mini|Hans Hagemeyer

Johann Gerhard „Hans“ HagemeyerJan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 270, ISBN 3-7657-1760-6. (Nach seinem Lebenslauf hieß er „Johann Gerhard Hans Hagemeyer“, geboren 1899, vgl. BArch Potsdam NS 15/5.); bei Verweyen: „Johann (Hans) Gerhard Hagemeyer“, Theodor Verweyen: Bücherverbrennungen. Heidelberg 2000, S. 50, ISBN 3-8253-1082-5. Das Vertauschen bzw. Weglassen von Namensbestandteilen, auch die Änderung einzelner Buchstaben (y in i usw.) war nach 1945 eine gängige Praxis (* 30. März 1899 in Hemelingen; † 10. Oktober 1993 in Walsrode)Martin Weichmann: Der „Fall Erika Mann“ – Ein Theater auf dem Weg ins Dritte Reich. In: Die Gazette, Ausgabe 3 (2004), Fußnote 51. war ein deutscher Politiker und zur Zeit des Nationalsozialismus Beauftragter des NSDAP-Parteiideologen Alfred Rosenberg für Schrifttumsfragen. Als Leiter der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums (ab 1933) und Leiter im Amt „Schrifttumspflege“ (1934–43) in der Dienststelle von Rosenberg war der gelernte Kaufmann in führenden Positionen an der politischen Gleichschaltung der Literaturszene im NS-Staat beteiligt.

Da seine Dienststellen – im Unterschied zum Propagandaministerium und zur Reichsschrifttumskammer – nicht über staatliche Exekutivrechte verfügten und daher keine direkten Verbote erteilen konnten, blieben deren literaturpolitische Rahmensetzungen eingeschränkt.Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin 2000, S. 92. (Quelle: Meyers Lexikon 1936 ff., Bd. 9, 1942, S. 1248.) Auf parteiamtlicher Ebene war seine Reichsstelle hingegen die einflussreichste Kontroll- und Aufsichtsbehörde für die deutschsprachige Literatur in jener Zeit.Christine Koch: Das Bibliothekswesen im Nationalsozialismus. Eine Forschungsstandanalyse. Marburg 2003, S. 20 f., ISBN 3-8288-8586-1. (Das „Amt Schrifttumspflege“ klammerte Bollmus zwar in seinem Buch bewusst aus, schätzte es 1970 allerdings als „eine nicht allzu bedeutende Abteilung für das Zensurwesen“ ein, Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Stuttgart 1970, S. 104.) Ihr Hauptkonkurrent war die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK).

Am 30. Januar 1939 erhielt Hagemeyer das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP ehrenhalber.Schreiben NSDAP-Mitgliedschaftsamt an NSDAP-Ortgruppe „Braunes Haus“, 5. Oktober 1939. In: Personalakte Heinz Franke, Bundesarchiv Berlin. (Franke, geb. 1903, und Hagemeyer erhielten das Abzeichen gemeinsam). Während des Zweiten Weltkriegs war Hagemeyer Inspekteur im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) und von 1942 bis 1944 Leiter der im Amt Rosenberg neu eingerichteten antijüdischen Hauptstelle „Überstaatliche Mächte“. Gegen Kriegsende sah Rosenberg ihn zunehmend kritisch.

Weimarer Republik Hagemeyer besuchte nach der Volksschule ein Realgymnasium. Nach dem Abitur arbeitete er drei Jahre in der Landwirtschaft und studierte anschließend an der Universität Jena die Fächer Landwirtschaft und Nationalökonomie. Er brach sein Studium 1923 ab und begann eine kaufmännische Lehre in Bremen.Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4. Nach der Lehre arbeitete er als Prokurist in der Firma seines Vaters.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 270. Zum 1. Januar 1931 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 449.205)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/13040497 und war ab Sommer 1931 Mitarbeiter in der Wirtschaftspolitischen Abteilung der NS-Reichsleitung von Otto Wagener. 1932 wurde er Gauwirtschaftsreferent von Julius Streicher in Nürnberg.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 270; Ernst Klee verwendete nicht den Ausdruck Gauwirtschaftsreferent, sondern „Gauwirtschaftsberater“ (der NSDAP), Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Aufl., Frankfurt a. M. 2007, S. 218, ISBN 978-3-596-16048-8.

Parallel dazu arbeitete er ab Anfang 1932 als Leiter des Nachrichtenamtes in Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK) in Nürnberg; ab Mai desselben Jahres übte er die Funktion des Landesleiters des KfdK in Nordbayern-Franken aus.

Nationalsozialismus Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums Im Zuge der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten erteilte ihm Rosenberg im Februar 1933 den Auftrag, in Nürnberg eine „Buchberatungsstelle“ des KfdK einzurichten. Diese konnte in der Folgezeit allerdings nur eine äußerst bescheidene Bedeutung erlangen.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 274 und 340, ISBN 3-89667-148-0. Am 11. Mai 1933 berichtete der Fränkische Kurier, dass Hagemeyer vom KfdK zum Hauptredner bei einer Bücherverbrennung in Nürnberg bestellt worden sei und dort „die Flammen wider den unterdeutschen Geist“ besungen habe.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 398. (Quelle: Bericht des Fränkischen Kurier vom 11. Mai 1933; zit. Wulf, 1983 c, S. 60 f.) Wenige Tage zuvor, im April 1933, war Hagemeyer in den Nürnberger Stadtrat nachgerückt, wobei er dort für die „Dezernate Theater, Verwaltungsrat Handelshochschule, Verkehrsverein“ zuständig war.

Am 16. Juni 1933 gründete Hagemeyer mit anderen Mitgliedern des KfdK – namentlich Alfred Baeumler, Hanns Johst, Hellmuth Langenbucher, Rainer Schlösser sowie Gotthard Urban – die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ (RFdS) mit Sitz in Leipzig. Am 1. August 1933 wurde der Sitz dieser Reichsstelle, deren Ursprung auf die fachlich und regional begrenzte Nürnberger Buchberatungsstelle zurückzuführen ist, nach Berlin verlegt.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 271 f., vgl. zu Langenbucher auch S. 280 (Anmerkung 53). Die Adresse war „Oranienburger Straße 79“.Reichspropagandaleitung der NSDAP (Hrsg.): Unser Wille und Weg. Monatsblätter der Reichspropaganda-Leitung der NSDAP. München 1934, S. 195. (Ausschließliche Erwähnung der RFdS für diese Adresse. Allerdings mit dem Hinweis, dass das RFdS „in das weltanschauliche Überwachungsamt der N.S.D.A.P. eingegliedert ist“.); Eduard Zarncke, Will Vesper: Die Neue Literatur. Ed. Avenarius Verlag 1939. (Hier wurde die Adresse für das „Amt Schrifttumspflege“ im Zusammenhang mit der „Buchspende für die deutsche Wehrmacht“ verwendet.); Rudolf Benze: Erziehung im Grossdeutschen Reich. Eine Überschau über ihre Ziele, Wege und Einrichtungen. 2. erg. Aufl., Frankfurt a. M. 1941, S. 70. (Hier wurde die Adresse für das Amt Schrifttumspflege sowie der RFdS mit dem ergänzenden Hinweis „Zeitschrift ,Bücherkunde'“ benutzt.) Hagemeyer übernahm die Leitung der RFdS; sein Stellvertreter war von 1933 bis 1936 Hellmuth Langenbucher. Die von der RFdS erstellten Gutachten bildeten fortan die Grundlage für die Bewertung der anderen für die NS-Literaturpolitik zuständigen Lenkungsämter. Hagemeyers Hauptlektoren waren unter anderen Alfred Baeumler und Walter Gross für den Bereich Rassenkunde, Georg Usadel (Jugendschriften), Falk Ruttke (Bevölkerungspolitik), Hans Gänßbauer (Medizin) sowie Kurt Mayer (Sippenforschung).Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch. Berlin 2006, S. 120, ISBN 3-05-004094-7. Hauptlektoren im Bereich Germanistik waren Franz KochChrista Hempel-Küter: Germanistik zwischen 1925 und 1955. Studien zur Welt der Wissenschaft am Beispiel von Hans Pyritz. Berlin 2000, S. 39, ISBN 3-05-003472-6. und Arthur Hübner.Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 2: H–Q. De Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 814. Für die Vorgeschichte war Hans Reinerth zuständig.Achim Leube, Morten Hegewisch (Hrsg.): Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung. Heidelberg 2002, S. 343, ISBN 3-935025-08-4. In einem Schreiben an den NS-Lehrerbund (NSLB) vom 1. November 1933 bezeichnete Hagemeyer die RFdS als „eine inoffizielle Abteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“ und erklärte, dass mit dem von Wilhelm Frick geleiteten Reichsinnenministerium eine „Arbeitsgemeinschaft“ bestehe. Noch im selben Monat einigte sich die RFdS mit den Schrifttumsstellen des NSLB und der Reichsjugendführung dahingehend, dass fortan die Jugendliteratur von der RFdS einer „Begutachtung“ unterzogen werde.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 273 f und S. 296. (Quelle: BArch Potsdam NS 12/77.)

Am 17. März 1934, nachdem das Propagandaministerium vergeblich versucht hatte, die Reichsstelle für sich zu vereinnahmen, und ihr daraufhin den Geldhahn zudrehte, informierte Hagemeyer Rosenberg schriftlich, dass „wenn ich nicht bis Ende des Monats Klarheit über den Etat habe, ich die Liquidation der Reichsstelle beantragen muß“.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 274. (Quelle: BArch Potsdam NS 8/153, Bl. 135.) Am 1. April 1934 wurde die RFdS aus dem Propagandaministerium ausgegliedert und dem am 6. Juni 1934 gegründeten Amt des „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP“ (Amt Rosenberg; auch „Reichsüberwachungsamt“) unmittelbar unterstellt.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 275 f. Neben seiner Tätigkeit als Leiter der „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ arbeitete Hagemeyer ab Mai 1934 zudem als Sachbearbeiter im Bereich „Weltanschauliche Fragen“ in der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK). Rosenberg hatte sich bereits im März 1934 erfolglos darum bemüht, die PPK in seine Dienststelle als ein Vorlektorat einzugliedern.Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 280 f.

Ab 1934 veranstaltete Hagemeyers RFdS zur propagandistischen Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie und zur Profilierung gegenüber den staatlichen und parteiamtlichen Schrifttumsstellen die Bücherausstellungen „Ewiges Deutschland. Deutsches Schrifttum aus 15 Jahrhunderten“ (1934) und „Das wehrhafte Deutschland“ (1935). Ab 1936 wurden diese Ausstellungen vom „Amt Schrifttumspflege“ organisiert. Die erste trug den Titel „Das politische Deutschland“ (1936). Weitere waren: „Nürnberg, die deutsche Stadt. Von der Stadt der Reichstage zur Stadt der Reichsparteitage“ (1937), „Europas Schicksalskampf im Osten“ (1938), „Frau und Mutter – Lebensquelle des Volkes“ (1939) und „Deutsche Größe“ (1940).Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im »Dritten Reich«. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Nördlingen 1995, S. 293 f. Die Begleitbände zu den Ausstellungen erschienen zum Teil im Hoheneichen-Verlag, der ab Oktober 1938 zum „weltanschaulich-wissenschaftlichen Verlag“ ausgebaut wurde.