 126 Beispiele: Indogermanisch (idg.) *médhyos 'mitten' wird über *medjazGermanische Form vor dem Eintreten des i-Umlauts von e zu i. zu germ. *midjaz. Diese Form ist erhalten z. B. in got. midjis, altnordisch (an.) miðr, altenglisch (ae.) midd oder ahd. mitt.Nach Ringe, 2006, S. 127 Idg. *bhéresi 'du trägst' bzw. *bhéreti 'er/sie trägt' wird über *berizi, *beriþi zu germ. *birizi, *biriþi, das wiederum zum Beispiel in ae. birst, birþ oder in ahd. biris, birit, ja auch in neuhochdeutsch (nhd.) du gebierst, sie gebiert (allerdings mit anderer Bedeutung) erhalten ist.Nach Ringe, 2006, S. 127; die nhd. Formen nach Duden-Grammatik, 2005, S. 493
Dieser Lautwandel betrifft auch den germ. Diphthong *eu, der vor i-Lauten als *iu erscheint. Beispiel: Idg. *néwios 'neu' wird zu einem germanischen *niwjaz, wie in got. niujis, ae. nīewe, ahd. niuwi.
Hebung von germ. *e zu *i in anderen Umgebungen Im Zusammenhang mit dem eben beschriebenen Lautwandel werden oft auch weitere Hebungen von germ. *e zu *i genannt.z. B. Bußmann, 2002, S. 719 So wird ein germ. *e ebenfalls zu *i gehoben, wenn dem *e ein Nasal folgt, wobei entweder auf diesen ein weiterer Konsonant folgen muss oder der Nasal im Wortauslaut steht (das heißt, wenn er in der Silbenkoda auftritt).Ringe, 2006, S. 149 Beispiele dafür sind: Idg. *en 'in' wird zu germ. *in. Idg. *pénkwe 'fünf' (vgl. altgriech. πέντε (pente)) wird im Germanischen zu *fimf. Spät-Idg. *h2weh1n̥tós 'Wind' wird über *wentós zu germ. *windaz.
Ein anderer Fall einer solchen Hebung ist im Althochdeutschen und Altsächsischen die Hebung von *e zu *i vor einem *u in der Folgesilbe.Braune/Reiffenstein, 2004, S. 32 So steht beispielsweise einem ahd. sibun 'sieben' ein ae. seofon gegenüber.Brunner, 1965, S. 34 Ähnliches gilt auch für die 1. Person Singular Präsens Indikativ bei den starken Verben, zum Beispiel bei ahd. (ich) stilu '(ich) stehle' oder (ich) gibu 'ich gebe'Braune/Reiffenstein, 2004, S. 282 u. 284 oder auch in ahd. (ich) biru '(ich) trage',Nach Braune/Reiffenstein, 2004, S. 282 das beispielsweise mit der altenglischen Form des Vespasian Psalters beoru bzw. mit dem Nordhumbrischen beroBrunner, 1965, S. 284 kontrastiert. In der neuhochdeutschen Standardsprache ist dieses Phänomen in der 1. Person Singular Präsens Indikativ nicht mehr vorhanden, wohingegen zum Beispiel das Bairische die Hebung noch zeigt, wenn es heißt [] (geschr.: i gib).
Analoges gilt auch hier wieder für den Diphthong germ. *eu. So heißt die 1. Person Singular Präsens Indikativ zum Verbum ahd. klioban (germ. *kleubanąNach Ringe, 2006, S. 241) 'spalten, klieben' im Althochdeutschen (ich) kliubu.Braune/Reiffenstein, 2004, S. 278
Auch wenn die Ergebnisse dieser Lautwandelprozesse dem Resultat des (gemein-)germanischen i-Umlauts gleichen, so sind sie doch keine Fälle von i-Umlaut, da sie nicht durch einen i-Laut hervorgerufen wurden. Die Gesamtheit aller nicht aufs Gotische beschränkten Lautwandel von germ. *e zu *i, egal welcher Herkunft, wird unter der Bezeichnung Nordwestgermanische Hebung zusammengefasst.
i-Umlaut im Hochdeutschen Primär-, Sekundär- und Restumlaut In der geschichtlichen Entwicklung vom Althochdeutschen zum Neuhochdeutschen sind umgelautete Formen zu verschiedenen Zeiten überliefert. Man spricht bei den früheren Formen von Primärumlaut, bei späteren von Sekundärumlaut bzw. Restumlaut.
mini|250px|Merseburger Zaubersprüche – Merseburger Domstiftsbibliothek, Codex 136, f. 85r, 10. Jahrhundert (Photodruck aus dem Jahr 1897, digital koloriert) Innerhalb des Hochdeutschen wird der i-Umlaut von ahd. /a/ seit dem 8. Jahrhundert in den Handschriften fassbar, während er in Glossaren davor oft noch fehlt.Braune/Reiffenstein, 2004, S. 29 Er erscheint dabei durch das Schriftzeichen e. Betroffen davon sind die meisten /a/ vor einem i-Laut; so zum Beispiel in folgenden Fällen: im althochdeutsch Adjektiv festi 'fest' (vgl. engl. to fasten 'festmachen')Braune, Reiffenstein, 2004, S. 224 im Komparativ althochdeutsch lengiro 'länger' (zu ahd. lang)Braune/Reiffenstein, S. 228 in der Konjunktion enti 'und' (vgl. engl. and)Braune, Reiffenstein, 2004, S. 55 u. Kluge, 2002, S. 941 bei den Substantiven beri 'Beere' (got. basi) und heri 'Heer' (got. harjis)Braune/Reiffenstein, 2004, S. 192 in den ahd. Verben heften 'heften, binden' (got. haftjan)Schützeichel, 2006, S. 152 u. Kluge, 2002, S. 400 und lezzen 'hemmen, hindern' (got. latjan)Schützeichel, 2006, S. 211 u. Kluge, 2002, S. 954. usw.
Die letzten drei beispielhaft angeführten Wörter sind auch in einem Vers des ersten Merseburger Zauberspruchs zu finden, wo es heißt: suma hapt heptidun / suma heri lezidun ('einige hefteten / einige hemmten das Heer').Stephan Müller (Hrsg.): Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2007, [= Reclam Universal-Bibliothek Nr. 18491], S. 270 f.
Innerhalb eines Flexionsparadigmas können sich umgelautete und umlautlose Formen ebenso gegenüberstehen: Nominativ Singular gast 'Gast' – Nominativ Plural gesti Nominativ Singular hano 'Hahn' – oberdeutsch (obd.) Gen. Dat. Sg. heninBraune/Reiffenstein, 2004, S. 207 Infinitiv faran 'fahren' – 2. Person Singular Präsens Indikativ feris 'fährst'Braune, Reiffenstein, 2004, S. 286.
Auch manche althochdeutsche Lehnwörter zeigen diesen i-Umlaut, so beispielsweise althochdeutsch engil 'Engel' aus altgriechisch ἄγγελος (aggelos) 'Bote'Kluge, 2002, S. 245. althochdeutsch kezzil 'Kessel' aus lateinisch catīllusKluge, 2002, S. 485.
Dieser Umlaut a zu e ist der einzige, der im größten Teil des Althochdeutschen belegt ist und wird auch als Primärumlaut bezeichnet. Allerdings ist er in gewissen lautlichen Umgebungen unterblieben und wird hier erst zu einem späteren Zeitpunkt der sprachlichen Entwicklung sichtbar. Diese so genannte Umlauthinderung kann in folgenden Fällen eintreten:Nach Paul, 2007, S. 89 f. u. Braune/Reiffenstein, 2004, S. 29 f. zwischen a und dem i-Laut steht ein Konsonantencluster // (geschr. ht) oder // (geschr. hs): Nominativ Singular maht 'Macht' – Nominativ u. Akkusativ Plural mahti 'Mächte'Braune/Reiffenstein, 2004, S. 203 Infinitiv wahsan 'wachsen' – 3. Person Singular Präsens Indikativ wahsit 'wächst'Braune/Reiffenstein, 2004, S. 29 zwischen a und dem i-Laut steht ein Konsonantencluster Cw (C steht dabei für einen beliebigen Konsonanten): Infinitiv garwen (vgl. nhd. gerben) aus germ. *garwijaną 'bereiten'Nach Braune/Reiffenstein, 2004, S. 30; Ringe, 2006, S. 254; Kluge, 2002, S. 348 oberdeutsch auch: lC, rC und hh, ch aus germ. *k: Infinitiv haltan 'halten' – 2. Person Singular Präsens Indikativ haltis (fränkisch (fränk.): heltis) 'hältst'Braune/Reiffenstein, 2004, S. 30 Komparativform starchiro 'stärker' Infinitiv sachan 'streiten' – 2. Person Singular Präsens Indikativ sahhis 'streitest' der i-Laut steht in der übernächsten Silbe: Nominativ Singular zahar 'Träne, Zähre' – Plural zahari oder zahiri Tränen aber: Nominativ Singular apful 'Apfel' – Plural epfili 'Äpfel'; Nominativ Singular nagal 'Nagel' – Plural negili 'Nägel'
Ab ca. 1000 nach Christus ist vor allem in den Schriften Notkers der i-Umlaut von ahd. /ū/ grafisch als iu wiedergegeben. Dies rührt daher, weil in den meisten althochdeutschen Dialekten der alte Diphthong /iu/ zu langem [ȳ] monophthongiert wird und somit lautlich mit dem Umlautprodukt von ahd. /ū/ zusammenfällt.Braune/Reiffenstein, 2004, S. 43 u. 52 f. Es steht somit für den Umlaut ein Schriftzeichen zur Verfügung. Beispiele dafür: Nominativ Singular hût 'Haut' – Nominativ Plural hiute 'Häute'Braune/Reiffenstein, 2004, S. 43 Nominativ Singular chrût 'Kraut' – Plural chríuter 'Kräuter'
Ab dem 12. Jahrhundert tauchen im Mittelhochdeutschen (Mhd.) auch schriftliche Repräsentanten für andere umgelautete Vokale auf, allerdings keineswegs konsequent. So erscheint – zumindest im normalisierten Mittelhochdeutsch – ü aus u, ö aus o; iu aus ū; œ aus ô; æ aus â; öu aus ou; üe aus uo und auch ä aus a in denjenigen Fällen, wo Umlauthinderung im Althochdeutschen eingetreten ist.u. a.: Paul, 2007, S. 72 Beispiele: mhd. würfel 'Würfel' – ahd. wurfilPaul, 2007, S. 95 mhd. öl 'Öl' (ahd. oli, ole) aus mittellateinisch oliumKluge, 2002, S. 666 mhd. hiute 'Häute'Paul, 2007, S. 101 mhd. hœher (ahd. hōhir) 'höher' zu mhd. hôch 'hoch'Paul, 2007, S. 100 mhd. swære 'schwer' – ahd. swāriPaul, 2007, S. 97 Nominativ Plural löuber (ahd. loubir) – Nominativ Singular loup 'Laub, Blatt'Paul, 2007, S. 105 u. Lexer, 1992, S. 130 mhd. büezen 'büßen' – ahd. buozen aus germ. *bōt-ja-Kluge, 2002, S. 163 Nominativ Plural zähere 'Tränen'Paul, 2007, S. 89 Nominativ Plural mähte 'Mächte'
Der Umlaut ä aus a wird oft auch mit dem Terminus Sekundärumlaut bedacht, da die schriftliche Wiedergabe später eintritt, im Gegensatz zum Primärumlaut, der bereits im Althochdeutschen belegt ist. Die anderen Umlaute (u zu ü usw.) werden bei dieser Lesart von Sekundärumlaut als Restumlaut bezeichnet. Allerdings kann sich der Ausdruck Sekundärumlaut auch auf alle i-Umlaute außer dem ahd. Primärumlaut beziehen. Der Begriff ist also ambig.Bußmann, 2002, S. 719