Als Pandemie H1N1 2009/10 (oder Schweinegrippe, Neue Grippe, Amerikagrippe, Mexikanische Grippe) wurde das globale Auftreten von Influenza-Erkrankungen bezeichnet, die durch eine im Jahr 2009 entdeckte Influenzavirus-Variante des Subtyps A(H1N1) (A/California/7/2009 (H1N1)) und weiteren mit diesem genetisch eng verwandten Subvarianten. Im Original publiziert auf who.int vom 22. Januar 2010. hervorgerufen wurde. Die Erkrankung wurde umgangssprachlich häufig als Schweinegrippe, von offiziellen Stellen eher als Neue Grippe bezeichnet. Der Virus-Subtyp wurde erstmals Mitte April 2009 bei zwei Patienten gefunden, die Ende März unabhängig voneinander in den USA erkrankt waren.Swine Influenza A (H1N1) Infection in Two Children – Southern California, March–April 2009. In: Morbidity and Mortality Weekly Report. Band 58, Nr. 15, 24. April 2009, S. 400–402. Eine weitere Suche zeigte zunächst eine Häufung solcher Krankheitsfälle in Mexiko und Hinweise auf eine Verschleppung der Viren über die Landesgrenze nach Norden.
Ende April 2009 warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor der Gefahr einer Pandemie. Anfang Juni 2009 wurden die wachsenden und anhaltenden Virus-Übertragungen von Mensch zu Mensch von der WHO als Pandemie eingestuft. Die WHO hatte jedoch bereits Mitte Mai bekannt gegeben, dass die Kriterien für die Ausrufung einer Pandemie angesichts der geringen Pathogenität dieses H1N1-Virus überarbeitet werden sollten. Die enorme Aufmerksamkeit und der Umfang der getroffenen Maßnahmen lag darin begründet, dass ein früherer H1N1-Subtyp die Influenza-Pandemie von 1918/19 (die Spanische Grippe) verursacht hatte, an deren Folgen zwanzig bis fünfzig Millionen Menschen verstarben.
Im August 2010 erklärte die WHO die Phase der Pandemie für die Schweinegrippe für beendet.. Im Original publiziert auf who.int vom 10 August 2010.. Im Original publiziert auf handelsblatt.com vom 10. August 2010. Während der Pandemiephase waren in Labors von insgesamt 214 Staaten und Überseegebieten Fälle von Infektionen mit H1N1 bestätigt worden. Bei 18.449 Todesfällen wird von einem Zusammenhang mit laborbestätigten H1N1-Infektionen ausgegangen.. Im Original publiziert auf who.int vom 6. August 2010. Eine Studie, die 2012 in The Lancet Infectious Diseases erschienen ist, schätzte die Todesfälle für das erste Jahr, als das Virus zirkulierte, auf 151.700 bis 575.400.
Diskussion um Trivialnamen Bezüglich der Bezeichnung der hier beschriebenen Pandemie bzw. der entsprechenden Erkrankung besteht keine Einigkeit. Die Bezeichnung „Schweinegrippe“ herrschte wenigstens bis November 2009, insbesondere in den Medien, vor. Sie wurde auch von wissenschaftlichen und politischen Organisationen verwendet. Pressemitteilung des deutschen Bundesministeriums für Gesundheit vom 30. April 2009. Zitat: „Ab Freitag, den 1. Mai 10 Uhr bietet das Bundesministerium für Gesundheit eine kostenlose Nummer an, unter der sich die Bürger zur „Schweinegrippe“ informieren können. […]“ Die Bezeichnung rührt daher, dass es sich bei der neuen H1N1-Influenza-Variante um eine Mischform (Reassortante) aus zwei Influenzaviren handelte, den so genannten Vorläuferviren, die beide zuvor bereits in Schweinepopulationen zirkuliert waren; die neue Virusvariante wurde jedoch nie aus Schweinen isoliert.
Gegen die umgangssprachliche Bezeichnung Schweinegrippe wurde eingewandt, sie berge die Gefahr einer Verwechslung mit einer Tierseuche Pressemitteilung Nr. 078 des deutschen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vom 30. April 2009. Zitat: „Die Bezeichnung ‚Schweinegrippe‘ ist irreführend. Die Weltorganisation für Tiergesundheit hat deshalb die beim Menschen vorkommende Krankheit ‚nordamerikanische Grippe‘ genannt: Das Geschehen der ‚nordamerikanischen Grippe‘ ist nicht vergleichbar mit der im Volksmund als ‚Vogelgrippe‘ bezeichneten aviären Influenza. Die durch den Erreger H5N1 ausgelöste Aviäre Influenza ist eine Tierseuche. Bei der ‚nordamerikanischen Grippe‘ handelt es sich dagegen um eine Humaninfektion, die – ohne Kontakt zu Schweinen – von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann, zum Beispiel durch Niesen, Husten, Händeschütteln. […]“ wie der beim Hausschwein vorkommenden Schweineinfluenza; diese wird durch Influenzaviren hervorgerufen, die unter Schweinen zirkulieren. Solche Virusvarianten können zwar Ausgangspunkt einer Reassortierung neuer, auch auf den Menschen übertragbarer Varianten sein, sind selbst aber nicht Erreger einer Erkrankung beim Menschen.Bernd Liess (Hrsg.): Virusinfektionen bei Haus- und Nutztieren. 2. Auflage. Schlütersche, Hannover 2003, ISBN 3-87706-745-X, S. 88. Die Verbreitung der neuen H1N1-Variante wurde zudem nur von Mensch zu Mensch nachgewiesen, und es bestand auch kein Ansteckungsrisiko beim Verzehr von Schweinefleisch. Daher wurden gelegentlich die Bezeichnungen „Mexikanische Grippe“ oder „Nordamerikanische Grippe“ verwendet, was in Anlehnung an frühere Bezeichnungen für weltweite Seuchenzüge wie die Spanische Grippe (1918/1919) und die Hongkong-Grippe (1968/1970) geschah.
Schließlich setzten sich in amtlichen Texten neben der Bezeichnung „Neue Grippe“ (oder „Novel Flu“)Der merkwürdige Streit um den Seuchen-Namen. Auf: spiegel.de vom 29. April 2009. als Bezeichnungen für den Erreger „Influenza A(H1N1) v“ (wobei „v“ für „Variante“ steht) oder „Influenza A(H1N1) 2009“ durch. Im Oktober 2011 empfahlen ihre Berater der Weltgesundheitsorganisation, das Virus in Zukunft als „A(H1N1)pdm09“ zu bezeichnen. (PDF; 1,4 MB). Im Original publiziert auf who.int und in: WHO (Hrsg.): Weekly Epidemiological Record (WER). Band 86, Nr. 43, 2011, S. 480. Zitat: „In order to minimize confusion and to differentiate the virus from the former seasonal A(H1N1) viruses circulating in humans before the influenza A(H1N1) 2009 pandemic, the advisers to the WHO technical consultation on the composition of influenza vaccines for the southern hemisphere 2012 season, after discussion on 26 September 2011, advise WHO to use the nomenclature below: A(H1N1)pdm09.“
Erreger mini|Genetische Mischung (reassortment) von A/California/7/2009 (H1N1)
Die erste wissenschaftliche VeröffentlichungRebecca J. Garten et al.: Antigenic and Genetic Characteristics of Swine-Origin 2009 A(H1N1) Influenza Viruses Circulating in Humans. In: Science. Band 325, Nr. 5937, 2009, S. 197–201, doi:10.1126/science.1176225. beschrieb die neue Virusvariante als eine genetische Neukombination aus zwei Viruslinien der Schweineinfluenza, einer nordamerikanischen und einer eurasischen, siehe Vierfachkombinanten. Die Zahl der Mutationen zwischen der neuen Variante und den in GenBank enthaltenen, wahrscheinlichen Vorläufern deute darauf hin, dass dessen Gen-Segmente seit längerem unentdeckt geblieben waren. Die geringe genetische Vielfalt unter den verschiedenen Virusisolaten der neuen Variante und die Tatsache, dass bereits bekannte molekulare Marker für die Anpassung an Menschen nicht vorlagen, legten nahe, dass das Ereignis des Übergangs auf den Menschen nicht lange zurücklag. Antigenetisch – das betrifft lediglich die Gensegmente für die Proteine der Virushülle – seien die Viren homogen und ähnelten nordamerikanischen Schweineinfluenza-Viren, würden sich jedoch von Viren der saisonalen humanen Influenza A(H1N1) unterscheiden.
Das erklärte die Ergebnisse einer Untersuchung der Immunität der US-amerikanischen Bevölkerung:Serum Cross-Reactive Antibody Response to a Novel Influenza A(H1N1) Virus after Vaccination with Seasonal Influenza Vaccine. In: Morbidity and Mortality Report Weekly. Band 58, Nr. 19, 22. Mai 2009, S. 521–524. Hauptergebnis war, dass der saisonale Impfstoff keinen oder jedenfalls keinen ausreichenden Schutz bot. Allerdings wurde auch festgestellt, dass die ältere Bevölkerung (über 60 Jahre) zu einem Drittel Antikörper besaß, die gegen die neue Variante wirksam waren. Das passte wiederum zu der Beobachtung, dass vorwiegend Jüngere erkrankten, und wurde damit erklärt, dass es um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein antigenisch ähnliches humanes Virus gegeben haben muss.
Obige Arbeit relativierte die alarmierende Aussage der ersten Pressekonferenz der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC),Centers for Disease Control and Prevention: CDC Briefing on Public Health Investigation of Human Cases of Swine Influenza vom 23. April 2009. die neue Virusvariante ginge auch auf aviäre Influenzaviren zurück, was sie in die Nähe von als gefährlich angesehenen Erregern der Vogelgrippe H5N1 rückte (siehe auch Influenza-A-Virus H5N1). Das war nicht völlig falsch, denn Vögel sind das natürliche Reservoir aller Influenza-A-Viren, aber im vorliegenden Fall hatten alle genetischen Komponenten keinen unmittelbaren Bezug zu Vögeln. Korrigiert wurde ferner die zunächst vertretene Abstammung auch von humanen A(H1N1)-Viren – sie beruhte lediglich auf Ähnlichkeiten zu Linien, die nach ihrer Abspaltung auf den Menschen übergegangen waren und sich unabhängig an ihn angepasst hatten.
Einer 2016 publizierten Studie zufolge entstand die pandemische Variante des Virus (pdmH1N1) in Schweinen in Mexiko.Ignacio Mena et al.: Origins of the 2009 H1N1 influenza pandemic in swine in Mexico. In: eLife. Online-Veröffentlichung, e16777, 28. Juni 2016, doi:10.7554/eLife.16777.
Epidemiologie In Mexiko waren die Gesundheitsbehörden auf den Beginn der Epidemie aufmerksam geworden, nachdem es zu einer Häufung von Lungenentzündungen bei jüngeren Personen gekommen war. Laut der US-Gesundheitsbehörde CDCUpdate: Novel Influenza A(H1N1) Virus Infections Worldwide. In: Morbidity and Mortality Report Weekly. Band 58, Nr. 17, 6. Mai 2009, S. 453–458 6. Abgerufen am 29. Februar 2020. waren Personen zwischen 30 und 44 Jahren deutlich häufiger von schweren Verläufen betroffen als bei der saisonalen Influenza. Nach ersten BerechnungenChristophe Fraser et al.: Pandemic Potential of a Strain of Influenza A(H1N1): Early Findings. In: Science. Band 324, Nr. 5934, S. 1557–1561, doi:10.1126/science.1176062. war die neue Virusvariante dort ansteckender, und die von ihr ausgelöste Erkrankung besaß eine höhere Letalität als die saisonale Influenza: Die Letalitätsrate betrug etwa 0,4 % (saisonale Grippe: 0,1 %).
Für die Epidemie in Mexiko ergab sich eine Basisreproduktionszahl zwischen 1,4 und 1,6, das heißt: 1 Infizierter steckte im Durchschnitt 1,4 bis 1,6 andere Menschen an. Genetische Vergleiche von Virusisolaten unterschiedlicher regionaler Herkunft sind repräsentativer, sie ergaben eine Basisreproduktionszahl von 1,2 und wiesen zudem auf einen letzten gemeinsamen Vorfahren zwischen November 2008 und Januar 2009 hin.