Vertigo – Aus dem Reich der Toten (früher Aus dem Reich der Toten, Originaltitel Vertigo, dt. ‚Schwindel‘) ist ein US-amerikanischer Psychothriller von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1958 mit James Stewart und Kim Novak in den Hauptrollen. Das Drehbuch basiert auf dem Roman D’entre les morts (1954) von Pierre Boileau und Thomas Narcejac.
Der Film, der bei seiner Uraufführung von Kritik und Publikum eher mit Zurückhaltung aufgenommen wurde, zählt heute zu den wichtigsten Arbeiten des Regisseurs. In der von der britischen Zeitschrift Sight & Sound alle zehn Jahre durchgeführten Kritikerumfrage nach den „besten Filmen aller Zeiten“ wurde der Film 2012 von mehr als 800 Filmkritikern zum Spitzenreiter der Bestenliste gekürt.
Die Handlung begleitet den pensionierten Polizisten John „Scottie“ Ferguson, der sich in eine selbstmordgefährdete Frau verliebt, jedoch aufgrund seiner Höhenangst ihren Tod nicht verhindern kann. Als er später einer jungen Frau begegnet, die der Toten bis aufs Haar gleicht, versucht er, diese zum Ebenbild seiner verstorbenen Liebe umzuformen.
Handlung Bei der Verfolgung eines Kriminellen über die Dächer von San Francisco gerät der Polizist John „Scottie“ Ferguson in eine lebensbedrohliche Situation: Er rutscht auf einem Ziegeldach ab und klammert sich in letzter Sekunde an die Regenrinne. Ein Kollege, der ihm helfen will, stürzt dabei zu Tode. Wegen diagnostizierter Höhenangst und Schuldgefühlen quittiert Scottie den Dienst. Seine langjährige platonische Freundin Midge Wood versucht, ihn in seinem neuen Lebensabschnitt zu unterstützen.
mini|Filmszene: Madeleine (Judy), kurz vor ihrem Sprung in die Bucht von San Francisco Scotties ehemaliger Schulfreund Gavin Elster bittet ihn, seine Frau Madeleine zu beschatten. Elster sorgt sich um seine Frau, die vom Geist ihrer verstorbenen Urgroßmutter Carlotta Valdes besessen zu sein scheint. Diese nahm sich im Alter von 26 Jahren das Leben; Madeleine, ebenfalls 26, verspürt laut Elster in zunehmendem Maße den Drang, es ihr gleichzutun. Sie trägt ihr Haar wie Carlotta und besucht regelmäßig deren Grab sowie den California Palace of the Legion of Honor, in dem ein Porträt von Carlotta hängt. Zudem hat sie ein Zimmer in dem Hotel gemietet, in dem Carlotta zuletzt wohnte. Scottie folgt Madeleine bis Fort Point, und als sie in die Bucht von San Francisco springt, rettet er sie vor dem Ertrinken und nimmt sie zu sich nach Hause.
Am nächsten Tag bringt Madeleine Scottie einen Dankesbrief. Sie beschließen, den Tag zusammen zu verbringen, und fahren nach Muir Woods und Cypress Point auf dem 17-Mile Drive, wo Madeleine hinunter zum Meer läuft. Scottie packt sie; sie umarmen und küssen sich. Am nächsten Tag besucht Madeleine Scottie und erzählt von einem Albtraum um die alte spanische Mission in San Juan Bautista, Carlottas Elternhaus. Er fährt sie dorthin, und sie drücken ihre Liebe zueinander aus. Madeleine rennt plötzlich in die Kirche und den Glockenturm hinauf. Scottie, der ihr wegen seiner Höhenangst nicht folgen kann, sieht Madeleine in den Tod stürzen. Der Untersuchungsrichter schreibt ihm – auch wenn er im juristischen Sinne unschuldig sei – eine Mitverantwortung an ihrem Tod zu. Scottie verfällt in eine Depression und wird in eine Nervenklinik eingewiesen.
Als geheilt entlassen, aber vom Tod seiner Geliebten gezeichnet, begegnet Scottie einige Zeit später der jungen Verkäuferin Judy, die Madeleine verblüffend ähnlich sieht. Tatsächlich handelt es sich um ein und dieselbe Person: Judy hatte sich als Elsters Frau Madeleine ausgegeben, damit dieser die echte ermorden konnte. Da Judy Scottie wirklich liebt, lässt sie ihn darüber im Unklaren. Besessen von dem Gedanken, das Bild der toten Madeleine wiederauferstehen zu lassen, bedrängt Scottie Judy, in Kleidung, Haarfarbe, Frisur und Verhalten Madeleines Äußeres anzunehmen. Judy lässt sich widerstrebend darauf ein, in der Hoffnung, Scottie werde sich im Laufe ihrer Beziehung in ihr wirkliches Selbst verlieben. Als sie ein Schmuckstück anlegt, das Madeleine gehörte, erkennt Scottie, dass Judy und Madeleine identisch sind und er das Opfer einer Täuschung wurde.
Scottie fährt daraufhin mit Judy erneut zur Mission und zwingt sie, die damaligen Ereignisse im Turm nachzustellen: Elster wusste, dass Scotties Höhenangst ihn hindern würde, Judy auf den Turm zu folgen, wo Elster mit der Leiche seiner Frau wartete, um sie im passenden Augenblick in die Tiefe zu stoßen. So wurde Scottie Zeuge des vorgetäuschten Selbstmords. Bevor Elster nach Europa übersiedelt, verlässt er Judy und erkauft sich mit Kleidern und Schmuck aus Madeleines Nachlass ihr Schweigen.
Scottie überwindet seine Höhenangst und ersteigt mit Judy den Turm. Judy beteuert erneut ihre Liebe, die Scottie aber nicht erwidern kann. Sie küssen einander ein letztes Mal. Aus Angst vor einer plötzlich auftauchenden dunklen Gestalt – eine Missionsschwester ist den beiden gefolgt – weicht Judy zurück, verliert den Halt und stürzt in den Abgrund. Scottie ist von seiner Krankheit befreit, aber Madeleine hat er ein zweites Mal, diesmal endgültig, verloren.
Hintergrund Buch und Film Der Film ist eine recht freie Adaption der Vorlage von 1954: Schauplätze des Romans sind das Paris des Jahres 1940, der Zeit unmittelbar vor dem Einmarsch der Deutschen, sowie, im zweiten Teil, das Marseille des Jahres 1944. Auch hier wird der Protagonist (im Buch Roger Flavières, im Film „Scottie“ Ferguson) durch einen inszenierten „Selbstmord“ getäuscht und entwickelt eine Leidenschaft für eine der toten Madeleine verblüffend ähnliche Frau (im Buch Renée, im Film Judy). Während der Film dem Zuschauer das Intrigenspiel schon früh preisgibt, erfährt der Leser des Romans die Auflösung erst zum Schluss, gemeinsam mit Roger. Daraufhin tötet dieser die junge Frau im Zorn – ein ironischer Kontrast zu seiner Aussage, dass eigentlich er zu den Toten, Renée aber zu den Lebenden gehöre.
Laut François Truffaut hatten die Autoren der Romanvorlage, Pierre Boileau und Thomas Narcejac, beim Verfassen des Buches auf Hitchcocks Interesse an dem Stoff spekuliert, da dieser zuvor vergeblich versucht hatte, sich die Filmrechte an ihrem früheren Roman Celle qui n’était plus (dt. Tote sollten schweigen, verfilmt als Die Teuflischen) zu sichern. Narcejac stritt das allerdings ab.Dan Jones: The Dime Novel and the Master of Suspense: The Adaptation of D’Entre Les Morts Into Vertigo, University of St. Thomas, Saint Paul, Minnesota 2002. Den ersten Drehbuchentwurf verfasste Maxwell Anderson 1956 unter dem Titel Darling, I Listen, den zweiten Alec Coppel als From Amongst the Dead (so der wörtlich übersetzte Titel der Romanvorlage). Erst Samuel A. Taylor lieferte einen Entwurf ab, der Hitchcock zufriedenstellte. Im Laufe der Produktionsvorbereitungen erhielt das Projekt schließlich seinen endgültigen Titel Vertigo,Donald Spoto: Alfred Hitchcock – Die dunkle Seite des Genies, Wilhelm Heyne Verlag, München 1986, ISBN 3-453-55146-X, S. 445–479. den medizinischen Fachausdruck für ein Schwindelgefühl, das an Höhenangst leidende Menschen befällt, wenn sie in die Tiefe schauen.
Die Auflösung Anders als im Roman verrät der Film den Zuschauern die Auflösung der Geschichte (Madeleine und Judy sind identisch, der „Selbstmord“ Madeleines soll Gavin Elsters Mord an seiner Frau vertuschen) nicht erst im Finale, sondern bereits zu Beginn des letzten Viertels. In einer Rückblende wird aus Madeleines/Judys Perspektive gezeigt, was im Glockenturm wirklich passiert ist. Ob die Idee hierzu zuerst Hitchcock oder seinem Drehbuchautor Taylor kam, wird von beiden unterschiedlich dargestellt. Taylor überlegte, eine Szene einzuführen, in der Elster seine Übersiedlung nach Europa vorbereitet und Judy ihn fragt, was nun aus ihr werden solle. Schließlich einigten sich Hitchcock und Taylor auf die Szene, in der Judy Scottie einen Brief schreibt, in dem sie ihm den wahren Sachverhalt erklärt, diesen dann aber zerreißt. Nach einer ersten Sichtung des fertigen Films entschied Hitchcock gegen den Widerstand des Filmproduzenten Herbert Coleman, die Szene herauszunehmen. Erst als Barney Balaban, Präsident der Produktionsgesellschaft Paramount Pictures, darauf drängte, die Szene wieder einzusetzen, gab der Regisseur nach.Patrick McGilligan: Alfred Hitchcock: A Life in Darkness and Light, HarperCollins Publishers, New York 2003, ISBN 0-06-039322-X, S. 563–564.
Produktion mini|hochkant|Alfred Hitchcock, 1956 Die Rolle der Madeleine sollte ursprünglich Vera Miles spielen, die schon in Der falsche Mann und der Fernsehserie Alfred Hitchcock Presents mitgewirkt hatte. Es waren bereits Kostüme für sie angefertigt worden, als sie wegen Schwangerschaft ausfiel. Daraufhin wurde Kim Novak verpflichtet, mit der Hitchcock weniger glücklich war und über die er sich auch Jahre später noch beklagte. Sowohl Mitglieder des Produktionsstabs als auch Kritiker wie Hitchcock-Kenner Truffaut bezeichneten Novak jedoch wegen ihrer Sensibilität und ungekünstelten Darstellung als Idealbesetzung. Tatsächlich wäre es aufgrund der relativ langen Produktionsvorbereitung – auch weil Hitchcock im Frühjahr 1957 noch einen Krankenhausaufenthalt hatte – aber sogar möglich gewesen, sie rechtzeitig vor Drehbeginn wieder durch Vera Miles zu ersetzen.
Mit James Stewart drehte Hitchcock zum vierten und letzten Mal.
mini|hochkant|M5 Gun Director Gedreht wurde von September 1957 bis Januar 1958 in dem seinerzeit vom Produktionsstudio Paramount Pictures bevorzugten Breitwandverfahren Vistavision. Das Budget wurde auf 2,5 Millionen US-Dollar geschätzt. Der Vorspann wurde, wie später bei Der unsichtbare Dritte und Psycho, von Saul Bass gestaltet, der zudem für das Design des US-amerikanischen Kinoplakats verantwortlich zeichnete. Die Traumsequenz entwarf der abstrakte Expressionist John Ferren, der ebenfalls das Porträt der Carlotta zeichnete.Vertigo in der Internet Movie Database.Vertigo auf Turner Classic Movies. Vertigo war zudem weltweit der wohl erste Film mit Computergrafiken, die von John Whitney gestaltet und für die von Saul Bass entworfene Eingangssequenz verwendet wurden. Genutzt wurde eine 400 Kilogramm wiegende mechanische Vorrichtung der US-Armee aus dem Zweiten Weltkrieg zur Ausrichtung von Flugabwehrkanonen namens M5 Gun Director (Kerrison-Feuerleitrechner). Dieser M5 Gun Director konnte, durch die ständige Eingabe von Daten über Handräder, die Flugbahn eines anfliegenden Flugzeugs berechnen und ein Geschütz darauf ausrichten. Er gilt deshalb bereits als Computer. Da er sich in eine gleichmäßig drehende Bewegung versetzen ließ, wurde er für den Film dafür benutzt, ein von der Decke hängendes Pendel zu bewegen, an dem wiederum ein mit einem Farbbehälter verbundener Stift befestigt war.
Cameo Wie üblich hatte Hitchcock auch in Vertigo einen Cameo-Auftritt. Man sieht ihn als Passanten auf der Straße, als Scottie Gavin Elsters Firma betritt.
Drehorte Obwohl Hitchcock vorzugsweise im Studio arbeitete und selbst existierende Schauplätze oft im Studio nachbauen ließ (so etwa „Ernie’s Restaurant“), wurden viele Szenen an Originalschauplätzen in San Francisco gedreht, darunter die Aufnahmen vor Madeleines Residenz, Judys Hotel und Scotties Appartement.
Das Gemälde von Carlotta Valdes, das Madeleine im Californian Palace of the Legion of Honor im Lincoln Park längere Zeit betrachtet, wurde speziell für die Dreharbeiten hergestellt und dort aufgehängt. Es ist kein Exponat des Museums.
Carlottas Grabstein steht auf dem Friedhof der Mission San Francisco de Asís, auch bekannt als „Mission Dolores“ (Dolores Street). Die Stelle unter der Golden Gate Bridge, an der Madeleine ins Wasser springt, ist die heutige Fort Point National Historic Site. Das weitläufige Gebäude, vor dem Scottie und Judy spazieren gehen, ist der Palace of Fine Arts.