mini|Mykenische Bügelkanne aus dem 11. vorchristlichen Jahrhundert Dunkle Jahrhunderte bezeichnet einen Zeitraum zwischen dem 12. und 8. vorchristlichen Jahrhundert im antiken Griechenland und in Anatolien. Während dieser Periode fand unter anderem der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit statt.
Griechenland Als Dunkles Zeitalter Griechenlands oder Dunkle Jahrhunderte Griechenlands wird traditionell die Zeit ab ca. 1200 v. Chr., dem Ende der sogenannten Mykenischen Palastzeit, bis zum Aufschwung zu Beginn der orientalisierenden Phase der griechischen Kunst um 750 v. Chr. bezeichnet. Diese „Lücke“ zwischen dem Ende der mykenischen Paläste und den frühesten Zeugnissen des archaischen Griechenlands ergab sich durch zwei Aufsätze (1890/1) des Ägyptologen Flinders Petrie, der gesicherte Datierungen Ägyptens zur Grundlage für griechische archäologische Funde nahm.Kellner 2002, 27-28. Damit entsprechen die dunklen Jahrhunderte den archäologischen Zeitstufen SH III C, Submykenisch, Protogeometrisch sowie Früh- und Mittelgeometrisch. Weil man aus diesem Zeitraum keine Schriftquellen und auch lange vergleichsweise wenig archäologische Funde kannte, galt die Periode als „dunkles“ Zeitalter. In den letzten Jahrzehnten wurden jedoch eine ganze Reihe archäologische Entdeckungen gemacht, die wesentlich mehr Licht in die „Dunklen Jahrhunderte“ brachten.Stefanos Gimatzidis, Bernhard Weninger: Radiocarbon dating the Greek Protogeometric and Geometric periods: The evidence of Sindos. Plos one, May 27, 2020, S. 1–28 doi:10.1371/journal.pone.0232906 Besonders das 12. Jahrhundert v. Chr. und das frühe 8. Jahrhundert v. Chr. sind nun besser erforscht siehe dazu schon Peter Blome Die dunklen Jahrhunderte – aufgehellt. In: Joachim Latacz (Hrsg.): Zweihundert Jahre Homerforschung. Colloquium Rauricum. Bd. 2. Teubner, Stuttgart 1991, S. 45–60., so dass mittlerweile oft nur noch die Periode zwischen ca. 1050 v. Chr. und 800 v. Chr. als „dunkel“ bezüglich des Forschungsstands gilt. Die Bezeichnung „Dunkles Zeitalter“ für die Zeit von ca. 1200 bis 750 v. Chr. lässt sich allerdings weiterhin mit der Schriftlosigkeit dieser Periode begründen.Deger Jalkotzy 1997, Sp. 838.
12. und frühes 11. Jahrhundert v. Chr. (Späthelladisch III C) mini|Blick auf die Ausgrabungsstätte „Palast des Nestor“ in Messenien, Griechenland Eine der wichtigen neueren Erkenntnisse war, dass die mykenische Kultur die Umbrüche von 1200 v. Chr. noch etwa 150 Jahre überdauerte. Um 1200 v. Chr. wurden die meisten bekannten mykenischen Zentren zerstört (z. B. Pylos, Mykene, Theben, Tiryns). Viele kleinere Siedlungen wurden aufgegeben. Damit einher ging der Niedergang des damaligen Wirtschaftssystems, das von den mächtigen Herrschern (Wanax) zentral gelenkt worden war (siehe Palastwirtschaft). Zwar waren die Umwälzungen gravierend, sie bedeuteten jedoch nicht das Ende der mykenischen Kultur. Viele Zentren waren weiter besiedelt und die mykenische Keramik des 12. und 11. Jahrhunderts knüpfte ohne Bruch an diejenige der Palastzeit an. Auch Fernhandel wurde in der Phase Spätmykenisch C (oder Späthelladisch III C) betrieben, wenn auch in geringerem Umfang. In Tiryns wurde die Oberstadt teilweise wieder aufgebaut und innerhalb der Ruinen des alten Palasts ein neuer Bau errichtet, dessen Wände man mit Fresken verzierte und der von einer neuen aristokratischen Schicht bewohnt wurde. Einige Zentren, wie der Palast des Nestor bei Pylos, wurden nach der Zerstörung um 1200 v. Chr. aber nie mehr besiedelt, in manchen Regionen, z. B. Messenien, sank die Bevölkerungszahl sehr stark.
Das 12. Jahrhundert v. Chr. war im wirtschaftlichen, künstlerischen und demographischen Bereich zunächst von einer starken Rezession geprägt, bevor es ab Mitte des 12. Jahrhunderts v. Chr. zu einer Erholung kam.Penelope A. Mountjoy, Mycenaean Pottery - An Introduction, ²2001, S. 22. Jedoch kam es im Verlauf der Spätmykenisch-C-Phase lokal immer wieder zu Zerstörungen. Da Schriftfunde aus dieser Phase fehlen, wird vermutet, dass mit dem Zusammenbruch der Palastwirtschaft auch die Kenntnis der Schrift, die auf die Oberschicht oder die Beamten der Palastverwaltung beschränkt existiert hatte, verloren ging. Vasen mit Schiffsdarstellungen deuten jedoch an, dass die Schifffahrt noch eine Rolle spielte.
Im Lauf des 11. Jahrhunderts v. Chr. veränderte sich nicht nur die Keramik (Aufkommen der submykenischen Keramik in vielen Regionen und danach der Übergang zur protogeometrischen Keramik), auch bei den Bestattungsriten traten Änderungen ein. Insbesondere kam in dieser Zeit immer mehr die Brandbestattung auf. Die Dorische Wanderung fand wahrscheinlich in dieser Übergangsphase statt.Karl Kaser: Balkan und Naher Osten. Einführung in eine gemeinsame Geschichte. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2011, ISBN 978-3-205-78624-5, auf unipub.uni-graz.at hier S. 99; 431 Die indoeuropäischenUdo Reinhardt: Der antike Mythos. Ein systematisches Handbuch. Rombach, Freiburg/Berlin/Wien 2011, ISBN 978-3-7930-9644-3, auf www.blogs.uni-mainz.de, Teilabdruck Kapitel 2 hier S. 53 f., streng patrilinear organisierten Nomadenvölker, so die u. a. Achaier, Ionier, Aitoler und Dorer, invadierten in verschiedenen Schüben das Gebiet des heutigen Griechenlands.
Spätes 11. bis 9. Jahrhundert v. Chr. Die folgende Phase der griechischen Antike ist die Periode, über die am wenigsten bekannt ist. Die meisten Funde sind Tongefäße, nach deren Verzierung die Zeit bis ca. 900 v. Chr. als protogeometrische Periode, die Zeit zwischen ca. 900 und 700 v. Chr. als geometrische Zeit bezeichnet wird.Klaus-Dieter Linsmeier: Begann die Antike früher? Archäologie, Spektrum 4 (2021), ISSN 0170-2971, S. 78–85. Die bekannte Keramik stammt zum größten Teil aus Gräbern, nur wenige Siedlungen sind bisher erforscht. Nichoria in Messenien, eine kleine Siedlung, die typisch für diese Zeit ist, bestand hauptsächlich aus kleinen, einstöckigen, rechteckigen Gebäuden. Ovale oder apsidenförmige Gebäude sollen die Kultbauten dieser Zeit gewesen sein. In einem etwas größeren, aber schlichten Bau wohnte die Führungsfamilie. In ihm wurden offenbar auch Versammlungen und Feiern abgehalten. Die materielle Hinterlassenschaft zeugt nicht von größerem Wohlstand. Artefakte, die auf intensiven Fernhandel schließen lassen, fehlen. Es wurde offenbar stärker als in mykenischer Zeit, in der der Schwerpunkt eindeutiger auf dem Ackerbau gelegen hatte, Viehhaltung und Jagd betrieben. Eisen wurde erstmals in nennenswertem Umfang als Werkstoff genutzt, war aber sehr kostbar.
Der Eindruck, dass die Periode ein niedriges Kulturniveau hatte und das europäische Griechenland isoliert war, wird durch andere Siedlungsfunde verstärkt. Ein ganz anderes Bild zeichnen Ende der 1970er Jahre auf Euböa gemachte Entdeckungen: Bei Lefkandi wurde eine Siedlung ausgegraben, in deren Nekropolen des 10. und 9. Jahrhunderts v. Chr. die Toten oft mit kostbaren Beigaben bestattet wurden, die Wohlstand und Handel bezeugen. Eindrucksvoll sind die Reste eines 45 m langen apsidenförmigen Gebäudes, in dem wohl der „Fürst von Lefkandi“ und seine Frau bestattet wurden. Neben vier Pferden wurden den Toten ein Messer, ein Schwert aus dem damals neuartigen Material Eisen sowie weitere Gegenstände und teilweise reich verzierter Schmuck aus Gold, Elfenbein und Fayence ins Grab mitgegeben. Vieles davon stammte aus Ägypten und dem Vorderen Orient. Die Funde von Lefkandi stehen in deutlichem Kontrast zu den übrigen Fundstellen in Griechenland. Offensichtlich gab es im 10. und 9. Jahrhundert v. Chr. Gegenden, in denen die Bevölkerung (auch) durch intensiven Handel zu Wohlstand gekommen war.
Spätes 9. und das 8. Jahrhundert v. Chr. Zwar brachten es die Bewohner Euböas bereits im 10. Jahrhundert v. Chr. zu Wohlstand, ein allgemeiner Aufschwung ist für Griechenland jedoch erst ab Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. fassbar, als in großem Umfang orientalische Einflüsse nach Griechenland gelangten. Relative Bevölkerungsüberschüsse ermöglichten die Griechische Kolonisation. Homer und Hesiod verfassten in dieser Zeit mutmaßlich ihre Werke, die sich über die mittlerweile wieder benutzte Schrift schnell verbreiteten.
Die Bildung von Stadtstaaten (πόλεις póleis) wird abgeschlossen und es entstehen unterschiedliche Verfassungen. Die Saat des rapiden Aufstiegs in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. wurde schon in den „Dunklen Jahrhunderten“ gelegt. Es gab griechische Handelsstationen auf Zypern (vor allem Kition) und in Syrien (Al Mina). Von dort kann intensiver Handel mit Griechenland ab dem frühen 8. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen werden. Kontakte zu den Phöniziern gab es aber schon früher. Wahrscheinlich noch im 9. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Griechen das Alphabet von den Phöniziern. Durch intensivierte Kontakte mit Staaten im östlichen Mittelmeerraum gelangten nicht nur materielle Güter und künstlerische Anregungen nach Griechenland, sondern auch gesellschaftliche und religiöse Einflüsse. All das führte zu höherem Lebensstandard, einem Anwachsen der Siedlungen und zu wirtschaftlichem und politischem Aufschwung.
Antikes Anatolien
Dunkle Jahrhunderte Anatoliens oder bezeichnen den Zeitraum von ca. 1200–750 v. Chr. Der Begriff wurde vom türkischen Archäologen Ekrem Akurgal in Anlehnung an die Dunklen Jahrhunderte Griechenlands geprägt.z. B. Ekrem Akurgal: Das Dunkle Zeitalter Kleinasiens. In: Sigrid Deger-Jalkotzy (Hrsg.) Griechenland, die Ägäis und die Levante während der „Dark Ages“ vom 12. bis zum 9. Jh. v. Chr.: Akten des Symposions von Stift Zwettl (NÖ), 11-14. Oktober 1980. Wien 1983, S. 70ff.; Ekrem Akurgal: Alt-Smyrna I. Wohnschichten und Athenatempel. TTK Ankara 1983, S. 1–7. Über die Entwicklungen in dieser Zeit ist – von Ostanatolien und den teils griechisch besiedelten Küstenstreifen im Westen und Süden Kleinasiens abgesehen – wenig bekannt. Das liegt daran, dass es in weiten Teilen Anatoliens keine Schriftquellen aus dem genannten Zeitraum gibt und dieser auch archäologisch bisher nicht gut erforscht ist.