miniatur|Die Sachsenküstenkastelle um 400 n. Chr. mini|Karte des Andredsweald von Robert Furley (1871) mini|Plan des römischen Kastells und der normannischen Burg mini|Luftaufnahme des Kastellareals mini|Turm an der Ostmauer des Kastells, an diesem Teil der Mauer sind von den Normannen vorgenommene Reparaturen zu sehen mini|Westmauer mit Hufeisentürmen, Zinnen und Ziegelbändern miniatur|Nordwestwall mit Westtor mini|Ansicht Westtor miniatur|Abschnitt des NW-Wall an der Castle Road mini|Hufeisenturm an der NW-Mauer (Castle Road) mini|Eingestürzte Mauer am NW-Wall miniatur|Blick auf das Osttor miniatur|Rest des Südostwalls miniatur|Ziegelstempel der Classis Britannica miniatur|Blick auf das Haupttor der normannischen Burganlage Anderitum war ein Limitaneikastell und Flottenstützpunkt der Classis Britannica am Limes der britischen „Sachsenküste“, dessen Überreste haben sich rund um die Burg Pevensey Castle beim heutigen Pevensey im County East Sussex, England erhalten.

Anderitum ist das flächenmäßig größte der Sachsenküstenkastelle. Seine Besatzung sollte Plünderungszüge oder Einwanderungsversuche der Sachsen, Jüten und Angeln verhindern. Nach dem Ende der Römerherrschaft über Britannien, im frühen 5. Jahrhundert, wurde es vorübergehend zu einem Zufluchtsort für die brito-romanische Zivilbevölkerung, bis es 491 n. Chr. von den Sachsen gestürmt wurde. Das Kastell war 1066 Schauplatz der Landung von Normannenherzog Wilhelm dem Eroberer, der später innerhalb der römischen Festung eine Burg erbauen ließ. Elizabeth I. nutzte das Kastell als Waffenplatz zur Verteidigung gegen die spanische Armada. Im Zweiten Weltkrieg wurden in die normannischen Ruinen Bunkeranlagen als Vorbereitung zur Abwehr einer deutschen Invasion eingebaut.

Name Das Kastell wird in der Notitia Dignitatum als Anderidos genannt, es scheint zwischen den Eintragungen für Rutupiae (Richborough, Kent) und Portus Adurni (Portchester, Hampshire), auf und wird letztmals beim Geograph von Ravenna um 700 erwähnt, dort unter dem Namen Anderelio,Geograph von Ravenna 68. neben Iacio Dulma (Towcester, Northamptonshire) und Mutuantonis, einer bis heute nicht lokalisierten Station in Süd-Ost-England. Die Angelsachsen nannten die Stätte Andredes ceaster oder Andred. Vermutlich ein Personenname ähnlich wie Ēanrēd. Der Wald, der sich etwa 200 Kilometer von hier bis Dorset erstreckte, war als Andredsweald bekannt und reichte dort bis an die Küste. Später war dieser Ort auch als Caer Ponsavelcoit (bei Nennius) oder Pefele (Pefe's-Insel) bekannt. Im 6. Jahrhundert wurde das Areal auch als Desertum Ondred (die Ödnis von Ondred) bezeichnet.

Lage Das Kastell befindet sich auf einer kleinen Halbinsel oberhalb der Küstenmarschen, von dem aus man gut die flache Landschaft rund um Pevensey überblicken kann. In der Antike war der Standort des Kastells noch an drei Seiten von Wasser oder Salzmarschen umgeben, die bis Hailsham reichten. Nur im Westen war er über eine schmale Landbrücke mit dem Festland verbunden. Aus den Marschen ragen bei Flut einige trockene Plätze heraus, die heute Rickney, Horse Eye, North Eye und Pevensey heißen – Ortsnamen, die auf -eye enden, bedeuteten im Altenglischen „Insel“. Heute steht die Ruine etwa einen Kilometer landeinwärts.

Funktion Das Kastell schützte eine große, sich Richtung Nordosten erstreckende Ankerbucht. Abgesehen von Fragmenten einiger Ziegelstempel der Classis Britannica aus dem 2. oder 3. Jahrhundert, die einen vorangegangenen Betrieb als Flottenstation oder geschützten Ankerplatz annehmen lassen, begann die militärische Nutzung des Areals wohl erst ab der Zeit der Usurpation des Carausius. Ziel war, so die Lücke in der Festungskette zwischen Portus Adurni (Portchester) und Portus Lemanis (Lympne) zu schließen. Nach Auflösung der römischen Militär- und Zivilverwaltung in Britannien wurde das Kastell als befestigte Zivilsiedlung (oppidum) genutzt.

Straßenverbindungen Zwischen 1929 und 1949 wurde der Verlauf einer römischen Straße untersucht, die vom Kastell ausgehend nach Westen verlief. Sie begann am Westtor und führte von dort aus nach Süd-West zu einem Friedhof vor einer Senke, in der der Hafen des Kastells vermutet wurde. Die Straße führte in weiterer Folge Richtung Nord-West, kreuzte die heutige Autostraße Pevensey-Eastbourne (B2191) und folgte dann dem Verlauf der Peelings Lane bis Stone-Cross, von wo sie nach Westen Richtung Polegate abschwenkte.Margary: 1929, S. 29; 1949, S. 186.

Forschungsgeschichte Die ersten Beobachtungen wurden 1710 gemacht, als man beim Bau einer Wasserleitung für Pevensey entdeckte, dass die Kastellmauern auf noch perfekt erhaltenen Piloten standen.Lower: 1853, S. 267. Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen wurden zwischen 1853 und 1858 von Mark Anthony Lower und Charles Roach Smith am Westtor in Angriff genommen. Bei diesen Grabungen kamen hauptsächlich Dachziegelbruch des Torbaues, ein Amulett, eine Münze aus der Zeit Konstantins I. und zwei Säulenfragmente zum Vorschein. Man entdeckte dabei auch, dass der Innenbereich des Kastells zur Planierung mit Lehm aufgeschüttet worden war, sodass das Bodenniveau hier deutlich höher lag als außerhalb der Kastellmauern. Daran anschließend wurde auch das Osttor untersucht. Im NW und NO wurden zusätzlich eine Reihe von Suchgräben ausgehoben, um mehr Klarheit über die Beschaffenheit der Innenbebauung zu gewinnen. Hier kamen aber wiederum hauptsächlich Keramik, Münzen und Dachziegelbruch zum Vorschein, Gebäudereste konnten keine entdeckt werden. Abschließend wurden die eingestürzten oder vollkommen verschwundenen Sektionen der Umwehrung im N und S untersucht. Die südlichen Abschnitte waren entweder beim Bau der normannischen Festung abgerissen oder durch Hangrutschungen zerstört worden; die Gründe, die zum Verlust der nördlichen Mauerteile geführt hatten, konnten nicht geklärt werden. An der Nord- und Südseite konnten jeweils die Reste von zwei kleineren Ausfallpforten festgestellt werden.

Das spätrömische Kastell wurde erstmals von Louis F. Salzmann genauer untersucht, der die Ausgrabungen von 1906 bis 1908 leitete. Salzmann nahm 1906 vor allem die Bauart der Kastellmauern genauer in Augenschein.Louis Salzmann: 1908a S. 102 Er untersuchte in weiterer Folge auch das Areal um die Kastelltore, vermaß dabei u. a. den Durchgang des Osttores und bestimmte die Konstruktionsmerkmale der nördlichen Ausfallpforte.Louis Salzmann: 1908a, S. 106 Im Nordsektor des Kastells, im Bereich der umgestürzten Wallsektionen, legte man einige Suchgräben an. Im Fundgut befanden sich insgesamt zwei Ziegel mit den Stempel der britannischen Flotte (CL-BR), diese könnten aber auch zweitverwendet worden sein und ursprünglich aus einer römischen Villa im nahegelegenen Eastbourne stammen.Malcolm Lyne: 1990, S. 26. Neben einer geringen Anzahl menschlicher Schädel kamen bei den Grabungen noch Tierknochenfunde von Ochsen, Schafen, Gänsen, Pferden, Ebern, Hunden, Katzen, einigen Vogelarten und Fischen ans Tageslicht. Andere noch in diesem Jahr von Salzmann durchgeführte Sondierungsgrabungen erbrachten keine weiteren neuen Erkenntnisse, es fanden sich nur einige Mauerreste, die möglicherweise mit der Entstehung des Kastells in Verbindung standen. Nur römerzeitliche Keramik und Münzen aus dem 3. und späten 4. Jahrhundert n. Chr., kamen noch öfter zum Vorschein.

Zwischen 1936 und 1939 erforschten die Archäologen Frank Cottrill (1936), Burgess (1937) und B. W. Pearce (1938–1939) das Kastell. Cottrill grub u. a. am Osttor eine römische Straße aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. aus, die zweimal erneuert worden war. Über der antiken Straße war auch noch die mittelalterliche Bepflasterung erkennbar. Die Straße war von Gebäuderesten und Abfallgruben aus angelsächsisch-normannischer Zeit flankiert. Cottrill untersuchte auch das Areal am Westtor, da dort die ersten Grabungen von Roach-Smith nur sehr oberflächlich durchgeführt worden waren.Malcolm Lyne: 1990, S. 43. Die Befunde wurden nicht veröffentlicht. Malcolm Lyne wertete 1990 die Grabungsergebnisse aus und publizierte seinen Bericht erstmals in der Fachzeitschrift der Sussex Archaeological Society Library.

Entwicklung Pevensey spielte aufgrund seiner Lage in der englischen Geschichte oft eine herausragende Rolle. Die Geschichte dieses Ortes ist auch eng mit seiner normannischen Burg, Pevensey Castle, verbunden, die die Befestigungen des Kastells miteinbezog.

In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts begannen germanische Piraten vom Kontinent mit Überfällen auf den römischen Seehandel zwischen den Küsten Nordgalliens und dem südöstlichen Britannien. Ab dem Jahr 270 konnte die Classis Britannica die Piraten alleine nicht mehr in Schach halten. Um sie zurückzuschlagen, wurde unter anderem die Flotte vergrößert, gleichzeitig errichteten die Römer an der britischen Küste eine Kette von massiven Steinkastellen, in denen die neuen Flottenabteilungen stationiert wurden, um strategisch wichtige Flussmündungen oder natürliche Häfen – wie auch den von Pevensey – gegen solche Überfälle besser zu schützen. Als nach Abzug der Römer im Jahr 410 der Druck der Angelsachsen auf Britanniens Küsten wuchs und sie langsam begannen, auch die fruchtbaren Lowlands zu übernehmen, flüchteten sich einige Romano-Briten in die Kastelle der Sachsenküste, die wohl größtenteils noch intakt geblieben waren. Dies schützte sie jedoch nur vorübergehend vor den Invasoren. Anderitum wurde im Jahr 491 von den Angelsachsen unter dem Befehl des ersten Königs von Sussex Ælle (477 bis 514) und seines Sohnes Cissa belagert und gestürmt. Es ist dies einer der seltenen überlieferten Berichte aus der Völkerwanderungszeit über die erfolgreiche Belagerung eines römischen Kastells durch die Neueinwanderer. Die Angelsächsische Chronik berichtet vom vergeblichen Versuch, die Mauern gegen den Angriff der Sachsen zu verteidigen, und von der Massakrierung seiner Bewohner nach deren Eindringen in die Festung:

Auch in stark befestigten Siedlungen waren die Romano-Briten offenbar nicht mehr sicher. Der entscheidende Grund für ihren Untergang war wohl, dass sie während des frühen 5. Jahrhunderts über den ansonsten nur schwer passierbaren Wehrgraben, der das Westtor vom Umland trennte, einen breiten Damm aufgeschüttet hatten und ihn dann möglicherweise nicht mehr rechtzeitig entfernen konnten. Dieser erleichterte nun den Zugang zum Haupttor und erschwerte noch zusätzlich die Verteidigung der Mauer, dies auch deswegen, da die Verteidiger wohl nicht zahlreich genug gewesen sein dürften, um alle gefährdeten Punkte zu besetzen. Es ist ungewiss, ob die Festung nach diesem tragischen Ereignis wieder besetzt wurde. Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts dürfte das Kastell von sächsischen Siedlern bewohnt gewesen sein. Diese hinterließen Töpferwaren, Glas und noch andere Gegenstände die bei den Ausgrabungen geborgen wurden. In der späten angelsächsischen Periode etablierte sich Pevensey als Fischereihafen und Salzproduzent.Malcolm Lyne 2009, S. 1.

1042 ließ der angelsächsische König Harold Godwinson die Kastellruine erneut befestigen, unter anderem wurden hierzu innerhalb des römischen Mauerrings neue Gräben ausgehoben. 1066 wurde die Garnison wieder abgezogen und gegen die Norweger unter König Harald Hardraada, die inzwischen im Norden eingefallen waren, in Marsch gesetzt, so dass Wilhelm der Eroberer im September desselben Jahres mit seiner Armee dort ungehindert anlanden konnte. Nach der Normanneninvasion wurde die Festung Williams Halbbruder, Robert de Mortain, als Lehen übergeben, der eine kleine Siedlung außerhalb der römischen Mauern gründete und neue Befestigungsanlagen in die Kastellruine einbauen ließ. Dabei wurden ein Drittel des Kastellareals durch einen Palisadenwall abgeteilt und die verfallenen römischen Wälle in diesem Teil wieder instand gesetzt. Gleichzeitig oder nur wenig später wurde zusätzlich ein Wehrturm (Motte) errichtet.