mini|Karel Fleischmann: Benjamin Murmelstein (1944) Benjamin Murmelstein (geboren am 9. Juni 1905 in Lemberg, Galizien, Österreich-Ungarn; gestorben am 27. Oktober 1989 in Rom) war ein österreichischer Rabbiner, Gelehrter und Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien vor ihrer Auflösung durch die Nationalsozialisten im März 1938. Danach war er in der zwangsweise von den Nationalsozialisten in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten und kontrollierten Institution für die „Auswanderungsabteilung“ zuständig. Später gehörte er dem ebenfalls von den Nationalsozialisten geschaffenen Judenrat in Wien an. Anschließend war er als Deportierter der letzte von den Nationalsozialisten eingesetzte Judenälteste im Ghetto Theresienstadt. Von ihm stammen wichtige Zeitzeugenberichte über die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden.

Leben und Wirken Herkunft, Familie, Studium und Rabbinat Murmelstein war der Sohn von Wolf Zeev Murmelstein (gestorben 1934) und Debora Murmelstein, geborene Geyer (1879–1941), er hatte noch zwei Brüder und zwei Schwestern. Er absolvierte, aus einer orthodoxen Familie stammend, ein Gymnasium in Lemberg, der Hauptstadt des österreichischen Galiziens. Nach der bestandenen Reifeprüfung zog er 1923 nach Wien und studierte an der Universität Wien Philosophie und semitische Sprachen. Parallel dazu absolvierte er an der Wiener „Israelitisch-Theologischen Lehranstalt“ eine rabbinische Ausbildung, die er 1927 mit herausragendem Ergebnis abschloss. Im gleichen Jahr erfolgte seine Promotion mit der Dissertation über Adam. Ein Beitrag zur Messiaslehre.Doron Rabinovici: Benjamin Murmelstein, „der Letzte der Ungerechten“. Elemente und Folgen totaler Ohnmacht. In: Ronny Loewy, Katharina Rauschenberger: „Der Letzte der Ungerechten“. 2011, S. 41.

Ab 1931 war Murmelstein als Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Brigittenauer Tempel tätig. Des Weiteren dozierte er von 1931 bis 1938 an der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt und unterrichtete auch Religion an Wiener Mittelschulen. Er betrieb zudem judaistische Studien und publizierte auch in diesem Bereich. (Siehe auch: Jüdisches Leben in Wien.)

Seit 1933 war Murmelstein mit Margit, geborene Geyer (1. März 1904 in Budapest), verheiratet. Aus der Ehe ging ein Sohn, Wolf Murmelstein, (* 1936) hervor.Murmelstein, Dr. Benjamin. In: www.ghetto-theresienstadt.info, Theresienstadt 1941–1945. Ein Nachschlagewerk Murmelstein versuchte von 1936 bis 1941 erfolglos, eine Anstellung im Ausland zu erhalten, während die meisten anderen Rabbiner auswanderten.Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. 2000, S. 162. Er blieb mit seiner Familie letztlich in Wien,Rabinovici: Benjamin Murmelstein, „der Letzte der Ungerechten“. 2011, S. 44. wo er sich in der Zeit des Austrofaschismus streitbar des zunehmenden Antisemitismus erwehrte.Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. 2000, S. 159.

Funktionen in der NS-Zeit Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 an das Deutsche Reich gehörte Murmelstein als Leitungsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Wien an, die im März 1938 537 besoldete und 565 ehrenamtliche Mitarbeiter hatte.Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. 2000, S. 171. Er leitete kurze Zeit später die vom NS-Regime geschaffene „Auswanderungsabteilung“ in der Wiener Kultusgemeinde, die im Mai 1938 auf Weisung des NS-Regimes in „Jüdische Gemeinde“ umbenannt wurde. In dieser Funktion musste Murmelstein eng mit der im August 1938 von Adolf Eichmann und Alois Brunner geschaffenen „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien“ kooperieren, die einzig dem Ziel diente, die Emigration von Wiener Juden zu forcieren.Doron Rabinovici: Ohne Alternative: Die Wiener Judenräte unter der NS-Herrschaft. In: haGalil onLine. 27. Oktober 2004. In dieser Funktion konnte Murmelstein vielen jüdischen Wienern das Leben retten. Er fungierte zudem als gut bezahlter, stellvertretender Leiter der jüdischen Gemeinde in Wien unter Josef Löwenherz In: The Central Archives for the History of the Jewish People Jerusalem (CAHJP), The Hebrew University of Jerusalem (mit Kurzbiografie, PDF; 39 kB) und entwickelte sich vom „Gottesmann zum Administrator, Bürokraten und Manager im Elend“. Im Rahmen dieser Tätigkeiten musste er mehrmals ins Ausland reisen, verblieb jedoch nicht dort, sondern kehrte immer nach Wien zurück.Claude Lanzmann: Le Dernier des Injustes. Dokumentarfilm, 2013.

Die anderen Leiter der jüdischen Gemeinde dienten als Geiseln, als Murmelstein im Jänner 1939 zur Organisation der Kindertransporte nach London reiste, und hafteten für ihn mit ihrer Unterschrift.Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. 2000, S. 147 f. Murmelstein begleitete im Herbst 1939 als jüdischer Funktionär während der Umsetzung des sogenannten Nisko-Plans Transportzüge mit Wiener Juden nach Nisko.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 89. Bis November 1941 konnten etwa 128.000 Juden aus Wien emigrieren.

Ab 1942 musste er mit anderen jüdischen Funktionären während der Abfertigung der Deportationszüge aus Wien in die Vernichtungslager im Osten auf Weisung der NS-Behörden die „Einwaggonierung“ vornehmen, was nicht zu verhindern war. Murmelstein versuchte, alte Menschen und Kinder von den Deportationslisten streichen zu lassen. Aufgrund der schlimmen Ereignisse geriet er in eine Glaubenskrise und besuchte die Synagoge nicht mehr.Christa Zöchling: Benjamin Murmelstein: Der bespuckte Held. In: profil Online. 13. Mai 2013, Zugriff am 10. April 2021. Ab November 1942 war er im Beirat des Ältestenrates der Juden in Wien unter dessen Leiter Löwenherz.Shoshana Duizend-Jensen: Jüdische Gemeinden, Vereine, Stiftungen und Fonds: „Arisierung“ und Restitution. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, ISBN 3-486-56787-X, S. 92.

Judenältester im Ghetto Theresienstadt Am 29. Jänner 1943 wurde Murmelstein nach Theresienstadt deportiert. Der Theresienstadt-Häftling Hans Günther Adler berichtete 1955, dass Murmelstein von Wien her kein guter Ruf vorangegangen sei.Adler: Theresienstadt 1941–1945. 1960, S. 117. Murmelstein fungierte in Theresienstadt von Anfang an hinter Jacob Edelstein als „Zweiter Stellvertreter des Judenältesten“ Paul Eppstein. Zudem war er schon kurz nach seiner Ankunft in Theresienstadt für die Abteilung Gesundheitswesen und die Technische Abteilung als Dezernent zuständig. Ab April 1943 war er noch leitend in der Bucherfassung konfiszierter hebräischer Bücher zur Katalogisierung durch das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) tätig. Im Dezember 1943 übernahm er die „Innere Verwaltung“, die u. a. den Bereich Raumwirtschaft umfasste.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 77 f. Neben der polnischen und der deutschen Sprache eignete sich Murmelstein in Theresienstadt zum Verständnis der Lagersprache auch tschechische Sprachkenntnisse an.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 78. Mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn bewohnte er ein Zimmer im Ghetto.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 82. In Theresienstadt war die Schauspielerin Vlasta Schönová seine Freundin.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 78 f.

Vom 27. September 1944 bis zum 5. Mai 1945 war Murmelstein letzter Judenältester im Ghetto Theresienstadt und löste in dieser Funktion den ermordeten Eppstein ab.Wolf Murmelstein: Theresienstadt – einige wichtige Tatsachen. In: Zukunft braucht Erinnerung. 6. September 2005. Murmelstein bekleidete diesen Posten zunächst faktisch und ab Dezember 1944 offiziell.

Kurz nach seiner Ernennung zum Judenältesten gingen in Theresienstadt die Herbsttransporte mit arbeitsfähigen Insassen ab, deren Ziel das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war. Murmelstein konnte jedoch keinen Einfluss auf die Deportationen aus Theresienstadt nehmen. Er war bemüht, durch Kooperation mit den Nationalsozialisten möglichst viele der internierten Juden zu retten, was im Fall der Transporte in einigen hundert Fällen auch gelang.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 80 ff. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Mediziner, Pflegepersonal und andere für das Bestehen des Lagers unentbehrliche Experten, da Murmelstein sich ansonsten weigerte, Deportationslisten zusammenzustellen. Er ließ auch Reklamationen an den Transporten nicht zu, um eine Gleichbehandlung aller Häftlinge zu gewährleisten. Vorteile für prominente Häftlinge baute er ebenso ab, so die Sonderzuteilungen bei den Essensrationen.

Vom Ausmaß der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten erfuhr Murmelstein in Theresienstadt frühestens im Dezember 1944 durch neu eingetroffene jüdische Slowaken, möglicherweise aber auch erst im April 1945 durch in Theresienstadt angekommene Überlebende von Todesmärschen von KZ-Häftlingen. Er lehnte den bewaffneten Widerstand, Flucht oder Suizid kategorisch ab. Weil er die Gefahr der Liquidierung des Lagers sah, setzte er zur Rettung der Juden im Lager stattdessen auf effektive Organisation des Lageralltags. Damit wollte er die SS-Führer überzeugen, dass die (ihm durchaus bewusste) propagandistische Außenwirkung des Ghettos funktioniert: So ließ er u. a. die Arbeitszeit in Theresienstadt auf 70 Stunden erhöhen, im Ghetto aufräumen sowie Frauen Schwerarbeit verrichten und erreichte so eine verbesserte Infrastruktur und Versorgungslage der Insassen im Ghetto.

Murmelstein war in dem Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ zu sehen und konnte diesen während einer Präsentation vor einer Delegation des Roten Kreuzes am 16. April 1945 in Theresienstadt gemeinsam mit SS-Führern ansehen.Jan Björn Potthast: Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag – Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Campus-Verlag, München 2002, ISBN 3-593-37060-3, S. 287. In: Claude Torres: Mes musiques régénérées. Jewish Music

Am 5. Mai 1945 übernahm das Internationale Komitee vom Roten Kreuz durch Paul Dunant die Leitung im Ghetto Theresienstadt. Leo Baeck dankte Anfang Mai 1945 Murmelstein schriftlich für seine Tätigkeit als Judenältester unter schwierigsten Umständen. Von einigen Überlebenden wurden ihm danach selbstherrliche Handlungen und die Annahme sexueller Gefälligkeiten nachgesagt. Auch seine „Falstaff-Figur“ wurde ihm in der Hungerzeit übelgenommen, so dass seine Ablösung als Lagerältester teils gefeiert wurde.

Nachkriegszeit Nach Kriegsende blieb Murmelstein in Theresienstadt und wirkte bei der Auflösung des Ghettos mit.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 81. Murmelstein verfasste dort noch im Mai/Juni 1945 seine Zeitzeugenberichte Geschichtlicher Überblick und Meine Entsendung nach Theresienstadt.Hájková: Der Judenälteste und seine SS-Männer. 2011, S. 75. Wegen angeblicher Kollaboration wurde er im Juni 1945 festgenommen und interniert, jedoch am 3. Dezember 1946 vor einem tschechischen Volksgericht in Litoměřice vom Vorwurf der Kollaboration freigesprochen. Beim Prozess in Litoměřice gegen den ehemaligen Lagerkommandanten des Ghettos Theresienstadt Karl Rahm von Januar bis April 1947 sagte Murmelstein als Zeuge aus.Rabinovici: Benjamin Murmelstein, „der Letzte der Ungerechten“. 2011, S. 45 f.