mini|hochkant=2|Speyer, Ansicht nach Braun-Hogenberg (1572)
Die Geschichte der Stadt Speyer beginnt im Jahr 10 v. Chr. mit der Errichtung eines römischen Kastells. Der Name Spira, aus dem sich schließlich der heutige Name Speyer entwickelte, taucht erstmals 614 auf. Vor allem durch die Reichstage und durch den Kaiserdom erlangte Speyer Bekanntheit.
Zeittafel 10 v. Chr.: Anlage des ersten römischen Militärlagers Noviomagus, Ansiedlung der germanischen Nemeter auf dem linken Rheinufer, Zivilsiedlung vor dem Militärlager um 83: Zivilsiedlung Noviomagus wird Hauptort im Territorium der Nemeter (Civitas Nemetum) 346: Für Speyer wird Jesse als Bischof erwähnt. 496/506: fränkische Siedlung, erste Nennung des Namens Spira um 800: Beginn des karolingischen Dombaus 838: erster von insgesamt 50 Hof- und Reichstagen in Speyer 946: Markt- und Münzrecht 969: Immunitätsprivileg Kaiser Ottos des Großen; Bischof wird Stadtherr, Baubeginn der Stadtmauer 1030: Kaiser Konrad II. legt den Grundstein zum Speyerer Dom. 1047: Kaiser Heinrich III. überführt den Leichnam des Heiligen Guido von Pomposa nach Speyer. 1076: König Heinrich IV. bricht von Speyer zum Bußgang nach Canossa auf. 1084: Ansiedlung der ersten jüdischen Gemeinde in Speyer 1111: Der große Freiheitsbrief des Heinrich V. 1193: Kaiser Heinrich VI. schließt auf dem Reichstag zu Speyer (21.–25. März 1193) mit seinem Gefangenen Richard Löwenherz einen Vertrag über das zu zahlende Lösegeld von 100.000 Mark Silber ab. 1226: Speyer wird Mitglied im Rheinischen Städtebund 1230: erstes Speyerer Stadtrecht 1294: Der Bischof verliert die meisten seiner früheren Rechte und die Stadt Speyer ist von nun an Freie Reichsstadt. 1526: Der Reichstag in Speyer verhandelt Martin Luthers Lehren. 1527: Speyer wird Sitz des Reichskammergerichts (bis 1689) 1529: Auf dem Reichstag zu Speyer „protestieren“ am 19. April die evangelischen Reichsstände gegen die reformationsfeindlichen Beschlüsse (Protestation zu Speyer) 1544: großes Speyerer Judenprivileg durch Kaiser Karl V. 1689: Die Stadt wird im Pfälzischen Erbfolgekrieg von französischen Truppen unter General Mélac fast ganz zerstört 1792: Speyer wird von französischen Revolutionstruppen erobert und bleibt bis 1814 unter französischer Herrschaft. Es wird Sitz einer Unterpräfektur im Département du Mont-Tonnerre. 1816: Die Stadt wird Kreishauptstadt und Regierungssitz des bayerischen Rheinkreises, später Pfalz 1918: französische Besatzung (bis 1930) 1923/24: Errichtung der Autonomen Regierung der Pfalz durch Separatisten; Attentat auf ihren Präsidenten Franz Joseph Heinz 1936: Rheinlandbesetzung; Speyer wird wieder Garnisonsstadt 1938: Eröffnung der ersten festen Rheinbrücke; Pogromnacht: Nationalsozialisten setzen die Synagoge in Brand 1945: Rheinbrücke durch deutsche Truppenteile gesprengt. Amerikanische Truppen besetzen die Stadt, die kurz darauf von der französischen Armee abgelöst werden 1947: Gründung der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften 1956: Neue Rheinbrücke; erste Städtepartnerschaften mit Spalding (Großbritannien), 1959 mit Chartres (Frankreich) 1969: Der Landkreis Speyer wird mit dem Landkreis Ludwigshafen zusammengelegt 1990: Die Stadt feiert ihr 2000-jähriges Bestehen. 2011: Die Stadt feiert 900 Jahre Bürgerfreiheit.
Kelten, Römer und Germanen Die Zeit vor den Römern mini|Goldener Hut im Historischen Museum der Pfalz in Speyer
Von großer Bedeutung für die Entwicklung Speyers war seine verkehrsgünstige Lage am Rhein, einer zentralen mitteleuropäischen Verkehrsader. Die unmittelbare Nähe zum Fluss auf dem überschwemmungssicheren Hochufer stellte einen Vorteil dar, ebenso die nahegelegene Mündung des Neckartals in die Rheinebene, das die Verbindung nach Südosten in Richtung Donau herstellte, und die Nähe der Kaiserslauterer Senke, die den Verkehr in Richtung Westen und Südwesten vermittelte. Auf die Bedeutung Speyers als Verkehrsknotenpunkt weist auch die Existenz von fünf Rheinfähren im engeren Umkreis der Stadt im Mittelalter hin.Sabine Schleichert: Die Stadtverfassung von Speyer und Worms in staufischer Zeit. Ein Vergleich, Examensarbeit, 1992.
Zahlreiche Funde aus der Jungsteinzeit, Bronzezeit, Hallstattzeit und Latènezeit lassen darauf schließen, dass die Rheinuferterrassen in Speyer, insbesondere die Niederterrassenzunge in unmittelbarer Flussnähe, schon immer interessante Siedlungsorte darstellten. Aus der Bronzezeit lassen sich mindestens fünf Siedlungsstellen nachweisen: in Speyer-Nord, am Roßsprung, im Bereich des Rathauses, am Rosensteiner Hang und im Wohngebiet Vogelgesang.Geschichte der Stadt Speyer. Band 1. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007522-5.
Zu den bekanntesten Funden aus dieser Zeit (um 1500 v. Chr.) zählt der „Goldene Hut“, der 10 km nordwestlich von Speyer, bei Schifferstadt, gefunden wurde und heute im Historischen Museum der Pfalz zu Speyer aufbewahrt wird. Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert war die Gegend von Speyer Siedlungsgebiet der keltischen Mediomatriker, die südlich der Speyerbachmündung eine kleine befestigte Siedlung (Oppidum) errichteten.
Um 70 v. Chr. überschritten Sueben unter Ariovist im Verband mit anderen germanischen Stämmen, darunter die Nemeter, den Oberrhein und fielen in Gallien ein. Möglicherweise wurde Speyer dabei von den Nemetern eingenommen. Mit Hilfe der Römer wurde Ariovist 58 v. Chr. (Gallischer Krieg) über den Rhein zurückgeschlagen. In Caesars De bello Gallico werden die Nemeter erstmals erwähnt. Es ist aber nicht eindeutig geklärt, ob Nemeter bereits in dieser Zeit in der Gegend von Speyer zurückblieben oder erst einige Jahre später dort angesiedelt wurden (ca. 10 v. Chr.). Der römische Name Speyers ab dieser Zeit war zunächst Noviomagus Nemetum, dann Civitas Nemetum. Archäologische germanische Funde in Speyer gibt es ab dem letzten Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts v. Chr. Einen interessanten Fund stellt deshalb ein keltisches Grab in der Johannesstraße aus der Zeit zwischen 50 und 20 v. Chr. dar, da keltische Gräber in dieser Zeit in der Pfalz und am Oberrhein die Ausnahme sind.
Die Römer am Rhein Nach der Unterwerfung Galliens durch die Römer 50 v. Chr. wurde der Rhein, auch wenn das Gebiet noch außerhalb des militärischen Geschehens lag, Teil der Grenze des Römischen Reichs. 15 v. Chr. eroberten die Römer das Gebiet der keltischen Räter und Vindeliker zwischen Alpen und Donau, aber einstweilen scheiterten Versuche, rechtsrheinische Gebiete zu unterwerfen. Drusus ließ auf Veranlassung Kaiser Tiberius von den Alpen bis zur Nordsee entlang des Rheins Kastelle für Legionen und Hilfstruppen anlegen. Eines dieser Lager und Kastelle war Speyer, das an der römischen Rheintalstraße um 10 v. Chr. vermutlich für eine 500 Mann starke Infanterietruppe errichtet wurde. Dabei nutzten auch die Römer die Standortgunst des Hochgestades in unmittelbarer Nähe zum Rhein. Dieses erste Kastell lag im östlichen Bereich der heutigen Maximilianstraße ungefähr zwischen Kleiner Pfaffengasse und Großer Himmelsgasse. Der südliche Befestigungsgraben konnte im Verlauf der Kleinen Pfaffengasse ergraben werden.
mini|Die Rheingrenze und das Siedlungsgebiet der Nemeter im Raum Speyer. Speyer ist als „Noviomagus“ dargestellt. Dieser römische Militärposten wurde zum Impuls für die Stadtbildung. Teilweise auf Veranlassung bzw. mit Erlaubnis der Römer hatten sich unter Kaiser Augustus im Bereich der Vorderpfalz die germanischen Nemeter angesiedelt; in den benachbarten Regionen des heutigen Rheinhessens und Elsass hatten sich ebenfalls germanische Stämme niedergelassen: die Vangionen und die Triboker. Die Funde in Speyer deuten darauf hin, dass nicht nur Römer dort stationiert waren. Teilweise handelte es sich entweder um germanische Soldaten einer regulären Auxiliareinheit oder um ein tumultuarisches Aufgebot unter eigener Führung.S. 39. Der Bestand des ersten Kastelles war von kurzer Dauer. Funde weisen darauf hin, dass in der Folgezeit zwei weitere Kastelle, jeweils etwas versetzt vom ersten, errichtet wurden. Das zweite entstand bis ca. 10 n. Chr. unmittelbar südlich vom ersten, wobei bei diesem die Nordmauer in der Kleinen Pfaffengasse etwa mit der Südmauer des ersten Kastells übereinstimmte. Reste des zweiten Kastells wurden bei Grabungen im Bereich des Judenhofs gefunden. Der Süden des Kastells grenzte vermutlich an den oberen Rand des Hochufers, wo damals unmittelbar der Rhein vorbeifloss. Nach Westen und Norden bestand ein Wallgrabensystem. Die Neuanlage des zweiten Kastells korrespondiert mit der Neuorganisation der Rheinlinie nach der römischen Niederlage in der Varusschlacht.
250px|links|mini|Topografie von Speyer mit Lage des 1. Kastells und vermutetem antiken Rheinverlauf Im Bereich dieses zweiten Lagers entstand eine ausgedehnte zivile Siedlung (Vicus), eine der Keimzellen des antiken Speyer. Zu beiden Seiten der westlichen Ausfallstraße ließen sich mit Billigung der Römer Händler, Handwerker, Soldatenfamilien und die Vergnügungsbranche nieder. Etwa 3000 m² dieser Siedlung wurden bei den Bauarbeiten für das Stiftungskrankenhaus untersucht. Die Siedlung reichte von der Herdstraße vermutlich bis zur Zeppelinstraße. Sie erlebte im 2. Jh. eine erste Blütezeit. Die Siedlungsfläche betrug circa 25 ha. Eine weitere kleinere Siedlungsfläche aus dieser Zeit lässt sich am entgegengesetzten östlichen Ende des Kastells im Bereich des Domhügels nachweisen.
Ab 30 n. Chr. entstanden in der Siedlung an der Südseite der Straße im Bereich des Stiftungskrankenhauses repräsentative Bauten in einer U-förmigen Aufstellung, vermutlich ein Marktforum, welches die wachsende Bedeutung des frührömischen Speyer unterstreicht. Hieraus wird wiederum geschlossen, dass für den Vicus bereits ein Marktrecht (ius nundinarum) bestand. Wesentliche Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung war die Besoldung der Truppe. Intensive Handelsverbindungen dienten zu einem großen Teil ihrer Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs und reichten bis Mittelitalien, an die Rhone, Südgallien und Spanien. Außerdem war Speyer Etappenstation an der wichtigen Rheinuferstraße.
Etwa um die gleiche Zeit wurde das zweite Kastell durch ein drittes – etwas landeinwärts, zwischen der mittleren Maximilianstraße und der Ludwigstraße – abgelöst. Grund hierfür können Hochwasserprobleme gewesen sein, aber auch Platzmangel oder schlicht das Bedürfnis nach Erneuerung. Nach den bisherigen Funden scheint dieses letzte Kastell wesentlich größer als seine Vorgänger gewesen zu sein. Den Funden nach bestand dieses Kastell zumindest bis zum Abzug der Auxiliartruppen im Jahre 74 nach der Eroberung der rechtsrheinischen Gebiete.