Der Erste Weltkrieg in Persien war ein Nebenkriegsschauplatz des Ersten Weltkriegs. Die Kampfhandlungen griffen Ende 1914 auf das Gebiet des neutralen Persien bzw. Iran über und dauerten in der Folge bis 1921 an. Auf Seiten der Entente nahmen Truppen des britischen Empire und des Russischen Kaiserreiches teil. Seitens der Mittelmächte waren in erster Linie osmanische Truppen sowie deutsche und österreichische Offiziere beteiligt, die als Militärberater persische Truppenteile befehligten. Das einheimische Militär, vor allem die persische Kosakenbrigade und die persische Gendarmerie, kämpfte gegen die russischen und britischen Einheiten. Irreguläre Stammesmilizen griffen regional in die Auseinandersetzungen ein.
Nach der Oktoberrevolution in Russland wurden die Kämpfe 1917 von russischer Seite im Rahmen des Friedensvertrages von Brest-Litowsk zunächst eingestellt. Die folgenden Kampfhandlungen zwischen osmanischen und armenischen Truppen bezogen weiterhin Teile Westpersiens ein. 1918 besetzten britische Einheiten, die durch Persien bzw. Iran zum Kaukasus marschiert waren, den russischen Teil Aserbaidschans. Mit dem Waffenstillstand von Mudros endeten die Kämpfe zwischen den osmanischen und britischen Einheiten. Allerdings griff der russische Bürgerkrieg auf Gebiete im Norden Persiens über. An diesen Gefechten waren Einheiten Großbritanniens, der russischen Weißen wie der Roten Armee, persische Freischärler und reguläre persischen Einheiten beteiligt.
Diese militärischen Auseinandersetzungen führten am 21. Februar 1921 zu einem Putsch angeführt von Seyyed Zia al-Din Tabatabai und Reza Khan, einem damals noch unbekannten Kommandeur einer Einheit der Persischen Kosakenbrigade. Nach der Unterzeichnung des Sowjetisch-persischen Freundschaftsvertrages vom 25. Februar 1921 zogen sich die sowjetischen Einheiten aus dem Norden Irans zurück. Die britischen Einheiten hatten sich bereits in das Staatsgebiet des heutigen Iraks abgesetzt.
Ausgangslage mini|Russische Truppen in Iran, 1911 Im Dezember 1911 war das iranische Parlament durch das Eingreifen russischer Truppen und den erzwungenen Rücktritt des in Diensten des iranischen Parlaments stehenden US-amerikanischen Schatzmeisters Morgan Shusters aufgelöst worden. Die russischen Truppen hatten sich nach mehr als zwei Jahren Besatzung der nördlichen Landeshälfte Irans ins persische Aserbaidschan zurückgezogen, so dass man im Januar 1914 mit den Parlamentswahlen in Teheran und den iranischen Provinzen beginnen konnte. Die Wahlen zogen sich monatelang hin, bis am 5. Dezember 1914 erstmals das neue Parlament zusammentreten konnte.Zu diesem Zeitpunkt waren erst 69 von 136 Abgeordneten gewählt, was gerade für die Beschlussfähigkeit ausreichte. In einigen Landesteilen wurde nie gewählt; im persischen Aserbaidschan verhinderten die russischen Besatzungstruppen die Wahl, in anderen unkooperative Gouverneure. Siehe Mansoureh Ettehadieh: "Constitutional Revolution IV. The Aftermath. In: Encyclopædia Iranica. Eisenbrauns Inc., Indiana 1993, Band 6, Faszikel 2, S. 193–199; online einsehbar http://www.iranicaonline.org/articles/constitutional-revolution-iv, abgerufen am 6. Juni 2012
Während in Teheran ein Stück politischer Normalität eingekehrt war, hatte im August 1914 in Europa der Erste Weltkrieg begonnen. In Teheran war man hiervon zunächst nicht weiter berührt, erschien es doch wichtiger, den Staat aufzubauen, den sich die Politiker der Konstitutionellen Revolution 1906 erträumt hatten. Die Auseinandersetzungen mit Mohammed Ali Schah gehörten endgültig der Vergangenheit an. Die konstitutionelle Monarchie mit Ahmad Schah an der Spitze schien sich zu festigen. Mit Hassan Mostofi war ein allseits respektierter Premierminister ins Amt gekommen, der als erstes versuchte, die Abhängigkeit Irans von Großbritannien und Russland zu mildern, in dem er die Beziehungen zu Deutschland zu beleben versuchte.
Ahmad Schah erklärte in einem am 1. November 1914 herausgegebenen Dekret die strikte Neutralität Irans. Der Neutralitätserklärung war eine Anfrage des Premierministers beim türkischen Botschafter in Teheran vorausgegangen, ob die Türkei eine offiziell ausgesprochene Neutralität Irans respektieren würde. Die Antwort des türkischen Botschafters war enttäuschend: Da russische Truppen in Aserbaidschan stationiert seien, sehe er kaum eine Möglichkeit, Iran als neutral zu betrachten. Die ebenfalls kontaktierten Botschafter Russlands und Großbritanniens begrüßten die Neutralitätserklärung. Die Russen waren allerdings nicht bereit, ihre Truppen aus Iran abzuziehen, da sie fürchteten, dass dann die türkischen Truppen erst recht in das Land einmarschieren würden. Trotz der geringen Aussicht auf Erfolg erklärte die iranische Regierung die Neutralität ihres Landes in den sich abzeichnenden kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie forderte die Konfliktparteien auf, diese Position Irans zu respektieren.Rouhollah K. Ramazani: The foreign policy of Iran 1500-1941. University Press of Virginia, 1966, S. 115f.
Beginn der Feindseligkeiten Osmanische Truppen besetzen Täbris und Urmia mini|Armenische Freiwillige (1914) Die Lage in Iran änderte sich schlagartig im November 1914. Das osmanische Reich trat an der Seite der Mittelmächte in den Krieg ein und türkische Truppen besetzten im Januar 1915 weite Teile des Nordwestiran. Vorausgegangen war ein im November 1914 erfolgter Angriff russischer Truppen auf osmanische Grenzposten auf Zivin, Doğubeyazıt und Diyadin (Bergmann-Offensive), die im Dezember 1914 zur Schlacht von Sarıkamış führte und mit einer vernichtenden Niederlage der Türken endete. Russische Kräfte waren aus Aserbaidschan abgezogen und an die Front bei Sarıkamış verlegt worden. Türkische Truppen marschierten daraufhin in den Nordwesten Irans ein und besetzten Täbris und Urmia.
Iran bat die US-amerikanische Regierung um Unterstützung bei dem Bemühen, die Feindseligkeiten nicht auf iranisches Gebiet übergreifen zu lassen. Am 11. November 1914 sagte die US-Regierung zu, die neutrale Haltung Irans zu unterstützen.Cyrus Ghani: Iran and the Rise of Reza Shah. I. B. Tauris 2000. S. 16. Allerdings war es offensichtlich, dass die kämpfenden Parteien die Neutralität nicht respektieren würden. Teile der russischen Truppen, die 1911 bei dem Putschversuch Mohammed Ali Schahs in Iran einmarschiert waren, waren noch immer im Norden Irans und in Teheran stationiert. Später marschierten britische Verbände im Süden ein und begannen die South Persia Rifles aufzubauen, eine unter britischem Kommando stehende persische Einheit zum Schutz der Ölanlagen der Anglo-Persian Oil Company in Abadan. Dann rückten auch noch türkische Truppen in den Norden und Westen Irans ein.
Die Niedermayer-Hentig-Expedition Deutschland hatte im September 1914 die Niedermayer-Hentig-Expedition entsandt, der sich Wilhelm Wassmuss anschloss. Oskar von Niedermayer und Werner Otto von Hentig sollten Iran und Afghanistan auf die Seite der Mittelmächte ziehen und gegen britische Einheiten losschlagen. Wassmuss, der bis 1914 Konsul in Buschehr gewesen war, eilte in den Süden Irans zu den Kaschgai und organisierte dort den Widerstand gegen die Briten. Koordiniert wurden diese Aktivitäten zunächst von der Nachrichtenstelle für den Orient.
Der türkische Oberbefehlshaber Enver Pascha vertrat die Auffassung, dass man die russischen Truppen, die in den iranischen Städten stationiert waren, leicht schlagen könne, und dass damit der Weg nach Aserbaidschan und die Ölfelder am Kaspischen Meer sowie nach Zentralasien und Indien offen wäre.The Encyclopedia Americana, 1920, Bd. 28, S. 403. Enver Pascha galt als Verfechter des Panturanismus, einer nationalistischen Bewegung, die alle Turkvölker vereinen wollte.
mini|Persische Kosakenbrigade Iran hatte aus militärischer Sicht diesen strategischen Überlegungen wenig entgegenzusetzen. Eine nationale Armee gab es nicht. Die kleine, von russischen Offizieren geführte persische Kosakenbrigade und die von schwedischen Offizieren geführte persische Gendarmerie, die sich erst seit 1911 in Aufbau befand, waren keine ernst zu nehmenden Gegner für die Armeen der Türken, Russen und Briten. Zum Vergleich: Iran hatte zur Zeit des Ersten Weltkriegs ungefähr 20 Mio. Einwohner. In den Städten wohnte nur eine Minderheit. So hatte Teheran 280.000, Täbris 200.000, Isfahan 80.000, Maschhad, Kerman 60.000 und Yazd 45.000 Einwohner.The Statesman's Year-book By John Scott Keltie Hinzu kam, dass russische Truppen bereits vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten in weiten Teilen des Nordens standen: Täbris war während der konstitutionellen Revolution zur Unterstützung Mohammed Ali Schahs 1909 von regulären russischen Truppen besetzt worden, Urmia und Choy folgten 1910. Nach dem Ende der konstitutionellen Revolution 1911 hatten sich die russischen Truppen aus den Städten zurückgezogen, blieben aber im Nordwesten Irans stationiert. Ein Pressebericht aus Istanbul vom 29. November 1914 beschreibt die Lage wie folgt:
Die ersten Kriegswochen Russische Truppen in Täbris und Urmia Für die türkische Regierung entwickelten sich die ersten Kriegswochen zu einer Katastrophe. Der Angriff der osmanischen 3. Armee auf Russland wurde von der russischen Kaukasus-Armee gestoppt. Die Türken erlitten bei der Schlacht von Sarıkamış große Verluste und mussten sich auf ihre Ausgangsstellungen zurückziehen. Die Russen verstärkten ihre Truppen im Nordwesten Irans und marschierten in Gilan ein. Die Briten, die bereits Truppen im Süden stationiert hatten, verstärkten im August 1915 ihre Einheiten und besetzten Abadan und Buschehr. Der Deutsche Wilhelm Wassmuss hatte die Kaschgais mit Sprengstoff und Gewehren ausgerüstet und zu Attentaten auf Ölpiplines überreden können. Die Briten wiederum hatten versucht, die Bachtiaren durch erhebliche Geldsummen auf ihre Seite zu ziehen. Sie sollten die Pipelines im Verbund mit den britischen Truppen sichern.R. W. Ferrier: The History of the British Petrol Company. Bd. 1. S. 67, 120-122, 126-128.
Deutscher Aktionsplan Große Teile der iranischen Bevölkerung und die aktivste politische Partei, die Demokraten, sowie die Teheraner Presse standen auf der Seite der Mittelmächte. Bei einem Sieg Deutschlands und Österreich-Ungarns erhoffte man sich eine Befreiung aus der seit Jahrzehnten bestehenden wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit gegenüber Großbritannien und Russland. Die deutsche Militärmission, angeführt von dem Rittmeister der Reserve Graf Kanitz, forderte von Berlin, dass man Iran zum Kriegseintritt bewegen solle. Hauptmann Rudolf Nadolny, Leiter der Sektion Politik des deutschen Generalstabs, entwickelte einen Aktionsplan, „um einen Brand vom Kaukasus bis nach Kalkutta zu entfachen“. Ziel des Aktionsplans Nadolnys war es, „eine allgemeine Erhebung der Kaukasier, Perser, Afghanen und Inder“ zu organisieren, um „Russen und Engländern viel zu schaffen zu geben.“Ulrich Gehrke: Persien in der deutschen Orientpolitik. W. Kohlhammer, 1960, S. 99.