mini|Henri Meschonnic (2003) Henri Meschonnic (* 18. September 1932 in Paris; † 8. April 2009 in Villejuif) war ein französischer Sprachtheoretiker, Dichter und Übersetzer. Bis 1997 lehrte er als Professor für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität Paris VIII. Zu seinen Hauptwerken zählen Le signe et le poème (1975), Critique du rythme (1982), Le langage Heidegger (1990) und Poétique du traduire (1999).

Leben Henri Meschonnic wurde in Paris geboren, wohin seine Eltern, die aus Chișinău (heute Moldawien) stammten, in den 1920er-Jahren emigriert waren. Die jüdische Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen, der Vater Izya Meschonnic verkaufte Kleidung auf einem Pariser Flohmarkt, die Mutter Tania, geb. Schwartzman, arbeitete als Näherin. Meschonnics Eltern sprachen miteinander Russisch oder Jiddisch, mit dem Sohn jedoch Französisch. Nachdem er die Lehramtsprüfung (frz. Agrégation) im Fach Klassische Sprachen abgelegt hatte, wurde Meschonnic zum Militärdienst eingezogen und 1960 im Algerienkrieg eingesetzt, eine prägende Erfahrung, die er in seinen Poèmes d’Algérie (1962) verarbeitete. In die Algerienzeit fällt auch die autodidaktische Aneignung der hebräischen Sprache. 1963 stellte der Linguist und Grammatiker Jean-Claude Chevalier Meschonnic als seinen Assistenten ein, was den Beginn seiner Universitätskarriere markierte: Meschonnic arbeitete zunächst an der Universität Lille, dann im Centre universitaire de Vincennes, später an der Universität Paris VIII. Im Umkreis von Chevalier, einem überzeugten Anhänger des Strukturalismus, lernte Meschonnic die wesentlichen Schriften von Claude Lévi-Strauss, Roman Ossipowitsch Jakobson, Louis Hjelmslev kennen, zu denen er jedoch bald Distanz entwickelte. Parallel zur Arbeit in den von Chevalier geleiteten Projekten arbeitete er ersten Übersetzungen aus dem Tanach, der hebräischen Bibel. In den frühen 1970er-Jahren trat Meschonnic nahezu gleichzeitig als Sprach- und Literaturtheoretiker (Pour la poétique I, 1970) Bibelübersetzer (Les Cinq Rouleaux, 1970) und Dichter (Dédicaces proverbes, 1972) an die Öffentlichkeit. Danach erschienen in rascher Folge weitere Werke: Pour la poétique II: Épistémologie de l’écriture. Poétique de la Traduction ; Pour la poétique III: Une parole écriture ; Pour la poétique IV. Écrire Hugo. Paris: Gallimard 1977; Pour la poétique V. Poésie sans réponse. Paris: Gallimard 1978. 1975 erschien als erste Summa seines Sprachdenkens der große Essay Le signe et le poème, in dem er sich u. a. mit Martin Heidegger und Jacques Derrida kritisch auseinandersetzt und Saussure gegen dessen strukturalistische Vereinnahmung verteidigt. Auch seine Theorie des Heiligen, die die Dichotomie von Heiligkeit und Profanität das Heilige aus der Logik des Zeichens herleitet, entfaltet Meschonnic bereits in diesem Buch. 1976 heiratete Meschonnic die Bildhauerin Régine Blaig, die er 1972 kennengelernt hatte. Mit ihr teilte er ein großes Interesse an bildender Kunst, insbesondere an nicht-figurativer Malerei und an Masken aus dem afrikanischen und ozeanischen Raum.

Während die ersten Werke Meschonnics bei Gallimard erschienen, publizierte er seit den 1980er-Jahren die meisten seiner Schriften bei dem südfranzösischen Verlag Verdier. Dort erschien 1982 mit Critique du rythme. Anthropologie historique du langage eine weitere umfangreiche Grundlegung seiner Sprachtheorie. Durch den Untertitel zeigt er einerseits an, dass er bewusst an Humboldts Sprachanthropologie anknüpft, andererseits, dass er sich von Lévi-Strauss’ strukturaler (also gerade nicht historischer) Anthropologie distanziert.

1990 veröffentlichte Meschonnic unter dem Titel Le langage Heidegger das erste von zwei Büchern, in denen er seine Kritik an der Rhetorik Heideggers (der „Heideggersprache“, die zu praktizieren er auch den Nachfolgern Heideggers vorwirft) und am Essentialismus des Heidegger’schen Denkens entfaltet.

1993 folgt mit Modernité Modernité eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Konzept der modernité, ein Begriff der sich im Französischen einerseits als Epochenbegriff („die Moderne“), andererseits als ein auf das jeweils Neue und Aktuelle referierendes Substantiv („die Modernität“). Meschonnic setzt gegen die Überbietungslogik des Moderne-Diskurses, auf den er durch den Titel des Buches anspielt (jede Moderne ist im nächsten Augenblick schon wieder passé und wird durch eine neue Moderne ersetzt) seine Auffassung von modernité als poetische Funktionsweise der Sprache, die Transformation des Ich-Jetzt-Hier durch die Begegnung mit einem Kunstwerk.

2001 erregte sein Buch Célébration de la poésie in Frankreich erhebliches Aufsehen, weil Meschonnics darin geäußerte Kritik an der zeitgenössischen französischen Literatur als unangemessen hart empfunden wurde. Das Buch enthält im Anhang auch sein Manifeste pour un parti du rythme, in dem er seine Kritik am Zeichendenken und an dessen sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen, sarkastisch an die Tradition der Avantgarde-Manifeste anknüpfend, auf den Punkt bringt.

Meschonnic lebte zuletzt in der östlich von Paris gelegenen Gemeinde Chelles im Département Seine-et-Marne. Er starb am 8. April 2009 im Krankenhaus von Villejuif an einer Leukämieerkrankung.

Sprachtheorie und Poetik Abkehr vom Strukturalismus 1970 erschien der erste Band der fünfteiligen Reihe „Pour la poétique“. Er ist der Analyse der strukturalistischen Literaturtheorie gewidmet, die zum Zeitpunkt der Publikation die akademischen Diskurse bestimmte: „Die Aufgabe besteht heute darin, den im Dualismus gefangenen Strukturalismus zu überwinden, denn er kann nichts mit dem Leben im literarischen Text anfangen.“Meschonnic, Pour la poétique I, S. 169: „Le problème est aujourd’hui de dépasser le structuralisme enfermé dans la pensée dualiste, et qui ne sait pas s’arranger du vivre qui est dans l‘écriture“. Nach Meschonnic trennt der Strukturalismus das, wodurch sich die Poetik konstituiert: die Wechselwirkung zwischen Literatur und Leben, Sprache und Subjekt, Theorie der Literatur und Praxis des Schreibens. Die Untrennbarkeit von Theorie und Praxis ist grundlegend für Meschonnics eigene Arbeitsweise: Theorie der Sprache und Praxis der Kritik, Theorie des Übersetzens und Praxis der Bibelübersetzung, Theorie der Literatur und Praxis des Dichtens.Meschonnic, Pour la poétique I, S. 7. Diese Wechselwirkungen sind auch die Voraussetzung dafür, dass die Poetik zur Kritik der Theorie werden kann.Meschonnic, Critique du rythme, S. 13. Im ersten Band von „Pour la poétique“ zielt diese Kritik unter anderem auf Roman Jakobsons Konzept der „poetischen Funktion“, das nach Meschonnic auf eine Rhetorisierung der poetischen Sprache hinauslaufe und das Gedicht im Formalismus syntagmatischer und grammatikalischer Figuren zum Verschwinden bringe.Meschonnic, Pour la poétique I, S. 29. Ausgelöscht werden dabei die in den rhythmischen, prosodischen und metaphorischen Transformationen wirksame Subjektivierungen der Sprache und die jeweiligen semantischen Wert-Systeme der Texte.Meschonnic, Pour la poétique I, S. 32 ff. u. 175. „Pour la poétique II“ (1973) erweitert diese Kritik durch Analysen zu Louis Althusser, Julia Kristeva, Roland Barthes, Michail Bachtin und anderen. Vieles von dem, was Meschonnic in späteren Arbeiten immer wieder aufgreift, wird hier entwickelt, insbesondere die Kritik an der Semiotisierung der Sprache in der Linguistik und im Poststrukturalismus. Von Meschonnics Interesse für die Subjektivierung der Sprache in der Dichtung zeugt auch der im gleichen Jahr erscheinende dritte Band der Reihe mit Analysen u. a. zu Gérard de Nerval, Paul Éluard, Guillaume Apollinaire und mit einer 60-seitigen Lektüre von Charles Baudelaire Gedicht „Chant d’automne“.Meschonnic, Pour la poétique III, S. 278 ff. In den beiden Bänden des vierten Teils der Reihe, „Écrire Hugo“ (1977, Bd. I und II), wird diese Fragestellung auf das Werk Victor Hugos vor den Jahren seines Exils erweitert. Meschonnic zeigt am Beispiel von Hugo, wie der Dichter die Sprache einer Epoche verwandelt und daraus ein subjektives Wert-System schafft, das zur poetischen und politischen Stellungnahme wird: „Hugo, das ist ein kämpferisches Schreiben. Die Wirksamkeit seiner Sprache liegt in der spezifischen Wechselwirkung zwischen Poetik und Politik, nicht allein in dem, was gesagt wird, sondern im Akt des Sagens selbst.“„Hugo est une écriture combattante. L’activité de son langage est spécifiquement l’interaction de la poétique et de la politique, pas dans ce qui est dit seulement mais dans le dire lui-même.“ Meschonnic, Pour la poétique IV. Écrire Hugo, S. 7. Im fünften und letzten Band der Reihe („Poésie sans réponse“, 1978) werden diese Perspektiven vertieft, in der Auseinandersetzung u. a. mit Ludwig Wittgenstein, Maurice Blanchot, der generativen Grammatik und der Rolle der Sprachtheorie im Marxismus und der Psychologie.

Der andere Saussure