mini|250px|Karl Barths Kirchliche Dogmatik. Die Kirchliche Dogmatik (abgekürzt „KD“) ist das Hauptwerk des evangelischen Theologen Karl Barth (1886–1968). Größere Anteile verfasste auch seine enge Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum.

Die KD vertritt in allen Teilen eine auf Jesus Christus zentrierte Dogmatik. Mit rund 9300 Seiten in 13 Teilbänden sowie einem Registerband ist sie das umfangreichste theologische Werk des 20. Jahrhunderts. Der erste Teilband (KD I/1) erschien 1932, der letzte (KD IV/4) 1967 als Fragment. Den geplanten letzten Teil (KD V) zur Erlösung konnte Barth nicht mehr beginnen. Wegen ihres Umfangs und der weißen Grobleinen-Einbände erhielt die KD den scherzhaften Spitznamen „Moby-Dick“ oder „der weiße Wal“.

Entstehung Barth hatte seit seinem ersten Römerbriefkommentar (1919) die Erfahrung gemacht, dass er später dasselbe sagen wollte, aber gerade deshalb ganz von vorn beginnen, diesen Inhalt neu durchdenken und neu formulieren musste. So entstand die zweite, völlig überarbeitete Ausgabe seines Römerbriefkommentars (1922), die die Dialektische Theologie begründete. Seit seiner Berufung zum Professor für reformierte Theologie (1921) hatte Barth sich umfassend mit der Geschichte der christlichen Theologie, den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen und den Reformatoren befasst. Aus seiner Lehrtätigkeit waren erste dogmatische Entwürfe entstanden: Unterricht in der christlichen Religion (1924/25) und Die christliche Dogmatik im Entwurf (1927). Danach setzte er sich in seinem Buch Fides quaerens intellectum (1931; „Glaube, der Erkenntnis sucht“) mit dem ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury auseinander. Dort arbeitete er heraus, dass Theologie mit dem Glauben der Kirche (ecclesia) an Jesus Christus beginne. Fortan verzichtete er auf das mehrdeutige Adjektiv „christlich“ und ersetzte es durch „kirchlich“.Christiane Tietz: Karl Barth, München 2018, S. 369–371 und 512, Fn. 1.

Im Vorwort zum ersten Teilband der KD (1932) begründete Barth diesen Namenswechsel: Dogmatik sei „keine freie, sondern eine an den Raum der Kirche gebundene, da und nur da mögliche und sinnvolle Wissenschaft“. Er habe das Buch für die Gemeinschaft der Kirche geschrieben, um die rechte Theologie von der aktuellen „Untheologie“ der Deutschen Christen zu unterscheiden, ihren einzig möglichen Ausgangspunkt – Jesus Christus – zu erklären und so der Gemeinde Jesu Christi zu dienen. Barth nannte als Grund für das riesige Vorhaben: „Ich konnte mich auf keinem der ... Gebiete einfach an eine gegebene Kirchenlehre und theologische Tradition anschließen, sondern mußte von der von mir für richtig gehaltenen Mitte (dem alt- und neutestamentlichen Zeugnis von der Person und dem Werk Jesu Christi) aus alles neu durchdenken und entfalten.“

Wie in seinen frühen dogmatischen Entwürfen stellte Barth jedem Kapitel einen Leitsatz voran, den der folgende Text entfaltet. In kleingedruckten umfangreichen Exkursen, die oft Charlotte von Kirschbaum verfasste,Suzanne Selinger: Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth. Eine biografisch-theologiegeschichtliche Studie. Theologischer Verlag, Zürich 2002, ISBN 3-290-17242-2, S. 27 setzten sich beide mit Bibeltexten und der theologischen Tradition auseinander. Der früh erhobene Vorwurf, Bibeltexte dienten Barth nur zur Illustration seines fertigen dogmatischen Standpunkts, ist mit vielen Stellen der KD entkräftet worden: Barth gelangte oft erst durch die biblische Exegese zu einer dogmatischen Position.

KD I/1 entstand im unmittelbaren Vorfeld des sogenannten Kirchenkampfes, als ein großer Teil des deutschen Protestantismus den christlichen Glauben an die Ideologie des Nationalsozialismus angleichen, die Deutsche Evangelische Kirche nach dem Führerprinzip einem zentralen, vom Staat eingesetzten und Adolf Hitler hörigen Reichsbischof unterwerfen und die Judenchristen analog zum staatlichen Arierparagraphen aus der Kirche ausschließen wollte. Barth begriff diesen Konflikt als Ergebnis und vorläufigen Höhepunkt einer langen Fehlentwicklung der christlichen Theologie und wollte diese mit dem großangelegten Gegenentwurf seiner KD korrigieren und dauerhaft überwinden helfen.Wolfgang Huber: Folgen christlicher Freiheit: Ethik und Theorie der Kirche im Horizont der Barmer theologischen Erklärung. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1983, ISBN 3-7887-0731-3, S. 40; Matthias Haudel: Gotteslehre: Die Bedeutung der Trinitätslehre für Theologie, Kirche und Welt. 2. Auflage, UTB, Göttingen 2018, ISBN 3-8252-4970-0, S. 143f.

Gliederung Erscheinungsjahr TeilbandAlexander Dölecke: Zeittafel zu Leben und Werk. In: Michael Beintker (Hrsg.): Barth Handbuch, Tübingen 2016, S. 469–474 Titel KapitelKarl Barth: Die Kirchliche Dogmatik. Studienausgabe. Registerband. Theologischer Verlag, Zürich 1993. 1932 KD I/1 Die Lehre vom Wort Gottes.Prolegomena zur christlichen Dogmatik 1. Das Wort Gottes als Kriterium der Dogmatik2. Die Offenbarung Gottes 1938 KD I/2 2. Die Offenbarung Gottes (Fortsetzung)3. Die Heilige Schrift4. Die Verkündigung der Kirche 1940 KD II/1 Die Lehre von Gott 5. Die Erkenntnis Gottes6. Die Wirklichkeit Gottes 1942 KD II/2 7. Gottes Gnadenwahl8. Gottes Gebot 1945 KD III/1 Die Lehre von der Schöpfung 9. Das Werk der Schöpfung 1948 KD III/2 10. Das Geschöpf 1950 KD III/3 11. Der Schöpfer und sein Geschöpf 1951 KD III/4 12. Das Gebot Gottes des Schöpfers 1953 KD IV/1 Die Lehre von der Versöhnung 13. Der Gegenstand und die Probleme der Versöhnungslehre14. Jesus Christus, der Herr als Knecht 1955 KD IV/2 15. Jesus Christus, der Knecht als Herr 1959 KD IV/3 16. Jesus Christus, der wahrhaftige Zeuge 1967 KD IV/4 (Fragment) Die Taufe als Begründung des christlichen Lebens 1976 KD IV/4 (Nachlassfragmente) Das christliche Leben

Als Abschluss von KD IV/4 plante Barth Ausführungen zum Gebot Gottes des Versöhners, zu denen neben der als Fragment zu Lebzeiten Barths von ihm veröffentlichten Tauflehre unter anderem auch eine Lehre zum Abendmahl gehören sollte. Aus den Nachlass sind die erhaltenen Abschnitte veröffentlicht worden. Als KD V war die Lehre von der Erlösung angelegt, die Barth nicht mehr realisiert hat.

KD I: Lehre vom Wort Gottes mini|hochkant=1.2|Eine Reproduktion der Kreuzigungstafel des Isenheimer Altars hing über Barths Schreibtisch. Wie Johannes der Täufer auf Jesus Christus zeigt (vgl. etwa ), ging er von ihm als Mitte des Glaubens und der Theologie aus.Christiane Tietz: Karl Barth, München 2018, S. 369f.

Dreifache Gestalt Theologie, Rede von Gott, setzt laut Barth voraus, dass Gott geredet hat, da nur Gott selbst von sich angemessen reden kann (Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922). Was Gottes Wort ist, entfaltet KD I/1. Es begegnet Menschen in drei Gestalten: als Verkündigung in der menschlichen Predigt, als geschriebener Text in der Bibel, und als Person und Werk Jesus Christus. Diese dritte Gestalt ist Gottes unmittelbare Selbstmitteilung (Offenbarung) an den Menschen, die die mittelbaren Gestalten Bibel und Predigt trägt und begründet. In Jesus Christus, seiner Menschwerdung, seinen Worten, Taten, seinem Kreuz und seiner Auferstehung zeigt Gott, wer und was er ist: der Gott-mit-uns (Immanuel) mitten in der menschlichen Geschichte als Teil von ihr.

Die geschriebene Bibel ist Zeugnis dieser Selbstoffenbarung: Sie stammt „von Menschen, die dieses Gott-mit-uns ersehnt, erwartet, erhofft und endlich in Jesus Christus gesehen, gehört und betastet haben.“ Somit gehören Altes Testament (AT; Erwartung) und Neues Testament (NT; Erinnerung) unlösbar zusammen. Damit wies Barth jeden Versuch zurück, das AT als unwesentlich oder nachrangig für die christliche Botschaft herabzusetzen oder aufzugeben. Zugleich schloss er die Lehre der Verbalinspiration aus, die die formale Irrtumslosigkeit der Bibel (Biblizismus) behauptet oder für ihren Offenbarungscharakter nachzuweisen versucht. Dass irrtumsfähige Menschen die Bibel aufgeschrieben haben, zeigt für Barth gerade, dass Gott sich wirklichen Menschen mitteilt, die sein Wort als solches lesen, hören und verstehen können. Diese menschliche Überlieferung ist und enthält dennoch wirklich Gottes Wort, weil ihr Inhalt Jesus Christus ist, der erwartete und erinnerte Gott-mit-uns. Weil alle Bibeltexte ihn indirekt oder direkt bezeugen, bleibt die Kirche auf die Bibel angewiesen. Diese behält Vorrang vor aller kirchlichen Tradition und Lehre, weil sie „als das ursprüngliche und legitime Zeugnis von Gottes Offenbarung das Wort Gottes selber ist“ (KD I/2, S. 557). Das ist ein Glaubenssatz, der sich nicht durch Textanalyse beweisen lässt. Der Satz blickt auf die Erfahrung zurück und voraus, dass Gott diese Texte zum Wort Gottes gemacht hat und wieder machen wird, durch das Menschen an ihn glauben. Dass die Bibel Gottes Wort ist, bleibt also auf Gottes eigenes Tun angewiesen und schließt jede direkte Identifikation bestimmter Bibelverse mit Gottes Wort aus.

Die Kirche vertritt keine beliebige Mitteilung oder Meinung, sondern hat den Auftrag, Gottes eigenes, in der Bibel vorgegebenes Wort zu verkündigen. Auch die menschliche Verkündigung kann Gottes Wort werden, und auch das bleibt Gottes eigenes Wirken und steht in keines Menschen Macht. Die Kirche kann diese Verkündigung wagen „in Erinnerung geschehener und Erwartung kommender Offenbarung“. Nur Gott selbst kann die Bibel und die kirchliche Verkündigung jeweils zu seinem Wort machen und ihre Wahrheit verbürgen. Jesus Christus ist und bleibt die unmittelbare Gestalt des Wortes Gottes.Christiane Tietz: Karl Barth. München 2018, S. 371–374

Drei Seinsweisen mini|hochkant=1.2|Das Dreieinigskeits-Deckenrelief der Pfarrkirche Wuchzenhofen (Allgäu) stellt das Handeln Gottes in den Mittelpunkt, das durch drei Personen ausgedrückt wird: Gott als Subjekt der Offenbarung zeigt auf den Sohn, in dem er sich der Welt zeigt. Der Sohn hält das Kreuz, durch das er die Welt versöhnt hat und so als Heiliger Geist die Antwort des Glaubens möglich macht. Wer und was Gott ist, entfaltet schon KD I/2. Da von Gott nur aufgrund seiner Selbstoffenbarung in Jesus Christus die Rede sein kann, beginnt Barth mit einer Trinitätslehre. Damit weicht er von der seit Thomas von Aquin üblichen Aufteilung ab, im Anschluss an die griechische Metaphysik zuerst einen allgemeinen Gottesbegriff zu definieren, um dann den dreieinigen, in Jesus Christus offenbaren Gott darauf zu beziehen. Die Trinität ergibt sich für Barth als Antwort auf drei Fragen: Wer ist das handelnde Subjekt der Offenbarung? – Gott als der Offenbarer, genannt der „Vater“. Was tut dieses Subjekt, wodurch und wie offenbart es sich? – Gott wird Mensch in Jesus Christus, dem „Sohn“. Was ist die Wirkung dieser Offenbarung für den, dem sie widerfährt? – Dass der Mensch in Jesus Christus Gott erkennt und darauf mit Glauben und Gehorsam antwortet. Dieses Offenbarsein ist und geschieht als „Heiliger Geist“. Diese Trinitätslehre ist also begriffliches Ergebnis einer Reflexion auf Jesus Christus. Gegen das Missverständnis, sie sei eine Dreigötterlehre, betont Barth: Hier handele ein und derselbe Gott in drei „Seinsweisen“: der Vater als Schöpfer, der Sohn als Versöhner, der Heilige Geist als Erlöser. Immer sei er dabei ganz er selbst.