Alexandre Vlasov (* 1880 in Nowotscherkassk; † 1961) und sein Sohn Boris Vlasov (* 13. März 1913 in Odessa; † 2. November 1987 in Monaco) waren die führenden Mitglieder einer russischstämmigen, zunächst in Italien, später in Monaco ansässigen Reeder-Familie, die mit verschiedenen Schifffahrtsunternehmen seit 1925 die internationale See-Wirtschaft maßgeblich mitbestimmt hatte.
Insgesamt fuhren bislang über 1000 Schiffe für den Konzern. Die eigenen Schiffe waren ursprünglich erkennbar an einem großen „V“ am Schornstein; heute findet sich das „V“ in den Unternehmensnamen der Unternehmensgruppe. Die bekannteste aller Unternehmen der Vlasovs war die Sitmar-Line, die zu den Wegbereitern der internationalen Kreuzschifffahrt gehörte.
Herkunft und Unternehmensgründung Der Unternehmensgründer Alexandre Vlasov wurde geboren am Don, 30 km nordöstlich von Rostow. Seine Familie gehörte zur Volksgruppe der Donkosaken. Mit 13 Jahren verließ er seinen Heimatort und begab sich nach Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer. An der Universität von Odessa studierte er Bauingenieurwesen und nach Abschluss des Studiums arbeitete er als Sanitäringenieur bei der Stadtverwaltung von Odessa. Im Jahr 1910 heiratete er seine Frau Vera, drei Jahre später wurde sein Sohn Boris geboren. Da sich Vlasov während der Oktoberrevolution entsprechend seiner Familientradition gegen die Bolschewiki stellte, musste er 1917 aus Odessa fliehen, er selbst kehrte nie mehr nach Russland zurück. Es gelang ihm, seinen Sohn Boris mitzunehmen, zu seiner Frau verlor er in den Wirren der Revolution den Kontakt. Er siedelte sich in der rumänischen Hauptstadt Bukarest an und versuchte sich mit verschiedenen Geschäften, so auch mit Gebrauchtwagenhandel.
1925 konnte Vlasov eine Geschäftsbeziehung mit einer polnischen Kohlenmine eingehen und begann, kleine Mengen Kohle nach Rumänien zu importieren und hier zu verkaufen. Das Geschäft entwickelte sich erfolgversprechend und Vlasov begann, auch Länder rund um das Mittelmeer zu beliefern, insbesondere Italien war zu dieser Zeit der europaweit größte Kohleimporteur. Zum Transport der Kohle charterte er Schiffe von der rumänischen „Romania Prima Societate Nationale de Navigatione Maritima“, die in Bukarest ihr Hauptquartier hatte. Ende der 1920er Jahre konnte er in diesem Unternehmen zum Juniorpartner aufsteigen. Als er 1933 von der polnischen Mine die Exklusivrechte für den Verkauf in den Mittelmeerländern bekam, weitete er seine Geschäftsbeziehungen bis in die Türkei aus und konnte auch die rumänische Reederei als Eigentum erwerben. Fünf Schiffe mit je einer Tonnage zwischen 3.000 und 4.000 Tonnen liefen für Vlasov, von denen er drei der älteren ausmusterte und dafür drei neuere erwarb: Prabova, Siretul und Oltrul. 1934 wurde die Reederei eingetragen auf den Namen „"Alexandre Vlasov Societate de Navigatione"“: Vlasovs erstes selbst gegründetes Schifffahrtsunternehmen.
Im gleichen Jahr eröffnete Vlasov eine Niederlassung in Mailand, die „Sindacato Italiano Combustibili“, woraus das Acronym Sitcom entstand. Weiterhin expandierte er nach Griechenland und gründete die Reederei Scomar, abgeleitet von „Societe Commerciale et d’Armement SA“, die über drei Frachtschiffe verfügte, und Ende des Jahres 1934 gab es auch im ägyptischen Alexandria ein Büro „Ing. Alexandre Vlasov“, später umbenannt in "Overseas Shipping & Coal Trade Co Ltd.", auch Ovscot genannt.
Aber nicht nur im Mittelmeerraum verfolgte Vlasov seine Interessen. So kaufte er 1936 in London von dem Schiffsmakler Manuel Kulukundis ein Frachtschiff namens Campden Hill und gründete sogleich auch das britische Unternehmen "Campden Hill Steam Ship Co Ltd." als Betreiber des Schiffes. Die Flotte wurde sofort um die Schiffe Sunstone und Pearlstone erweitert. 1937 verkaufte Vlasov die Campden Hill wieder an die Japaner und gründete zwei weitere britische Unternehmen: Einmal als Schiffseigner das Unternehmen "The Alva Steam Ship Co Ltd.", für das er wieder mit Unterstützung des Unternehmens "Rethymnis & Kulukundis" eine Flotte von drei Schiffen auf britischen Werften bauen ließ; ihre Größe lag bei ca. 5.000 Tonnen, die Namen waren Lodestone, Gemstone und Starstone. Weiterhin gründete er die "Navigation & Coal Trade Co Ltd." als Schiffs-Makler- und -Betreiberunternehmen.
Da sich Alexandre Vlasov ohnehin meist in seinem Mailänder Büro aufhielt, nahm er die politischen Veränderungen in Rumänien zum Anlass, 1938 mit seiner Familie nach Italien umzusiedeln. Im gleichen Jahr beförderten die verschiedenen Unternehmen Vlasovs bereits rund 2 Millionen Tonnen Kohle, womit er zu einem der führenden „Kohlenhändler“ Europas wurde.
Obwohl er aus seinem Vaterland hatte fliehen müssen, blieb er seiner Heimat stets sehr verbunden und so hatte er bereits mit der Gründung der Mailänder "Sitcom" einen Agenten in Odessa eingesetzt. Dieser hieß Luiggi Valazzi und war der Sohn eines italienischen Akademikers, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach Odessa ausgewandert war und das Odessa-Büro der italienischen Schiffskompanie „Societa Italiana di Servizi Marittimi“, besser bekannt als Sitmar, leitete. Etwa zur gleichen Zeit wie auch Vlasov musste er aus Russland fliehen und ging nach Italien zurück. 1931 hatte dann die italienische Regierung die vielen verschiedenen Schifffahrtsdienste des Landes reorganisiert und die Linien, die Sitmar bedient hatte, dem „Lloyd Triestino“ übergeben. Seither war der Unternehmensname Sitmar unbenutzt. Als nun 1938 Vlasov nach Italien umsiedelte, brachte ihn sein Odessa-Agent Luigi Valazzi auf die Idee, diesen Namen wieder zu beleben. So wurde am 30. April 1938 die „Societa Italiana Transporti Marittimi SpA“ gegründet, die unter dem Acronym SITMAR weltweit bekannt wurde. Das Hauptquartier des Unternehmens lag in der Via del Conservatorio 15 in Mailand, aber es gab auch ein Büro in Genua. Alexandre setzte seinen Sohn Boris, der inzwischen ein Studium am Polytechnikum in Wien absolviert hatte, als Präsidenten des Unternehmens ein, Luigi Valazzi wurde Geschäftsführer.
Unternehmensentwicklung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Die ersten Schiffe der Reederei Sitmar wurden aus der britischen "Campden Hill Steam Ship Co Ltd." ausgegliedert und unter italienischer FlaggeGemäß Art. 91 des Seerechtsübereinkommens besitzen Schiffe die Staatszugehörigkeit des Staates, dessen Flagge sie berechtigt führen. Sie sind in das Schiffsregister des Flaggenstaates eingetragen und auf ihnen gilt die Rechtsordnung dieses Staates registriert, es waren die Sunstone und die Pearlstone, sie wurden umbenannt in Castelverde und Castelnuovo. Als drittes Schiff gesellte sich dazu die Castelbianco. Zu dieser Zeit waren die Schiffe des Unternehmens zu erkennen am schwarzen Schornstein mit einem großen weißen V.
1940 gründete Alexandre Vlasov in New York die "Alvion Steamship Corporation", registrierte deren Schiffe allerdings in Panama. Weiterhin entstand 1941 in Argentinien die „Compania Argentina de Navegacion de Ultramar SA“, kurz Canumar. Diese erhielt die bisher in Rumänien registrierten Schiffe Prabova und Oltrul sowie eine Tochtergesellschaft namens „Compania Sud Americana de Export & Import“, bekannt als Cosadex als Betreiberin zweier Fischtrawler.
Mit Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg befand sich die Castelbianco in argentinischen Gewässern, und da sich Argentinien offiziell neutral verhielt bzw. mit den Achsenmächten sympathisierte, lag das Schiff in Buenos Aires sicher. 1941 allerdings schlug sich das Land auf die Seite der Alliierten und italienische Schiffe wurden konfisziert.
Die Castelverde operierte mit Kriegsbeginn im Mittelmeer und wurde zur Nachschubversorgung für das Deutsche Afrikakorps unter General Rommel eingesetzt. Am 14. Februar 1942 wurde sie auf dem Seeweg zwischen Neapel und Tunis von dem U-Boot HMS UnruffledHMS Unruffled in der englischsprachigen Wikipedia bei Cap Bon torpediert und versenkt.
1943 erhielt Sitmar noch zwei Schiffe, die Italien von Frankreich erbeutet hatte, eines mit Namen Potenza, es sank am 20. August 1944 vor Marseille; das zweite namens Caltanisetta sank 1944 bei Viareggio.
Alexandre Vlasov selbst zog sich während des Krieges auf einen rund 5000 ha großen Bauernhof in der Nähe von Alta Gracia in der argentinischen Provinz Córdoba zurück, den er erworben hatte, als er die Canumar gründete. Das Land bewirtschaftete er allerdings nicht selbst, sondern vermietete es parzellenweise an ortsansässige Kleinfarmer, womit er die schädlichen Auswirkungen monokultureller Bodennutzung auf diesem großen Land erfolgreich verhinderte.Im Jahre 2004 existierte diese Farm noch immer und wurde vom ältesten Enkel Alexandre Vlasovs geführt. Hier musste er mit ansehen, wie er im Laufe des Krieges alle seine Schiffe einbüßte, letztendlich existierte von seinem Unternehmensimperium für lange Zeit nur noch der Name.
Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg Sofort nach dem Ende des Krieges begann Vlasov eine neue Flotte aufzubauen und nutzte dafür den Umstand, dass jetzt zahlreiche ausgediente Standard-Kriegsschiffe zum Verkauf standen. Er erwarb 1947 die Schiffe Vassar Victory und Wooster Victory, beide noch 1945 als Truppentransporter der "Victory"-Klasse mit einem schnellen Dampfturbinenantrieb gebaut und deshalb gut als Flüchtlingsschiffe geeignet.
Die Vassar Victory wurde unmittelbar nach ihrem Erwerb in Castelbianco umbenannt und unter italienische Flagge gestellt. 1952 wurde sie zum Passagierschiff umgebaut und die Tonnage von 7604 auf 10139 erhöht. Ihr neuer Name lautete danach Castel Bianco.
Die Wooster Victory, die zunächst unter argentinischer und panamaischer Flagge fuhr, wurde 1950 in Italien neu registriert und erhielt den Namen Castelverde. 1953 wurde auch sie zum Passagierschiff umgebaut, von 7607 auf 9006 Tonnen vergrößert und in Castel Verde umbenannt.
Weiterhin kaufte Alexandre Vlasov 1949 ein amerikanisches C3-Schiff,"C3" ist ein von der United States Maritime Commission standardisierter Schiffstyp, von dem in den Jahren 1940 bis 1947 insgesamt 465 Stück gefertigt wurden, insbesondere für Rüstungszwecke. das er in ein Passagierschiff für 1800 Personen, eine für diese Zeit unglaubliche Kapazität, umbauen ließ. Die Ausstattung war luxuriös, mit Suiten, Bars und Salons, ebenso Swimmingpool. Das Schiff erhielt den Namen Fairsea.
Später sollten alle Schiffe der Sitmar-Line das "FAIR" in ihrem Namen tragen, dazu einen gelben Schornstein mit einem großen, dunkelblauen V.
Vlasov ließ die drei genannten Schiffe im Charter für die International Refugee Organization (IRO), der Internationalen Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, als Emigrantenschiffe laufen.
1950 erwarb Vlasov ein weiteres C3-Schiff, das bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich hatte (siehe dazu Hauptartikel Steel Artisan), um es ebenfalls als Flüchtlingsschiff einzusetzen. Als aber 1952 die UN die Flüchtlingsfahrten einstellten, ließ er das Schiff 1952 zunächst in ein Transportschiff mit dem Namen Castel Forte umbauen.
Die anderen Schiffe gingen in den Service zwischen Genua und Australien bzw. Zentralamerika, wo sie im Wesentlichen für Auswandererüberfahrten eingesetzt wurden. Bereits mit diesen Schiffen wurde ein Renommee erworben, das für Sitmar charakteristisch werden sollte: Hervorragende Unterbringung, Verpflegung und Betreuung der Passagiere.Da auf den Auswandererschiffen ganze Familien reisten, organisierte die Reederei eine spezielle Betreuung für die Kinder, stellte geschulte Kinderschwestern für die Pflege der Kleinstkinder ein und sorgte für eine ärztlich kontrollierte Herstellung der Babynahrung. Die Erwachsenen erhielten die Möglichkeit, während der Überfahrt an Kursen zum Erlernen der englischen Sprache teilzunehmen.