mini|Flagge der Republik Ossola mini|Provisorische Regierung der Republik Ossola Die Partisanenrepublik Ossola (ital. Repubblica dell’Ossola) war während 40 Tagen (vom 10. September bis 19. Oktober 1944) eine von Partisanen gegründete italienische Partisanenrepublik. Die „befreite Zone“ (zona liberata) lag im Piemont im Norden Italiens mit Domodossola als „Hauptstadt“.
Geografie Das Gebiet umfasste das gesamte Val d’Ossola, begrenzt im Westen durch die Grenze zum Kanton Wallis, im Osten durch die Grenze zum Kanton Tessin und im Süden durch eine Linie über die südliche Bergkette des Valle Anzasca, das obere Valsesia, Ornavasso bis nach Mergozzo mit einer Fläche von ca. 1600 km² und ungefähr 82.000 Einwohnern. Ausgenommen war die Gegend um Cannobio, die nach einer Woche Unabhängigkeit am 9. September wieder von einer 2.000 Mann starken deutschen Truppe eingenommen wurde.
Geschichte Gründung Nachdem es verschiedenen bewaffneten Partisanenverbänden unterschiedlicher politischer Couleur gelungen war, die deutschen Besatzungstruppen und italienischen Faschisten in die Flucht zu schlagen, wurde am 10. September in Domodossola, nahe der Schweizer Grenze, die Republik Ossola ausgerufen. Am 12. September wurden vom Nationalen Befreiungskomitee (CLN) die Mitglieder der provisorischen Regierung öffentlich bekanntgegeben.
Innovationen In der Folge wurde das öffentliche Leben aufgrund innovativer Ideen reorganisiert, die sich nicht nur auf die normale Verwaltung beschränkten. Es wurden Parlamente eingerichtet und Dorfräte eingesetzt. Eine eigene Zeitung, Notgeld und Briefmarken wurden herausgegeben. Die Verteilung und Rationierung von Lebensmitteln und Hilfsgütern musste neu organisiert werden.
Die Neuordnung des Justizwesens wurde vom sozialistischen Rechtsanwalt Ezio Vigorelli in Angriff genommen. Es sollte auf demokratischen Prinzipien beruhen und auch die Rechte der Angeklagten gewährleisten. Die Gefangenen in Druogno in Val Vigezzo wurden ohne Härte behandelt, wie die Tribune de Genève bestätigt haben soll.
Im Erziehungssystem entwickelten antifaschistische Intellektuelle wie Gianfranco Contini anspruchsvolle Programme. Es gab Pläne für die Förderung der grundlegenden Allgemeinbildung und für eine fortschreitende Trennung zwischen gymnasialer Ausbildung und Berufslehre. Viele Projekte mussten jedoch angesichts der kurzen Zeitspanne der Republik auf dem Papier bleiben.
Das kurze soziale und politische Selbstverwaltungsexperiment in der größten befreiten Zone Italiens gilt als demokratische Keimzelle der späteren italienischen Republik.
Rückeroberung Der am 9. Oktober 1944 durch die deutsche Wehrmacht mit Unterstützung italienischer Faschisten gestarteten Rückeroberungsoperation Avanti konnten die Partisanenformationen nur wenige Tage Widerstand leisten.
Eine der letzten Kampfhandlungen war am 18. Oktober 1944 die so genannte Battaglia dei Bagni di Craveggia, ein Gefecht bei den ehemaligen Kurbädern Bagni di Craveggia westlich Spruga im Tessin. Am 21. Oktober 1944 fiel im Val Formazza die letzte Verteidigungslinie.
Unterstützung aus dem Tessin Personen aus dem benachbarten Tessin, die die Partisanen unterstützten (Beispiel: Silvio Baccalà), wurden von der Schweizer Militärjustiz wegen Vergehen wie illegalem Grenzübertritt, Verletzung der Neutralität oder „Schwächung der Wehrkraft“ verurteilt und galten lange als Landesverräter.
Am 21. Juni 2026 beschlossen die beiden Kammern der Bundesversammlung das Bundesgesetz über die Rehabilitierung der Freiwilligen in der französischen Résistance und im italienischen Widerstand. Gemäss dem Bericht der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats, die den Gesetzesentwurf ausgearbeitet hat, soll das Gesetz „jenen Personen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die wegen ihres Einsatzes für Freiheit und Demokratie in der französischen Résistance oder im italienischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs rechtlich zur Verantwortung gezogen wurden. [...] Die aus heutiger Perspektive unangebrachten Verurteilungen und Sanktionen werden durch das Instrument der Rehabilitierung aufgehoben, womit den betroffenen Personen nachträglich Ehre erwiesen wird.“
Flucht in die Schweiz mini|Flüchtlinge aus dem Val d'Ossola in Italien beim Grenzübertritt in Gondo 1944 (mit Stempel der Schweizer Zensur) Von 1943 bis 1945 flüchteten, nach einem Artikel der NZZ aus dem Jahr 2004, die keine Quellen nennt, etwa 15.000 Zivilisten sowie 30.000 Partisanen und ehemalige Angehörige der königlich italienischen Armee, davon allein 35.000 in den letzten Tagen (12.–22. Oktober 1944), in die Schweizer Kantone Wallis und Tessin.
Die Unterbringung erfolgte in schlecht isolierten und selbst im kalten Winter meist unbeheizten Baracken. Trotz Erschöpfung, Unterernährung und knapper Verpflegung mussten viele Partisanen Zwangsarbeit verrichten. Vor allem die so genannten „Garibaldini“ (kommunistische Partisanen) wurden schlecht behandelt.
Mit dem beginnenden Frühjahr 1945 kehrten hunderte der Partisanen nach Italien zurück, um wieder gegen die deutsche Besatzung und die Faschisten der Italienischen Sozialrepublik Mussolinis zu kämpfen. Formell handelte es sich hierbei nun um eine „Flucht“ aus den Internierungslagern, bei der die Schweizer Behörden jedoch oft beide Augen zudrückten. Hauptsache, der Partisan verließ zügig und für immer die Schweiz.
Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) hatte Margherita Zoebeli und Gabriella Meyer am 9. Oktober 1944 beauftragt, im oberen Val d’Ossola (Val Formazza) den Grenzübertritt der flüchtenden Partisanen und Zivilisten zu organisieren. Die Erwachsenen fanden in Flüchtlingslagern Unterkunft, und 2.500 Kinder im Alter zwischen 5 und 13 Jahren wurden durch Vermittlung der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes auf Gastfamilien in der ganzen Schweiz verteilt.
Siehe auch Partisanenrepublik Karnien
Literatur Raphael Rues, Andrej Abplanalp: Kampfzone Ossola: Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945, Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2026, ISBN 978-3-03919-666-1 Renata Broggini, Marino Viganò: I sentieri della memoria nel Locarnese 1939–1945. Editore Dadò, Locarno 2004, ISBN 978-88-8281-133-4. Adriano Bianchi: Die Brücke von Falmenta. Partisanen zwischen Italien und der Schweiz 1944. Zürich 2024, ISBN 978-3-85990-530-6. Italienisches Original: Il ponte die Falmenta 1944. Verbania 1998. Paolo Bologna: Il paese del pane bianco. Testimonianze sull’ospitalità svizzera ai bambini della repubblica dell'Ossola. Verlag Grossi, Domodossola 1994, ISBN 978-88-85407-36-7. Gino Vermicelli: Die unsichtbaren Dörfer. Partisanen im Ossola-Tal. Rotpunktverlag, Zürich 1990, ISBN 3-85869-049-X.
Beiträge in Medien Raphael Rues: Alliierte Hilfe für die Partisanen im Ossola Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 26. September 2024
Andrej Abplanalp: Die Republik von Ossola Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 10. September 2019
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Einzelnachweise
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