mini|Moderne Bauart einer saung gauk mit Stimmschrauben. Die roten Kordeln sind Dekoration. Saung gauk, kurz saung, burmesisch , IPA: [], Burmesische Harfe; ist eine alte, in Myanmar gespielte Bogenharfe. Es ist die einzige, in einer klassischen Musik in Asien noch verwendete Harfe und gilt als das Nationalinstrument des Landes.
Herkunft Das burmesische Wort saung, wie die burmesische Harfe bis Mitte des 18. Jahrhunderts einfach genannt wurde, wird von persisch cank, chang oder tschang und Hindi canga abgeleitet, was beides längst verschwundene Harfen bezeichnet und auf die Ursprungsregion für das burmesische Instrument hinweist.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. 2. Auflage, Vereinigung Wiss. Verlag de Gruyter, Berlin und Leipzig 1923, S. 140f (Nachdruck: Georg Olms Verlag, Hildesheim 1983) Der mutmaßliche Namensursprung ist das sumerische Wort ZAG-SAL für eine babylonische Winkelharfe.Francis W. Galpin: The Music of the Sumerians and their Immediate Successors, the Babylonians and Assyrians. Cambridge University Press, Cambridge 1937, S. 29, ISBN 978-0521180634 Hiermit sprachlich verwandt sind die Winkelharfe tschangi in der georgischen Region Swanetien und die westgeorgische Langhalslaute tschonguri.
Der Ursprung der Harfen wie der Leiern lag um 3000 v. Chr. in Mesopotamien. Die ältesten Bogenharfen aus der 4. altägyptischen Dynastie stammen aus der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Für eine so frühe Ausbreitung derselben nach Südasien gibt es keine Hinweise. Um 2000 v. Chr. entwickelte sich in Mesopotamien mit den Winkelharfen ein verbesserter Harfentyp mit einer höheren Saitenzahl, der im 1. Jahrtausend v. Chr. nach Zentralasien gelangte. Die aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammende Pasyryk-Harfe aus dem Altai ist der älteste Fund einer solchen Winkelharfe in dieser nördlichen Region. In Südasien wurden dagegen Winkelharfen nicht übernommen.
Der früheste allgemeine Begriff für indische Saiteninstrumente ist vina. Den Sanskrittexten ist nicht eindeutig zu entnehmen, ob es sich bei den ältesten indischen Saiteninstrumenten (unter anderem pinaki vina) um Stabzithern oder um Musikbögen gehandelt hat. Durch Steinreliefs an indischen Sakralbauten sind Bogenharfen von etwa 200 v. Chr. bis 700 n. Chr. belegt. Später tauchen unter der Bezeichnung vina Stabzithern und Lauteninstrumente auf. Die sehr einfachen Stabzithern aus Bambus, die wie tuila heute noch gelegentlich in der Volksmusik verwendet werden, finden sich ab dem 6. Jahrhundert.Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil 9, 1996, Sp. 1530 In Südindien waren bis zur zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends mehrere Formen der tamilischen Bogenharfe yazh verbreitet.
Bogenharfen waren in ganz Asien und einigen Gegenden SchwarzafrikasRoger Blench: Reconstructing African music history: methods and results. Safa Conference, Tucson, 17.–21 Mai 2002, Kapitel: The arched harp and its history, S. 2–6 verbreitet. Im Süden Ugandas hat sich eine der saung gauk sehr ähnliche Bogenharfe unter dem Namen ennanga Foto von Gerhard Kubik erhalten. Andere ostafrikanische Harfen wie die kundi der Azande unterscheiden sich durch ihren anders konstruierten Halsansatz. Praktisch nur noch in Museen gibt es Exemplare der waji,Fototeca: Documents relacionats amb la foto. Foto der viersaitigen Bogenharfe waji aus Nuristan die bis vor wenigen Jahrzehnten von den Nuristani (früher „Kafir“) in der nordostafghanischen Provinz Nuristan gespielt wurde.Anthony Baines, 1992, S. 337 Das wohl letzte Relikt auf indischem Boden ist die fünfsaitige bin-baja der Pardhan im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh.Roderic Knight: The Pardhan people of Dindori District, Madhya Pradesh (M.P.), India. Oberlin College Schließlich spielen die Karen im burmesisch-thailändischen Grenzgebiet die sechssaitige Bogenharfe na den, auch tünak (t’na, tena, tenaku). Die für die saung namensgebende persische Winkelharfe tschang, die zur Zeit des Sassanidenreichs verbreitet war, lebt als tschangi mit sechs bis sieben Saiten noch in der kaukasischen Region Swanetien in Georgien fort.
Eine Bogenharfe ist auf einem Relief des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Sanchi abgebildet, in Ashvaghoshas Biografie des Buddha Buddhacarita aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts wird eine Bogenharfe mit sieben Saiten (vina), eine Bambusflöte (venu) und eine von Frauen gespielte Trommel (pushkara) erwähnt.Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil 4, 1996, Sp. 660 Eine Goldmünze aus dem 4. Jahrhundert zeigt den Gupta-Herrscher Samudragupta mit einer Bogenharfe in Händen.Abgebildet in: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil 4, 1996, Sp. 666 Letztmals sind indische Bogenharfen zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert aus Nalanda bekannt.
Die Bogenharfe ist vermutlich mit der Ausbreitung des Buddhismus in den ersten Jahrhunderten n. Chr. zu den Pyu und in den folgenden Jahrhunderten weiter nach Südostasien gelangt, wo sie mehrfach auf Reliefs am Khmertempel Bayon in Angkor und am indonesischen Borobudur auftaucht. In der Khmer-Sprache hieß die Bogenharfe pin, abgeleitet von vina. Nach ihr ist das königliche Orchester pinpeat benannt.Roger Blench: Musical instruments of South Asian origin depicted on the reliefs at Angkor, Cambodia. EURASEAA, Bougon, 26. September 2006
Ein Relief an der Predella unterhalb einer sitzenden Buddhafigur vom Leyindaung-Hügel in Sri Ksetra am Unterlauf des Irrawaddy aus der Mitte des 7. Jahrhunderts zeigt sieben Figuren, darunter einen Tänzer, der von drei Musikern begleitet wird. Diese spielen eine Bogenharfe, vermutlich aus Bambus bestehende Klappern und ein Blasinstrument (eine Mundorgel?). Ganz rechts sitzt ein Bodhisattva in Meditationsgeste (dhyanamudra). Der Resonanzkörper der Harfe ist auf der stark erodierten Darstellung fast ganz hinter dem rechten Unterarm verborgen; der stark nach innen gebogene Hals endet auf der Höhe des linken Ohres. Das Instrument dürfte vier bis fünf Saiten besessen haben.Muriel C. Williamson 1981, S. 212f Ein ähnliches Sri-Ksetra-Steinrelief eines Harfenisten aus der Zeit der Pyu-Stadtstaaten wird auf 809 n. Chr. datiert. Dieser Harfentyp fand sich in Indien nur an Kultgebäuden der Shatavahanas aus dem 2. bis 4. Jahrhundert in Amaravati (bei Guntur an der Ostküste Indiens).Judith Becker, S. 21
Von Sri Ksetra entsandte Sunanda, Bruder (Sohn?) des Königs, im Jahr 802 Pyu-Musiker und -Tänzer nach Chang’an, der Hauptstadt der chinesischen Tang-Dynastie. In einer Tang-Chronik (Hsing-t'ang-shu) wird erwähnt, dass die 35 Musiker unter anderem zwei Harfen, zwei Krokodilzithern und Stabzithern dabei hatten. Zu dieser Zeit waren in China bereits Winkelharfen bekannt, eine konghou genannte Winkelharfe mit schlankem Resonanzkörper fand sich zusammen mit sechs anderen Instrumenten in einem Grab der Zhou-Dynastie um 700.Thomas O. Höllemann: Das alte China. Eine Kulturgeschichte. C. H. Beck Verlag, München 2008, S. 267 In dieser Chronik werden zwei burmesische Harfenarten erwähnt. Die eine Harfe wird nicht näher beschrieben, möglicherweise handelt es sich um das in Sri Ksetra abgebildete ältere Instrument aus Amaravati. Der andere Harfentyp besaß 14 Saiten, einen 60 Zentimeter langen und 20 Zentimeter breiten Korpus und einen 76 Zentimeter langen bogenförmigen Hals, dessen Ende nach außen gebogen und mit einem Tierkopf versehen war. Die Beschreibung weist sie als den wahrscheinlichen Vorläufer der Pyu-Harfe mit Vogelkopf aus, die vom 11. bis zum 13. Jahrhundert in Bagan dargestellt wurde. An bengalischen Tempeln dieser Zeit finden sich Reliefs desselben Harfentyps.Judith Becker, S. 17–21; Hsing-t'ang-shu erstmals übersetzt in Denis C. Twitchett, Anthony H. Christie: A Medieval Burmese orchestra. In: Asia Major. VII, 1959, S. 176–195; Stimmungen der Instrumente korrigiert in: Laurence Picken: Instruments in an Orchestra from Pyu (Upper Burma) in 802. In ders. (Hrsg.): Musica Asiatica 4. Cambridge University Press, Cambridge 1984, S. 245–279
Unter den Steinreliefs am Ananda-Tempel, der von König Kyanzittha (regierte 1084–1131) in Bagan gebaut wurde, befindet sich die Darstellung einer solchen Harfe. Am Nagayon-Tempel (zeitgleich zum benachbarten Abeyadana-Tempel) ist Kyanzittha an zwei Reliefs an der Wand des inneren Pilgergangs um die Cella als Naga-König dargestellt, wie er zur Verehrung vor einem Buddha sitzend Harfe spielt.Muriel C. Williamson 1981, S. 218–220 Auch auf Wandmalereien in Bagan sind Harfen und andere Musikinstrumente abgebildet. Steininschriften aus dem 11. bis 13. Jahrhundert zählen die Namen von 21 Musikinstrumenten auf, die meisten Saiteninstrumente dürften einfache Stabzithern gewesen sein. Die Vogelkopf-Harfe ist verschwunden, die heutige saung gauk entspricht in ihrer Form dem älteren Amaravati-Typ mit nach innen gebogenem Hals und nicht den in Bagan abgebildeten Harfen.
Einen einzigartigen stehenden Harfenspieler zeigt ein Steinrelief, das im Museum von Bagan aufbewahrt wird. Es stammt aus dem heute verschwundenen Paunggu-Tempel in Bagan und wird um 1050 n. Chr. datiert. Der Bogen der vor der Brust gehaltenen, aber kaum erkennbaren Harfe endet unter dem Kinn. Die mindestens fünf Saiten sind in einem Neigungswinkel von 45 Grad dargestellt. Ähnlich gehaltene Harfen sind ansonsten nur aus Indien und in einer Abbildung aus Kambodscha bekannt. Das Relief könnte von Sri Ksetra und Südindien beeinflusst worden sein.Muriel C. Williamson 1981, S. 214 Vom 9. bis zum 14. Jahrhundert wurden der saung gauk ähnliche Bogenharfen auf buddhistischen Malereien in Japan dargestellt, obwohl in Japan mutmaßlich bis zum 10. Jahrhundert nur kugo genannte vertikale Winkelharfen gespielt wurden.Vgl. Susumu Kashima, Seishiro Niwa: Depictions of “Kugo” Harps in Japanese Buddhist Paintings. In: Music in Art, Band 24, Nr. 1/2, Frühjahr–Herbst 1999, S. 56–67
mini|hochkant|U Shin Gyi, ein Schutzgeist der Wasserwege, der im Delta des Irrawaddy verehrt wird. Er ist ein wohlwollender Nat, der mit einem Tiger und einer saung gauk in den Händen dargestellt wird. Die frühesten Liedtexte sind aus dem 14. Jahrhundert überliefert. Über die damalige Musik ist nichts bekannt, vermutlich wurden die Gesänge von einer Harfe begleitet. Ein berühmter Harfenspieler nach dem Zusammenbruch des Bagan-Reiches zur Zeit der Herrschaft in Taungoo (1486–1573) war der König Nat Shin Naung. Während der kulturellen Blütezeit der Konbaung-Dynastie, der letzten unabhängigen burmesischen Königsherrschaft von 1752 bis 1885, erfuhr die saung gauk steigende Wertschätzung als edelstes, am Hof gespieltes Musikinstrument. Als König Hsinbyushin 1767 die Hauptstadt des siamesischen Reiches Ayutthaya eroberte, brachte er viele Hofmusiker mit, die siamesische Spielweisen in die burmesische Musik einführten. Dazu gehörten eine pentatonische Stimmung (belae) und neue Melodien für alte burmesische Lieder, teilweise wurde auch nur der Rhythmus übernommen. Der bedeutendste Harfenspieler in der Konbaung-Ära war Myawaddy Mingyi U Sa (1766–1853), ein Minister, Dichter, Komponist und General im ersten Krieg gegen die Briten (1824–1826). Er verarbeitete das indisch-thailändische Epos Ramakien zu einem burmesischen Theaterspiel (allgemein: enaung), ebenso wie westliche Musikeinflüsse der britischen Kolonialherren.
Geschichten aus dem Leben am Königshof wurden in der Konbaung-Zeit als Dramen (zat pwe) und Marionettentheater (yoke thé) inszeniert, zu deren Begleitung große hsaing waing-Orchester gehörten. Eine besondere, von Ayutthaya adaptierte Liedgattung sind yodaya-Lieder, die mit der saung gauk begleitet werden. Das gesamte Repertoire burmesischer Musik, mit einer Bandbreite zwischen der Anbetung der Nat-Geister und höfischer Klassik, wird in der Verssammlung mahagita (Pali: „großer Gesang“, burmesisch: thachin gyi) zusammengefasst.Robert Garflas: The Maha Gita. University of Maryland, Baltimore County