mini|Die heutige evangelische Marktkirche in Ortenburg, ehemals katholische Wallfahrtskirche.

Die Marktkirche Ortenburg (früher auch Frauenkirche genannt) ist eine ehemalige Wallfahrtskapelle und heutige evangelisch-lutherische Pfarrkirche im niederbayerischen Ortenburg. Sie war von der Einführung der Reformation 1563 bis 1805 die Begräbniskirche der Reichsgrafen von Ortenburg. Kunsthistorisch ist sie aufgrund ihrer zahlreichen Grabdenkmäler aus jener Zeit sehr bedeutend.

Geschichte

Die heutige Marktkirche kann eine abwechslungsreiche Geschichte aufweisen. Zuerst war sie eine kleine Kapelle und damit Filialkirche der großen Laurentiuskirche in nahen Ort Steinkirchen. Beim damaligen Bauwerk dürfte es sich um eine größere Kapelle gehandelt haben. Man nimmt an, dass diese den Umfang des heutigen Chorraumes umfasste.

Die Kirche wurde im Jahre 1359 zum ersten Mal erwähnt als Wallfahrtskapelle „Zu unsrer lieben Frauen vor dem Markt“. Sie lag damals noch nicht im Markt Ortenburg selbst, sondern einige hundert Meter außerhalb. Damals stifteten die Grafen von Ortenburg der kleinen Kapelle das erste Mal ein Benefizum. Auch später wurde die Kirche von den Grafen mehrfach bedacht. Teile dieser Güter, welche in der Nähe der Kirche lagen, erhielten Namen, die an den Kapellennamen angelehnt waren. So hatten diese Felder in Ortenburg die Bezeichnung Frauenfeld. Heute sind diese ehemaligen Felder bebaut, jedoch erinnert ein Straßenname an ihren historischen Namen. Neben weiteren Gebäuden hat unter anderem auch die evangelische Realschule Ortenburg die Anschrift Frauenfeld.

Während des Landshuter Erbfolgekrieges wurde Ortenburg mehrfach gebrandschatzt. Im Dezember des Jahres 1504 wurde der Markt, aber auch die Kapelle erneut geplündert.

mini|Blick ins Kirchenschiff Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Kirche großräumig umgebaut und restauriert. Es wird angenommen, dass sie hierbei ihre spätgotische Form erhielt. Bei diesen Arbeiten soll älteres Mauerwerk verwendet worden sein. Schließlich wurde sie am 20. Juni 1518 von Weihbischof Bernhard von Passau konsekriert.

Im Jahre 1557 bekannte sich der amtierende Graf Joachim von Ortenburg erstmals öffentlich zum evangelischen Glauben. Nachdem sein Versuch, in Bayern beide Konfessionen zuzulassen, gescheitert war, entschied er sich, in seiner reichsunmittelbaren Grafschaft die Reformation einzuführen. Am 3., 10. und 13. Oktober 1563 fanden bereits die ersten evangelischen Predigtgottesdienste in der Reichsgrafschaft statt, jedoch noch nicht öffentlich, sondern in der nur der gräflichen Familie und ihrer Bediensteten zugänglichen Schlosskapelle zum Hl. Ulrich auf Schloss Neu-Ortenburg. Eine Woche später fand am 17. Oktober 1563 der erste öffentliche Gemeindegottesdienst in der Marktkirche statt. Dieser Tag gilt seither als Gründungstag der evangelisch-lutherischen Gemeinde Ortenburg. Erster evangelisch-lutherischer Pfarrer war zu jener Zeit, bis zu seiner Vertreibung durch den bayerischen Herzog (20. Februar 1564), der Theologieprofessor Dr. Johann Friedrich Coelestin.

Dieser Schritt führte zu jahrzehntelangen Konflikten des Grafengeschlechts mit den bayerischen Herzögen um die Reichsunmittelbarkeit der Grafschaft. Als Kompromiss wurden im Jahre 1564 die protestantischen Gottesdienste in der Marktkirche bis zum Ausgang des vor dem Reichskammergerichts ausgetragenen Prozesses eingestellt. Lediglich auf Schloss Neu-Ortenburg war das Predigen erlaubt. Nach dem für die Ortenburger erfolgreichen Ausgang des Gerichtsprozesses am 4. März 1573 ließ Graf Joachim die Kirche umgehend schließen und umgestalten. Dabei wurden die Seitenaltäre und einige Bilder in der Kirche entfernt. Das Sakramentshäuschen wurde ausgebrochen und vermauert. Inmitten des Chorraumes errichtete man einen steinernen Tisch, nach calvinistischem Vorbild, als neuen Altar. Unterhalb des Chors und in Teilen des Kirchenschiffs wurde die gräfliche Gruft errichtet. Am 24. Mai 1573 sollte der erste Gottesdienst nach Fertigstellung dieser Arbeiten stattfinden. Dieser Tag wurde jedoch vom überraschenden Tod von Joachims Sohn Anton von Ortenburg überschattet. Er starb am 23. Mai 1573 auf dem Weg zu seiner Dienststelle auf einer Schifffahrt auf der Donau. Anton wurde am 31. Mai 1573 in der von seinem Vater errichteten Gruft beigesetzt. Er war somit der erste des gräflichen Hauses, welcher in der Marktkirche beigesetzt wurde. Am selben Tag wurde auch damit begonnen, regelmäßig evangelische Gottesdienste in der Marktkirche zu halten. Am 25. Mai hatte Joachim die katholische St.-Laurentius-Kirche in Steinkirchen sperren lassen, wodurch das Messelesen eingestellt wurde.

Wegen stets anhaltender Platzprobleme in der Marktkirche entschied Gräfin Amalia Regina im Jahre 1703, die Kirche umzugestalten. Die Umbauten dauerten bis ins Jahr 1706. Im Kirchenschiff wurde eine neue Doppelempore nach fränkisch-sächsischem Vorbild errichtet. Das Schiff wurde um Treppenaufgänge verlängert und der Kirchturm auf das neue Eingangsportal versetzt. Man erneuerte Teile des Kirchenschiffes, brachte einen neuen barocken Altaraufsatz sowie die heutige Kanzel an und schaffte eine neue Kirchenorgel an. Die beiden großen Glocken der Kirche St. Laurentius wurden nach Ortenburg überführt. Die Gesamtkosten des Umbaus betrugen 1080 Gulden. Der Kirchturm war so teuer, dass erst Graf Karl III., der Enkel Amalia Reginas, 1751 die Bauarbeiten beenden konnte. Dabei wurde der Spitzturm abgetragen und eine neue, heute noch vorhandene Zwiebelhaube aufgesetzt. Die Kosten dieser Arbeiten betrugen 870 Gulden.

Im Jahre 1812 wurde für die Konfirmanden der Gemeinde eine Burschenempore im Chorraum hinter dem Altar errichtet. Schon damals galt dieser Einbau nicht als Verschönerung des Kirchenraumes.

1852 wurde der evangelische Kindergarten gegründet, einer der ältesten in Niederbayern.

Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurde die Marktkirche Mutterkirchengemeinde der evangelischen Gemeinden Passau (1834), Pfarrkirchen (1896) und Vilshofen (1933).

Zur dreihundertjährigen Feier der Reformation wurde die Kirche im September 1863 umfangreich renoviert und neu weiß getüncht. Zwei Jahre später mussten Teile des Turmes saniert und umgebaut werden, wobei eine neue Kirchenuhr installiert wurde.

1883 kam es wieder zu einer größeren Renovierung der Marktkirche. Sie dauerte vom 19. Juni bis zum 19. Oktober. Dabei wurde die Kirche neu gepflastert. Beim Abheben des Gestühls wurden zwei Gedenktafeln entdeckt, welche daraufhin in die Seitenwände eingelassen wurden. Ebenso wurde der Bretterboden im Kirchenschiff ausgetauscht. Um unterhalb der Empore den Lichteinfall zu verbessern, wurden vom Pfarrhof her zwei Rosetten gebrochen und mit Butzenscheiben versehen.

Für 5000 Mark wurde 1902 eine neue Kirchenorgel von Steinmeyer & Co aus Oettingen erworben. Die alte Orgel, welche wohl noch aus den Zeiten Amalia Reginas stammte, wurde von dieser Firma überholt und nach St. Laurentius gebracht.

Am 20. September 1937 begannen die schon lang geplanten erneuten Restaurierungsarbeiten in der Kirche. Dabei wurde die Burschenempore wieder entfernt. Absackende Fundamente wurden stabilisiert. Zusätzlich wurde zu der 1913 durchgeführten Elektrifizierung eine Heizung eingebaut. Die seit 1883 provisorisch abgestellte Gruftplatte wurde dabei in die Rückseite der Chorwand eingelassen. Ein Jahr später renovierte man das Kirchenäußere.

1980 wurde eine elektrisch gesteuerte Uhr für das Geläut angebracht.

Im Jahre 1997 wurde die gesamte Kirche wegen starken Holzwurmbefalls gesperrt und begast. Vier Jahre später wurde festgestellt, dass sich die Doppelemporen aus Holz gesenkt hatten. Nach Auskunft eines Statikers war eine Generalsanierung unausweichlich, da die Emporen unter Volllast nicht mehr tragfähig waren. Mit dieser wurde ab Juli 2005 begonnen. Die Doppelemporen wurden dabei vom Boden abgehoben und erhielten neue Holzfüße und neue Fundamente. Der Boden der Kirche wurde mit Juramarmorplatten neu gefliest. Den Innenraum gestaltete man neu, dabei wurden neue Kirchenbänke eingebaut und Freiraum für Rollstuhlfahrer vor dem Chorraum geschaffen. Die Kirchenwände wurden neu gekalkt. Im Jahre 2006 konnten die Arbeiten fertiggestellt werden.

Bauwerk

Kunsthistorisch gilt die Marktkirche als sehr bedeutend. Die einschiffige Kirche ist ein Spätgotikbau. Ein Netzgewölbe durchzieht das gesamte Kirchenschiff, auch den Chorraum. An den Seiten und im Chorraum sind Spitzbogenfenster angebracht, die mit Fischblasenmaßwerk verziert sind.

Die westlichen Fenster des Kirchenschiffes sind nicht so weit herabgezogen wie die anderen im Raum. Dies wird als Indiz für die Annahme gewertet, dass bereits in gotischer Zeit eine Empore vorhanden war.

Das Kirchenschiff wird heute bestimmt durch die mächtigen doppelten Holzemporen, welche der Gemeinde genügend Platz bieten. Die künstlerische Schlichtheit der Kirche fällt im niederbayerischen Umland besonders auf; sie steht im Gegensatz zu den prunkvollen Kirchen in Sammarei oder den zahlreichen Asamkirchen der Gegend. Die zahlreichen Epitaphe aus unterschiedlichen Epochen der gräflichen Familie sowie die beiden reich verzierten Grabdenkmäler im Chorraum unterstreichen die kunsthistorische Bedeutung des Baus.

Altar mini|Altar und Epitaphien Das Altarbild zeigt die Kreuzigung Jesu, es entstand wohl kurz nach 1700. Umrahmt wird es von weinlaubumwundenen Säulen. Über dem Altarbild ist zu lesen: „Jesu, du edler Pelikan, nimm dich doch meiner Seele an. Bespreng sie mit dem teuern Blut. Gib mir Leben, Kraft und Mut.“ (Reimübersetzung aus Adoro te devote) Unter dem Bild sind folgende Worte angebracht: „Ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten“ ()

Der Altar wurde 1573 als Tisch gestaltet, entsprechend der calvinistischen Neigung Joachims. Damit verbunden war der Verzicht auf die Anbringung eines Kruzifixes und eines Leuchters. Diese wurden erst später, nach einer Stiftung Passauer Bürger aus dem Jahre 1831, auf dem Altar angebracht.

Kanzel

Die Kanzel befindet sich rechts am Chorbogen. Sie entstand im Jahre 1706. Der Schalldeckel wird bekrönt durch einen Adler, welcher unter sich junge Vögel behütet. Der goldene Kanzelkorpus ist am unteren Ende mit einem Pinienzapfen verziert, dies symbolisiert seit der Antike die Ewigkeit.

Chorraum und Grabdenkmäler Monumente Die Angehörigen der gräflichen Familie sind im Chorraum und Kirchenschiff der Marktkirche bestattet, in der seit 1573 bestehenden Gruft. Sie besteht aus zwei Kämmern, die ältere im Chor, die jüngere Kammer im Kirchenschiff. An die Familienmitglieder erinnern zahlreiche Monumente im Chorraum sowie im Kirchenschiff (Namen regierender Grafen der Reichsgrafschaft Ortenburg sind fett gesetzt): Epitaph für Jakoba von Ortenburg († 1550) Kenotaph für Anton von Ortenburg († 1573) – Sohn des Joachim von Ortenburg († 1600) und seiner 1. Ehefrau Ursula von Fugger († 1570) Totenschild für Anton von Ortenburg († 1573) Epitaph für Adelheid Schenk von Limpurg, geb. Wild- und Rheingräfin († 1580) – 2. Ehefrau des Karl Sigmund Schenk von Limpurg-Speckfeld († 1558), Mutter der Lucia von Ortenburg, geb. Schenk von Limpurg († 1626)Biographie der Adelheid Schenk von Limpurg, geb. Wild- und Rheingräfin († 1580) auf Deutsche Inschriften Online Epitaph für Ulrich (III.) von Ortenburg († 1586) und seine Ehefrauen Katharina von Degenberg († 1570) und Katharina Truchseß von Waldburg († 1590) – Sohn des Alexander von Ortenburg († 1548) und der Regina Bianca von Wolkenstein († 1539). Ulrich (III.) von Ortenburg war ein Vetter des Joachim von Ortenburg († 1600). Kenotaph für Joachim von Ortenburg († 1600), regierender Reichsgraf von Ortenburg 1551–1600 Totenschild für Joachim von Ortenburg († 1600) Epitaph für Joachim von Ortenburg († 1600)