Das Valle Varaita, auch Val Varaita oder Varaitatal, ist ein etwa 50 km langes piemontesisches Tal im italienischen Teil der Cottischen Alpen. Es gehört zur Provinz Cuneo und umfasst mit seinen 14 Gemeinden und knapp 18.000 Einwohnern eine Fläche von 47.134 ha.Tab.3 zur Bevölkerung der Berggemeinden, Website der Region Piemont. Namensgeber ist die etwa 100 km lange Varaita, deren beide Oberläufe sich bei Casteldelfino vereinen; von dort fließt die Varaita ostwärts durch das Tal. mini|Übersichtskarte des Varaitatals mit seinen Gemeinden, Gewässern und Pässen sowie der Lage der Nachbartäler

Geographie mini|links|Die Varaita bei Melle mini|Der Col Agnel am Nordwestende des Varaitatales mini|Über dem Col Agnel erheben sich die beiden Gipfel des Pain de sucre und des Pic d'Asti, die beide über 3200 m hoch sind, rechts der Monviso, der mit 3841 m höchste Berg der Cottischen Alpen Das Tal weist eine Länge von 32 km auf, wobei es von Ost nach West, von Costigliole Saluzzo bis zum Col Agnel (Colle dell'Agnello), von etwa 400 m bis auf mehr als 3000 m ansteigt.

Zwischen dem Oberlauf der Varaita und des Po liegt der 3841 m hohe Monviso (Monte Viso), der höchste Berg der Cottischen Alpen. Das Varaitatal verläuft west-östlich vom Alpenhauptkamm bis zur Poebene, genauer gesagt den Collinari di Verzuolo und Costigliole Saluzzo. An diesem Gebirgskamm, der hier mit der französischen Grenze zusammenfällt, entspringen die beiden Quellflüsse der Varaita, die Varaita di Bellino und die Varaita di Chianale. Diese beiden fließen bei Casteldelfino zusammen. Die Varaita nimmt eine Reihe von Bächen und Flüssen auf, von denen linksseitig eine Reihe die Valloni di Gilba und di Isasca durchfließen, rechtsseitig die Valloni di Valmala und di Lemma. Der Talausgang liegt rund 10 km südlich von Saluzzo. Die Varaita fließt von dort nach Nordost und mündet nach etwa 30 km in den Po, dessen Quelle gleichfalls im Gebiet des Monviso liegt, nämlich im Valle Po.

Paralleltäler zum Varaitatal sind das Valle Po im Norden und das Valle Maira im Süden - hinzu kommt das kleine Valle Bronda im Nordosten. Westlich schließen sich auf der französischen Seite die oberen Täler der Ubaye und des Guil an.

Die 14 Talgemeinden vom Ausgang des Tales betrachtet sind: Verzuolo (420 m), Costigliole Saluzzo (476 m), Piasco (480 m), Rossana (535 m) und Venasca (549 m) im untersten Tal. Dann folgen Isasca (660 m), Brossasco (587 m), wo sich das Vallone di Gilba öffnet, schließlich folgen westwärts Melle (683 m) und Valmala (831 m), Frassino (750 m) und Sampeyre (971 m) sowie Casteldelfino (1296 m), wo sich das Varaitatal aufteilt, nämlich in das Valle di Bellino Richtung Westen mit der Gemeinde Bellino und der Varaita di Bellino als Namensgeber, sowie das Varaitatal nordwestwärts mit der Gemeinde Pontechianale (1610 m) und dem weiter oberhalb gelegenen Chianale (1797 m). Der Bach, der den Talboden dort durchfließt, ist die Varaita di Chianale.

Spätestens seit den Römern ist der Bosco dell’Alevé, der Alven- oder Zirbenwald bekannt, der sich nördlich von Casteldelfino erstreckt. Seine Baumbestände sind bis über 600 Jahre alt und der Wald dehnt sich über eine Fläche von 825 ha in Höhen zwischen 1500 und 2500 m aus.il Territorio/le Territoire, escartons.eu, S. 16. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er bei militärischen Auseinandersetzungen in großem Ausmaß zerstört, um Palisaden zwischen dem Monviso und den Flanken des Monte Pelvo zu errichten. Da das Holz beim Verbrennen stark raucht, war es als Brennholz nicht zu gebrauchen, allerdings ist es in jungen Jahren leicht zu bearbeiten. Weite Teile des ursprünglichen Habitats wurden seither von Lärchen besiedelt. Erst 1949 und deutlicher im Jahr 2000 wurde der Zirbenwald unter Schutz gestellt.

Verkehr und Wegesystem Den Hauptzugang für den Straßenverkehr stellen die strade provinciali n. 8 und 105 dar. Sie reichen von Costigliole Saluzzo bis ins obere Tal, bzw. bis Queyras durch das Valico dell'Agnello. Costigliole Saluzzo ist wiederum durch die Autostrada A6 Turin-Savona, bzw. die Strada statale Laghi di Avigliana verbunden. Straßenverbindungen bestehen über den Colle di Sampeyre 2284 m nach Elva im Maira-Tal sowie über den Colle dell’Agnello 2748 m ins französische Queyras.

Busverbindungen bestehen zwischen Turin über Saluzzo ins Valle Varaita mit den autolinee ATI S.p.A., Saluzzo (CN), sowie über Fossano und Savigliano, die die autolinee Gunetto, Fossano (CN) betreiben. Darüber hinaus bestehen Verbindungen nach Nizza-Cuneo-Savigliano (autolinee Allasia, Savigliano), schließlich über die strada provinciale Brossasco-Valmala und Casteldelfino-Bellino.

Bahnverbindungen bestehen bis Costigliole Saluzzo und Verzuolo.

Das obere Varaita-Tal wird von Fernwanderwegen des Systems Grande Traversata delle Alpi / Via Alpina / Sentiero Italia gequert.

Geschichte Zahlreiche Petroglyphen deuten darauf hin, dass das Tal spätestens seit der Bronzezeit besiedelt worden ist. Dabei lässt sich eine frühe pastorale Kultur fassen. Auch lässt sich die keltische Bevölkerung anhand von Ortsnamen nachweisen. Der Name des Tales stammt aus dem Keltischen.Roberto D'Amico: L'anima segreta della Val Varaita. Viaggio insolito alle radici della storia tra reperti archeologici, simboli, miti e leggende, Priuli & Verlucca, Aosta 2000, S. 18. mini|Stillende Maria in der Kirche Pietro e Paolo von Sampeyre mini|links|Inschrift an der Kirche von Venasca: „Hoc portale fecit fieri bresbyter Jacobus Zavateri MCCCCLXVIII“ (sinngemäß: Dieses Portal ließ Presbyter Jacopo Zavateri 1468 anfertigen). Die älteste erhaltene Widmungsinschrift des mittleren Tales befindet sich an der Casa Clary in Piasso in der Kommune Sampeyre. Sie stammt aus dem Jahr 1455.Almerino De Angelis: Indagine preliminiare su gruppi di incisioni postmedioevali della media val Varaita (Cuneo), in: Archeologia Postmedievale 10 (2006) 81–105, hier: S. 84. Mit der Schenkung des Jahres 998 durch Otto III. kam das Tal an den Bischof von Turin, Amizo oder Adam (983–998). In dieser Urkunde, ausgestellt in Pavia, erscheint zum ersten Mal der Name des Tales „quae vulgo dicitur vallis Varaitana“.Theodor Sickel (Hrsg.): Diplomata 13: Die Urkunden Otto des II. und Otto des III. (Ottonis II. et Ottonis III. Diplomata), Hannover 1893, n. 302, S. 727 f. (Digitalisat).

Das obere Tal gehörte allerdings vom 13. Jahrhundert bis 1713 zur Dauphiné. Dabei bewahrte sich das Gebiet als eines der Escartons weitgehende Autonomie. Als escartons bezeichnete man diejenigen Gebiete, die zu gleichen Teilen bestimmte Abgaben und Leistungen für die Dauphiné erbringen mussten, sich aber ansonsten eine umfassende Autonomie sichern konnten. 1343 kauften die Gemeinden dem Grundherrn seine Rechte ab, so dass eine Art „Bauernrepublik“ entstand. Dabei erhielt der Hauptort der Castallata, Casteldelfino, eine mächtige Burg, die in einer Karte von 1421/22 als „Iacium Chastelleti“ erscheint.Elena Papa: Riflessi delle attività pastorali nella toponomastica alpina del Piemonte: varietà e diffusione della terminologia legata all'insediamento stagionale, in: Emili Casanova Herrero, Cesáreo Calvo Rigual (Hrsg.): Actas del XXVI Congreso Internacional de Lingüística y de Filología Románicas. Valencia 2010, Band 5, Walter de Gruyter, 2013, S. 235–246, hier: S. 242. Die Grenze verlief bei Sampeyre, dem heutigen Hauptort des Tales, wo sich mit der Casa Clary di Sampeyre das älteste datierte profane Haus des Tals befindet. Es wurde 1455 errichtet.Claudia Bonardi: Le case alte nelle terre occitane: abitazioni della nobiltà dei pascoli in Valle Maira, in: Antonella Greco (Hrsg.): Dalla torre alla torre piezometrica, Edizioni Kappa, Turin 2013, S. 41–86, hier: S. 51 (, PDF).

Casteldelfino hieß ursprünglich Villa S. Eusebio und lag weiter flussabwärts. Nach der verheerenden Überflutung des Jahres 1391 wurde der Hauptort im Borgo di S. Margherita wiederaufgebaut. Der anscheinend von Humbert II. beigelegte Name Castrum Delfini verweist auf die Burg, die 1336 errichtet worden war. Diese wurde 1690 weitgehend zerstört, so dass heute nur noch Reste der Umfassungsmauer erhalten sind. Vom 1391 zerstörten S. Eusebio blieb nur die Kirche aus dem 12. Jahrhundert bestehen. Bellino, das ebenfalls zur Kastellanei Casteldelfino gehörte, führt seinen Namen auf den keltischen Gott Belenus zurück. Wahrscheinlich geht er jedoch auf das französische belins zurück, das die Ziegen bezeichnete. Bellino wiederum besteht aus zwei Borgate, nämlich dem Cartier n’Aval (dem unteren Quartier), das wiederum aus den Kernen Ribiera, Masdelbernard, Chiesa, Fontanile, Blas und Pleyne besteht, sowie dem Cartier n’Aout (dem oberen Quartier), das aus den Borgate Prafauchier, Celle und Chiazale gebildet wird.

Trotz der formalen Herrschaft unter Umberto II Delfino, Humbert II., gelang es den Tälern, ein großes Maß an Autonomie zu wahren, die am 29. Mai 1343 in den rechtlichen Rahmen der Grande Charte des libertés briançonnaises gegossen wurden. Die Bewohner von 51 Orten galten als „uomini liberi, franchi, borghesi“, als freie Männer, Freie, Bürger.Claudia Bonardi: Le case alte nelle terre occitane: abitazioni della nobiltà dei pascoli in Valle Maira, in: Antonella Greco (Hrsg.): Dalla torre alla torre piezometrica, Edizioni Kappa, Turin 2013, S. 41–86, hier: S. 56 f. Wichtiger Wirtschaftsfaktor im Val Varaita war die Gewinnung von Eisen, insbesondere im Vallone di Bellino um den namensgebenden Ort, aber auch dessen Bearbeitung in zahlreichen Schmieden und Glockengießereien.Almerino De Angelis: La metallurgia a Venasca fra Tre e Cinquecento, in: Rinaldo Comba (Hrsg.): Miniere fucine e metallurgia nel Piemonte medievale e moderno. Convegno di Rocca de' Baldi, domenica 12 dicembre 1999, Rocca de' Baldi 1999, S. 201–236 und Ders.: Ad pulsandum campanas: campane e campanari in Val Varaita nel Cinquecento, in: Rinaldo Comba (Hrsg.): Miniere fucine e metallurgia nel Piemonte medievale e moderno, 1999, S. 237–256; Ders.: La lavorazione del ferro a Sampeyre nella seconda metà del Cinquecento, in: Novel temp 46 (1995) 36–46. Erst später wurde bei Brossasco vom Ende des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Marmor gebrochen.Almerino De Angelis: Indagine preliminiare su gruppi di incisioni postmedioevali della media val Varaita (Cuneo), in: Archeologia Postmedievale 10 (2006) 81–105, hier: S. 81.

Trotz Zugehörigkeit zur Dauphiné genossen die höher gelegenen Täler eine erhebliche Autonomie, so dass sie beinahe freie „Bauernrepubliken“ bildeten. Das Mairatal war dabei die kleine Schwesterrepublik des bis ins Varaitatal reichenden Bundes von Briançon. Dem Bund von Briançon, der lange vor 1343 entstand und bis 1713 existierte, gehörten zehn „Täler“ an, also zu Talschaften zusammengefasste Berggemeinden, die allerdings nur über die oberen Teile des jeweiligen Tales verfügten. Diese waren im Varaitatal die Gemeinden Casteldelfino, Pontechianale und Bellino. Der politische Kern bestand um Briançon und das Tal der Durance bis südlich von l'Argentière-la-Bessée, das Haut Queras (Guil-Tal) bis hinab zum Chateau Queyras auf etwa 1200 m Höhe, und den Col de Montgenèvre (1854 m), den wichtigsten Pass zwischen Oberitalien und Südfrankreich. Der Bund beherrschte in den Cottischen Alpen das gesamte Susatal, das obere Chisonetal oberhalb von Perosa und das oberste Varaita-Tal mit den besagten drei Gemeinden. Diese Gemeinden der „Bauernrepublik“ kauften ihrem Grundherrn, dem Dauphin, für 12.000 Dukaten im Jahr 1343 alle grundherrschaftlichen Rechte ab. Diese enorme Summe war Ausdruck einer entsprechenden Wirtschaftskraft, die sich durch die Lage an der wichtigen Passstraße nun weiter erhöhte. 1713 wurde der Bund jedoch im Frieden von Utrecht zwischen Frankreich und Savoyen aufgeteilt. Es war eben nicht die Aufteilung entlang einer unwirtlichen Grenze, sondern der beiderseitige Griff nach einer prosperierenden Landschaft mit ihren grenzübergreifenden Verbindungen, die sich deutlich von den Ebenen abgrenzte.