Die Titan I und Titan II waren Interkontinentalraketen (ICBMs) der USA und dem Strategic Air Command (SAC) unterstellt. Die 1962 bis 1965 stationierte Titan I (SM-68; HGM-25A) war die erste echte zweistufige Großrakete der USA. Die 1963 bis 1987 stationierte Titan II (SM-68B, LGM-25C) war die schwerste je von den USA in Dienst gestellte ICBM und die letzte, die flüssige Treibstoffe verwendete. Ausgemusterte Titan-II-Raketen wurden zwischen 1988 und 2003 als Trägerraketen für Satelliten und Raumsonden genutzt. mini|Die Titan-Raketenfamilie im Überblick: links die beiden ICBMs, rechts die Trägerraketen

Beginn der Entwicklung mini|Eine Titan I startet zu einem Testflug von Cape Canaveral, Florida Im Juli 1954 wurde von einem Beraterkomitee der US Air Force (USAF) vorgeschlagen, ein zweites Interkontinentalraketenprogramm parallel zum Atlas-Programm von Consolidated Vultee Aircraft Corporation zu beginnen. Dieses neue Programm sollte ein alternatives Design zur Atlas-Rakete darstellen und eine echte zweistufige Rakete sein. Durch Fortschritte in der Raketentechnik hielt man zu diesem Zeitpunkt eine echte zweistufige Rakete für technisch machbar und versprach sich von einem solchen Design Vorteile in Hinsicht auf Nutzlast und Reichweite. Weiterhin konnte man eine solche Rakete in ihre beiden Stufen zerlegt transportieren, was Vorteile bei der Stationierung in Hinsicht auf das Straßennetz in den USA hatte. Im April 1955 wurde das Projekt von der USAF genehmigt, mit der Bedingung, dass sich der Produktionsstandort im Binnenland der USA befinden müsse, um eine weitere Konzentration von Rüstungsbetrieben in Küstennähe zu verhindern. Die Ausschreibung der USAF forderte eine Rakete, welche einen thermonuklearen Sprengkopf mit einem Gewicht von rund 1,5 Tonnen über 9.000 km befördern konnte und einen Streukreisradius von weniger als neun Kilometern hat. Weiterhin sollte die Rakete eine möglichst geringe Reaktionszeit besitzen. Drei Firmen nahmen an der Ausschreibung Teil: Douglas Aircraft Company, Martin Company und Lockheed Aircraft. Die Martin Company bekam den Zuschlag und am 27. Oktober 1955 wurde der Vertrag zur Entwicklung, Bau und Testen einer als XSM-68 bezeichneten zweistufigen Rakete unterschrieben. Weiterhin sollte die Martin Company ein Programm zur kompletten Entwicklung des Waffensystems WS 107-A2 Titan entwerfen. Am 6. März 1956 wurde der Grundstein für das neue Werk der Martin Company in Littleton (Colorado) gelegt. Die Triebwerke für die Titan I wurden von Aerojet entwickelt. Das radio-inertiale Steuerungssystem, welches zuerst für die Atlas-Rakete vorgesehen war, wurde von Bell Telephone Laboratories entwickelt. Gegen Ende des Jahres 1962 bekam die Rakete allerdings wieder ein inertiales Steuerungssystem von AC Spark Plug, einer Abteilung von General Motors. Der Wiedereintrittskopf wurde von AVCO entwickelt. Die erste Titan-Rakete wurde von der USAF am 8. Juni 1958 übernommen.

Testprogramm der Titan I Die Titan I wurde in acht Produktionslosen hergestellt, wobei es sich bei den ersten sieben Losen um verschiedene Entwicklungsvarianten handelte und beim achten Los um die operativen Raketen.

Los A – nur aktive Erststufe, Zweitstufe ohne Triebwerke und mit Wasserfüllung Los B – Exemplare zum Test der Stufentrennung, nur kurzes Zünden der zweiten Stufe Los C – beide Stufen aktiv, limitierte Reichweite Los G – beide Stufen aktiv, erhöhte Reichweite Los J – Prototypen der operativen Raketen Los M – Modelle zum Testen des inertialen Steuerungssystems der Titan II Los V – Sondermodelle für OSTF/SLTF Tests Los SM – operative Raketen

Insgesamt wurden 163 Raketen produziert, davon 62 für das Testprogramm und 101 als operative Raketen SM-68A Titan I. Die Raketen des ersten Loses verfügten über eine voll funktionsfähige erste Stufe und eine Zweitstufenattrappe. Für das Testflugprogramm auf der Cape Canaveral Air Force Station war die Martin Company und die 6555. Test Wing der USAF verantwortlich. Die Tests von Cape Canaveral an der amerikanischen Ostküste dienten dem ersten Erfahrungsgewinn mit dem neuen Raketensystem, seinen genauen Flugeigenschaften und der Handhabung am Boden. Genutzt wurden die Rampen 15, 16, 19 und 20. Der erste Start fand am 6. Februar 1959 von Rampe 15 statt und verlief erfolgreich, wie auch die nächsten drei Flüge mit passiver Zweitstufe. Am 14. August 1959 schlug der erste Versuch eines Teststarts mit Zündung der zweiten Stufe fehl. Am 2. Februar 1960 gelang der erste Flug mit Zündung der Zweitstufe. Am 10. August 1960 flog eine Titan I zum ersten Mal über eine Distanz von 5000 sm (9260 km).

Für die operativen Flugtests war die Vandenberg Air Force Base in Kalifornien vorgesehen. Seit 1958 wurde dort an der Operational Suitability Test Facility (OSTF) gearbeitet. Diese Anlage sollte die ersten Erfahrungen mit der Handhabung von Titan-Raketen in ihren Silos und dem Start daraus erbringen. Die OSTF entsprach noch nicht der geplanten Silokonfiguration für die Stationierungsstandorte, war dieser aber sehr ähnlich. Nach dem Betanken der Rakete im Silo sollte ein großer hydraulischer Aufzug die Rakete aus ihrem Silo heben und diese anschließend abgefeuert werden. Bei einem Betankungstest am 3. Dezember 1960 wurde die Rakete aus dem Silo gefahren und sollte anschließend wieder abgesenkt werden, dabei versagte der hydraulische Lift und die Rakete sackte voll betankt unkontrolliert im Silo ab. Bei der anschließenden Explosion wurde die Anlage komplett zerstört. Auf einen Wiederaufbau wurde verzichtet. Am 3. Mai 1961 erfolgte der erste Start einer Titan I von Vandenberg von der Silo Launch Test Facility (SLTF). Eine speziell für diesen Start modifizierte Rakete wurde, anders als die später operativen Titan I im Silo gestartet. Dieser Test bildete die Grundlage für das spätere Stationierungskonzept der Titan II und blieb der einzige Im-Silo-Start einer Titan I. Am 23. September 1961 erfolgte der erste Start einer Titan I von der nun fertiggestellten Titan I Training Facility (TF-1; Startkomplex 395-A1; -A2; A3) in Vandenberg, welche den operativen Silos entsprach. Am 29. Januar 1962 endete das Testflugprogramm der Titan I auf der Cape Canaveral AFS in Florida. Danach wurden nur noch operative Tests von der Vandenberg AFB durchgeführt, die mit dem Ende des Titan-I-Programms 1965 endeten. Insgesamt gab es 47 Titan-I-Entwicklungsflüge, davon 32 erfolgreich, zehn teilweise erfolgreich und fünf Fehlschläge.

Stationierung der Titan I Titan-I-Raketen wurden in Raketenkomplexen stationiert, von denen jeweils drei eine Strategic Missile Squadron (SMS) bildeten. Die USAF verlangte zuerst nach elf SMS, zwischenzeitlich war sogar eine Streichung bis auf eine SMS bzw. die komplette Streichung des Programmes wegen dessen hoher Kosten im Gespräch. Schließlich wurden 54 Raketen in sechs SMS stationiert. Die Standorte für Titan-I-Raketen waren die Lowry AFB (2 SMS), Mountain Home AFB, Beale AFB, Larson AFB und Ellsworth AFB. Die Siloanlagen auf der Vandenberg AFB konnten ebenfalls in Alarmzustand versetzt werden, jedoch dienten sie mit Ausnahme eines kurzen Zeitraumes während der Kubakrise nur Trainingszwecken.

Die vollständig unterirdisch gelegenen Raketenkomplexe bestanden aus jeweils drei Silos, einem Startkontrollzentrum und einem Maschinenhaus, die über Tunnel miteinander verbunden waren. Die Anlagen besaßen ihre eigene Energie- und Wasserversorgung. Der Mindestabstand zwischen zwei Silokomplexen lag bei etwa 32 km. Die Silos waren dazu ausgelegt, einem Überdruck durch eine nahe Kernwaffenexplosion von bis zu 700 kPa (100 psi) zu widerstehen.

Für einen Start musste die Rakete im Silo mit flüssigem Sauerstoff betankt werden. Danach öffneten sich zwei je 125 t schwere Tore über dem Silo und die Rakete wurde an die Oberfläche gehoben. Parallel wurden ebenfalls durch Betondeckel geschützte Radar- und Antennenanlagen ausgefahren, welche der radio-inertialen Steuerung der Rakete dienten. Die gesamte Startprozedur von der Erteilung des Startbefehls bis zum Start an der Oberfläche dauerte etwa 15 bis 20 Minuten.

Die ersten Titan I wurden am 18. April 1962 auf der Beale AFB in Alarmzustand versetzt. Im Mai 1963 akzeptierte die USAF die Empfehlung, zwischen 1965 und 1968 alle Titan-I- und Atlas-Raketen außer Dienst zu stellen. Im November 1964 gab US-Verteidigungsminister Robert McNamara die Ausmusterung aller Atlas- und Titan-I-Raketen bis Juni 1965 bekannt. Die letzte Titan I wurde im April 1965 außer Dienst gestellt. Im Gegensatz zu ausgemusterten Titan-II- und Atlas-Raketen wurden keine Titan I zu Satellitenträgern umgerüstet, alle Raketen wurden verschrottet oder Museen übergeben. Die Titan I war zwischenzeitlich für das suborbitale Testprogramm des Dyna-Soar-Programmes der USAF im Gespräch, jedoch kam es nicht zu dessen Umsetzung.

Entwicklung der Titan II mini|Eine Titan II startet aus einem Silo der Vandenberg AFB, Kalifornien Im Juli 1958 untersuchte die USAF mögliche Veränderungen im Titan-I-Programm. Sowohl die hohen Kosten als auch die hohe Reaktionszeit stellten ein Problem für die USAF dar, und man gab Empfehlungen zur Vereinfachung und dadurch Kostenreduzierung des Titan-Programms. So sollte die Rakete auf In-Silo-Starts umgerüstet werden, ein inertiales Steuerungssystem bekommen, lagerfähige Treibstoffe verwenden und ein 1×9-Stationierungskonzept eingeführt werden (neun einzelne Silos in einer SMS). Im April 1960 wurde der erste Entwicklungsplan veröffentlicht, der die Titan II enthielt. Die neue Rakete sollte weit weniger komplex zu handhaben sein, mehr Schub entwickeln, eine vergrößerte Zweitstufe sowie eine vergrößerte Nutzlast und Reichweite besitzen. Mit dem Sprengkopf der Titan I sollte die Rakete eine Reichweite von rund 15.000 km und mit einem eigens zu entwickelnden größeren Sprengkopf eine Reichweite von etwa 10.000 km aufweisen. Die Entwicklung neuer Triebwerke für die Titan II begann noch parallel zur Triebwerksentwicklung für die Titan I bei Aerojet. Die Entwicklung des In-Silo-Startkonzeptes begann 1959. Die USAF griff hierbei auf Erfahrungen der britischen Royal Air Force zurück, welche dieses Konzept für ihre Mittelstreckenrakete Blue Streak entwickelt hatte. Der Titan-I-Start aus der SLTF im Mai 1961 wies die Tauglichkeit des Konzepts für die in Entwicklung befindliche Titan II nach.