mini|350px|Ansicht von Glüsig etwa um 1820Handkolorierte Lithographie von C. A. Eyraud mit Baumschul-Anlagen. In der Bildmitte, wie auch im Althaldensleber Klosterpark, eine Insel mit einer Pappelgruppe – im vorderen Glüsiger Teich. Die Handelsgärtnerei zu Althaldensleben (auch als Handelsgarten, Plantagen oder Baumschulen zu Althaldensleben bezeichnet) betrieb mehrere Baumschulen in Althaldensleben, Hundisburg und Glüsig. Sie war ein Bestandteil der Nathusius Gewerbeanstalten und gehörte Mitte des 19. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Baumschulen Deutschlands.Nach manchen Quellen wurde sie auch als größte Baumschule Deutschlands ihrer Zeit bezeichnet, gem. Landschaftspark Althaldensleben-Hundisburg, z. B. in einem unbekannten Verzeichnis von Landschaftsparks, vermutlich von der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft herausgegeben, etwa 1989, S. 24 ff wie auch bei O. Dieskau: Das Kloster-Vorwerk Güsig. Ihre Anfänge liegen etwa im Jahr 1815 und sie bestand bis in die 1890er Jahre.
Vorgeschichte Der Magdeburger Kaufmann und Tabakfabrikant Johann Gottlob Nathusius hatte in den Jahren 1810 und 1811 das säkularisierte Kloster Althaldensleben und das benachbarte Schloss Hundisburg mit einem weiteren Gutsbetrieb erworben. Zum vormaligen Zisterzienserinnenkloster in Althaldensleben gehörte ein land- und forstwirtschaftliches Hauptgut von etwa 1.200 Hektar Größe sowie ein landwirtschaftliches Vorwerk in Glüsig mit weiteren 200 Hektar Landbesitz.Es werden für das Althaldensleber Gut 5.000 Morgen Grundbesitz exklusive 800 Morgen in Glüsig genannt, gem. Wochenschrift des Vereines zur Beförderung des Gartenbaus S. 358. Das Schlossgut Hundisburg umfasste Land- und Forstbesitz von etwa 800 Hektar. Auf dem Gesamtareal errichtete Nathusius ab 1811 einen frühindustriellen Gewerbekomplex, zu dem auch eine Handelsgärtnerei mit umfangreichen Baumschulen gehörte.
Baumschulen Die ersten Baumschulen der Gewerbeanstalt entstanden etwa 1815 aus dem Anbau von Tabak für die Magdeburger Tabakfabrik von Nathusius sowie von anderen Handels-Nutzgewächsen, wie Hopfen, Krapp, Waid und Karden. Auch mussten bald Obstbäume zur Verwendung auf eigenen Obstplantagen und schließlich Gewächse für die Anlage des großen Althaldensleber Landschaftsparkes gezogen werden.Landschaftspark Althaldensleben-Hundisburg. In: unbekanntes Verzeichnis von Landschaftsparks, vermutlicher Hrsg. ist die DDG, etwa 1989, S. 24 ff. Zu Beginn gab es noch keine klare Trennung zwischen Eigenbedarf und Handelsgeschäft. Der Breslauer Oekonomie-Professor Friedrich Benedict Weber, der auf seinen „ökonomischen Reisen“ in den Jahren 1814 bis 1817 auch in Althaldensleben war, beschrieb die damals allerdings bereits als separate Kostenstelle und Abteilung („Departement“) geführten „Plantagen und Gärten zu Althaldensleben und Hundisburg“:
Anders als die bereits etablierten Tabak-, Porzellan- und Maschinenfabrikenin diesen Betrieben wurde bereits mit der doppelten Buchführung gearbeitet der Gewerbeanstalten wurden beim Besuch Webers’ in der Plantagenverwaltung das Rechnungswesen noch in Form der Kameralistischen Buchhaltung geführt. Auch das weist darauf hin, dass Nathusius zu diesem Zeitpunkt die Baumschulen noch nicht wesentlich gewerblich betrieb. Bereits kurze Zeit später sollten sie aber erheblich zum Umsatz und Gewinn seines Konzernes beitragen. Nathusius, der bereits während seiner Zeit in Magdeburg auf der Werder-Insel einen öffentlich zugänglichen Park angelegt hatte, sah in der Anlage einer Pflanzenhandlung jedoch nicht nur die Möglichkeit eines neuen Geschäftszweiges. Im Vorwort zum Verkaufskatalog von 1827 schrieb er:
mini|August Dieskau (1805–1889)Gouache-Bild von ca. 1830, im Besitz des Museums Haldensleben Die erste Baumschule legte Nathusius auf Ländereien des Vorwerkes Glüsig an.Christina Heil [?]: Johann Gottlob Nathusius – ein Wegbereiter der Haldensleber Industrie, in einer unbekannten Publikation vom August 1992. Neben dem Anbau von Handelsware (Malvenstauden zur Farbenherstellung) erfolgte hier vorwiegend die Aufzucht von Obstbäumen.Otto Dieskau: Das Kloster-Vorwerk Glüsig. Zunächst gab es Rückschläge, so ließ ein harter Winter Anfang des Jahres 1820 rund 100.000 veredelte Obstbäumchen zugrunde gehen. Der Obergärtner August Dieskau züchtete hier 1824 den Nathusius’ Taubenapfel. Andere verantwortliche Obergärtner in der Handelsgärtnerei waren Heinrich Reinhardt (1763–1826) und Georg Alvensleben (1806–1872).Ulrich Hauer: Von Kunstgärtnern und Gartenkunst …
Die größte Baumschule (nach LengerkeAlexander von Lengerke (Hrsg.): Landwirthschaftliches Conversations-Lexicon für Praktiker und Laien. Erstes Heft, Bogen 1–10 des ersten Bandes. J.G. Calve’sche Buchhandlung, Prag 1837, S. 95. 32 Hektar groß) befand sich auf dem Land des ehemaligen Althaldensleber Klosters und wurde zum Anbau nordamerikanischer Baumarten (Ahorn, Eiche, Nussbaum, Esche und Birke), die in Europa noch wenig bekannt waren, verwendet. Die amerikanischen Baumsamen wurden von Händlern aus Philadelphia bezogen.Elsbeth von Nathusius, Johann Gottlob Nathusius, Ein Pionier … Die amerikanischen Gewächse entwickelten sich in den Althaldensleber Verhältnissen sehr gut, blieben später aber hinter dem Höhenwachstum in ihrer Heimat zurück. Im Jahr 1826 waren ungefähr folgender Vorräte vorhanden: 14.000 verschiedene Ahorne, 36.000 Akazien, bis zu 30.000 verschiedener Tannen, 18.000 amerikanische Eschen, 9.000 Tulpenbäume, 7.000 Gleditschien und 35.000 Obstsämlinge. Es wurden 22 Gärtner und Gehilfendiese Zahl beinhaltet auch das Personal, das zur Pflege der Obstplantagen und der Parkanlagen eingesetzt wurde beschäftigt.
Der königlich-schwedische Leibarzt und Chemiker Magnus von Pontin (1781–1858) bemerkte in seinen Aufzeichnungen zu seinem Besuch in Althaldensleben im Jahr 1832 zu den Baumschulen dort:Magnus von Pontin: Bemerkungen über Natur, Kunst und Wissenschaft, auf einer Reise über Berlin und den Harz nach Hamburg zu der Versammlung der Naturforscher und Aerzte im Jahre 1830, nebst der Rückreise über Copenhagen. Hamburg 1832, S. 137 ff. bei: Ulrich Hauer, Von Kunstgärtnern …
Schließlich gab es noch eine kleinere Baumschule auf dem Hundisburger Landbesitz.
In der Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon-Ausgabe aus dem Jahr 1839 wurde die Handelsgärtnerei zu Althaldensleben und Hundisburg neben den Baumschulen zu Herrenhausen bei Hannover (Berggarten), Potsdam, Berlin, Kronberg (Johann Ludwig Christ), Klein-Flottbek (Booth und Söhne),Eduard Carl Adolf Petzold, G. Kirchner: Arboretum Muscaviense. Über die Entstehung und Anlage des Arboretum Sr. Königlichen Hoheit, des Prinzen Friedrich der Niederlande zu Muskau. W. Opetz, Gotha 1864, S. 12. werden Nathusius (Althaldensleben) und Booth (Flottbek) als grosse und intelligente Handelsgärtner auf dem Kontinent bezeichnet, die Zier- und Nutzbäume in einer systematisch geordneten Sammlung vereinten Dresden (Großer Garten) sowie Graz (Centralbaumschule) zu den bedeutendsten im deutschsprachigen Raum gerechnet.
Nach Nathusius’ Tod übernahmen dessen Söhne den Besitz. Ab 1849 waren in Althaldensleben Heinrich von Nathusius und in Hundisburg der ältere Bruder Hermann von Nathusius verantwortlich. Auch unter den beiden Brüdern bestand die Handelsgärtnerei weiter. 1868 umfasste nach Auskünften des damaligen Obergärtners Dieskau das Althaldensleber Baumschul-Fläche rund 40 Hektar, der dortige Bestand an Allee- und Zierbäumen umfasste 50.300 Baumexemplare in einer Höhe von 10–14 Fuß,1 Fuß = ca. 30 cm 98.700 Exemplare mit einer Höhe bis zu 5 Fuß, diverse Sträucher, 540.000 Obstbäume (diese Anzahl beinhaltet die nicht den Baumschulen zugeordneten selbst genutzten Obstbaumplantagen), davon 12.700 Exemplare mit Hochstamm und 5.300 Exemplare mit Zwergstamm, sowie eine große Zahl von Wildlingen und Obstbäumen ohne Kronen. Außerdem gab es 6.200 Exemplare an immergrünen Pflanzen, darunter Koniferen.L. Wittmack: Die Anlagen in Althaldensleben und Hundisburg. In: Wochenschrift des Vereines zur Beförderung des Gartenbaues in den Königl. Preussischen Staaten für Gärtnerei und Pflanzenkunde. Nr. 45 vom 7. November 1868, Wiegandt und Hempel, Berlin 1868, S. 357 ff. Trotz der Dimensionen hatte die Handelsgärtnerei zu diesem Zeitpunkt ihre frühere herausragende Stellung unter den deutschen Baumschulen bereits eingebüßt.Annalen der Landwirthschaft in den Königlich Preussischen Staaten, Präsidium des Königl. Landes-Oekonomie-Kollegiums (Hrsg.), 23. Jahrgang, Band 45, Wiegandt und Hempel, Berlin 1865, S. 230.
Handel mini|Katalog der Handelsgärtnerei von 1868ein Exemplar des Katalogs befindet sich im Museum Haldensleben Etwa ab 1822 wurden selbstgezogene Pflanzen in großen Mengen verkauft. Eine große Holzscheune, die ursprünglich zur Trocknung der angebauten Tabakblätter gedient hatte, wurde als Verpackraum für die Handelsgärtnerei genutzt – bis in die 1870er Jahre.gem. Otto Dieskau, Eigenhändige Randglossen von … Die Ware wurde per Pferdewagen und per Schiff an Kunden bis in die Ostseeprovinzen und die südlichen Provinzen Österreichs ausgeliefert. Sehr bald nahm die Handelsgärtnerei eine bedeutende Stelle unter den übrigen Anlagen des Gewerbekomplexes in Althaldensleben ein. Peter Joseph Lenné war ein Kunde der Nathusius’schen Baumschule. Er kaufte dort große Mengen von Gehölzen für die Erweiterung der Potsdamer Gärten, stand dazu wie auch in Folge in häufigem Briefwechsel mit Nathusius.Hartmut Neumann: Lenné in Haldensleben. Vor dem 200. Geburtstag des berühmten Gartenarchitekten und Städteplaners. In: Volksstimme. und Haldensleber Zeitung vom 27. April 1988.
Im Herbst 1825 wurde erstmals ein ab dann jährlichDeutsche Baumschule, Deutsche Gärtnerbörse (Hrsg.), Band 5–6, 1953, S. 131. erschien der Katalog 1842 in der 17. Auflage erscheinender Katalog zu angebotenen Bäume und Sträuchern herausgegeben.G. Drude, Peter Alexander Wimmer: Alte Gartenkataloge. In: Zandera 10, 1995, Nr. 1, S. 1–13, bei Bücherei des deutschen Gartenbaus e. V. wird eine Erstausgabe im Jahr 1822 benannt. Das erscheint jedoch unwahrscheinlich. Zwei Jahre später wurde das Verzeichnis durch eine Auflistung auch von Obstbäumen, Stauden und Blumen vervollständigt. Der 1836 verlegte Katalog trug den Titel: Verzeichniß der im Freien ausdauernden in- und ausländischen Bäume und Sträucher, so wie der Obstsorten und Staudengewächse, welche in den Plantagen und Gärten zu Althaldensleben und Hundisburg bei Magdeburg cultiviert und um beigesetzte Preise verkauft werden, Neuhaldensleben 1836 von der Nathusius Gewerbeanstalt in Althaldensleben.Ernst F. Mooyer: Beiträge zur Geschichte der vormaligen Benediktiner-Abtei Tegernsee und deren Verbindung mit andern Klöstern. In: Westphälische Provinzialblätter, Verhandlungen der Westphälischen Gesellschaft zur Beförderung der vaterländischen Cultur. Dritter Band, Erstes Heft, Minden 1843, S. 22.
Besucher Wie auch die andere Gewerbebetriebe von Nathusius wurde die Handelsgärtnerei von vielen bedeutenden Persönlichkeiten besucht. Carl Leberecht Immermann berichtete 1824 aus Magdeburg an die Gräfin Ahlefeldt:
Literatur Otto Dieskau: Das Kloster-Vorwerk Glüsig. In: Aus Althaldenslebens Vergangenheit. III. Teil, Nr. 14, Verlag von Simmerlein, Neuhaldensleben/Althaldensleben 1924, S. 10–28. Otto Dieskau: Eigenhändige Randglossen von Joh. Gott. Nathusius zu seinem Hauptbuch vom Jahre 1815. In: Aus Althaldenslebens Vergangenheit. IX. Teil, Nr. 44, Verlag von Simmerlein, Neuhaldensleben/Althaldensleben 1929, S. 36–44. Ulrich Hauer: Von Kunstgärtnern und Gartenkunst. Die Gärtner und Gärten der Familie Nathusius in Althaldensleben und Hundisburg. KULTUR-Landschaft Haldensleben-Hundisburg e.V. und Museum Haldensleben (Hrsg.), Haldensleben-Hundisburg 2005