mini|Ein vom Chikungunya-Virus befallener Fuß
Das Chikungunyafieber ist eine durch das Chikungunya-Virus (CHIKV) ausgelöste, mit Fieber und Gelenkbeschwerden einhergehende tropische Infektionskrankheit, die durch Stechmücken übertragen wird. Die Erkrankung ist insbesondere im östlichen und südlichen Afrika, auf dem indischen Subkontinent sowie in Südostasien verbreitet. Seit einigen Jahren breitet sich die Krankheit auch auf den Inseln im Indischen Ozean, in der Karibik, im karibikküsten-nahen Mittelamerika, in China und im Norden von Südamerika aus.
Das Wort Chikungunya heißt der gekrümmt Gehende und stammt ursprünglich aus der Sprache der Makonde. Im Deutschen wird die Krankheit auch „Gebeugter Mann“ genannt. Die exakte Diagnose kann nur durch Blutuntersuchungen gestellt werden.
Die Krankheit bzw. der Nachweis des Erregers ist in verschiedenem Maße in Deutschland, Österreich oder der Schweiz meldepflichtig. Eine klinische ärztliche Meldepflicht besteht in Deutschland nur dann, wenn die Krankheit in Form eines hämorrhagischen Fiebers verläuft. Dies ist beim Chikungunyafieber, anders als bei einigen anderen tropischen Viruserkrankungen, nur selten der Fall.
Bei den meisten Betroffenen ist der Krankheitsverlauf gutartig und selbstlimitierend, bleibende Schäden und Todesfälle sind selten. Eine spezifische Behandlungsmöglichkeit existiert derzeit nicht. Zur Vorbeugung kann die Vermehrung und Ausbreitung bestimmter Mückenarten bekämpft werden, Reisende in Risikogebiete können sich durch das Vermeiden von Mückenstichen schützen. Im November 2023 wurde in den USA und im Juni 2024 in der EU erstmals ein Impfstoff zugelassen.
Erreger
mini|Cryo-Elektronenmikroskopische Rekonstruktion eines Virus-like particle des Chikungunya-Virus Das krankheitsverursachende Chikungunya-Virus ist ein behülltes Einzel(+)-Strang-RNA-Virus ((+)ssRNA) und gehört zur Gattung Alphavirus aus der Familie der Togaviridae. Außerdem gehört das Virus zur Gruppe der Arboviren, wird also durch einen Biss oder Stich von Gliederfüßern übertragen. Die Entdeckung des Erregers wird auf das Jahr 1953 datiert. Das Virion hat einen Durchmesser von etwa 60 nm und gehört damit zu den kleineren Viren. Es ist empfindlich gegenüber Hitze (über 58 °C), Austrocknung, Seife und Desinfektionsmitteln.Public Health Agency of Canada: Chikungunya virus: Pathogen Safety Data Sheet.
Entsprechend der unterschiedlichen geographischen Verbreitung des Virus (siehe auch unter Vorkommen) wird das Virus heute in fünf verschiedene Varianten eingeteilt, die sich genetisch unterscheiden: eine westafrikanische, eine zentralafrikanische, eine ost- und südafrikanische, eine des Indischen Ozeans sowie eine asiatische.Philippe Parola u. a.: Novel Chikungunya Virus Variant in Travelers Returning from Indian Ocean Islands. In: Emerging Infectious Diseases. Band 12, Nr. 10, 2006, S. 1493–1499, (Volltext (PDF; 363 kB)).
Die möglichen Übertragungszyklen (Mensch-Mensch = urbaner Zyklus bzw. Tier-Mensch = sylvatischer Zyklus) ähneln wie auch das klinische Krankheitsbild teilweise dem Denguefieber und Gelbfieber. Das Chikungunya-Virus ist eng mit dem das O’nyong-nyong-Fieber verursachenden O’nyong’nyong-Virus verwandt.Dana L. Vanlandingham u. a.: Differential infectivities of o’nyong-nyong and chikungunya virus isolates in Anopheles gambiae and Aedes aegypti mosquitoes. In: American Journal of Tropical Medicine and Hygiene. Band 72, Nr. 5, 2005, S. 616–621, ; . Als Reservoirwirte sind bislang Affen und Nagetiere festgestellt worden.
Geschichte und Verbreitung mini|Geografische Verbreitung bis 2006 mini|Geografische Verbreitung bis 2020
Das Chikungunyafieber ist erstmals 1952 in Tansania und Uganda beschrieben worden. 1953 wurde das verursachende Virus entdeckt und in beiden Ländern in Zellkulturen isoliert. Später ist die Krankheit sowohl in Westafrika wie auch in Indien, Südostasien und auf den Philippinen ausgebrochen, in Asien erstmals 1958 in Thailand dokumentiert. Die Bevölkerung in diesen Regionen hat sich jedoch als weitgehend immun gegen diesen Krankheitserreger erwiesen. Dies spricht dafür, dass die Krankheit in diesen Gebieten auch schon vor der ersten Beschreibung endemisch war. Mittlerweile hat sich das Chikungunyafieber überwiegend zusammen mit der Asiatischen Tigermücke (Stegomyia albopicta) auf weite Teile des südlichen Afrikas und Südostasiens ausgebreitet. Seit etwa zehn Jahren sind auch Inseln im Pazifik und im Indischen Ozean betroffen. Im letzten Gebiet des Auftretens auf den Inseln vor Ostafrika fehlt den dortigen Bewohnern und den Urlaubern aus Europa eine Immunität. Außerdem besteht in den letzten Jahren die Tendenz, dass sich die afrikanischen Varianten in Richtung Asien ausbreiten.Prasanna N. Yergolkar u. a.: Chikungunya Outbreaks Caused by African Genotype, India. In: Emerging Infectious Diseases. Band 12, Nr. 10, 2006, S. 1580–1583, .
Ein gehäuftes Vorkommen des Chikungunyafiebers wurde 2015 insbesondere aus folgenden Ländern bzw. Gebieten berichtet: aus Senegal, Gambia, Guinea, Tansania, aus dem Süden und Südosten Asiens (Philippinen, Malaysia, Thailand, Kambodscha, Myanmar, Sri Lanka, Indien, Indonesien, Saudi-Arabien) sowie seit Ende 2013 auch aus einigen karibischen Inseln und aus Südamerika.Robert Koch-Institut (Hrsg.): Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2014. S. 214, Datenstand: 1. März 2015; Volltext (PDF; 1,6 MB).
Anfang 2022 veröffentlichte CDC eine Liste mit 115 Staaten, aus denen das Chikungunyafieber Stand Oktober 2020 bereits festgestellt wurde, wobei Länder oder Gebiete, in denen nur importierte Fälle dokumentiert wurden, nicht erfasst werden.
Ausbrüche in Afrika, Asien, Südamerika und der Karibik Im Jahre 1999 gab es eine Chikungunyaepidemie in der Demokratischen Republik Kongo mit rund 50.000 Betroffenen. In den Jahren 2001 bis 2003 war die indonesische Insel Java von einer Epidemie betroffen, nachdem die Krankheit dort 20 Jahre lang nicht epidemisch aufgetreten war.
Ab Dezember 2005 grassierte auf der französischen Insel La Réunion eine schwere Chikungunya-Epidemie. Diese erreichte im Februar 2006 ihren Höhepunkt, um bis Ende 2006 langsam abzuklingen. Es wurden nach Angaben der Behörden 266.000 Personen und damit etwa ein Drittel der Bevölkerung infiziert, bei 254 Todesfällen im Jahr 2006 wurde das Chikungunyafieber als Ursache vermutet.. Im Original publiziert vom Institut de veille sanitaire, 20. Oktober 2006. Von den vermuteten Todesfällen waren überwiegend ältere Menschen (über 70 Jahre) betroffen. Die Epidemie auf La Réunion wurde dadurch begünstigt, dass das Virus dort bislang unbekannt war und die Bevölkerung zuvor keine Immunität besaß. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie auf die vom Tourismus abhängige Insel könnten schwerwiegend sein.
Auch andere Inseln im Indischen Ozean waren betroffen.Isabelle Schuffenecker u. a.: Genome Microevolution of Chikungunya Viruses Causing the Indian Ocean Outbreak. In: PLoS Medicine. Band 3, Nr. 7, 2006, S. 1058–1070, doi:10.1371/journal.pmed.0030263, . In Mauritius erkrankten im Jahre 2005 3.500 Personen. Es gab auch Fälle auf der Komoreninsel Mayotte, in Madagaskar und auf den Seychellen.
Bemerkenswert groß war ein Ausbruch in Indien zwischen Februar 2006 und Mai 2007.. Im Original publiziert auf who.int vom 17. Oktober 2006. (englisch)
Im Jahr 2013 wurde Chikungunya auf der karibischen Insel St. Martin und damit erstmals in der Neuen Welt nachgewiesen.. Im Original publiziert auf who.int vom 10. Dezember 2013. Anfang Januar 2014 waren neben St. Martin auch Saint-Barthélemy, Martinique und Guadeloupe betroffen.. Im Original publiziert auf cdc.gov vom 7. Januar 2014. Seit April 2014 ist auch die Dominikanische Republik betroffen, Ende Mai gibt es dort 38.000 Erkrankte.. Im Original publiziert auf Karibik News vom 5. April 2014.. Im Original publiziert auf Diario Libre vom 26. Mai 2014. Im Juli 2014 traten in Florida die ersten beiden Fälle von auf dem Festland der USA übertragenen Chikungunya-Infektionen auf.Maggie Fox: It’s Here: First Local Chikungunya Cases in Florida. In: NBC News. 17. Juli 2014; abgerufen am 18. Juli 2014.
Im November 2014 wird über fast 10.000 offiziell registrierte Fälle in Venezuela durch den Sozialminister Héctor Rodríguez berichtet. In: DolarToday. 4. November 2014; abgerufen am 5. November 2014. Ende Dezember 2014 wird in Kolumbien durch das nationale Gesundheitsinstitut von mindestens 75.000 Fällen berichtet, mit Bolivar und Norte de Santander als am schwersten betroffenen Regionen.Estilo de Vida: El chikunguña, un problema que se creció en Colombia. In: El Tiempo. 29. Dezember 2014; abgerufen am 30. Dezember 2014.
Im Januar 2015 berichtet die Panamerikanische Gesundheitsorganisation von mindestens 1,1 Millionen Verdachtsfällen in ganz Amerika.Number of reported cases of Chikungunya Fever in the Americas - EW 2 (January 16, 2015). OPS, 16. Januar 2015. Abgerufen am 19. Januar 2015.
Anfang 2025 breitete sich das Chikungunya-Virus erneut in La Réunion, Mayotte und Mauritius aus. Etwa ein Drittel der Bevölkerung La Réunions wurde infiziert. Weitere Fälle traten in Afrika, Südostasien und auch in Europa auf. Die Weltgesundheitsorganisation rief am 22. Juli 2025 zu dringenden Maßnahmen auf, um eine großflächige Epidemie zu verhindern.
Seit November 2025 verzeichnet Kuba eine Epidemie von Chikungunyafieber, die offiziell von der Regierung ausgerufen wurde. In mehreren Provinzen wurden Tausende Infektionen gemeldet, und das Gesundheitssystem ist stark belastet. Bis Anfang Dezember 2025 wurden 21 Todesfälle durch Chikungunya von der Regierung bestätigt.
Infektionen in Europa In Europa wurde das Chikungunyafieber bisher hauptsächlich als importierte Erkrankung bei rückkehrenden Tropenreisenden diagnostiziert. Eine Ausnahme war ein regional begrenzter Ausbruch in der italienischen Provinz Ravenna (Region Emilia-Romagna) im Sommer 2007.R. Angelini u. a.: An outbreak of chikungunya fever in the province of Ravenna, Italy. In: Eurosurveillance. Band 12, Nr. 9, 2007, S. E070906.1, . Bis zum 4. September 2007 wurden insgesamt 197 Fälle gemeldet, die meisten davon in den Dörfern Castiglione di Cervia und Castiglione di Ravenna. Die meisten Betroffenen hatten zuvor keine Reise in ein ausländisches Endemiegebiet unternommen. Weiterhin wurde die Erbinformation (RNA) des Virus in örtlichen Populationen der Asiatischen Tigermücke Stegomyia albopicta gefunden. Es gilt daher als bewiesen, dass das Virus sich in Italien lokal verbreitet hatte. Man nimmt an, dass die Epidemie ihren Ausgang von einem Reisenden genommen hat, der am 21. Juni 2007 vom indischen Subkontinent nach Italien eingereist war und bei dem zwei Tage später in Castiglione di Cervia Symptome des Chikungunyafiebers aufgetreten waren. Es wurde ein Todesfall bei einem 83-jährigen Mann mit schweren Vorerkrankungen berichtet.