mini|300px|Das Kastell mit dem bisher erforschten Vicusbereich Das Kastell Schirenhof, auch als Etzelsburg bekannt, ist ein ehemaliges römisches Kohortenkastell, das heute im Stadtgebiet von Schwäbisch Gmünd, auf den Fluren des Schirenhof im Ostalbkreis, Baden-Württemberg, liegt. Es wurde in der Zeit um 150 n. Chr. an einer Bergzunge mit Blick über die Rems zum dahinterliegenden Rätischen Limes errichtet, der 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben worden ist.

Lage mini|links|Lage des Kastells wie sie Steimle in seinem Grabungsbericht dokumentierte Der gut gewählte Platz dieser auf dem Boden der römischen Provinz Raetia gegründeten antiken Befestigung befindet sich auf halber Höhe eines südöstlich-nordwestlich ausgerichteten Bergsporns über der Rems. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tales, rund einen Kilometer entfernt in nordwestlicher Richtung, befand sich das Kleinkastell FreimühleKleinkastell Freimühle bei , das ebenfalls auf einem kleinen Sporn am östlichen Ausgang des Rotenbachtales lag. Begibt man sich von diesem Kleinkastell einen weiteren Kilometer quer durch das Rotenbachtal nach Nordwesten einen steilen Hang hinauf, gelangt man zu einem weiteren antiken militärischen Standort, dem bereits auf dem Gebiet der römischen Provinz Germania superior errichteten Kleinkastell Kleindeinbach, das rund 50 Meter von der Holzpalisade des Limes entfernt war. Nur ein paar Meter östlich dieser kleinen Anlage, beim Abstieg in das Rotenbachtal, begann die Provinz Raetia mit der rätischen Steinmauer, die sich bis zur Donau hinzog. Dendrochronologische Untersuchungen haben in diesem Tal ein genaues Baudatum ermitteln können. Die dort verarbeiteten Hölzer wurden im Winter 163/164 geschlagen und 164 verbaut.Bernd Becker: Fällungsdaten Römischer Bauhölzer anhand einer 2350jährigen Süddeutschen Eichen-Jahrringchronologie. In Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 6, Theiss, Stuttgart 1981, ISBN 3-8062-1252-X, S. 369–386. Allerdings ist nicht ganz klar, ob das dort geborgene Holz tatsächlich aus der Palisade und nicht von einer kurz dahinterliegenden Brücke stammt.Wolfgang Czysz, Frank Herzig: Neue Dendrodaten von der Limespalisade in Raetien. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes, Band 3, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, S. 191. Das Grenzgebiet von Germania superior und Raetia war im Limesbereich ungewöhnlich dicht mit römischen Militärstützpunkten belegt. Auch die Nähe der Kohortenkastelle Lorch am Rand der Provinz Germania superior und Schirenhof in Rätien scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Beide sind nur rund sieben Kilometer voneinander entfernt. Vielleicht wird hier ein gewisses eigenständiges Handeln der für die Provinzverwaltung Verantwortlichen sichtbar. Besonders der nur in Rätien durchgeführte Ausbau der Reichsgrenze in Stein könnte hierfür ein Beleg sein.

Forschungsgeschichte mini|Landschaftsmodell mit dem Kastell Schirenhof im oberen Bildbereich, dem Kleinkastell Freimühle in der Bildmitte und dem Kleinkastell Kleindeinbach mit dem Limes am unteren Bildrand. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts ist der Name „Etzelsburg“ für das Kastell belegt. Man brachte die damals noch stehenden Mauern mit Attila, dem Hunnenkönig, in Verbindung, der als König Etzel unter anderem durch das Nibelungenlied weiterlebte.Zur Traditionsbildung siehe Überlieferungen über das Schloss Hetzelburg, 1837 aufgezeichnet von Pfarrer Gottfried Eyth. Nach Staatsarchiv Ludwigsburg F 169 Bü 122 abgedruckt von Klaus Graf: Kleine Beiträge zum historischen Erzählen in Schwäbisch Gmünd. In: Einhorn 1991, S. 99–114, hier S. 100f. Volltext bei wikisource; Klaus Graf: Heroisches Herkommen online; Klaus Graf: Gmünder Chroniken im 16. Jahrhundert, 1984, S. 165 online.

Von einem barocken Chronisten der Stadt Schwäbisch Gmünd, dem Ratsherren Friedrich Vogt (1623–1674), ist zu erfahren, dass das „Schloss“ in alten Schriften als „Etzelburg“ genannt wurde. Doch schon zu Vogts Zeiten waren die Reste als billiger Steinbruch bis auf den Grund abgetragen. Nur Teile der Grabenanlage sind damals offenbar noch sichtbar gewesen. Erst der Hofdomänenrat, Weinbaufachmann und Altertumsforscher Carl Gok (1776–1849), ein Halbbruder des Dichters Friedrich Hölderlin, vermutete 1847, dass das angebliche Schloss auf dem Schirenhof wohl einst ein römisches Kastell gewesen war.Hans Ulrich Nuber: Schwäbisch Gmünd in frühgeschichtlicher Zeit. In: Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd, Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0399-7, S. 26. Erste moderne Nachgrabungen fanden noch vor Gründung der Reichs-Limeskommission (RLK) unter Anleitung des pensionierten Generalstabschefs des württembergischen Heeres, Eduard von Kallee, sowie durch Major Heinrich Steimle in den Jahren 1886 bis 1888 statt. Hinweise auf eine Nutzung im Mittelalter wurden nicht entdeckt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten nur einzelne Notgrabungen im fast unbekannt gebliebenen Lagerdorf (Vicus), das nun zur Überbauung und damit Zerstörung freigegeben worden war. Nur durch Inkrafttreten des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes vom 1. Januar 1972 wurde es den Archäologen in Schwäbisch Gmünd möglich, vor den noch immer anhaltenden Zerstörungen zumindest in größerem Umfang als bisher den Untergrund zu sondieren und in gegebenen Fällen wichtige Areale als Grabungsschutzgebiete für die Zukunft zu sichern.Hans Ulrich Nuber: Schwäbisch Gmünd in frühgeschichtlicher Zeit. In: Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd, Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0399-7, S. 26–27.

Unter der Leitung des provinzialrömischen Archäologen Hans Ulrich Nuber (1940–2014) wurde das vor dem westlichen Lagertor gelegene Kastellbad, das bereits 1893 erstmals angegraben worden war, 1972/73 vollständig freigelegt und 1975 in restauriertem Zustand für die Öffentlichkeit freigegeben. Ursache für diese neuen Grabungen war eine bevorstehende Überbauung. Das bot die Gelegenheit, die bisherigen, teils nur ansatzweise erfolgten Grabungen der späteren RLK, zu vertiefen.Hans Ulrich Nuber: Ausgrabungen auf dem Schirenhof (Schwäbisch Gmünd). In: Studien zu den Militärgrenzen Roms II, Rheinland Verlag/Habelt, Köln/Bonn 1977, ISBN 3-7927-0270-3, S. 225. 1977 erfolgte die Erforschung des bislang unbekannt gebliebenen Brandgräberfeldes. 1999 wurde das inzwischen mehrfach teilrenovierte Bad vollständig saniert, wobei die Wind und Wetter ausgesetzte antike Mauersubstanz weitgehend durch gleich aufgeführte Mauerteile ersetzt worden ist. 2005 erfolgte eine geomagnetische Prospektion fast der gesamten Kastellfläche.Jürgen Obmann (Hrsg.): Limesentwicklungsplan Baden-Württemberg. Schutz, Erschließung und Erforschung des Welterbes, Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Esslingen 2007, S. 41. Das Kastell Schirenhof ist heute ein archäologisches Denkmal.

Baugeschichte mini|Grundriss des Kastells nach den zwischen 1886 und 1888 aufgenommenen Befunden Die Forschung konnte anhand von Befunden im Kastellbad nachweisen, dass die auf ZiegelstempelnCOH(o)R(tis) P(rimae) F(laviae) RAET(orum). Siehe u. a.: Philipp Filtzinger, Dieter Planck u. a.: Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 547. Foto eines Tegula mit dem Kohortennamen in: Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland, 2., völlig neubearbeitete Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 108. und dem Fragment einer Genius-Statue genannte Cohors I Flavia Raetorum seit der Gründung der Garnison Schirenhof die Stammtruppe stellte und vermutlich in den Alamanneneinfällen ab 233 untergegangen ist. Spätestens kurz nach 244/247 haben die letzten Soldaten den Platz geräumt. Das Lager unterstand dem Befehlshaber der Ala II Flavia milliaria p. f. im Kastell Aalen.Marcus Junkelmann: Die Reiter Roms, Teil II, von Zabern, Mainz 1991, ISBN 3-8053-1139-7, S. 84 f.

Aufgrund des bis heute geborgenen Fundguts sowie Untersuchungen an den Bauhölzern aus dem Vicus, die Fälldaten für die Jahre 139 (±6) sowie 150 (±6)Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland, 2. völlig neubearbeitete Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 108. und 165 (±10)Wolfgang Czysz, Frank Herzig: Neue Dendrodaten von der Limespalisade in Raetien. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Forschungen zur Funktion des Limes, Band 2, Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-2117-6, S. 185.leicht abweichend als 165 (±8) bei: C. Sebastian Sommer: Trajan, Hadrian, Antoninus Pius, Marc Aurel …? – Zur Datierung der Anlagen des Raetischen Limes. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 56 (2015), S. 321–327; hier: S. 142. festschreiben, ergibt sich eine Kastellgründung in der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161) um 150 n. Chr. Ein hölzernes Vorgängerkastell konnte Nuber bei seinen Grabungen nicht entdecken.Hans Ulrich Nuber: Ausgrabungen auf dem Schirenhof (Schwäbisch Gmünd). In: Studien zu den Militärgrenzen Roms II, Rheinland Verlag/Habelt, Köln/Bonn 1977, ISBN 3-7927-0270-3, S. 226.

Umwehrung Von der rund 157 × 130 Meter (= 2 Hektar) großen Befestigungsanlage untersuchte die Reichs-Limeskommission hauptsächlich Teile des Grabens, der rund 1,20 Meter breiten Umfassungsmauer, das rechte und rückwärtige Tor, sowie das Fahnenheiligtum in den Principia, dem Stabsgebäude. Es konnte aufgrund der Nachgrabungen Nubers im Jahr 1972Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Schriften des Limesmuseums Aalen 12), Gentner, Stuttgart 1975, S. 22. festgestellt werden, dass die Anlage von dreiAnne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in Britannien und in den germanischen Provinzen des Römerreiches, von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 310. hintereinander liegenden Spitzgräben umgeben ist, die an den vier Zufahrten aussetzten. Die Abstände zwischen diesen Gräben fielen unterschiedlich aus; so war der äußerste und mittleren weiter voneinander entfernt als der mittlere vom innersten.