mini|300x300px|Wappen der Grafen Pilati von Thassul zu Daxberg Die Pilati, auch de Pilati oder Pilati di Tassullo, waren ein aus Tassullo im Nonstal stammendes katholisches Adelsgeschlecht des Fürstbistums Trient. Es trat ab dem 14. Jahrhundert in Erscheinung und repräsentierte vom frühen 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert den Adel der Quattro Ville. Zu den Mitgliedern der Familie gehörten Notare, Bankiers, Richter und Schriftsteller, die sowohl im Habsburger Reich als auch im Fürstbistum Trient dienten.
Herbert H. Schreiber schreibt in seinem Werk Die grafschaftlich-schlesische Siedlungsgemeinschaft im Kapitel 7: Die Entwicklung der Grundherrschaften zum Geschlecht der Pilati: „Die Familie Pilati gehörte zu den vornehmsten, zu den reichsten und vielseitigsten des Fürstentums Trient. Aus ihrem Kreise stammen Mathematiker, Dichter, ein Praetur (von Riva), ein Kapuziner, der im Rufe der Heiligkeit verstarb und ein Reichsritter; ihre verwandtschaftlichen Bindungen reichten bis hinein in den römischen Hochadel.“ rwth-aachen.de
Unter den Familien des Nonsberges zeichnet sich die Familie Pilati dadurch aus, dass ihr Adel im Laufe der Jahrhunderte von vier Kaisern des Heiligen Römischen Reichs (Rudolf II., Joseph I., Karl VI. und Franz II.), sowie von vier Fürstbischöfen von Trient (Carlo Emanuele Madruzzo, Sigismondo Alfonso Thun, Francesco Alberti Poja und Giovanni Michele Spaur) bestätigt wurde.
Die bekannteste Linie der Familie, die Grafen Pilati von Thassul zu Daxberg, die Herren von Schlegel in der Grafschaft Glatz und Grafen des Heiligen Römischen Reiches waren, lebt bis heute in Österreich, Deutschland und Polen fort.
Die Nachkommen der italienischen Linie (Pilati oder Pilati di Tassullo), zu der auch der Trentiner Jurist und Aufklärer Freiherr Carlantonio Pilati gehörte, sind bis heute in Trentino-Südtirol (Italien) ansässig.
Wappen Das reichsfreiherrlichevergl. Wurzbach, Biogr. Lex. sowie das gräflichevergl. Gritzner, Grafenalbum Wappen sind übereinstimmend, wie folgt:
Blasonierung: "Quadriertes Feld. 1 und 4: in Blau ein einwärts gewendeter doppelgeschweifter goldener Löwe, welcher auf einem roten Dreiberg steht und mit beiden Vorderpranken einen silbernen natürlichen Schwan am Halse erfasst hat; 2 und 3: in Gold ein einwärts gewendeter schwarzer Adlerflügel, der mit einem goldenen Buchstaben "J." (Namenszug des Kaisers Joseph I.) belegt ist. Auf dem Schilde ruht die Freiherrenkrone, auf welcher sich zwei zueinandergekehrte Turnierhelme erheben. Aus der Krone des rechten Helms wächst der goldene Löwe mit dem Schwan nach innen gekehrt; die Krone des linken Helms trägt einen offenen schwarzen Adlerflug, der beiderseits mit einem goldenen J. belegt ist. Die Helmdecken sind des rechten Helms Blau mit Gold, des linken Helms Schwarz mit Gold."
Wahlspruch: „Sub umbra alarum tuarum (protege nos).“, (deutsch: „Unter dem Schatten Deiner Flügel (beschütze uns).“ )
Herkunft des Nachnamens Ein Mitglied der Familie, Gerolamo Pilati, Adliger aus Trient und Podestà von Rovereto zwischen 1563 und 1575, sah keinen Grund, sich für die vermeintliche Abstammung seiner Familie von Pontius Pilatus schämen zu müssen – dem Römischen Präfekten unter Tiberius, der Jesus Christus verurteilte. Dies berichtet Blainville in einem Brief aus Rovereto vom 9. Februar 1707.Rovereto nella descrizione di Montaigne (1580), di Papebroch (1668) e di Blainville (1707) – Atti dell'Accademia degli Agiati, Anno 252 (2002) Serie VIII, Vol. II, pag. 110. Tatsächlich war „Pontius“ der Nomen gentile jener römischen Gens, die ursprünglich aus der Region Samnium stammte und zu u. a. Gaius Pontius, General der Samniten in Caudium, Lucius Pontius Aquila, einer der Caesarmörder, und Pontius Pilatus, Statthalter von Judäa, gehörten. „Pilatus“ hingegen war lediglich das Cognomen, also der Beiname, der eine bestimmte Familie innerhalb dieser Gens kennzeichnete. Eine Abstammung von Pontius Pilatus ist daher auszuschließen.
Eine Legende zufolge, die 1873 von Graf Massimiliano Pilati an Don Giuseppe Pilati überliefert wurde, stammt die Familie Pilati vom Literaten Leonzio Pilato ab, der als Verbannter aus Thessaloniki nach Italien kam. Der Löwe im Wappen der Pilati soll an seinen Namen erinnern. Heute geht man davon aus, dass Leonzio Pilato um 1300 in Seminara, Kalabrien, geboren wurde. Er war ein Schüler Barlaams und gilt als einer der ersten Förderer des Studiums der Griechischen Sprache in Westeuropa sowie als Übersetzer von Homer. In einem berühmten Brief an Boccaccio bezeichnet Petrarca seine Herkunft ausdrücklich als kalabresisch:
lateinisch: «Leo noster vere Calaber, sed ut ipse vult Thesalus, quasi nobilius sit grecum esse quam italum.»
deutsch: «Unser Leonzio ist zwar Kalabreser, doch er selbst nennt sich lieber Thessalier, als wäre es ehrenvoller, ein Grieche statt ein Italiener zu sein.»
(Francesco Petrarca (Sen. III, 6))
Genealogie der Pilati (di Tassullo) Der Nachname Pilati, der mit dieser Familie in Verbindung gebracht wird, erscheint erstmals in einem Dokument aus dem Jahr 1275. In einem Verzeichnis der bischöflichen Besitztümer in Dermulo wird ein gewisser Martino erwähnt, der Urgroßvater von Nicolò, genannt „Pilato“, war. Nicolò gilt als Stammvater der Familie Pilati, die sich um 1370 in Tassullo niederließ. Möglicherweise zog er von Dermulo nach Tassullo, weil er eine wohlhabende Frau aus diesem Dorf heiratete. Im Laufe der Zeit erlangte die Familie zunehmend Ansehen und Wohlstand. Ihr soziales Prestige wuchs beträchtlich, sodass die Pilati innerhalb weniger Generationen zu einer der bedeutendsten Familien der Region aufstiegen.
Der erste Angehörige der Familie, der geadelt wurde, war Giovanni Battista 1° Pilati (* 1573) – sein Ur(×4)großvater war der bereits erwähnte Nicolò, Stammvater der Familie. Am 23. Juli 1602 erhielt Giovanni Battista 1° Pilati in Prag von Rudolf II. (HRR) einen Adelsbrief.
Am 13. Februar 1642 erhob der Fürstbischof von Trient, Carlo Emanuele Madruzzo, die Söhne des Giovanni Battista, die Brüder Nicola und Federico Pilati, in den Adelstand und verlieh ihnen ein übertragbares Adelsdiplom. Beide Brüder waren Juristen und standen in Diensten des Fürstbischofs Madruzzo:
Federico 3° (Nob. Ecc.mo.) Pilati war Berater des Fürstbischofs.
Nicolò 4° (Nob. Ecc.mo.) Pilati (* 1580 in Tassullo; † 15. Mai 1647 in Mezzocorona) war Vikar des Fürstbischofs für den Nonsberg und Sulzberg. Er heiratete Anna Maria de Manincor von Freieck und Casez-Herrenhausen (* 3. Juli 1611 in Casez; † 18. Januar 1640 in Tassullo) und verband sich so mit einer Familie gleichen Standes. Die Familie de Manincor, eine angesehene Notarsfamilie aus Casez, wurde 1603 in den Adelsstand erhoben. Unter den Söhnen von Nicolò 4° Pilati ragten besonders hervor:
der Erstgeborene Giovanni Battista 2° Pilati (* 14. August 1628 in Tassullo; † vor 1683), Jurist und Gesandter in Wien. Carlo Pilati (* 1632; † vor 1683), Jurist, der zusammen mit seinen Söhnen in den Kreis der „bischöflichen familiares“ aufgenommen wurde. Geronimo Francesco Pilati (* 1630 in Tassullo; † 1695), ebenfalls Jurist; sein Wappen ist im Archiginnasio in Bologna zu sehen.
Im Jahr 1651 ernannte der Fürstbischof von Trient, Carlo Emanuele Madruzzo, Giovanni Battista 2° Pilati zum Gesandten am kaiserlichen Hof in Wien. Da er die lange und anspruchsvolle Mission mit Wissen und Umsicht erfüllte, zählte er fortan mit all seinen Nachkommen zu den edelsten Bürgern von Trient.
Am 7. März 1709 erneuerte Fürstbischof Johannes Michael Spaur auf Veranlassung von Giovanni Battista 2° fünftem Sohn, Joseph Anton Freiherr Pilati von Thassul (Stammvater des deutschen Zweiges der Familie Pilati, Pilati von Thassul, und Ratsherr von Kaiser Joseph I.), rückwirkend den genannten Adel.
Der Adelstitel wurde am 15. Dezember 1670 von Sigmund Alphons von Thun, dem Nachfolger Madruzzos auf dem Bischofsstuhl, an Carlo Pilati, Sohn von Nicolò, bestätigt. Von diesem Zeitpunkt an gehörten die Pilati dem Kreise der bischöflichen Familiares an.
Am 10. Juni 1683 erneuerte Fürstbischof Francesco Alberti di Poja diese Würde gegenüber den Söhnen von Carlo Pilati (Carlo Antonio, Giulio, Federico, Nicolò und Giovanni Battista Pilati): „il dr. Carlo Pilati di Tassullo ed i suoi figli maschi nella cerchia dei "familiares" episcopali, di cui godrà privilegi e libertà, fatti salvi i diritti del tribunale ordinario, a motivo e conferma dello status nobiliare conferito al padre del medesimo dal principe vescovo predecessore Carlo Emanuele con privilegio di data 13 febbraio 1642“.
Dieses „bischöfliche Privileg“ war als Verwaltungsamt im bischöflichen Fürstentum Trient zu verstehen, insbesondere das Amt des bischöflichen Massars. Dieses Amt bildete zusammen mit den Leutnants und Assessoren das Regierungsorgan für die Gebirgshöhen des Nonsbergs und des Sulzbergs. Die Massaren waren nicht nur für die Verwaltung von Steuereinnahmen zuständig, sondern auch mit bedeutenden rechtlichen und politischen Befugnissen ausgestattet. Sie hatten das Recht, in zivil-, straf- und bußgeldrechtlichen Angelegenheiten zu urteilen und trugen so maßgeblich zur Aufrechterhaltung der Ordnung in den jeweiligen Regionen bei. Neben der rechtlichen Zuständigkeit oblag den Massaren auch die Aufgabe, die Durchsetzung des Fürstbischöflichen Regimes vor Ort zu gewährleisten, was sie zu einflussreichen Figuren in der sozialen und politischen Struktur des Fürstentums machte. Besonders bis zum 16. Jahrhundert stammten die Massaren oft aus den angesehensten und einflussreichsten Familien der Region, die ihre Macht durch das Amt weiter festigten. Ihre Autorität erstreckte sich nicht nur auf die Verwaltung von Ressourcen und Steuern, sondern auch auf das Führen von Verhandlungen und die Vermittlung von Konflikten zwischen verschiedenen lokalen Gruppen und dem Fürstbistum. Diese Funktion machte sie zu zentralen Akteuren in der politischen Landschaft Trients, mit einer bedeutenden Rolle in der Festigung der fürstbischöflichen Herrschaft über das Territorium.
Carlantonio Pilati mini|298x298px|Carlantonio Pilati
Das herausragendste Mitglied der Familie Pilati war Carlantonio Freiherr Pilati de Tassullo (* 1733 in Tassullo; † 1802 ebenda), dessen Urgroßvater der bereits erwähnte Carlo Pilati war. Er war ein vielseitiger Autor, Jurist, Historiker, Reisender, Journalist und Literat. Er war Professor für Rechtswissenschaften an der Universität von Trient und wurde eine prägende Figur in der akademischen Landschaft der Region, insbesondere im Bereich der Rechtswissenschaften. Im Jahr 1801 ernannte General MacDonald ihn zum Präsidenten des Südtiroler Rats ("Presidente del Consiglio superiore del Tirolo") unter Napoleon Bonaparte. Als Freimaurer gehörte er der Accademia Roveretana degli Agiati an.
Carlantonio Pilati zählt als bedeutender Vertreter der Aufklärung zu den aktivsten Protagonisten der europäischen Kultur des 18. Jahrhunderts. Er stand im Dienst von Friedrich II. von Preußen, Joseph II. und Leopold II. und war zudem Ehrenkammerherr von Christian VII. Als Anhänger von Montesquieu und in Paris als Philosoph tätig, stand er den Ideen Voltaires nahe, der ihn schätzte und in seinen intellektuellen Kreisen willkommen hieß.
Zu den Werken des Pilati zählen:
L’esistenza della legge naturale impugnata e sostenuta, Venezia, Antonio Zetta, 1764. (Deutsche Übersetzung: "Bestrittene Wirklichkeit des natürlichen Gesetzes") Dissertatio de servitutibus realibus, 1765. Raggionamenti intorno alla lege naturale e civile, 1766. Di una riforma d‘Italia, ossia, dei mezzi di riformare i più cattivi costumi e le più perniciose leggi d‘Italia, s.n., in Villafranca [Coira] 1767. Riflessioni di un Italiano sopra la Chiesa in generale, sopra il Clero si regolare che secolare, sopra i vescovi e i Pontefici romani, e sopra i diritti ecclesiastici de‘ Principi, Borgofrancone Venezia, 1768. Ragionamenti sopra la quistione eccitata, se siano da abolire o no i cap. 97 e 114 del L. III De Criminal. nello Statuto trentino, 1769.