Die Maschinenfabrik zu Hundisburg (auch englische Maschinen-Fabrik zu Hundisburggem. L. (Freiherr) von Zedlitz, Wegweiser durch den preussischen Staat, in die angrenzenden Länder und die Hauptstädte Europa’s. Reisetaschenbuch für Berlin und die preussischen Staaten, Duncker und Humblot, Berlin 1831, S. 19. oder Nathusius Maschinen-Fabrik genannt) gehörte zu den Nathusius Gewerbeanstalten und bestand zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Schloss Hundisburg sowie mit Teilen im Dorf Hundisburggem. Pierer’s Universal-Lexikon, Band 8. Altenburg 1859, S. 620 im heutigen Sachsen-Anhalt. Die Geschichte der Fabrik begann mit der Anlage eines Kupferhammersauch wenn sich in der überwiegenden zeitgenössischen Literatur nur die Bezeichnung „Kupferhammer“ finden lässt, muss davon ausgegangen werden, dass sich – eventuell zu einem etwas späteren Zeitpunkt – dort auch ein Eisenhammer befand. Dafür spricht besonders das belegbare Vorhandensein der Eisengießerei, auch Friedrich Benedict Weber (Bemerkungen über verschiedene ..., siehe LitVerz.) erwähnt einen Eisenhammer. und einer Eisengießerei im Jahr 1814 und endete nach einem Misserfolg bei der Dampfmaschinenherstellung im Jahr 1819. Die Hundisburger Fabrik war die erste Maschinenfabrik Norddeutschlands. Hier wurde eine hydraulische Presse zum Extrahieren von zuckerhaltigem Rübensaft konstruiert, die in der zeitgenössischen Literatur mehrfach besprochen wurde und als die erste ihrer Art in Deutschland galt.Hermann Klaue: Die deutsche Ölmüllerei. Eine Darstellung der volkswirtschaftlichen Bedeutung ihrer technischen Entwicklung. Aus der Reihe: Technisch-volkswirtschaftliche Monographien, Band 13, W. Klinkhardt, 1913, S. 58 Obwohl es nicht gelang, funktionierende Dampfmaschinen herzustellen, ist die Fabrik wegweisend für die Industrialisierung Sachsen-Anhalts gewesen.Manfred Beckert: Die erste Maschinenfabrik im Magdeburger Wirtschaftsraum. In: Studie zur Geschichte des Magdeburger Maschinenbaues im 19. Jahrhundert im Auftrag des Vereins zur Förderung eines Technikmuseums in der Landeshauptstadt Magdeburg e. V., S. 3 ff.

Vorgeschichte Mit dem Erwerb des säkularisierten Klostergutes Althaldensleben durch Johann Gottlob Nathusius im Jahr 1810 begann auch die Geschichte der Nathusius Gewerbeanstalten. 1811 hatte Nathusius auch das Schloss Hundisburg mit seinem Gutsbetrieb übernommen. In den folgenden Jahren errichtete er auf den beiden benachbarten Besitzungen verschiedene Gewerbe und Manufakturen. Zunächst konzentrierte er sich auf eine Verbesserung der land- und viehwirtschaftlichen Methoden sowie der Verarbeitung der dort gewonnenen Produkte. Ab 1812 entstand in Althaldensleben deshalb die Zuckerfabrik Nathusius. Die junge Zuckerindustrie stand jedoch vor dem Problem, die noch wenig zuckerhaltigen Runkelrüben effektiv zu verarbeiten. Sowohl die Zerkleinerung wie auch das Auspressen der Rüben war mit herkömmlichen Methoden zeitaufwändig und uneffektiv. Auch wenn Nathusius mit Produktionsvorrichtungen aus seiner Magdeburger Tabakfabrik die Ergebnisse verbessern konnte, merkte er schnell, dass es speziellerer Maschinen und kraftvollerer Antriebe bedurfte, um mittelfristig konkurrenzfähig gegenüber dem billigen, importierten Rohrzucker produzieren zu können. Daneben wurden auch in anderen Betrieben der Gewerbeanstalten Maschinen eingesetzt. Es war naheliegend, dass Nathusius die Errichtung einer eigenen Maschinenherstellung und -Werkstatt ins Auge fasste.

Die Maschinenfabrik des Johann Gottlob Nathusius Auch wenn die Herstellung von Maschinen, wie sie in England produziert wurden, zunächst einmal kaufmännischen Erwägungen entsprang, sah Nathusius auch einen volkswirtschaftlichen Vorteil darin, bislang importierte Maschinen und Geräte vor Ort zu produzieren, „… um so das Geld dem Lande zu erhalten und dabei doch dem vaterländischen Oekonomen und Gewerbetreibenden die Maschinen noch wohlfeiler zu verschaffen, als sie dieselben aus England beziehen können …“.

Bereits 1814 hatte Nathusius ein erstes Gebäude zur Metallverarbeitung am Dorfrand von Hundisburg anstelle der bislang hier vorhandenen „Niedermühle“ an der Beber anlegen lassen – für einen Kupferhammer und eine Eisengießerei. Dabei dienten die Wasserkräfte zum Antrieb von Schwanzhämmern und Blasebälgen. Wahrscheinlich zeitnah entstand in geringer Entfernung ein zweigeschossiges Gebäude, das der Unterbringung der Fabrikarbeiter diente. Es wurde in damaligen Karten als Zechenhaus bezeichnet.Ulrich Hauer: Von Kunstgärtnern und Gartenkunst. Die Gärtner und Gärten der Familie Nathusius in Althaldensleben und Hundisburg, KULTUR-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e.V. und Museum Haldensleben (Hrsg.), Haldensleben-Hundisburg 2005Die Bezeichnung als „Zechenhaus“ spricht für möglicherweise geplante bergbauliche Aktivitäten Nathusius’, die allerdings bislang nicht belegt sind. 1815 lernte Nathusius anlässlich eines Besuches bei einem Berghauptmann Gerhard in Berlin einen jungen Mechaniker kennen. Ernst Neubauer kam aus Königsburg und hatte ein paar Jahre in Maschinenfabriken in London und Birmingham als Mechaniker gearbeitet. Nathusius war von dem Fachwissen und der Selbstsicherheit des jungen Mannes beeindruckt und bot ihm ein, eine Maschinenfabrik nach englischem Vorbild in Hundisburg zu errichten. Neubauer stimmte zu und es wurde ein Sozietätskontrakt zwischen den beiden geschlossen. Nach Nathusius’ Planung sollte die Fabrik Investitionskosten von 12.000 TalernDer preußische Reichstaler bildete bis Ende 1871 die Geldeinheit von beinahe ganz Norddeutschland und wurde zuerst in 24 Groschen und dann ab 1821 in 30 Silber-Groschen unterteilt. verursachen,gem. Elsbeth von Nathusius, Ein Pionier ..., siehe LitVerz. die er finanzieren würde.

Zunächst sollte Neubauer die vorhandenen Zerkleinerungseinrichtungen für die Rübenzuckerproduktion in Althaldensleben verbessern. Offensichtlich überzeugte er Nathusius bei dieser ihm gestellten Aufgabe. Im Frühjahr 1816 wurde er nach England geschickt, um dort im Namen von Nathusius benötigte Produktionsmittel zu kaufen: Drehbänke, Cirkuliersägen und eine 7″ Dampfmaschine. Außerdem warb er zwölf englische Former und Schlosser an, die mit ihm und den Fabrikbestandteilen nach Hundisburg kamen.Ulrich Hauer: 850 Jahre Hundisburg, Broschüre zur 850-Jahrfeier. Rat der Gemeinde Hundisburg (Hrsg.), Hundisburg 1990. Während der Abwesenheit Neubauers wurde der als Werkmeister in Hundisburg von einem Berliner Mechaniker vertreten, dessen gesamte Werkstatt Nathusius’ gekauft hatte, um ihn von der Annahme der Vertretung zu überzeugen. Neben Neubauer gab es später einen weiteren Fabrikleiter, Herrn Ihningen, der vermutlich ebenfalls von Nathusius gewinnbeteiligt wurde.

Die englischen Arbeiter brachten zwar das benötigte Fachwissen mit, stellten sich aber als anspruchsvoll heraus. Sie verlangten eine deutlich bessere Behandlung als die lokalen Angestellten. Da sie auf fleischintensive Verpflegung bestanden, musste jede Woche ein Ochse für sie geschlachtet werden, auch wurde ihnen ein eigener Koch finanziert. Selbst wenn so die Kosten deutlich höher lagen, als ursprünglich von Nathusius geplant, war er dennoch überzeugt davon, eine gewinnbringende Investition zu finanzieren. Die positive Resonanz auf Bekanntgabe der Fabrikeröffnung trug dazu bei. Von überall kamen Besucher und es gingen bereits Aufträge ein, bevor die erste Maschine produziert wurde. Die Nachfrage nach heimischen Maschinen war enorm und bald schon konnten die ersten, noch recht einfachen Landmaschinen verkauft werden.

Es gab jedoch schnell Qualitätsprobleme bei der Herstellung komplizierterer Maschinen. Das zur Herstellung von Dampfmaschinen in den eigenen Kupolöfen gefertigte Gusseisen war zu spröde und brach unter hohen Belastungen, weil Neubauer beim Schmelz- und Gießvorgang minderwertiges Brennmaterial (Koks) verwandte. Um keine Zeit zu verlieren, wurde ein Teil der aus England stammenden Arbeiter zu der im Harz gelegenen Rübeländer Eisenhütte geschickt, um dort die benötigten Gussteile herzustellen.

Die Maschinenfabrik (Maschinenkonstruktion) selbst wurde im Hundisburger Schloss eingerichtet. Vorher waren bereits die zuarbeitende Eisengießerei sowie der Kupferhammer unterhalb des Schlosses angelegt worden.Peter Wilhelm Behrends (Bearb.): Neuhaldenslebische Kreis-Chronik, oder Geschichte aller Oerter des landräthlichen Kreises Neuhaldensleben, im Magdeburgischen, Zweiter Theil. Carl August Eyraud, Neuhaldensleben 1826, books.google.pl S. 84 ff.

miniatur|Schlossanlage Hundisburg Schloss Hundisburg Das barocke Schloss mit seinen vormals herrschaftlichen Repräsentationsräumen wurde von Nathusius, der für sich selbst einen bescheidenen Lebensstil vorzog und mit den erworbenen Räumlichkeiten wenig anfangen konnte, ab 1814 großteils zur Einrichtung der Maschinenfabrik zweckentfremdet. In den prächtigen Zimmern mit ihren gepressten Ledertapeten und Decken mit Stuck wurde nun in frühindustriellen Strukturen gearbeitet. Die Fabrik nahm fast das ganze Schloss ein und bestand aus verschiedenen Werkstätten: der Schmiede, der Wagnerei, der Schreinerwerkstätte, der Böttcherei, der Holzdrechselei und einer Metalldrechselei. Im Jahr 1817 waren dort bis zu 50 Arbeiter beschäftigt.Alexander von Lengerke (Hrsg.): Landwirthschaftliches Conversations-Lexicon für Praktiker und Laien, Erstes Heft, Bogen 1–10 des ersten Bandes. J.G. Calve’sche Buchhandlung, Prag 1837, S. 95. Der Einrichtung der Maschinenfabrik im Schloss fiel vermutlich auch die bau- und kunsthistorisch bedeutende Schlosskapelle zum Opfer. Der Kapellenraum wurde durch Umbauten in kleinere Räume zu Wohnzwecken und wohl sogar zu Stallungen umgewidmet.Edzard Rust: Die Kapelle von Schloß Hundsibrug – Musterbeispiel einer protestantischen Emporenkirche des ausgehenden 17. Jahrhunderts. In: Peter Michael Hahn, Hellmut Lorenz (Hrsg.): Pracht und Herrlichkeit. Adlig-fürstliche Lebensstile im 17. und 18. Jahrhundert. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, ISBN 3-932981-06-5, S. 96. Nach einer anderen Quelle erfolgte die Nutzung der Kapelle als Stallung erst ab etwa 1830, gem. Ulrich Hauer: Von Kunstgärtnern und Gartenkunst. Die Gärtner und Gärten der Familie Nathusius in Althaldensleben und Hundisburg. Kultur-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e. V. und Museum Haldensleben (Hrsg.), Haldensleben-Hundisburg 2005, S. 42.

Gemäß einer 1822 erfolgten Aufstellung der Ausrüstung der zu dem Zeitpunkt bereits stillgelegten Maschinenfabrik, die das Berliner Handelsministerium von einem entsandten Spezialisten anfertigen ließ, um einen Kauf von Teilen zu prüfen, befanden sich dort an wesentlichen Ausrüstungsgegenständen:

Kupferhammer und Eisengiesserei Für die Zulieferung zur Maschinenproduktion wurde ein Gebäude unterhalb der Burg errichtet – mit einer Eisengiesserei,in zeitgenössischen Quellen auch als „Gelbgiesserei“ bezeichnet, was auf eine zusätzliche Messinggiesserei hindeuten kann ausgestattet mit 2 Kupolöfen sowie einem wassergetriebenen Kupferhammer.Ulrich Hauer: Der Kaufmann Johann Gottlob Nathusius und sein Agrar-Industriekomplex in Althaldensleben und Hundisburg, 2004 bei Ecomusee.de (PDF; 23 kB). Der Kupferhammer bestand aus einer sogenannten kalten sowie einer warmen Schmiede und beschäftigte rund 40 Personen.Leopold von Zedlitz: Die Staatskräfte der preußischen Monarchie unter Friedrich Wilhelm III. Band 2 (Die Topographie) Maurer’sche Buchhandlung, Berlin 1828, S. 155. Benötigtes Kupfer wurde aus den im Harz liegenden Orten Rothenburg und Sangerhausen bezogen. Beim Kupferhammer befand sich auch ein Bleiröhrenzug. Der Breslauer Kameralwissenschaftler Friedrich Benedict Weber beschrieb die Anlage anlässlich eines oder mehrerer Besuche in Hundisburg und Althaldensleben in den Jahren 1814 bis 1817:

Die bereits weiter oben erwähnte Aufstellung des Berliner Handelsministeriums vermerkt zur Ausstattung: