Der Reliant Scimitar ist ein Sportwagen, den die Reliant Motor Company in Tamworth (England) zwischen 1965 und 1990 in verschiedenen Karosserie- und Motorisierungsversionen herstellte. Der Begriff Scimitar ist im Englischen eine Sammelbezeichnung für orientalische Säbel.
Entstehungsgeschichte
Reliant war vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch seine technisch einfachen Dreiradfahrzeuge der Baureihen Regal und Robin bekannt, die wegen ihres geringen Gewichts in Großbritannien als Motorräder galten und ohne PKW-Führerschein gefahren werden durften.Giles Chapman: The worst cars ever sold. The History Press, Stroud 2011, ISBN 978-0-7509-4714-5, S. 104. Viele der Aufbauten waren aus Gewichtsgründen aus Kunststoff gefertigt. Reliant wurde in den 1950er-Jahren so zu einem Pionier der Kunststoffverarbeitung im Automobilbereich.Auto Katalog 1971/72, S. 124. Neben diesen Kleinwagen konstruierte Reliant eine Reihe größerer vierrädriger Fahrzeuge für Autohersteller aus dem Mittelmeerraum, unter ihnen Autocars Company aus Haifa.Ein weiterer großer Kunde Reliants war Otosan aus Istanbul, für den Reliant den Anadol A1 und einige Nachfolgemodelle konstruierte. Autocars baute neben diesen Kleinwagen auch den Sabra Sport, der – unter Verwendung diverser FremdkomponentenDie Karosserie des Sabra Sport wurde von dem britischen Bausatzfahrzeug Ashley 1172 des Reliant-Konkurrenten Ashley Laminates übernommen; der Rahmen war eine Konstruktion von LMB Components und die Antriebstechnik kam unter anderem von Ford of Britain. – ebenfalls Reliant konstruiert worden war. 1962 übernahm Reliant den Sabra für den britischen Markt; das Auto wurde hier als Reliant Sabre (werksintern: SE2) verkauft. Mit ihm startete Reliant in Großbritannien eine neue Modelllinie, die oberhalb der dreirädrigen Kleinwagen positioniert war. Der Sabre konnte sich wegen seines ungewöhnlichen Designs nicht durchsetzen.In vier Jahren entstanden insgesamt weniger als 300 Autos für den britischen Markt.
Bei der Entwicklung eines Sabre-Nachfolgers griff Reliant auf ein Konzeptfahrzeug des britischen Designstudios Ogle Design zurück, das 1962 im Auftrag eines privaten Kunden entstanden war. Die als Ogle SX 250 bezeichnete, von Tom Karen entwickelte Designstudie ist ein zweisitziges Coupé mit Stufenheck. Es basiert technisch auf dem Sportwagen SP 250 der Daimler Motor Company und hat im Gegensatz zum Serien-DaimlerBei seinem Debüt wurde der Daimler SP 250 zum hässlichsten Auto der Ausstellung gewählt. Vgl. Brian Long: Daimler V8 S.P. 250, Veloce Publishing, 2008, ISBN 978-1904788775, S. 52, 54. eine allgemein als sehr attraktiv empfundene Karosserie. Während Daimler selbst keine Serienproduktion des Ogle-Coupés ins Auge fasste,Lord Montagu of Beaulieu, David Burgess-Wise: Daimler Century. Patrick Stephens Ltd., 1995, ISBN 1-85260-494-8, S. 280. sah Reliants Direktor Ray Wiggin in dem Konzeptfahrzeug eine Basis für einen Ersatz des bisherigen Sabre.Geschichte des Reliant Scimitar SE4 auf der Internetseite straight-six.co.uk (abgerufen am 6. September 2026).
Reliant erwarb die Rechte an dem SX-250-Entwurf Anfang 1963. Eineinhalb Jahre später war Reliants Ogle-Variante serienreif. Das Auto erhielt die Bezeichnung Scimitar GT. 1967 wurde der Scimitar zu einem Kombicoupé weiterentwickelt, das in verschiedenen Versionen bis 1986 bei Reliant produziert wurde.
Scimitar GT (SE4, 1965–1970) Modellgeschichte
Der Scimitar GT (interne Bezeichnung: SE4Werksintern differenzierte Reliant bei den Typbezeichnungen zwischen den Dreiradfahrzeugen (TW für three wheels), den vierrädrigen Autos (FW für four wheels) und den Sportwagen (SE). Der FW5 war nach den beiden Regent-Modellen, dem Carmel für das israelische Unternehmen Autosports Company und dem Rebel das fünfte von Reliant entwickelte Vierradfahrzeug. S. hierzu Aufstellung der Reliant-Werkscodes (abgerufen am 8. September 2026).) ist ein 2+2-sitziges Coupé mit Stufenheck, das die nur leicht abgewandelte Karosserie des Ogle SX 250 mit dem darauf angepassten Chassis des Reliant Sabre verbindet.
Die Karosserie besteht wie bei allen Reliant-Fahrzeugen der 1960er-Jahre aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Sie ist – abweichend von den ansonsten üblichen Konstruktionsmerkmalen – nicht an einem Metallgerüst befestigt; die tragende Struktur des Reliant besteht vielmehr ebenfalls aus Kunststoff. Der Scimitar GT baut auf einem Kastenrahmen aus Stahl auf. Er ist eine Weiterentwicklung des Rahmens, der bereits für den Reliant Sabre und den israelischen Sabre Sport verwendet worden war. In seinen Grundzügen geht er auf eine 1958 von Leslie Bellamy für LMB Components entwickelte Konstruktion zurück. Das Chassis wurde für die Verwendung der Ogle-Karosserie leicht vergrößert und stellenweise verstärkt; im Laufe der Produktionszeit wurde außerdem die hintere Radaufhängung überarbeiten.
Die Motorisierung und die Kraftübertragung kamen, wie bei den größeren Reliant-Modellen üblich, jeweils von Ford of Britain. Die erste Version des Scimitar GT (SE4) verwendet einen 122 PS (90 KW) starken Sechszylinder-Reihenmotor mit 2,6 Litern Hubraum aus dem britischen Ford Zephyr bzw. Zodiac (1964–1966), Die zweite Version (SE4a und SE4b; 1966–1967) hatten eine 3,0 Liter große Ausführung des neu konstruierten Sechzylinder-V-Motors der Ford-Essex-Reihe, dessen Leistung bei 146 PS (107 KW) liegt und der einige Anpassungen im Fahrwerksbereich erforderte. In in der letzten, ab 1967 gebauten Variante (SE4c) kam eine auf 2,5 Liter Hubraum reduzierte Variante des Essex-Motors zum Einsatz, die mit einer Leistung von 121 PS (89 KW) wieder auf dem Niveau der ersten Scimitar-GT-Version lag.
Der Scimitar GT SE4 wurde auf der Earls Court Motorshow 1964 vorgestellt. Er wurde von September 1964 bis 1970 produziert. Zunächst war der Wagen ein Erfolg; Presse und Kundschaft nahmen das neue Modell freundlich auf. Mit der Präsentation des zeitweilig parallel produzierten Kombicoupé GTE ließ die Begeisterung der Kundschaft für den konventionellen GT allerdings nach, so dass Reliant den GT im Laufe des Jahres 1970 aus der Produktion nahm. Alle Varianten des SE4 zusammengenommen, entstanden 1005 Fahrzeuge, wobei die zweite Generation (SE4a und SE4b) mit 591 Autos die am häufigsten produzierte Version ist. Insbesondere die als Straight-Six-Scimitars bezeichneten Scimitar GT mit dem Reihensechszylindermotor sind 60 Jahre nach der Einstellung ihrer Produktion begehrte Sammlerobjekte.
Scimitar GTE 1967 entwickelten Reliant und Tom Karen den Scimitar GTE, einen Shooting Brake mit technischen Anleihen beim bisherigen Scimitar GT.
Das Design Unmittelbarer Anlass für diese Entwicklung waren die Kritiken zahlreicher GT-Kunden, die die Leistung des Coupés schätzten, allerdings das beschränkte Raumangebot bemängelten. Erste Überlegungen gingen dahin, den Radstand und die Fahrgastzelle des GT zu verlängern, die Stufenheck-Auslegung aber beizubehalten. Ein Tonmodell ergab, dass der Raumgewinn einer solchen Version nur marginal war. Bereits ein Jahr zuvor war ein Kombifahrzeug auf der Basis des SE4 entstanden, das eine gerade Gürtellinie und große seitliche Glasflächen hatte, die in das Dach hineingezogen waren. Bei diesem Fahrzeug, das offiziell den Namen Ogle GTS trug und in der Presse wiederholt als "Gewächshaus" bezeichnet wurde, handelte es sich um eine Auftragsarbeit für das Unternehmen Triplex Safety Glasses. Das "Gewächshaus" war kein unmittelbarer Vorgänger des GTE und kann auch nicht als ein erster Prototyp angesehen werden. Er offenbarte Reliant aber, dass eine Kombiversion ein vielversprechendes Konzept sein konnte. Tom Karen fand den unmittelbaren Schlüssel zum GTE auf der Earls Court Motorshow 1967. Dort sah er erstmals Bertones neuen Lamborghini Espada, von dessen Raumkonzept er nach eigener Aussage beeindruckt war.
Noch während der Earls Court Motorshow zeichnete Karen eine Version des GT mit Kombiheck und zwei Türen. Seine Überlegungen, die er unter Bezugnahme auf einen Entwurf für die türkische Automobilmarke Anadol anstellte, führten bald dazu, eine nach hinten abfallende Dachpartie mit einer ansteigenden Gürtellinie zu verbinden. Damit waren die Eckpunkte des GTE-Designs geschaffen.
Technik Der GTE hat nicht das Chassis des GT (SE4). Reliant entwickelte einen eigenständigen Rahmen, der sich konzeptionell an dem des Triumph Herald orientierte. Der Radstand war mehr als 20 cm länger als beim GT, die Spurweite wurde um 10 cm (vorn) bzw. 7,6 cm (hinten) vergrößert. Die Lenkung wurde vom Austin 1800 übernommen. Als Antrieb verwandte Reliant wie schon beim GT Motoren von Ford UK, die im Laufe der Jahre einige Veränderungen erfuhren.
Bedeutung Der Scimitar GTE war ein bedeutsames Auto, sowohl für den Hersteller Reliant als auch für die Automobilindustrie an sich. Das Design gilt als wegweisend. Auch wenn es bereits vorher bei anderen Herstellern einige sportliche dreitürige Kombis gegeben hatte – beispielsweise den Chevrolet Nomad von 1955 oder die in Einzelstücken produzierten Shooting Brakes von Aston Martin, setzten Karen und Reliant die Verbindung aus Kombiwagen und Coupé erstmals in der Serienproduktion um. Tom Karen schuf mit dem Scimitar GTE eine neue Fahrzeugklasse, das sogenannte Kombicoupé. Das Design des Scimitar GTE beeinflusste unmittelbar eine ganze Reihe anderer, ähnlich gestalteter Modelle vom Volvo P 1800 ES über den Lancia Beta HPE bis hin zum VW Scirocco III. Tom Karen bezeichnete in einem Interview aus dem Jahr 2001 den Scimitar GTE als seinen wichtigsten Entwurf.Classic & sports car 4/2001, S. 146
Der GTE erfreute sich in den 1960er und 1970er Jahren vor allem in Großbritannien großen Zuspruchs. Trotz teilweise erheblicher Qualitätsprobleme verkaufte er sich gut. Zum Erfolg des Wagens trug sicherlich auch der Umstand bei, dass er mit Prinzessin Anne eine Liebhaberin aus dem Hause der Royals hatte; die Tochter der britischen Königin fuhr im Laufe der Jahre nicht weniger als sieben – nach anderen Quellen neun und nach wieder anderen sogar zehn – Scimitar GTEs der Serien SE5 und SE6. Prinzessin Anne erhielt 1986 den letzten bei Reliant hergestellten Scimitar GTE, während ihr Vater, Prinz Philip, für zwei Jahre dessen Prototypen fuhr.Famous Owners/Drivers. In: sporting-reliants.com (englisch)
Versionen Scimitar GTE SE5 / SE5a
Der 1968 erstmals präsentierte Scimitar GTE trug die interne Bezeichnung SE5. Von ihm wurden zwei Serien hergestellt:
Die anfängliche Version namens SE5 hatte eine Motorisierung, die dem GT (SE4) entsprach. Er war wahlweise mit einer 2,5 oder 3,0 Liter großen Version des Ford-Essex-Sechszylinders zu haben. Der 3,0 Liter-Motor verlieh dem Wagen eine Höchstgeschwindigkeit von 193 km/h und war gefragter als der 2,5 Liter-Motor, den man später fallen ließ. Ab 1970 gab es auf Wunsch ein Borg-Warner 35 Automatikgetriebe und ab 1971 konnte man für das manuelle Vierganggetriebe einen Overdrive ordern. Die letzten, im Frühjahr 1972 hergestellten SE5-Modelle erhielten eine stärkere Motorisierung: Sie wurden mit dem modifizierten 3,0-Liter Sechszylindertriebwerk des aktuellen britischen Ford Granada ausgestattet, das 135 PS leistete. Das Schaltgetriebe wurde nunmehr vom Ford Transit übernommen und war mit einem Overdrive von Laycock de Normanville gekoppelt.
Im Oktober 1972 wurde eine modifizierte Version mit der internen Bezeichnung SE5a eingeführt. Das neue Modell übernahm das Triebwerk des Ford Granada und das Getriebe des Transit. In technischer Hinsicht erhielt der SE5a ein neues, stärkeres Differential. Abgesehen davon betrafen die wesentlichen Änderungen die Gestaltung des Innenraums. Das Armaturenbrett war neu gestaltet worden; es gab nun eine breite Mittelkonsole und sichere Wipp- statt Kippschalter. Vor allem die veränderte Motorisierung führte dazu, dass der SE5a deutlich verbesserte Fahrleistungen zeigte. Der Wagen beschleunigte in 9,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h und die Höchstgeschwindigkeit stieg um 10 km/h. Der SE5a wurde bis 1975 produziert.