Als Movius-Linie bezeichnet man in der Vorgeschichtsforschung eine theoretische Linie durch das nordöstliche Indien, die eine archäologische Fundgrenze von Faustkeilen beschreibt. Ihrer Definition nach setzt sie sich nördlich und südlich fort (siehe Karte). Die Linie ist rein phänomenologisch und nimmt auf deren Ursache oder die damit einhergehenden interpretatorischen Facetten keinen Bezug. Sie ist heute wissenschaftlich umstritten und durch neuere, komplexere Modelle ersetzt worden.

Das gegenwärtige Hauptproblem besteht in diesem Zusammenhang vor allem darin, die archäologische Situation bei der Interpretation der asiatischen Werkzeugkomplexe mit deren paläoanthropologischen Zusammenhängen in Übereinstimmung zu bringen und auf die umstrittene Bedeutung von Faustkeilen als solchen sowie deren neuroanatomische Korrelate zu beziehen.

Erstmals vorgeschlagen wurde die später nach ihm benannte Linie 1948 von dem amerikanischen Archäologen Hallam L. Movius, um so den technologischen Unterschied zwischen den frühen prähistorischen Werkzeugmachern im Osten und Westen Asiens, Afrikas und Europas am Prinzip der fehlenden beziehungsweise vorhandenen Faustkeilindustrien aufzuzeigen.Movius: The Lower Paleolithic Cultures of Southern and Eastern Asia. S. 329 ff., 376 ff.

250px|mini|Die Movius-Linie. Sie trennt in Ost- und Südasien die Bereiche mit der Faustkeil-Tradition des Acheuléen (braungrün) von denen ohne Faustkeile (hellgrün). Java und einige Bereiche Chinas haben beide Färbungen, d.h, es gibt Vorkommen von Faustkeilen, aber keine kontinuierliche Acheuléen-Tradition.

Konzeption der Linie mini|links|Geröllwerkzeug (Chopper). Oberflächenfund aus dem Douro-Tal der Provinz Valladolid (Spanien). Man erkennt genau, wie nur das eine Ende des Gerölls beidseitig abgeschlagen worden ist, um dort eine scharfe Schneide zu erzeugen. mini|Faustkeil. Fundort: Châteauneuf-sur-Loire (Loiret). Der Unterschied zu dem sehr einfachen Geröllgerät ist deutlich.

Auf dem indischen Subkontinent gibt es – breit gestreut – sehr reiche Funde der Faustkeil-Industrien, obwohl die genaue Zuordnung zu den potentiellen Trägern aus der Gruppe der Hominini noch fraglich ist, denn solch pleistozäne Hominini-Fossilien fehlen hier weitgehend.

Im Norden Indiens ist die Situation jedoch anders. Dort herrschte im frühen bis mittleren Paläolithikum der Technokomplex des Soan (benannt nach dem breiten Tal des Soan-Flusses in Pakistan) vor, das etwa im Mittleren Pleistozän begann und eine langlebige Geröll- und Abschlagindustrie repräsentiert. Diese kann als Anpassungsform an lokale Lebensbedingungen und durch die Verfügbarkeit großer Mengen und verschiedener Formen von Geröll erklärt werden. Aus dem Soan vor allem des Punjab sind dann möglicherweise die Industrien entstanden, die sich nach Osten über Hinterindien bis nach China und die Mongolei und nach Norden in den zentralasiatischen und russischen Raum ausbreiteten.Sheratt: Cambridge Enzyklopädie der Archäologie. S. 78.

Movius war entsprechend schon relativ früh aufgefallen, dass die paläolithischen Inventare von Steinwerkzeugen aus Fundorten im östlichen und nördlichen Indien nie Faustkeile des Biface-Typs enthielten; außerdem bestanden sie häufig aus formal eher weniger ausgearbeiteten Objekten, die auch als Geröllgeräte bzw. Chopper und Chopping Tools bekannt sind. Diese waren zwar gelegentlich ebenso sorgfältig bearbeitet wie die Geräte des Acheuléen weiter westlich, konnten aber nicht als echte Faustkeile eingestuft werden. Movius zeichnete daher in einer Karte Indiens eine Linie ein, um so den Unterschied deutlich zu machen zwischen den Werkzeugen aus Europa, Westasien und Afrika und denen aus Ostasien.

Auch im Spätpleistozän setzte sich die faustkeillose und technologisch eher anspruchslose Entwicklung östlich der Movius-Linie fort. Das gilt sowohl für das späte Soan Indiens wie für das burmesische Anyathian, malaysische Tampanian und vietnamesische Hoabinhian sowie für das Padjitanian Javas (zu diesem Sonderfall s. unten). Allerdings fanden sich in den spätpleistozänen Industrien Chinas vor allem im Bose-Becken Südchinas gelegentlich auch bifazial bearbeitete Werkzeuge der Faustkeiltyps, allerdings nur bei jedem dritten Faustkeil, der Rest war einseitig bearbeitet. Ihr Alter konnte auf 800.000 Jahre bestimmt werden, und sie sind somit die ältesten genau datierten Geräte Ostasiens. Ähnlich Funde gab es auch in Lantian (ca. 1 Mio. BP), aus Dingcun in Nordchina und Chongokni (Südkorea) (jeweils etwa 100.000 bis 200.000 BP).Kuckenburg: Als der Mensch zum Schöpfer wurde. S. 56 f. Und in der Fundstätte von Shui-tung-kou (aus dem Ordos-Gebiet) gibt es Geräte, die sogar als entwickeltes Levalloiso-Moustérien eingestuft werden können, somit charakteristisch jungpaläolithisch sind und keinesfalls so konservativ, wie die chinesischen Geräteinventare gelegentlich eingestuft werden.Sheratt: Cambridge Enzyklopädie der Archäologie. S. 80 f. Auch auf den Philippinen wurden bifaziale Artefakte entdeckt, die zur Neubewertung der klassischen Movius-Linie beitrugen. Die Fundstelle Arubo 1 in General Tinio, Nueva Ecija, erbrachte einen Proto-Handkeil und ein bifaziales Cleaver aus lokalem Chertmaterial. Die Fundstelle wurde im Rahmen des Archaeological Studies Program der Universität der Philippinen untersucht; die lithischen Forschungen standen unter anderem im Zusammenhang mit Unterstützung durch die deutsche Fritz Thyssen Stiftung.

Bezug zur Evolution des Menschen mini|Hirnschädel (Replik, das Original ging im Zweiten Weltkrieg verloren) des Homo erectus pekinensis (Sinanthropus pekinensis), der als erster 1929 in Zhoukoudien gefunden wurde und morphologisch dem Java-Schädel ähnelt, obwohl er höchstens 600.000 Jahre alt ist. Der Kiefer ist rekonstruktiv ergänzt.

Paläoanthropologische Fundsituation Indien ist – was Hominidenfunde angeht – wie erwähnt, relativ fundarm, und die allein darauf beruhenden Kenntnisse der dortigen Ausbreitung des modernen Menschen sind daher entsprechend spekulativ; jedoch liefern aktuelle (2009) genetische Befunde hier neue Hinweise.The HUGO Pan-Asian SNP Consortium: Mapping Human Genetic Diversity in Asia. In: Science. Band 325, 2009, S. 1541–1545, doi:10.1126/science.1177074 Eine detaillierte Grafik zu den Besiedlungswegen in Asien ist enthalten in: Dennis Normile: SNP Study Supports Southern Migration Route to Asia. In: Science. Band 325, 2009, S. 1470, doi:10.1126/science.326.5959.1470 Frühe Fossilienfunde sind zudem bezüglich ihrer Einordnung umstritten. Das 1982 im Flussbett der Narmada bei Hathnora (Bundesstaat Madhya Pradesh, Zentralindien) gefundene Schädeldach („Narmada Man“) ist das einzige mittelpleistozäne menschliche Fossil in Indien. Es wurde zunächst Homo erectus, inzwischen aber dem archaischen Homo sapiens zugerechnet.K. A. R. Kennedy, J. Chiment: The fossil hominid from the Narmada valley, India: Homo erectus or Homo sapiens? In: P. Bellwood (Hrsg.): Indo-Pacific Prehistory. Vol. 1, 1991, S. 42–58.Gudrun Corvinus: Homo erectus in East and Southeast Asia, and the questions of the age of the species and its association with stone artifacts, with special attention to handaxe-like tools. In: Quaternary International. Volume 117, Issue 1, 2004, S. 141–151. doi:10.1016/S1040-6182(03)00124-1 Vereinzelt wurden Schädelmerkmale des Homo heidelbergensis (einer Vorläuferart der europäischen Neandertaler) erörtert,Sheela Athreya: Was Homo heidelbergensis in South Asia? A test using the Narmada fossil from central India. In: Michael D. Petraglia, Bridget Allchin (Hrsg.): The Evolution and History of Human Populations in South Asia. Springer Verlag, Dordrecht 2007, S. 137–170. da das Hathnora-Fossil einen auch aus Afrika vertrauten Mosaikcharakter bietet.K. A. R. Kennedy, A. Sonakia, J. Chiment, K. K. Verma: Is the Narmada hominid an Indian Homo erectus? In: American Journal of Physical Anthropology. 86, 1991, S. 475–496. Die Datierung wird heute mit etwa 600.000–400.000 Jahren angegeben.

Immerhin fand man mit diesen Fossilien assoziierte Acheuléen-Artefakte.Rothe Henke: Paläoanthropologie. S. 461. Weitere indische Acheuléen-Fundplätze, die Homo erectus zugeordnet werden, gibt es bei Chirki-on-PravaraGudrun Corvinus: A survey of the Pravara River system in western Maharashtra, India. Vol. 2: The Excavation of the Acheulian Site of Chirki-on-Pravara, India. (= Tübinger Monographien zur Urgeschichte. Band 2). Verlag Archaeologica Venatoria, 1983. und Hungsi.

Probleme einer präzisen Altersbestimmung gibt es auch bei den Hominidenfunden auf Java (s. u.), das während der Eiszeiten über den Sahul-Schelf mit dem asiatischen Festland verbunden war.

Die chinesischen Funde wiederum, vor allem die aus Lantian und Choukoutien, zeigen ein extrem archaisches Homo-erectus-Muster und durch dies Archaik eine enge Verwandtschaft zu den Funden aus Java.

Mögliche Folgerungen für die Evolution des Menschen Was die Evolution des modernen Menschen und ihr Verhältnis zur Movius-Linie angeht, müssten, sofern man keine externen, umweltbedingten Einflussfaktoren annimmt (z. B. Material Bambus, s. u.), fossile Belege den Unterschied zwischen den Werkzeugherstellern diesseits und jenseits der von Movius festgestellten Trennlinie eigentlich unterstützen, vor allem was die Hirnkapazität angeht. Geht man nämlich davon aus, dass der moderne Mensch sich ausschließlich in Afrika entwickelte (sog. Out-of-Africa-Theorie), muss die Existenz einer derartigen Trennlinie ursächlich jedenfalls genauer erklärt werden, obwohl sie ja zeitlich weit vor der Entwicklung des Homo sapiens liegt, aber theoretisch die Voraussetzungen für eine spätere multiregionale Entwicklung des modernen Menschen in Afrika und in Asien geboten hätte.Rothe Henke: Paläoanthropologie. S. 367 ff., 423 Nach Ansicht von Paläoanthropologen ist die relativ einfache Auffassung von Movius jedenfalls mit Bezug auf die Hominisation in Asien nicht mehr haltbar, vor allem, wenn man etwa an bestimmte sehr niedrige Altersbestimmungen der Hominini auf Java denkt, wo für den Solo-Menschen (von dem man nicht einmal weiß, ob er dem Homo erectus zuzuordnen ist oder einen (Prä-)Sapienstyp darstellt), ein fossiles Alter von 27.000 bis 53.000 Jahren errechnet wurde, 250.000 Jahre weniger als bei älteren Datierungen.C. C. Swisher u. a.: Latest Homo erectus of Java: Potential Contemporaneity with Homo sapiens in Southeast Asia. In: Science. Band 274, 1996, S. 1870–1874 (Abstract)

Problematik der speziellen Artefakt-Fundsituation Ein Problem stellt jedoch die Tatsache dar, dass zum Beispiel keine Artefakte in Java gefunden wurden, die einen direkten Bezug zu den dortigen Erectus-Formen haben.Rothe Henke: Paläoanthropologie. S. 422 ff. Zwar wurden zum Beispiel im Fundplatz von Patjitan (Zentraljava) neben Chopping Tools auch über 150 teils sehr grob bearbeitete Faustkeile gefunden, die allerdings hier fließend in Biface-Typen übergehen, die aber chronologisch nicht einzuordnen sind, so dass Java hier entweder einige isolierte und wenig entwickelte Faustkeilindustrien aufweist oder aber als Übergangszone angesehen werden muss, sofern es sich nicht überhaupt um ein sporadisches, durch Umwelteinflüsse bedingtes Auftreten handelt, wie man es etwa für das südchinesische Bose-Becken vermutet (s. u.).Müller Karpe: Altsteinzeit. S. 96 f., 343 u. Taf. 250