Das Kleinkastell Rötelsee war eine römische Fortifikation des Obergermanischen Limes, der im Jahre 2005 den Status des UNESCO-Weltkulturerbes erlangte. Das Kleinkastell wurde nahe der römischen Reichsgrenze errichtet und befindet sich heute auf der Gemarkung Welzheim, einer Stadt im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Rötelsee ist in die Typologie der provinzialrömischen Forschung eingegangen. Der Name wird heute auf alle ähnlich strukturierten Anlagen an der römischen Reichsgrenze verwendet. Herausragend war auch der Fund von Münzen aus der Zeit des Kaisers Gallienus (253–260), die den Untergang der Befestigung in die Spätzeit des Limesfalls legen.
Lage und Forschungsgeschichte Das auf einer Anhöhe rund 1,5 Kilometer nördlich des Westkastells von Welzheim errichtete Kleinkastell liegt an einer 80 Kilometer langen, fast genau in Nord-Süd-Richtung laufenden Strecke des Limes. Bereits die Reichs-Limeskommission (RLK) unter Gustav Sixt (1856–1904) untersuchte 1895 die Wehrmauern der in der Flur Ländlesäcker liegenden Anlage,Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes, Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands (= Schriften des Limesmuseums Aalen 12), Gentner, Stuttgart 1975, S. 9. die rund 40 Meter hinter den römischen Grenzanlagen errichtet wurde. Doch erst die Ausgrabung des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg im Herbst 1974, durchgeführt im Rahmen der Flurbereinigung und unter der Leitung des Archäologen Dieter Planck, brachte vollständige Klarheit über den Grundriss dieser kleinen steinernen Befestigung. Dabei wurde erstmals am obergermanisch-rätischen Limes die kleinste Form dieser Variante einer Grenzgarnison flächig untersucht.Dieter Planck: Neue Forschungen zum obergermanischen und raetischen Limes. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. de Gruyter, Berlin/New York 1976, ISBN 3-11-006690-4, S. 419. Nach der Ausgrabung wurde das Kleinkastell vom Flurbereinigungsamt Schorndorf und der Stadt Welzheim für die Öffentlichkeit sichtbar konserviert.Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes, Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands (= Schriften des Limesmuseums Aalen 12), Gentner, Stuttgart 1975, S. 10.
Baugeschichte Die ausgezeichnete Wahl des Platzes auf einer beherrschenden Anhöhe ermöglichte eine sehr gute Kontrolle des weiten Limesvorfeldes und der nach Norden laufenden Holzpalisade mit ihren Türmen. Anhand von Kleinfundgut, in erster Linie aufgefundene Keramik, wird davon ausgegangen, dass dieser von zehn bis zwanzig Soldaten besetzte Stützpunkt vermutlich erst im späten 2. Jahrhundert errichtet worden ist.Dieter Planck: Neue Forschungen zum obergermanischen und raetischen Limes. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. de Gruyter, Berlin/New York 1976, ISBN 3-11-006690-4, S. 421. Vielleicht gehört er in seiner Zeitstellung auch zu jener letzten Ausbauphase des Limes, in der auch das Kleinkastell „In der Harlach“ entstand. Im Gegensatz zu diesem besitzt Rötelsee, wie die meisten Kleinkastelle, jedoch kein Fahnenheiligtum. Daher wird als Truppe eine abkommandierte Einheit angenommen, die wahrscheinlich aus Welzheim stammte. Die auffällige Nähe der beiden dortigen Kastelle könnte diesen Schluss zulassen. Bemerkenswert ist auch die größenmäßige und im Grundriss optische Verwandtschaft mit dem 4,5 Kilometer nördlich gelegenen Kleinkastell Ebnisee sowie dem ebenfalls an Vorderen Limes entdeckten Kleinkastell Hankertsmühle.
mini|Kleinkastell Rötelsee Das 18,5 × 18,5 MeterOscar Paret: Württemberg in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Kohlhammer, Stuttgart 1961, S. 342. (= 324 m²) große quadratische Kleinkastell wird von einem bis zu zwei Meter breiten Spitzgraben, der an dem einzigen einspurigen Zugang aussetzt, umgeben. Die umfassenden Wehrmauern sind rund einen Meter breit. Das Tor besitzt keinen Turm, sondern einspringende Zungenmauern, wie sie auch an Einlässen des älteren, um 115 oder 140 n. Chr. erbauten Ostkastells von Welzheim beobachtet wurden.
An den beiden Stellen, an denen der Graben vor der Zufahrt aussetzt, stießen die Ausgräber auf je eine Grube. Es wurde vermutet, dass dies die Überbleibsel einer möglichen Verriegelung gewesen sind. An der Innenseite der Mauer wurden ringsherum Pfostenlöcher aufgedeckt, die zu einem ehemaligen Wehrgang gehörten. Die hölzerne Innenbebauung gruppiert sich im Karree nach Süden, Norden und Westen um einen gepflasterten Innenhof in der Kastellmitte und setzt nur im Osten, wo sich der Eingang und die Prätorialfront (Vorderfront) Richtung Limes befindet, aus. Der Hof besaß einen Porticus, einen überdachten Umgang. An seiner westlich gelegenen Stirnseite, unter dem Porticus gelegen, wurde eine große Herdstelle aufgedeckt. Die Untersuchung der in Schwellbauweise errichteten Innenbebauung ergab, dass es dort zwei bzw. drei fast gleich große Räume gegeben hat. An der Südostecke konnte ein vom Innenhof führender Drainagekanal freigelegt werden, der durch die Wehrmauer zum Graben reichte.
Rötelsee soll bis zur Aufgabe des Limes nach der Mitte des 3. Jahrhunderts bestanden haben. Kleinkastelle gehörten neben den Türmen zu den wesentlichen Stützpunkten der römischen Truppe direkt hinter dem Limes. Ihre Nutzung ist in der Regel jedoch unbekannt. Es wird angenommen, dass die unbekannte Einheit des Kleinkastells Rötelsee für die Überwachung eines Limesabschnitts zuständig war.Thomas Fischer, Michael Altjohann: Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Theiss, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1591-X, S. 145.
Als Fundgut konnten unter anderem eine Fibel, ein Anhänger in Phallusform sowie Münzen geborgen werden. Eine dieser Münzen stammte noch aus republikanischen Zeiten und wurde als Denar der 11. Legion von Marcus Antonius geprägt, der mit diesem Geld die Truppe auf seine Seite bringen wollte. Zudem wurden in Rötelsee und am Kleinkastell Haselburg die jüngsten Münzen des Vorderen Limes entdeckt. Sie entstanden während der Regierungszeit des Kaisers Gallienus (253–260).Markus Scholz: Keramik und Geschichte des Kastells Kapersburg – eine Bestandsaufnahme. In: Saalburg-Jahrbuch 52/53, 2002/2003, von Zabern, Mainz 2006. ISBN 978-3-8053-3636-9, S. 9–282. hier: S. 95/98. Der Archäologe Egon Schallmayer stellte fest, dass der Haselburger Antoninian des Gallienus frühestens 259 geprägt wurde.Egon Schallmayer: Der Limes. Geschichte einer Grenze. Beck, München 2006, ISBN 3-406-48018-7, S. 65.
Im Zuge des Limesfalls, der 259/260 n. Chr. in der Aufgabe der Agri decumates (Dekumatland) mündete, wurden die noch bestehenden römischen Grenzanlagen von den Truppen geräumt, wenn sie nicht schon zuvor gewaltsam zerstört worden waren.
Zu Funktion und Datierung Planck fasste eine Reihe sich in Größe, Bauweise und Entfernung vom Grenzwall ähnelnder Anlagen von Kleinkastellen am obergermanischen Limes unter der Bezeichnung Feldwachen vom Typus Rötelsee zusammen. Anhand datierbarer Funde in von ihm untersuchten Anlagen geht er davon aus, dass dieser Typus vermutlich erst im späten 2. Jahrhundert entstanden sei. Der Archäologe Andreas Thiel datiert diesen Kastelltyp sogar noch jünger, in die späte Limeszeit. Die Reduzierung der Truppen zu diesem Zeitpunkt habe eine Umorganisation der Grenzüberwachung nach sich gezogen. An die Stelle der ständig besetzten Turmstellen seien nun die Kleinkastelle dieses Typus getreten, um die Überwachung der Grenze mit einer Mannschaftsstärke zu bewältigen, die zur Besetzung der Turmstellen nicht mehr genügt hätte.
Limesverlauf zwischen dem Kleinkastell Rötelsee und den Kastellen von Welzheim