Das Buch Didaktik der Musik von Michael Alt beinhaltet die erste in der Bundesrepublik Deutschland entstandene musikdidaktische Konzeption. Über Alts Konzeption schreibt Brigitta Helmholz: Wie sehr Alts Konzeption die deutsche Musikpädagogik prägte, geht nicht nur aus dem tatsächlich erfolgten Umbruch in der Praxis, sondern auch aus den bis in die heutige Zeit anhaltenden Zustimmungen beziehungsweise kritischen Auseinandersetzungen hervor.Helmholz, Brigitta: Musikdidaktische Konzeptionen in Deutschland nach 1945 (1996), S. 13.

Situation nach dem Zweiten Weltkrieg Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die auch als neomusische Phase bezeichnet wird, lässt sich wie folgt beschreiben:

Einerseits wurde die Musische Erziehung (nach dem Zweiten Weltkrieg als Musische BildungVgl. Gruhn, Wilfried: Geschichte der Musikerziehung (2003), S. 281. bezeichnet), die bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts das Bild des Musikunterrichtes prägte und anfangs beinahe ausschließlich aus Gesang[s]unterrichtAnmerkung: Ursprünglich war von „Gesangsunterricht“ die Rede. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich mehr und mehr die Bezeichnung „Gesangsunterricht“ durch (M.H.) bestand, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgegriffen und weitergeführt. (Anmerkung: Der Terminus „Musische Erziehung“ (später: „Musische Bildung“) geht auf das klassische griechische Erziehungs- und Gestaltungsprinzip der musiké zurück, welches Musik, Tanz und Dichtung als Einheit betrachtet. Der Begriff der musischen Erziehung fand besonders durch die Schrift „Musische Erziehung“ von Ernst Krieck (1933) seit den 1920er Jahren Eingang in die deutsche Musikpädagogik.Vgl. Noll, Günther: Musische Bildung (1999), S. 201.) Das Liedrepertoire (Volkslieder, Kinderlieder, Gesellschaftslieder usw.), aus dem sich deutsche Musikpädagogen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bedienten, bestand größtenteils immer noch aus Liedern der Jugendmusikbewegung (vgl. Wandervogelbewegung) Anfang des 20. Jahrhunderts und teilweise auch aus alte[m] Liedgut der Hitlerzeit mit Liedern von Baumann, Spitta, Rohwer, Bresgen usw.Vgl. Gruhn, Wilfried: Geschichte der Musikerziehung (2003), S. 282f.

Andererseits änderten sich im außerschulischen Bereich die Hörgewohnheiten der deutschen Jugendlichen in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg signifikant. Musikrichtungen wie Rock ’n’ Roll (in den 1950er Jahren) oder Beatmusik (in den 1960er Jahren) waren bei der schulischen Jugend sehr beliebt und verdrängten das Liedrepertoire der Jugendmusikbewegung – also die Musik der Elterngeneration. Darüber hinaus entstand ein neuer Jugendjargon, den die Generation der Erwachsenen nicht mehr verstand.Vgl. Gruhn, Wilfried: Geschichte der Musikerziehung (2003), S. 283. Die schulische Jugend befriedigte nun außerhalb der Schule ihre musikalischen Bedürfnisse mit „ihrer“ Musik (zum Beispiel Rock ’n’ Roll), während deutsche Musikpädagogen immer noch einer veralteten, gestrigen Ideologie der musischen Bildung nachhingen (zum Beispiel durch Singen von Volksliedern).

Forciert wurde die Verbreitung der Jugendmusik durch technische Mittler, wie dem Rundfunk, der Langspielplatte, dem Magnetophon (Tonbandgerät) oder dem Fernsehen, das zu Weihnachten 1952 sein erstes Programm ausstrahlte.Vgl. Gruhn, Wilfried: Geschichte der Musikerziehung (2003), S. 284. Diese Medien hatten ein nie zuvor erlebte Massenkommunikation zur Folge.Vgl. Gruhn, Wilfried: Geschichte der Musikerziehung (2003), S. 285.

Erste Ansätze des Umdenkens in der musikpädagogischen Forschung gab es um 1960, als die drei Aufgabenfelder von Musik (Singen, Musikkunde und Werkbetrachtung) formuliert wurden.Vgl. Heer, Josef: Musikerziehung an den mittleren Schulen (1964), S. 233. Diese didaktische Theorie forderte: in der Unterstufe – Singen (meist noch im Sinne der Musischen Bildung), in der Mittelstufe – Musikkunde, in der Oberstufe – Werkbetrachtung.Jank, Werner: Musikdidaktik (2005), S. 41. Jedoch gab es in der Praxis zwischen den Schularten signifikante Unterschiede: Während am Gymnasium sowohl Volks- als auch Kunstmusik behandelt wurde, wurde in der Volksschule lediglich Volksmusik gesungen und besprochen.Vgl. Jank, Werner: Musikdidaktik (2005), S. 41.

Forderung nach einer neuen Konzeption In seinem Buch „Didaktik der Musik“ stellte Michael Alt mehrere Forderungen für einen seiner Meinung nach zukunftsfähigen Musikunterricht auf, die er in drei folgenden Aspekten formulierte:

Realaspekt: Ziel sollte sein, dass der Jugendliche sich im disparaten Musikangebot zurechtfinden […], eine einsichtige Auswahl treffen und Sicherheit im verantwortlichen Gebrauch der Musik gewinnenAlt, Michael: Didaktik der Musik (1968), S. 16. kann. In diesem Zusammenhang forderte Alt, dass jeder Mensch in einer Demokratie das Recht besitze, sowohl an der Kultur als auch an der Kunst teilhaben zu dürfen. Für Alt war es wichtig, dass die ganze Musik, von der Volksmusik bis hin zur KunstmusikVgl. Alt, Michael: Didaktik der Musik (1968), S. 18. den Kindern und Jugendlichen in allen Schularten und Schulstufen, also sowohl in der Unter- als auch in der Mittel- und Oberstufe, musikpädagogisch vermittelt wird.Alt, Michael: Didaktik der Musik (1968), S. 15–18. Kunstaspekt: Alt postulierte eine Umwandlung des Gesang[s]unterrichtes in einen Musikunterricht, um der Interpretation von Musik mehr Raum zu geben. Unter Interpretation verstand Alt weniger das „Nachplappern“ von Musik, sondern vielmehr die Einfühlung, das Verstehen und das kunstvolle Nachgestalten im Wort im Sinne einer erlernbaren, systematisch angelegten „Auslegungslehre“.Alt, Michael: Didaktik der Musik (1968), S. 19. Sachaspekt: Weil neue Medien wie Radio und Fernsehen unentwegt Nachrichten und Informationssendungen ausstrahlten, verfügten Jugendliche bald über ein sehr breitgefächertes Wissen. Alt forderte nun für einen zukunftsweisenden Musikunterricht, dass dieses sehr bruchstückhafte Vorwissen der Heranwachsenden, also jene Kenntnisse und Erfahrungen, die Jugendliche in den Unterricht einbringen konnten, aufgegriffen, gesammelt, geklärt, systematisiert und vertieft werdenAlt, Michael: Didaktik der Musik (1968), S. 21. sollte.Vgl. Alt, Michael: Didaktik der Musik (1968), S. 20–22.

Die Konzeption im historischen Kontext Die Konzeption „Orientierung am Kunstwerk“ von Michael Alt orientierte sich an damals bekannten Ansätzen von Gustav Wyneken, August Halm (vgl. Wickersdorfer Kreis) sowie Theodor W. Adorno, die sich von der Musischen Bildung abwandten und die Reifung der Jugend am Bildungsgehalt echter Kunstwerke forderten.Vgl. Hopf, Helmut: Lexikon der Musikpädagogik (1984).

Insbesondere Theodor W. Adorno (1903–1969) setzte sich in seinen Schriften kritisch mit der vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschenden Musikerziehung auseinander. In Aufsätzen, wie „Thesen gegen die musikpädagogische Musik“Vgl. Adorno, Theodor: Thesen gegen die musikpädagogische Musik (1954). und „Zur Musikpädagogik“,Vgl. Adorno, Theodor: Zur Musikpädagogik (1958). griff Adorno die Ideale der musischen Erziehung an. In diesen Schriften postulierte er eine strikte Abkehr vom Musik-Dilettantismus, eine Abkehr von den Idealen der Jugendmusikbewegung und eine Hinwendung zu Musik mit ästhetischem Anspruch.Vgl. Adorno, Theodor: Kritik des Musikanten (1957), S. 67–94. Es ging Adorno um die Frage: Was wird gesungen, wie und in welchem Ambiente.Adorno, Theodor: Kritik des Musikanten (1957), S. 75. Daß einer fidelt soll wichtiger sein als was er geigtAdorno, Theodor: Kritik des Musikanten (1957), S. 69. beschreibt die Haltung Theodor W. Adornos gegenüber der Musik-Dilettanten. Zweck musikalischer Pädagogik ist es, so Adorno, die Fähigkeiten der Schüler derart zu steigern, daß sie die Sprache der Musik und bedeutende Werke verstehen lernen; daß sie solche Werke soweit darstellen können, wie es fürs Verständnis notwendig ist.Adorno, Theodor: Zur Musikpädagogik (1957), S. 102.

Darüber hinaus war auch Theodor Wilhelm, der in seinem Werk „Theorie der Schule“ eine neue Wissenschaftsschule, d. h. eine an den (Natur)Wissenschaften orientierte Schule, forderte, für Alt relevant. Wilhelm postulierte, dass auch die Künste […] eine Denkwelt sichtbar machen, aber eine Reflexionsebene anderer, nicht-verbaler Art. […] In der Kunst wird das Operationsfeld des Denkens erweitert. Der Kunstunterricht […] muß bewirken, daß der Schüler sich auch vor Kunstwerken zur Reflexion entschließt.Wilhelm, Theodor: Theorie der Schule (1969), S. 395 f. Reflexion stand hier stellvertretend für Interpretation. Diese wurde von Wilhelm explizit gefordert und von Alt als Grundlage für seine Konzeption übernommen. Die Begründung der Wissenschaftsschule von Wilhelm eröffnete eine ganz neue Perspektive und legitimierte das Fach Musik in der Schule als ein den anderen geisteswissenschaftlichen Fächern gleichrangiges Fach. Ziel aller musikdidaktischen Konzeptionen und Ansätze in dieser Zeit war es, die musische Erziehung in einen Musikunterricht umzuwandeln. Erst mit der musikdidaktischen Konzeption von Michael Alt gelang dies.Hopf, Helmut: Lexikon der Musikpädagogik (1984).

Bereits in den 1930er Jahren hatte Michael Alt Schriften, wie „Vom neuen Musikunterricht“ (1936) oder „Die Musikerziehung in der deutschen Schule“ (1939) publiziert, in denen er sich zu einer revolutionären, nationalsozialistischen, musischen ErziehungGreuel, Thomas: Das musikpädagogische Schaffen Michael Alts (1999), S. 87. bekannte. So gab er beispielsweise in seiner Schrift „Wesen und Wege der musischen Erziehung“ (1938) als Ziel der musischen Erziehung aus: Seelische Bewegung und Erregung durch das rhythmisch bewegte musische Tun [zu erreichen]: durch Singen, Sprechen von Dichtungen und gestaltete Körperbewegung.Alt, Michael: Wesen und Wege der musischen Erziehung. Antrittsvorlesung Hochschule für Lehrerbildung in Oldenburg, Oldenburg, 1938. Gleichzeitig aber bezog Alt kritische Position gegenüber Ernst Krieck.Vgl. Greuel, Thomas: Das musikpädagogische Schaffen Michael Alts (1999), S. 91. In den 1960er Jahren änderte sich der Begriff der „musischen Bildung“ bei Michael Alt. Zwar ist für Alt die griechische Idee des Musischen immer noch unersetzlich, weil sie die leib-seelische Grundschicht des Menschen anspreche, von der aus die Bildung in Gang gebracht […] werden müsse.Greuel, Thomas: Das musikpädagogische Schaffen Michael Alts (1999), S. 248. Jedoch sollte sie lediglich in der Unterstufe (also in der Grundschule) zum Tragen kommen. In den höheren Schulstufen (Mittelstufe und Oberstufe) sollte sie der Interpretation von und Reflexion über Musik, also der Verwissenschaftlichung von Musik weichen.Vgl. Greuel, Thomas: Das musikpädagogische Schaffen Michael Alts (1999), S. 248–250.

In seinem Artikel „Tendenzen der Musikdidaktik“ schreibt Dieter Zimmerschied, dass Theodor W.-Adorno und Michael Alt bereits sehr früh erste Zweifel an der Zeitgemäßheit und Legitimität der rein musischen MusikerziehungZimmerschied, Dieter: Tendenzen der Musikdidaktik (1981), S. 127f. äußerten, die noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg im Musikunterricht an deutschen Schulen bestimmte (vgl. „Situation nach dem Zweiten Weltkrieg“).

Die Konzeption von Michael Alt Allgemeines Das Buch „Didaktik der Musik“ erschien zwischen 1968 und 1980 in insgesamt fünf Auflagen. In den ersten beiden Auflagen trug das Buch den Untertitel „Orientierung am Kunstwerk“, der 1973 ersatzlos gestrichen wurde. Als Begründung für die Streichung des Untertitels gab Alt an, beide Bestandteile des Begriffes „Kunstwerk“ seien in einen mehr ideologischen als ästhetischen Streit hineingeraten und widersprächen deshalb den Intentionen und Ausführungen des Buches.Vgl. Greuel, Thomas: Das musikpädagogische Schaffen Michael Alts (1999), S. 270. Im ersten Teil des Buches „Didaktik der Musik“ geht Alt auf die „Situation der Musikpädagogik“ ein. Teil II beinhaltet die Funktionsfelder „Reproduktion“, „Interpretation“, „Information“ und „Theorie“, die im folgenden Punkt näher erläutert werden.