mini|hochkant=1.2|Die Ruine der Kirche von Oradour-sur-Glane mini|hochkant=1.2|Oradour-sur-Glane: Blick von Süden. Links die Ruine der Kirche; am rechten Rand der Straße die Gleise der Straßenbahn mit der darüberliegenden Oberleitung Das Massaker von Oradour am 10. Juni 1944 war ein durch die Waffen-SS verübtes Kriegsverbrechen an der Bevölkerung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane. Nahezu alle Einwohner wurden dabei ermordet. Das Dorf wurde völlig zerstört. Es war mit 643 Opfern das zahlenmäßig verheerendste Massaker in Westeuropa.Peter Lieb 2007, S. 368.

Im Jahr 1953 wurden in Frankreich 21 SS-Soldaten wegen der Teilnahme an dem Massaker teils zum Tode, teils zu Haftstrafen verurteilt. Die Todesurteile wurden in Haftstrafen umgewandelt, einige aus dem Elsass stammende SS-Männer amnestiert und die letzten Verurteilten 1959 entlassen. In der Bundesrepublik Deutschland wurden zwar verschiedene Ermittlungsverfahren eingeleitet, jedoch letztlich niemand angeklagt und die Verantwortung alleine dem 1944 kurz nach dem Massaker in der Normandie gefallenen SS-Offizier Adolf Diekmann zugewiesen, der die Durchführung des Massakers befehligt hatte. 1983 wurde in der DDR mit Heinz Barth ein beteiligter SS-Offizier unter anderem wegen des Massakers zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Ruinen des Dorfes wurden nach dem Krieg zum historischen Denkmal erklärt und blieben somit erhalten. Sie sind heute Mahn- und Gedenkstätte mit dem angeschlossenen Dokumentationszentrum Centre de la mémoire. Das heutige Oradour-sur-Glane wurde nordwestlich neben dem zerstörten Dorf neu aufgebaut.

Vorgeschichte Am 7. Juni 1944 befahl der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt: „Die Entwicklung der Bandenlage im Zentral-Massiv während der letzten Tage und Stunden erfordert sofortiges und rücksichtloses Zuschlagen starker Kräfte. Hierzu werden dem Militärbefehlshaber in Frankreich mit sofortiger Wirkung unterstellt: […] die 2. SS-Panzerdivision mit allen verfügbaren Teilen. Sie ist sofort antretend in den Raum Tulle – Limoges zu führen.“ Am 8. Juni folgte, aufgefordert durch den Wehrmachtsführungsstab unter General Alfred Jodl, ein weiterer Befehl des Oberbefehlshabers West, „mit äußerster Schärfe und ohne Nachsicht“ gegen Partisanen vorzugehen: „Zur Wiederherstellung von Ruhe und Sicherheit, sind schärfste Maßnahmen zu ergreifen, zur Abschreckung der Bewohner dieser dauernd verseuchten Gebiete, denen endlich die Lust vergehen muss, die Widerstandsgruppen aufzunehmen und sich von ihnen regieren zu lassen, und zum warnenden Beispiel für die gesamte Bevölkerung. Rücksichtslose Härte ist in diesem kritischen Augenblick unerlässlich, um die Gefahr im Rücken der kämpfenden Truppe zu beseitigen und größere Blutopfer der Truppe und in der Zivilbevölkerung für die Zukunft zu verhüten.“Peter Lieb 2007, S. 272 f. und Anm. 187. Die 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ war damit zur Partisanenbekämpfung in einem definierten Einsatzraum befohlen und, wie auch die anderen Einsatzkräfte im südfranzösischen Raum, zu abschreckenden Maßnahmen und rücksichtsloser Härte auch gegen die Zivilbevölkerung aufgefordert.

2. SS-Panzer-Division Das Reich im Raum Toulouse-Montauban Die 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ war im Februar/März 1944 von der Ostfront nach Südfrankreich verlegt worden, um dort personell aufgefrischt und neu ausgerüstet zu werden. Die Division machte sich im Mai und Juni 1944 für eine hohe Zahl an getöteten Kämpfern des französischen Widerstandes, in besonderem Maße aber für eine Reihe von Mordtaten an Zivilisten verantwortlich, unter denen das Massaker in Oradour-sur-Glane den Höhepunkt darstellt.Peter Lieb 2007, S. 360–377. Die 2. SS-Panzer-Division umfasste etwa 18.000 Mann, darunter 900 frisch rekrutierte Elsässer, verteilt auf fünf Regimenter und einige Spezialabteilungen. Mit ihren 64 Panzer V Panther und 62 Panzer IV, 30 Sturmgeschützen III, etwa 300 Halbkettenfahrzeugen und ihrer schweren Artillerie war sie kurz vor Beginn der Invasion in der Normandie voll ausgestattet. Der Divisionsstab unter Leitung des SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Waffen-SS Heinz Lammerding hatte seinen Sitz in Montauban, etwa 55 Kilometer nördlich von Toulouse.

Die SS-Division beteiligte sich bereits in dieser Zeit zusammen mit Einsatzgruppen der regionalen SD-SiPo an der sogenannten „Bandenbekämpfung“. U. A. nahm eine Truppe der Division am 12. Mai 1944 442 Männer und 8 Frauen der Stadt Figeac gefangen und verschleppte sie auf Lastkraftwagen verladen nach Montauban. Von dort wurden die Menschen nach Deutschland in die Konzentrationslager Dachau, Neuengamme und Ravensbrück sowie in Arbeitslager deportiert. 170 Männer und drei Frauen kehrten nicht mehr zurück. In Frayssinet-le-Gélat (Département Lot) erschienen am 21. Mai 1944 drei Kolonnen der Division Das Reich unter Führung des SS-Sturmführers Otto Erich Kahn (1907–1977). Nachdem ein deutscher Soldat in einem Haus getötet worden war, erhängten die Soldaten eine Achtzigjährige sowie deren beide Nichten. Eine weitere Frau wurde erschossen. Schließlich wählten die SS-Männer zehn Männer aus und erschossen sie. Eine andere Abteilung der Division „Das Reich“ überfiel am selben Tag Lacapelle-Biron (Département Lot-et-Garonne) und ließ alle 47 Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren nach Deutschland deportieren.Peter Lieb 2007, S. 361. Aus den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen kehrte nur die Hälfte wieder zurück.

Im Mai 1944 hatten die blutigen Ausschreitungen und die organisierten Plünderungen der SS-Division ein solches Ausmaß angenommen, dass sich der Kommandant des Heeresgebiets Südfrankreich, General Ernst Dehner, wie auch der Verbindungsstab 626 (Toulouse) beim Kommandierenden General des LVIII. Panzerkorps, Walter Krüger, beschwerten. Dieser deckte jedoch das Verhalten der Division: Nur „allerschärfstes Durchgreifen“ sei „am Platze“ und „im Kampfeseifer Härten nicht vermeidbar“.Peter Lieb 2007, S. 361–363. Dehner hatte Ende 1943 angewiesen: Alle Maßnahmen, die gegen unbewaffnete Zivilisten durchgeführt werden, müssen den Charakter der Gerechtigkeit behalten und müssen vom Gefühl des Hasses und der Rache frei bleiben.

Vormarsch der 2. SS-Panzer-Division 8.–9. Juni 1944: Gefechte und Massaker am Fluss Dordogne mini|hochkant=2|Der Marschweg der SS-Panzerdivision „Das Reich“ zur Normandiefront – Orte und Daten Am frühen Morgen des 8. Juni starteten 1.400 Fahrzeuge aus ihren Lagerplätzen rund um Montauban. Gegen 8 Uhr erreichte das 1. Bataillon des 4. SS-Panzergrenadier Regiments „Der Führer“ unter dem Befehl von SS-Sturmbannführer Adolf Diekmann mit seinen Halbkettenfahrzeugen die Brücke über die Dordogne bei Groléjac. Hier stellte sich ihnen eine 19 Köpfe starke Kampfgruppe der Forces françaises de l’intérieur (FFI) entgegen. Von ihnen fielen sieben Männer nach kurzem Kampf. Auf der anderen Nordseite der Brücke fuhr die Kolonne zunächst irrtümlich nach dem drei Kilometer entfernten Carsac-Aillac. Unter dem Feuer der Vorausfahrzeuge starben 13 Zivilisten, darunter ein geflüchteter jüdischer Arzt und ein achtzigjähriger Mann. Sieben Kilometer weiter längs der Dordogne traf die Kolonne bei Rouffilac auf eine Barrikade. Es starben dort ein Maquisard und 15 Zivilisten; zwei Frauen wurden östlich des Ortes erschossen. Weiter auf der RN 20 in Cressensac hatten 18 Maquisards der FFI einen Hinterhalt gelegt. Bei dem Gefecht fielen acht von ihnen. Am folgenden Tag standen SS-Einheiten um 6:30 Uhr vor der Brücke von Bretenoux. Maquisards verteidigten die Brücke drei Stunden, um den deutschen Vormarsch auf Tulle zu verzögern. Am Ende waren 19 von 25 Verteidigern der Brücke gefallen, dazu 13 unbewaffnete Zivilisten. Die Häuser und Geschäfte der Stadt wurden geplündert, fünf Bauernhöfe niedergebrannt.

9. Juni 1944: Massaker von Tulle

In Tulle, Hauptort des Départements Corrèze, standen auf deutscher Seite, untergebracht in der Kaserne Champ de Mars, etwa 300 Mann des 3. Bataillons des 95. Sicherungsregiments, dazu kamen noch 600 oder 700 Mann der vichy-französischen Gardes Mobiles und der Miliz hinzu. Am frühen Morgen des 7. Juni griffen die FTP mit 520 Kämpfern die deutsche Garnison und die französischen Polizeikräfte an. Um 11 Uhr ergaben sich die vichy-französischen Kräfte und erhielten freies Geleit aus der Stadt. Um 13:30 Uhr hatten deutsche Truppen den nur kurzzeitig von den FTP besetzten Bahnhof wieder eingenommen und 18 Bahnwärter erschossen.Bruno Kartheuser: Die Erhängungen von Tulle. Der 9. Juni 1944. St. Vith/Belgien, 2004, ISBN 2-87316-020-9. S. 331 f. Sie verschanzten sich an drei Stellen der Stadt, in der École Normale, der Waffenfabrik und der Souilhac-Schule. Die FTP setzten gegen 3 Uhr den Hauptstützpunkt der Deutschen, die École Normale, in Brand. Neun Männer des SD-SiPo wurden erschossen, 122 deutsche Soldaten getötet, verwundet oder von ihrer Einheit als vermisst gemeldet.

Das Schicksal der vermissten deutschen Soldaten wurde 79 Jahre später durch einen Augenzeugen aufgeklärt. Der damals neunzehnjährige Edmond Réveil war Mitglied der FTP-Einheit, die Tulle angegriffen hatte. Er berichtete im Alter von 98 Jahren gegenüber französischen Medien, dass 47 deutsche Soldaten und eine französische Kollaborateurin von seiner Einheit aus Tulle abgeführt und am 12. Juni 1944 in einem Wald des etwa 50 Kilometer entfernten Dorfes Meymac erschossen und verscharrt worden seien. Dort waren im Jahre 1967 bei einer Ausgrabung die Überreste von 11 Getöteten gefunden worden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bemüht sich derzeit in Zusammenarbeit mit dem Französischen Nationalen Büro für Kombattanten und Kriegsopfer (ONACVG), den Ort zu lokalisieren und weitere Überreste umzubetten. Am 16. August 2023 soll mit Ausgrabungen an einer Stelle begonnen werden, an der mittels Bodenradar-Untersuchungen „metallische Anomalien“ festgestellt worden sind.

Kurz darauf erfuhren die FTP von der herannahenden SS-Einheit und verließen die Stadt.Peter Lieb 2007, S. 415, Anm. 804. Am folgenden Tag, dem 9. Juni 1944, übte die SS-Division „Das Reich“ im Massaker von Tulle massive Vergeltung für den militärischen Erfolg des französischen Widerstandes. Als Racheaktion erhängten Soldaten der Panzerdivision 99 willkürlich aus der Einwohnerschaft herausgegriffene Geiseln.Peter Lieb 2007, S. 364.

9. Juni 1944: Massaker von Combeauvert Das III. Bataillon des 4. SS-Panzergrenadier Regiments „Der Führer“ unter dem Befehl von SS-Sturmbannführer Helmut Kämpfe sollte am 8. Juni das 15 Kilometer östlich von Limoges gelegene Saint-Léonard-de-Noblat, (Haute-Vienne) erreichen. Am Morgen des 9. Juni brach das Bataillon in Richtung des 70 Kilometer entfernten, von Widerstandskämpfern am 7. Juni befreiten Guéret auf. Guéret war Sitz der Präfektur des Département Creuse und erster befreiter Metropolitanort Frankreichs. Die deutsche Garnison, Mitglieder des Verbindungsstabs 896 sowie eine Gruppe Feldgendarmerie, zusammen etwa 75 Mann, war mit Verlusten von 7 Mann vertrieben worden. Für den 9. Juni war die Rückeroberung durch Wehrmachtsgruppen vorgesehen, die zu 10 getöteten Kämpfern und 6 ermordeten Zivilisten führte. Aufgabe des SS-Bataillons war es, Zugänge und Fluchtwege zu versperren. Bei Sauviat-sur-Vige wurden die Fahrzeuge gegen 6:30 Uhr durch die gesprengte Vige-Brücke aufgehalten. Bei Gasne du Clos versperrten Baumstämme die Weiterfahrt. Die deutschen Halbkettenfahrzeuge nahmen einen fliehenden LKW der Résistance unter Feuer. Es wurden drei Widerstandskämpfer erschossen, ihre Leichen verbrannt. Weil ein Offizier verwundet wurde, versammelte die SS-Truppe alle Männer von Bourganeuf als Geiseln. Der Bürgermeister Francois Gros, ein Elsässer, verhandelte erfolgreich um die Freilassung.