Menon von Pharsalos (, auch Menon von Thessalien und – irrig – Menon von Larisa genannt; * um 423 v. Chr.; † 400 v. Chr.) war ein thessalischer Truppenkommandeur. Er beteiligte sich als Söldnerführer am Aufstand des persischen Thronprätendenten Kyros gegen dessen älteren Bruder, den Großkönig Artaxerxes II. Als dieser Feldzug scheiterte, geriet Menon in Gefangenschaft. Später wurde er hingerichtet. Bekannt ist er vor allem als Gesprächsteilnehmer in einem nach ihm benannten literarischen Dialog Platons.

Herkunft

Menon war vornehmer Herkunft. Von seinem Vater ist nur bekannt, dass er Alexidemos hieß. Seine Familie war reich, sie hatte ihr Machtzentrum in ihrer Heimatstadt Pharsalos und gehörte traditionell zu den führenden Geschlechtern Thessaliens. Mit dem persischen Herrscherhaus der Achämeniden war sie durch Gastfreundschaft verbunden.Platon, Menon 78d. Zugleich unterhielt sie gute Beziehungen zu politischen Kreisen Athens. Bereits 476 v. Chr. kam ein Menon von Pharsalos („Menon I.“) dem athenischen Feldherrn Kimon bei dessen Angriff auf Eion am Strymon zu Hilfe und erhielt zum Dank das attische Bürgerrecht.Demosthenes 13,23 und 23,199. Zu diesem Menon siehe Michael J. Osborne: Naturalization in Athens, Bd. 3/4, Brüssel 1983, S. 20–23. Ein weiterer Menon von Pharsalos („Menon II.“), wohl ein Nachkomme von Kimons Verbündetem, führte den Athenern 431 v. Chr. – zu Beginn des Peloponnesischen Krieges – thessalische Reiter zu.Thukydides 2,22,3. Vielleicht war dieser Menon der Großvater oder ein Onkel des gleichnamigen Söldnerführers („Menon III.“), des Sohnes des Alexidemos.Monique Canto-Sperber: Platon: Ménon, 2. Auflage, Paris 1993, S. 19; John S. Morrison: Meno of Pharsalus, Polycrates, and Ismenias. In: The Classical Quarterly 36, 1942, S. 57–78, hier: S. 75 und Anm. 1.

Leben Jugend in Griechenland

Der junge Menon wurde wegen seiner Schönheit in homoerotischen Kreisen geschätzt. Er war ein enger Vertrauter des mächtigen thessalischen Politikers Aristippos von Larisa, zu dem er eine erotische Beziehung hatte. Aristippos war gegen Ende des 5. Jahrhunderts der profilierteste Repräsentant des Adelsgeschlechts der Aleuaden, das sein Machtzentrum in der Stadt Larisa hatte und in der thessalischen Politik seit langem eine maßgebliche Rolle spielte.

Menon war ebenso wie Aristippos ein Bewunderer des berühmten, aus Sizilien stammenden Sophisten Gorgias, der sich einige Zeit als Lehrer der Rhetorik in Larisa aufhielt. Die beiden Thessalier gehörten zu den Vornehmen, die dort an seinem Unterricht teilnahmen. Gorgias verbreitete mit großem Erfolg seine Lehren über die Kunst der Überzeugung und gewann in Thessalien zahlreiche Anhänger.

Lykophron, der Machthaber der bedeutenden thessalischen Stadt Pherai, versuchte ganz Thessalien unter seine Herrschaft zu bringen. Im September 404 v. Chr. besiegte er seine Gegner, zu denen die Aleuaden von Larisa gehörten, und fügte ihnen in der Schlacht schwere Verluste zu. Die von der militärischen Niederlage geschwächten Aleuaden und ihr Verbündeter Menon mussten möglicherweise zeitweilig ins Exil gehen.Hans Beck: Polis und Koinon, Stuttgart 1997, S. 127 und Hans-Joachim Gehrke: Stasis. Untersuchungen zu den inneren Kriegen in den griechischen Staaten des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. München 1985, S. 189f. gehen von einer Verbannung aus, die auch Menon betraf.

Nach dieser Verschiebung der Machtverhältnisse in Thessalien kam der junge Menon 403/402 mit einem Gefolge von Sklaven nach Athen. Wahrscheinlich war er mit der diplomatischen Mission beauftragt, dort Unterstützung für die Aleuaden und deren Verbündete zu mobilisieren. Sein Gastgeber war der Politiker Anytos, der später zu den Anklägern des Sokrates gehörte.Richard S. Bluck (Hrsg.): Plato’s Meno, Cambridge 1961, S. 120–122; Monique Canto-Sperber: Platon: Ménon, 2. Auflage, Paris 1993, S. 19; John S. Morrison: Meno of Pharsalus, Polycrates, and Ismenias. In: The Classical Quarterly 36, 1942, S. 57–78, hier: 75f.

Aristippos fand Hilfe bei Kyros, dem jüngeren Bruder des seit 404 im Perserreich regierenden Großkönigs Artaxerxes II. Kyros war damals Satrap (Provinzgouverneur) von Lydien, Großphrygien und Kappadokien sowie Oberbefehlshaber der kleinasiatischen Truppen des Perserreichs. Er plante einen Aufstand gegen seinen Bruder, dem er die Herrschaft entreißen wollte. Die Lage in Thessalien bot ihm eine Gelegenheit, Söldner anwerben zu lassen, ohne bei Artaxerxes Verdacht zu erregen. Zu diesem Zweck gab er Aristippos den Sold für viertausend Söldner auf sechs Monate unter der Bedingung, vorerst keinen Frieden mit der Gegenseite zu schließen, sondern das Heer bis auf Weiteres in Bereitschaft zu halten.Xenophon, Anabasis 1,1,10. Vgl. Otto Lendle: Kommentar zu Xenophons Anabasis (Bücher 1–7), Darmstadt 1995, S. 11f.; John S. Morrison: Meno of Pharsalus, Polycrates, and Ismenias. In: The Classical Quarterly 36, 1942, S. 57–78, hier: 66f.

Söldnerführer in Asien

In der letzten Phase der Vorbereitungen für den persischen Bürgerkrieg gab Kyros Aristippos die Anweisung, in Thessalien Frieden zu schließen und ihm die Söldner zur Verfügung zu stellen. Darauf schickte ihm Aristippos im Jahr 401 ein Söldnerheer unter dem Kommando Menons. Menon traf mit tausend Hopliten (Schwerbewaffneten) und fünfhundert Peltasten (Leichtbewaffneten) in der Stadt Kolossai in Phrygien ein, wo sich Kyros aufhielt.Xenophon, Anabasis 1,2,1; 1,2,6; 2,6,28. Vgl. Otto Lendle: Kommentar zu Xenophons Anabasis (Bücher 1–7), Darmstadt 1995, S. 12–13, 16. Von dort zogen die Aufständischen, denen sich noch weitere griechische Truppen anschlossen, in den Krieg gegen Artaxerxes II.

Menon übernahm mit seinen Söldnern den Schutz der kilikischen Herrschersgattin („Königin“) Epyaxa, die sich nach einem längeren Aufenthalt beim Rebellenheer auf die Heimreise nach Kilikien begab. Epyaxa war dem vorrückenden Kyros entgegengereist und hatte ihm bedeutende Geldmittel übergeben. Das Herrschaftsgebiet ihres Mannes musste von der Streitmacht der Aufständischen durchquert werden. Für Kyros ging es darum, einen friedlichen Durchmarsch durch Kilikien zu bewerkstelligen, denn eigentlich war Epyaxas Gatte, der Dynast („König“) Syennesis, als Vasall des Großkönigs verpflichtet, den Aufständischen militärisch Widerstand zu leisten. Für die Vorbereitung eines möglichst reibungslosen Einmarsches in Kilikien sollte Menon sorgen. Es erwies sich als einfach, den wenig kampflustigen kilikischen Machthaber vom Widerstand abzuhalten. Bei der Ausführung dieses Auftrags verlor Menon jedoch unter unklaren Umständen hundert Schwerbewaffnete, die vielleicht beim Plündern von Kilikiern getötet wurden.Vgl. John W. I. Lee: The Lochos in Xenophon’s Anabasis. In: Christopher Tuplin (Hrsg.): Xenophon and his World, Stuttgart 2004, S. 289–317, hier: 293–295; Lee vermutet, dass die Textüberlieferung fehlerhaft ist und dass es in Wirklichkeit zweihundert Mann waren. Um sich für den Tod ihrer Kameraden zu rächen, plünderten seine Söldner die Stadt Tarsos, in der Syennesis residierte, und dessen Schloss. Als Kyros in Tarsos eintraf, gelang es ihm dennoch, ein Einvernehmen mit Syennesis zu erzielen, wobei Epyaxa vermittelte.Xenophon, Anabasis 1,2,20–26. Vgl. Otto Lendle: Kommentar zu Xenophons Anabasis (Bücher 1–7), Darmstadt 1995, S. 19f., 25–29; Joseph Roisman: Klearchos in Xenophon’s Anabasis. In: Scripta Classica Israelica 8/9, 1985/1988, S. 30–52, hier: 33.

Kyros hatte seinen Truppen zunächst das wahre Ziel des Feldzugs verheimlicht und vorgetäuscht, es gehe nur um eine Strafexpedition nach Pisidien. Als die Söldner im Verlauf des Vormarsches merkten und später auch offiziell erfuhren, worauf das Unternehmen tatsächlich abzielte, meuterten sie. Menon gelang es, seine Söldner bei der Stange zu halten, indem er ihnen besondere Vergünstigungen in Aussicht stellte, falls sie als erste den Euphrat überquerten, noch bevor die anderen Griechen ihre Entscheidung trafen. Sie ließen sich überzeugen und führten zur Freude des Kyros den Befehl aus. Darauf durchquerte Kyros selbst den Fluss, was wegen des niedrigen Wasserstandes ausnahmsweise ohne Schiffe möglich war, und das ganze übrige Heer folgte ihm.Xenophon, Anabasis 1,4,11–18. Vgl. Otto Lendle: Kommentar zu Xenophons Anabasis (Bücher 1–7), Darmstadt 1995, S. 40–43.

Unterwegs kam es zu einer Konfrontation zwischen Menons Söldnern und denen des mit ihm rivalisierenden Kommandeurs Klearchos, wobei Klearchos von Menons Leuten fast gesteinigt wurde. Erst das persönliche Eingreifen des Kyros konnte die Situation entspannen und Blutvergießen verhindern.Xenophon, Anabasis 1,5,11–17. Vgl. zu der Rivalität Truesdell S. Brown: Menon of Thessaly. In: Historia 35, 1986, S. 387–404, hier: 390–392; Otto Lendle: Kommentar zu Xenophons Anabasis (Bücher 1–7), Darmstadt 1995, S. 49f.

Artaxerxes II. war von dem Aufstand überrascht worden und setzte dem gegnerischen Vormarsch zunächst keinen wirksamen Widerstand entgegen. Erst bei Kunaxa im Gebiet von Babylon, tief im Inneren des Perserreichs, stießen die vorrückenden Aufständischen auf ein Heer des Großkönigs, das von diesem persönlich befehligt wurde. In der Schlacht bei Kunaxa kommandierte Menon den (weniger angesehenen) linken Flügel des Rebellenheeres.Xenophon, Anabasis 1,8,4. Kyros fand im Kampf den Tod. Damit war der Feldzug faktisch gescheitert, obwohl die Aufständischen bei Kunaxa keine Niederlage erlitten hatten, sondern im Schlachtverlauf ihre überlegene Kampfkraft demonstriert hatten.

Nach der Schlacht waren die griechischen Söldner des getöteten Kyros, obwohl sie unbesiegt waren, in einer sehr schwierigen Lage. Ihnen drohte die Gefahr, eingekesselt, von Nachschub abgeschnitten und aufgerieben zu werden. Sie boten nun dem persischen Adligen Ariaios, einem Freund und Truppenführer des Kyros, den persischen Thron an, um den Feldzug gegen Artaxerxes unter ihm als neuem Oberbefehlshaber fortzusetzen. Zu der Delegation, die sie zu ihm schickten, um ihn von ihrem Vorschlag zu überzeugen, gehörte Menon. Menon war ein Vertrauter und Gastfreund des Ariaios, der außerdem an dem jungen Thessalier erotisch interessiert gewesen sein soll. Als Ariaios den Vorschlag ablehnte, kehrten die Abgesandten zurück, mit Ausnahme von Menon, der bei seinem Freund blieb.Xenophon, Anabasis 2,1,4–5; 2,2,1; 2,6,28.

Ariaios stand mit dem Satrapen Tissaphernes, dem Hauptorganisator von Artaxerxes’ militärischem Widerstand gegen die Rebellion, in Kontakt und traf in Begleitung Menons mit ihm zusammen. Der Verlauf dieser Verhandlungen ist unbekannt. Der Geschichtsschreiber Ktesias behauptet, Menon habe als Verräter mit Tissaphernes zusammengearbeitet, um seine Kameraden den Persern auszuliefern.Ktesias, Persika F 27.