mini|Wiglaf Droste (2008) Wiglaf Horst Wolfgang Droste (* 27. Juni 1961 in Herford; † 15. Mai 2019 in Pottenstein) war ein deutscher Autor, Kolumnist und Sänger, der vor allem als Satiriker bekannt wurde.

Leben mini|Wiglaf Droste (1980)

Drostes Vater Otto Droste (* 1933) war Lehrer für Sport und Englisch, später wurde er Schulleiter am Städtischen Gymnasium Löhne. Seine Mutter Monika Droste (1940–2023) war Hausfrau. Wiglaf Droste hatte zwei Brüder, Beowulf (* 1959) und Finn (* 1964).Nachruf auf Wiglaf Droste: Tucholskys Erbe, Neue Westfälische, 17. Mai 2019 Er besuchte das Bielefelder Gymnasium HeepenJede Soß ein Franzos, taz.de, 15. Dezember 2000 und war verantwortlicher Redakteur der Schülerzeitung Griffel. Mit 17 Jahren zog er aus seinem Elternhaus aus. Im Mai 1980 absolvierte er das Abitur (Durchschnittsnote: 1,6), danach folgte ein Zivildienst beim Arbeiter-Samariter-Bund in Bielefeld.

Im Herbst 1983 zog er nach West-Berlin. Entgegen eigener Aussage studierte Droste laut seinem Biographen Christof Meueler nie Publizistik. Stattdessen schrieb er sich 1983 an der Freien Universität Berlin für Theaterwissenschaften, Anglistik und Italienisch ein und wurde 1985 exmatrikuliert, nachdem er sich nicht rückgemeldet hatte. In dieser Zeit lebte er von verschiedenen Aushilfsjobs.

Drostes erster veröffentlichter Text, ein Konzertbericht, erschien am 27. April 1985 im Berliner Lokalteil der taz. Anschließend schrieb er Beiträge für das Spandauer Volksblatt, das Berliner Stadtmagazin tip und die taz. 1987 arbeitete er für kurze Zeit in einer Düsseldorfer Werbeagentur. Wieder zurück in Berlin, war er bis Mitte 1988 als Redakteur der taz-Medienseite tätig, ab den 1990ern bis 2006 dann als freier Mitarbeiter für deren Satire-Seite „Die Wahrheit“.

1988 wurde Droste unter dem Verdacht, beim Ersten Mai in Kreuzberg in der Nähe des Lausitzer Platzes ein Polizeifahrzeug mit einem Gegenstand beworfen zu haben, in Untersuchungshaft genommen, wo er bis zum 11. Mai blieb. Das Ermittlungsverfahren wegen schweren Landfriedensbruches wurde eingestellt.

1989 trat Droste mit Kommunikaze erstmals als Buchautor in Erscheinung. Zudem verfasste er Beiträge für den WDR, unter anderem im Kritischen Tagebuch und für das Digitale Logbuch im Deutschlandfunk.Siehe z. B. Der infrarote Korsar. In: Forschung Aktuell, 2004: „Ich konnte es noch nie ausstehen, wenn Männer sich in der Öffentlichkeit in den Schritt fassen und dort herumzuppeln oder -kratzen. Der Griff ans Gemächt ist unzivilisiert und ein echter Abschiebegrund für Aus- wie Inländer.“ Von 1989 bis 1991 war er Redakteur des Satiremagazins Titanic, er gründete 1989 die Höhnende Wochenschau sowie 1991, zusammen mit Michael Stein, das „Benno-Ohnesorg-Theater“.

Ab 1989 unternahm er Lesereisen und wurde dabei oft von befreundeten Schriftstellern und Musikern begleitet. So unternahm er gemeinsam mit Max Goldt im Herbst 1991 eine zweiwöchige Lesetournee, die Thema eines 2025 erschienenen Textes von Max Goldt ist. 1991 wurde er Vater eines Sohnes. Ab 2000 (CD für immer) trat er als Sänger mit der Chanson-Jazz-Band Spardosen-Terzett auf.

Drostes Lesungen wurden zum Teil Mitte der 1990er Jahre im Zusammenhang der sogenannten Missbrauch-mit-dem-Missbrauch-Debatte mit Pädophilievorwürfen von Feministinnen und Autonomen begleitet und auch durch Mahnwachen, Buttersäureanschläge, Steckbriefe usw. gestört. Er hatte die satirische Kurzgeschichte Der Schokoladenonkel bei der Arbeit geschrieben, die 1993 in der Titanic abgedruckt wurde. Dies führte zu zahlreichen Kritiken an seiner Person. Unter anderem wurde behauptet, er propagiere Vergewaltigungen.Jan Schwarzmeier: Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung. Dissertation. Göttingen 1999, zugänglich als Book on Demand, Norderstedt 2001, hier das Kapitel Die Kampagne gegen Wiglaf Droste, S. 192–195.

Seine erste regelmäßige Kolumne bekam er 1992 in der Zeitung Neues Deutschland, die er unter dem Titel „Schlachtenbummler“ im zweiwöchentlichen Wechsel mit dem Kabarettisten Mathias Wedel bis 1994 veröffentlichte. Im Anschluss begann er für die ebenfalls linke Tageszeitung junge Welt zu schreiben, ab Januar 2011 hatte er dort eine tägliche Kolumne. Von 2000 bis 2009 schrieb er zugleich für den Berliner Tagesspiegel.Zum Tod des Autors – Wiglaf Droste über Berliner Straßenköter. tagesspiegel.de, erschienen und abgerufen am 16. Mai 2019 (Nachdruck eines Texts von Droste vom 11. November 2011). Außerdem war er auch Autor des Magazins Arranca!Mit Nazis reden arranca #3: Linke und Militanz (Dezember 1993).

Von 1999 bis 2013 gab Droste mit seinem Freund Vincent Klink die kulinarische Vierteljahreszeitschrift Häuptling Eigener Herd heraus.. Mit Klink und dem Zeichner Nikolaus Heidelbach verfasste er 2006 ein humoristisches Buch zum Thema Wurst. Es folgten gemeinsame Werke zu den Themen Weihnachten (2007) und Wein (2008). Darüber hinaus übernahm er bei Heidelbachs Ausstellungen zu diesem Thema Wurst, Wein, Weihnachten Bild – ein buntes Gemüse die Rolle als Vorleser, so zum Beispiel im Caricatura Museum in Frankfurt.Wiglaf Droste und buntes Gemüse. frankfurter-blog.de, 9. Juli 2012.

Droste gab nur selten Interviews. 2002 wünschte er sich, dass über ihn „nichts in der Zeitung steht“ und er irgendwann nicht mehr als öffentliche Figur auftauche.Frank Lorentz: Bodenständiger Alien. In: Die Welt. 22. Juni 2003, Interview mit Droste.

Ab 2006 lebte er vorwiegend in Leipzig. Im Frühjahr 2009 erhielt er das fünfmonatige Stipendium Stadtschreiber zu Rheinsberg und übernahm dessen Wohnung und Amt ebendort.„Ich habe vieles zum ersten Mal getan“ Der Satiriker über seine Erlebnisse als Stadtschreiber in Rheinsberg. Deutschlandradio Kultur vom 16. Juli 2009.Stephanie Gerlich: unser-luebeck.de (Stadtmagazin), 12. Dezember 2009. Im Spätherbst 2017 heiratete er und zog nach Pottenstein in Oberfranken. Droste, der alkoholkrank war, starb dort am 15. Mai 2019 im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Leberzirrhose.Schriftsteller und Sänger Wiglaf Droste im Alter von 57 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Pottenstein (Franken) verstorben. junge Welt, Presseerklärung vom 16. Mai 2019, abgerufen am 16. Mai 2019.

Für Pfingsten 2019 war ein Leseabend mit Gesang auf dem Festival der Jugend der SDAJ, der Jugendorganisation der DKP, geplant gewesen. Er sei, hatte Droste der jungen Welt erklärt, Kommunist geworden, „anders ist das alles nicht auszuhalten.“

Rezeption und Kritik Droste verstand sich als satirischer Polemiker, was immer wieder zu Konflikten führte. Die taz entzog ihm dreimal (erstmals 1988) die Freitagskolumne auf ihrer Satire-Seite „Die Wahrheit“ und kündigte zuletzt seinen Job als Redakteur, weil er die Gesellschaft für deutsche Sprache im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als „Trittbrettficker“ geschmäht hatte, nachdem sie das Wort „Fanmeile“ zum Wort des Jahres gekürt hatte.Friedrich Küppersbusch: Zum Tod von Wiglaf Droste. Der Tucholsky unserer Tage, in: taz, 16. Mai 2019.

In seinem gemeinsam mit Gerhard Henschel verfassten satirischen Krimi Der Barbier von Bebra (1996) ließ er sich über die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und den Umgang mit religiösen Gefühlen aus. Die Satire wurde zunächst in der taz als Fortsetzungsroman publiziert und erschien später als Buch.Zornig knötern Wiglaf Drostes und Gerhard Henschels „Barbier von Bebra“, von Michael Kohtes, Die Zeit, 1. November 1996. Darin fallen unter anderem Wolfgang Thierse, Rainer Eppelmann und Jürgen Fuchs einem Serienmörder zum Opfer. Die Ex-Bürgerrechtler Konrad Weiß und Vera Lengsfeld warfen daraufhin Droste „literarische Anleitungen zum Mord an Andersdenkenden“ vor und setzten ihn mit „Vollstreckern der Hitlerschen Mordbefehle“ und Weiß die taz mit dem Stürmer gleich.Liane von Billerbeck: Der Barbier von Bebra – Vera Lengsfeld contra taz. In: Berliner Zeitung. 16. August 1996, S. 3. In der konservativen Wochenzeitung Welt am Sonntag riefen sie zum Boykott der Zeitung auf.Burkhard Scherer: Die müden Arnold-Hau-Degen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. März 2001. Die taz unterstützte Droste und fand Sympathie unter anderem bei Peter Laudenbach von der Berliner Zeitung.Peter Laudenbach: Die Mordlust ist überparteilich. In: Berliner Zeitung, 28. August 1996, S. 34. Im Kontext der Auseinandersetzung wurde auch ein Text Lengsfelds mit der Überschrift Täterhumor in der taz dokumentiert.Täterhumor, taz, 21. August 1996. In der Zeit erschien dazu unter dem Titel Humorgewalt ein Artikel von Oliver Tolmein, der Betroffenheitswahn am Werk sah.Humorgewalt, von Oliver Tolmein, Die Zeit, 23. August 1996, 35/1996.

Nach seiner Trennung von der taz anlässlich der Kolumne über die Gesellschaft für deutsche Sprache,Wiglaf Droste: In: junge Welt. 27. Dezember 2006. die von Redakteur Michael Ringel abgelehnt wurde und nicht in der Zeitung erscheinen konnte,Jörg Schröder, Barbara Kalender: Wiglaf Droste zum Zweiten. In: taz. 13. Februar 2007. wechselte Droste mit regelmäßigen und später täglichen Beiträgen zur jungen Welt, die für ihn zu einer Heimstatt wurde (Jürgen Roth).

In der Begründung für die Vergabe des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises schrieb die Jury, „Vergleiche zu Autoren wie Kurt Tucholsky sind angebracht und begründbar. Seine Satiren und Glossen sind sprachliche Kabinettstücke von hohem literarischem Rang.“Zit. nach: Peter Böthig, Leiter des Kurt-Tucholsky-Literaturmuseums, in: Und sowieso das bessere Gedicht. Erinnerungen an Wiglaf Droste (1961–2019), in: junge Welt, 4. Juni 2019, S. 12. Darüber ging Willi Winkler, SZ-Essayist in seiner Zeitung, noch einen Schritt hinaus, wenn er erklärte, Droste sei – „dass wir uns nur recht verstehen“ – der „Tucholsky von heute“.Literaturhaus Hamburg, Salonveranstaltung mit Wiglaf Droste, Gastgeber: Gerhard Henschel und Richard Christian Kähler, 23. August 2011, siehe: . Als Zitat tritt diese Gleichsetzung immer wieder in den Beschreibungen auf, so auch in der Laudatio des Freundes Friedrich Küppersbusch zur Verleihung des Göttinger Elchs an Droste und in Küppersbuschs Nachruf in der taz. Dort findet sich auch die Feststellung, Droste wittere Gewalt, „wo andere noch schunkeln“. Küppersbusch nannte Droste den „Unumarmbaren“, weil Droste sich Vereinnahmung und Zuneigung entzog.

In einem Gespräch mit dem SRF bezeichnete der Schriftsteller Jürgen Roth Droste als den politischsten und engagiertesten gegenwärtigen Satire-Literaten und als „unerbittlichen Aufklärer, der sich mit dem kohärenten Schwachsinn unserer Zeit“ nicht habe abfinden können und mit seinen literarischen Mitteln gegen „Geistesferne“ und Phrasensumpf vorgegangen sei. Seine Kunst habe „in der pointierten, wortschöpferischen Formulierung“ gelegen.Wiglaf Droste ist gestorben – „Er erhob die Stimme gegen den Schwachsinn unserer Zeit“, SRF vom 16. Mai 2019, abgerufen am 1. Juni 2019.

Werke Schriften Kommunikaze. A-verbal, Berlin 1989; Neuausgabe (mit Mein Kampf, Dein Kampf und Am Arsch die Räuber): Edition Nautilus, Hamburg 1998, ISBN 3-89401-296-X. Mein Kampf, Dein Kampf. Edition Nautilus, Hamburg 1992, ISBN 3-89401-196-3. In 80 Phrasen um die Welt. Edition Nautilus, Hamburg 1992, ISBN 3-89401-210-2. Am Arsch die Räuber. Edition Nautilus, Hamburg 1993, ISBN 3-89401-215-3. Sieger sehen anders aus. Edition Nautilus, Hamburg 1994, ISBN 3-89401-232-3. Brot und Gürtelrosen und andere Einwürfe aus Leben, Literatur und Lalala. Edition Tiamat, Berlin 1995, ISBN 3-923118-69-4. Der Barbier von Bebra. Roman (mit Gerhard Henschel). Edition Nautilus, Hamburg 1996, ISBN 3-89401-263-3. Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses. Edition Nautilus, Hamburg 1997, ISBN 3-89401-278-1. In welchem Pott schläft Gott? Stern- und Sterbestunden zweier Fußballfans in Wort und Bild. Illustrationen von Rattelschneck. Edition Nautilus, Hamburg 1998, ISBN 3-89401-285-4. Zen-Buddhismus und Zellulitis. Polemiken, Glossen, Satiren und Reimgedichte. Kunstmann, München 1999, ISBN 3-88897-218-3.