Hans Josef SachsRené Grohnert: Neue Erkenntnisse über die Sammlung Sachs im Jahr 1938 / Nachtrag: Juni 2009 (.pdf) / Hans Sachs – Der Plakatfreund / Ein außergewöhnliches Leben 1881–1974, auf der Seite des Deutschen Historischen Museums vom Juni 2009, zuletzt abgerufen am 4. Januar 2019 (Pseudonyme unter anderem B. Kiesewetter, Karl Karrenbach und Fritz Hasemann;Christian Koch: Werbung für den Großen Krieg: Bildpropaganda für deutsche Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg, 1. Auflage, Hamburg: Bachelor + Master Publishing, 2015, ISBN 978-3-95684-887-2, S. 18; * 11. August 1881 in Breslau; † 21. März 1974 in New York City) war ein deutschamerikanischer Zahnarzt und ein engagierter Sammler von Gebrauchsgrafik – vor allem von Plakaten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – und Mitbegründer des deutschen „Vereins der Plakatfreunde“. Seine beispiellos umfangreiche, kulturhistorisch wertvolle Privatsammlung blieb trotz der politischen Wirren des 20. Jahrhunderts zu etwa einem Drittel erhalten und befand sich bis zur Rückgabe an den Sohn und Erben Peter Sachs in der Obhut des Deutschen Historischen Museums.
Die Anfänge mini|Otto Fischer: Alte Stadt (1896) Über Kindheit und Jugend von Hans Josef Sachs ist kaum etwas bekannt. Er besuchte das König-Wilhelm-Gymnasium in Breslau. Die Familie zog 1899 nach Berlin. Sein Vater Wilhelm Sachs (1849–1929) und Großvater Josef Wilhelm Sachs (1818–1879) waren renommierte Zahnärzte. Seinem Vater werden große Verdienste um die Entwicklung der konservierenden Zahnheilkunde in Deutschland zugeschrieben. Die erste Begegnung mit dem späteren Gegenstand seiner Sammelleidenschaft hatte Sachs 1896/97 als Schüler des Breslauer Gymnasiums in der vollständig mit Plakaten dekorierten Stube eines Klassenkameraden. Dem Besucher fiel besonders „Die Alte Stadt“ von Otto Fischer auf, ein Blatt, das rückblickend vielfach an den Anfang der Entwicklung moderner deutscher Plakate gesetzt wird. Aus Frankreich, wo die Entwicklung schon weiter fortgeschritten war, konnte Sachs einige großformatige, plakatartige Grafiken von Alfons Mucha beschaffen. Französische Plakatkunst blieb dann auch ein Schwerpunkt seiner Sammlung.
Berlin war neben München der Ort, in dem das deutsche Plakat zwischen 1900 und 1914 seine größten Fortschritte auf dem Weg in die Moderne machte. Maßgebliche Künstler wie Lucian Bernhard, Edmund Edel, Hans Rudi Erdt, Julius Klinger, Ernst Deutsch, Peter Behrens, Emil Orlik arbeiteten zusammen mit hochqualifizierten Druckereien wie „Hollerbaum & Schmidt“. Das relativ neue Medium Plakat in seiner modernen Form fand damals starke Resonanz in der Öffentlichkeit. Interessierte Laien und Kunstschriftsteller beschäftigten sich damit. Sachs vergrößerte seine Sammlung während seiner beruflichen Ausbildung. Er studierte Chemie in Berlin, promovierte 1904 in Freiburg und arbeitete für kurze Zeit in einem chemischen Betrieb in Erkner bei Berlin. Ein Jahr später änderte er seine Pläne und begann, ganz in der Tradition der Familie, mit dem Studium der Zahnmedizin. Nach seiner Approbation als Zahnarzt 1908Andreas Mettenleiter: Selbstzeugnisse, Erinnerungen, Tagebücher und Briefe deutschsprachiger Ärzte. Nachträge und Ergänzungen III (I–Z). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 22, 2003, S. 269–305, hier: S. 289. arbeitete er zunächst in der Praxis seines Vaters.
Zahnärztliche Laufbahn Seit 1908 in Berlin niedergelassen, beschäftigte sich Hans Sachs wissenschaftlich vor allem mit Fragen der Parodontose. Er veröffentlichte sechs Monografien und 23 Zeitschriftenbeiträge und Buchkapitel, darunter die Kapitel „Pflege des Mundes und der Zaehne“ und „Paradentitis und Paradentose“ im Band II. des Handbuchs der Zahnheilkunde (München, 1924) sowie „Die Behandlung lockerer Zaehne nach Younger-Sachs. Ein Leitfaden“ (Berlin, 1929). Im Jahre 1924 gründete er gemeinsam mit Oskar Weski (1879–1952) und Robert Neumann (1882–1958) die Arbeitsgemeinschaft für Paradentosen-Forschung (ARPA), aus der 1971 die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DGParo) hervorging. Sie schrieb sich unter anderem die Standardisierung der Befunderhebung (inklusive Dokumentation von Zahnbetterkrankungen) und der Fachterminologie auf die Fahnen („Parodontosestatus“) und leistete so einen wichtigen Beitrag zur Aufwärtsentwicklung des um Anerkennung ringenden Spezialfachs. 1929 konnte die ARPA zudem die erste Ausgabe ihrer Fachzeitschrift „Paradentium“ herausgeben. Im gleichen Jahr meldete Sachs zwei Patente an, eines für einen „Tiefenmesser zum Messen der Tiefe der bei Paradentose zwischen Zahnfleisch und Zahn gebildeten Taschen“, das zweite für ein „Werkzeug zum Ausschürfen der Zahnfleischtaschen bei der Paradentosebehandlung“. 1932 erfolgte die Gründung der „ARPA Internationale“, die unter anderem Zahnärzte aus Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, der Schweiz und der Tschechoslowakei versammelte.Die Herausbildung der Spezialdisziplinen, Zahnärztliche Mitteilungen, 1. Juni 2016, Heft 11/2016, abgerufen am 1. Februar 2020.
Der Verein Im Dezember 1905 war Sachs als treibende Kraft einer von sechs Gründern des Sammlervereins Verein der Plakatfreunde. Lucian Bernhard wurde als „künstlerischer Beirat“ gewonnen und entwarf das Vereinslogo. Zum Vereinssymbol wurde die „Plakattante“: eine Dame im Biedermeierkostüm betrachtet durch eine vorgehaltene Scherenbrille die Initialen des Vereins.Vereinsplakat mit „Plakattante“ Vorträge, gesellige Zusammenkünfte und Tauschhandel mit Plakaten bestimmten das Vereinsleben. Als nach anfänglich lebhaftem Zuspruch die Entwicklung stagnierte, schlug Sachs 1909 die Gründung einer Zeitschrift vor, um dem Verein einen professionelleren Charakter zu verleihen. Er selbst übernahm die Vorarbeiten und die Schriftleitung, trotz starker beruflicher Belastung und obwohl er nach eigener Aussage von den technischen und organisatorischen Notwendigkeiten „keinen blauen Dunst“ hatte.Biografischer Text des Deutschen Historischen Museums Grundkenntnisse verschaffte er sich in einer kleinen Berliner „Druckerei der Bibliophilen“, die erste Ausgabe der Zeitschrift „Das Plakat“ erschien 1910 mit 200 Exemplaren, erwies sich in Inhalt und Gestaltung als vollwertige Kunstzeitschrift und war national und international außerordentlich erfolgreich; bis 1914 stieg die Auflage auf 2400. Entsprechend wuchsen der Bekanntheitsgrad des Vereins und seine Mitgliederzahlen, außerhalb Berlins entstanden weitere Ortsgruppen.
Sachs hatte 1910 geheiratet, 1913 bezog er ein Haus in Berlin-Nikolassee. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 wurde er zum Heeresdienst eingezogen, vier Monate später aber wieder entlassen. Während der Kriegsjahre schrieb er alle Texte der Vereinszeitschrift selbst, dazu verwendete er mindestens drei Pseudonyme. Auch die Leitung des Vereins lag allein in seinen Händen. Nach Kriegsende wurde der angesehene „Verein der Plakatfreunde“ noch mit einigen öffentlichen Aufgaben betraut, so bei einem Wettbewerb um die Briefmarken der jungen Weimarer Republik und bei einer Veröffentlichung über das für Deutschland neue Genre des politischen Plakates. Sachs war eindeutig die bestimmende Persönlichkeit des Vereins, Berlin seine beherrschende Zentrale. Aus dieser nicht allseits akzeptierten Struktur ergaben sich jedoch Spannungen, die nach verschiedenen vereinsinternen Auseinandersetzungen am 21. April 1922 zur endgültigen Auflösung führten. Unabhängig von diesen Vorgängen war schon seit etwa 1920 immer deutlicher geworden, dass der Sammler- und Liebhaberverein den wachsenden Ansprüchen interessierter Berufsgruppen – vor allem der Gebrauchsgrafiker – an eine Standesvertretung nicht entsprechen konnte, zu einer grundlegenden Umwandlung aber auch nicht in der Lage war.
Pflege der Sammlung Sachs hatte die vielfältigen Kontakte aus Verein und Zeitschrift intensiv zur Vergrößerung seiner Sammlung nutzen können. Bis etwa 1910 waren die wichtigsten Beispiele der internationalen Plakatentwicklung seit Ende des Historismus darin vertreten, auch nach 1918 gelangten noch internationale Blätter in seine Kollektion. Danach kamen fast ausschließlich deutsche Plakate hinzu. Eduard Fuchs konnte 1921 auf Sachs’ Sammlung politischer und dezidiert antisemitischer Plakate aus dem hermetisch abgeschlossenen Horthy-Ungarn zugreifen.Eduard Fuchs: Die Juden in der Karikatur: ein Beitrag zur Kulturgeschichte. Nachdr. d. Ausg. München, Langen, 1921, 1985, S. 275
Die Auflösung des „Vereins der Plakatfreunde“ war für Sachs eine schmerzliche Erfahrung. Seine Sammlung brachte er auf dem Dachboden seines Hauses unter und sah sie drei Jahre lang nicht mehr an. Er ging jetzt verstärkt seinem Beruf als Zahnarzt nach; 1925/26 war er als Beisitzer der staatlichen Filmprüfstelle tätig. Die Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“, die 1924 erstmals erschien, würdigte in der Einführung zum ersten Heft seine Verdienste. In diesem Text hieß es: „Herr Dr. Sachs […] hat das Verdienst, den Boden für unsere Arbeit bereitet zu haben und das Verständnis für künstlerische Werbemittel in Deutschland erweckt und gefördert zu haben. Ihm gebührt der bleibende Dank aller Fachgenossen.“Biografischer Text des Deutschen Historischen Museums. Anmerkung Nr. 55
Ein Brand auf dem Dachboden seines Hauses, der allerdings kaum Schäden an der Sammlung verursachte, veranlasste Sachs, sich wieder intensiver mit seinen Plakaten zu beschäftigen. Schwerpunkt war nun nicht mehr das Sammeln, sondern die Präsentation der Bestände. Der namhafte Architekt Oskar Kaufmann entwarf einen Anbau, in dem Sachs sein „Museum der Gebrauchsgraphik“ einrichten wollte. Die Arbeiten waren 1926 abgeschlossen, die Sammlung nun vorbildlich untergebracht und durch eine detaillierte Kartei erschlossen. Sachs nannte zu diesem Zeitpunkt die Anzahl von 12.300 Plakaten (neben 18.000 kleineren gebrauchsgrafischen Arbeiten). In den folgenden 12 Jahren kamen nur 200 Blätter hinzu, die Sammlung erfasste also die Entwicklung des Plakatwesens bis etwa zur Mitte der 1920er Jahre; die Bauhaus-Plakate waren nicht mehr vertreten.
Vertreibung und Exil Sachs hatte nach seiner Approbation in einer Privatpraxis am Kurfürstendamm praktiziert und Vorträge über Parodontalerkrankungen gehalten. 1933 hatte Sachs den Preis der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde erhalten. Er hatte eine umfangreiche Zahnstochersammlung, die später nach Köln in den Besitz des Forschungsinstituts für Geschichte der Zahnheilkunde gelangte, zusammengetragen.Andreas Mettenleiter: Selbstzeugnisse, Erinnerungen, Tagebücher und Briefe deutschsprachiger Ärzte. Nachträge und Ergänzungen III (I–Z). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 22, 2003, S. 269–305, hier: S. 289.
In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geriet auch Sachs als Jude zunehmend in Schwierigkeiten, obwohl er keine engen Bindungen zur jüdischen Gemeinde hatte. In einem privaten Brief schrieb er 1965 zur Frage seiner jüdischen Herkunft, er müsse: „mit einem Gefuehl gewisser Verlegenheit sagen, dass solche Beziehungen in meiner und meiner Frau Familie seit 5 Generationen nicht mehr bestanden haben“, es bestünde da „keinerlei Beziehung ausser grosser Achtung für jede Aeusserung religioesen Glaubens bei anderen“Biografischer Text des Deutschen Historischen Museums. Anmerkung Nr. 61.