Gerhart Stein (* 22. Dezember 1910 in Bad Kreuznach; † 8. Mai 1971;Lebensdaten bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer, Frankfurt 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 599 in der älteren Literatur findet sich vielfach die falsche Schreibweise Gerhard Stein.Siehe Sandner. So auch bei Hohmann, Robert Ritter... und sogar in der Promotionsakte) war ein Arzt und Rassentheoretiker. 1938 wurde er Mitarbeiter des Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt am Main und der Berliner Rassenhygienischen Forschungsstelle (RHF) des Reichsgesundheitsamtes, die in der NS-Zeit die Erfassung der „Zigeuner“ im Reichsgebiet durchführte und so eine Voraussetzung für den Völkermord an ihnen schuf. Seine Dissertation gilt als ein Schritt beim Paradigmenwechsel von der polizeilichen und administrativen Diskriminierung zur Lösung der „Zigeunerfrage“ „aus dem Wesen dieser Rasse“ (Heinrich Himmler).

Biographie mini|Titelblatt der Druckfassung der Dissertation Gerhart Stein wurde am 22. Dezember 1910 in Bad Kreuznach als Sohn des Augenarztes Ludwig Stein und seiner Ehefrau Helene, geborene Stuber geboren. Seinen Schulabschluss machte er 1930 am „Deutschen Kolleg“ in Bad Godesberg. Er begann mit dem Studium der Medizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, setzte es an der Universität Innsbruck und Eberhard Karls Universität Tübingen fort, um es an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main abzuschließen.Sandner S. 90–92; Joachim S. Hohmann, Robert Ritter und die Erben der Kriminalbiologie, S. 291

SA und „Zigeunerforschung“ Stein trat zum 1. Dezember 1931 der NSDAP (Mitgliedsnummer 758.949)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/42680879 und der SA bei.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer, Frankfurt 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 599. Eine spätere Liste nennt als Mitgliedszeitraum bei der SA den 1. Dezember 1931 – 1. Dezember 1933/34. Namensverzeichnis der ehemaligen Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen. Nachtrag 1 Wiesbaden Alt. Durch die politische Tätigkeit für die NSDAP verlängerte sich sein Studium, wie er im Lebenslauf seiner Dissertation vermerkt: „Ich brauchte für mein Gesamtstudium etwas länger, weil ich im Jahre 1931 in Tübingen in die Partei und die SA. [sic] eintrat und meine Zeit und Kraft der Bewegung widmete, mich dafür auch ein Semester beurlauben ließ.“ Seit 1934 studierte Stein an der Universität Frankfurt, wo er im Mai 1937 sein Studium mit dem Staatsexamen abschloss.Lebenslauf Steins in seiner Dissertationsakte nach Sandner, S. 80.

Die rassenhygienische Praxis des NS-Staates war Teil seines weiteren akademischen Werdegangs, wie er schreibt: Nach dem Staatsexamen arbeitete ich sechs Monate am Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene bei Herrn Professor Dr. Freiherr von Verschuer in Frankfurt a.M. Ich beschäftigte mich mit Begutachtungen über Sterilisationen und Ehetauglichkeit und mit Zwillingsforschung. Er war 1938 vier Monate in Berlin für die Rassenhygienische und bevölkerungspolitische Forschungsstelle (RHF) bei Robert Ritter tätig, vier weitere Monate im Berliner Krankenhaus Urban. Seine Approbation erhielt er am 10. August in Berlin.Lebenslauf Steins in seiner Dissertationsakte. Siehe auch Hohmann, S. 291.

Das Thema und den Doktorvater wählte Stein 1936 aus eigener Initiative. Bereits vor seiner Dissertation muss Stein nach einer etwas undeutlichen Auskunft seines Doktorvaters „Zigeunerforschung“ betrieben haben: „Die Durchführung der eigenen Arbeit war nur möglich Dank der langjährigen Erfahrung von Herrn Stein im Umgang mit Zigeunern.“Gutachten Otmar von Verschuers in der Dissertationsakte.

Der Titel seiner Ende 1938 abgegebenen Dissertation war „Zur Psychologie und Anthropologie der Zigeuner in Deutschland“. Sie erschien 1941 in der Zeitschrift für Ethnologie (allerdings mit einem Druckfehler im Titel: „Zur Physiologie und Anthropologie der Zigeuner in Deutschland“). Für seine Dissertation wertete er Untersuchungen aus, die er vor allem 1937 an 247 Sinti und Roma, die zum größten Teil „in einem Lager in der Nähe von Berlin konzentriert“ waren. Stein ergänzte seine Berliner Forschungen um Erhebungen in Frankfurt.

mini|Polizeibewachung des Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn (Foto der RHF) mini|Elisabeth Weirich mit ihren Kindern im Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn (Foto der RHF)

Bei dem Lager in der Nähe von Berlin kann es sich nur um das 1936 eingerichtete, von der Polizei bewachte Zwangslager in Berlin-Marzahn gehandelt haben. Am 16. Juni 1936 meldete eine Lokalzeitung Berlin als „zigeunerfrei“. Das Lager wurde von Polizisten mit Hunden ständig bewacht, die die Insassen misshandelten. Zugang hatten nur die Mitarbeiter der RHF und die evangelische „Zigeunermission“. Die Kinder durften nicht zur Schule gehen, für die Erwachsenen und Jugendlichen herrschte Arbeitszwang. Von Marzahn aus wurden Sinti und Roma 1943 direkt nach dem KZ Auschwitz deportiert.Reimar Gilsenbach: Oh Django, sing deinen Zorn!. Berlin 1993, S. 139–147 Stein selbst nennt die Untersuchungsorte seiner Doktorarbeit „Zwangslager“.Stein S. 75

Während seiner Arbeiten machte er 1936 in mehreren Schreiben an Preußische Polizeibehörden Vorschläge, wie die Verfolgung von Sinti und Roma effektiver zu gestalten sei.„Rassenanthropologische“ Forschung des Verschuer-Schülers Gerhard Stein, S. 80–81.

Steins Untersuchungen sind anonymisiert, so dass es unmöglich ist, das Schicksal einzelner von ihm für seine Doktorarbeit untersuchten Personen zu erschließen. Dies gilt besonders für die in Marzahn untersuchten Sinti und Roma.

Inhaltlich liefert Stein nichts als die pseudowissenschaftliche Legitimation der nationalsozialistischen Politik und steht am Anfang des neuen rassentheoretischen Paradigmas der nationalsozialistischen Zigeunerforschung, wie dies schon im ersten Satz deutlich wird: „In unserem Volk, lebt nachweislich seit 500 Jahren ein rassenfremdes Volk, die Zigeuner […]“ (S. 74). Oder weiter im Text: „Zur groben Identifizierung eines Zigeuners gehört also nicht nur der äußere Mensch mit seinen fremdländischen Farben, seiner verlotterten Kleidung, oder gar nur die Tatsache, daß er vagabundiert; zumindest eines der angeführten Merkmale muß vorhanden sein, um auf Zigeunerblut schließen zu können. Augenform, Geruch und primitive Lebensäußerungen sind typisch für jeden Zigeuner“.Stein S. 77 Dieser „Geruch“ sei nicht in den Lebensumständen begründet, sondern „vielmehr ein Rassenmerkmal“. An anderer Stelle zeigte er seinen Antisemitismus, indem er „Zigeuner“ mit den Juden gleichsetzte: „Das Zigeunertum stellt mindestens ebenso große Gefahr dar wie das Judentum“.Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Fischer Taschenbuch 2005, S. 599.

Steins Arbeit teilt sich in einen „psychologischen Teil“ über „Sitten und Gebräuche“, „Religion“, „Psychologie“, „Musik“, „Kriminalität“ und einen „anthropologischen Teil“, der die von ihm in den Lagern erhobenen anthrometrischen Daten wiedergibt.

Seine Darstellung ist durchgehend rassistisch, in Teilen antisemitisch und wissenschaftlich haltlos: Im „psychologischen Teil“ äußert er sich: „die Zigeuner sind Tiere …“Stein S. 85. oder „das ist die typische Zigeunerpsyche: tierhaft, triebhaft, affektbetont“.Stein S. 87. Dem Vorurteil, „Zigeuner“ würden Kinder entführen, widersprach er, erhob aber gegen Juden diesen Vorwurf, hier „zwecks ritueller Opferung der Kinder“Stein S. 90 (vgl. Ritualmordlegende). Über „Zigeunermischlinge“ schreibt er: ihnen „bleibe nur ein elendes Leben übrig voll Armut, gehetzt und verfolgt, Opfer ihrer unseligen Triebe. […] und man kann sagen, daß praktisch der Zigeunermischling als minderwertig zu betrachten ist.“Stein S. 90f. In der Zusammenfassung schreibt er „logisches Denkvermögen und Verstand“ würden gegenüber den „instinktiven Teilen“ der „Zigeunerpsyche“ nur eine „untergeordnete Rolle“ spielen.Stein S. 109.

Einer der Dissertationsgutachter wertete das so: „Neben den sehr interessanten Ausführungen ihres Familien- und Sippenlebens scheint mir vor allem gerade in der Zeit, da vom Reichsgesundheitsamt eine Gesamterfassung sämtlicher in Deutschland lebender Zigeuner in die Wege geleitet wird, die Betonung des Herrn Stein wichtig, die Zigeuner nicht ohne weiteres mit den Asozialen und Kriminellen gleichzusetzen, sondern letztere als Abkömmlinge der Kreuzung von asozialen Elementen der Wirtsbevölkerung mit Zigeunern abzugrenzen.“Dissertationsakte Stein im Archiv der Uniklinik Frankfurt. Mit „Gesamterfassung“ war die Registrierung der Minderheit durch die RHF gemeint.

Die Prüfer bewerteten Steins Dissertation einhellig mit einem politisch motivierten „sehr gut“, die ärztliche Prüfung hatte er dagegen nur mit „genügend“ bestanden.Dissertationsakte Stein im Archiv der Uniklinik Frankfurt, zur Wertung Sandner.

Steins Arbeit für die Rassenhygienische Forschungsstelle (RHF) mini|„Zigeunerlager Köln-Bickendorf“, das Lager besaß seit dem April 1935 eine Stacheldrahtumzäunung, eine absperrbare Zufahrt und wurde von einem auf dem Gelände mit seiner Familie wohnhaften SS-Lagerverwalter bewacht. Hier wurden die Kölner Sinti und Roma konzentriert, z. T. auch aus Wohnungen in die auch von der Stadt gestellten Wohnwagen zwangseingewiesen. (Foto der RHF 1937)

In den erhaltenen Akten des Ritter-Instituts findet sich ein Aktenpaket sogenannter Arbeitslisten, nach denen sich das Datum und Bearbeiter einzelnen Städte zuordnen lassen. Danach hat Stein Anfang 1938, also vor Abgabe seiner Doktorarbeit, in mehreren deutschen Städten Sinti und Roma aufgesucht und für die RHF Daten erhoben. Im Januar und Februar war er in Wiesbaden, im Februar 1938 in Ober-Ingelheim und Mainz, im März folgte Köln und Bergzabern.BA R 165/38. Anmerkung: ein Foto der Baracke Bergzabern ohne Zeitangabe findet sich bei Arnold: Die Zigeuner S. 276. Es handelt sich um ein angebliches Foto der Kreisverwaltung, was bei der Verschleierung, die Arnold bei NS-Quellen nachgewiesen ist, zweifelhaft ist. Auch nach einer Auskunft von Adolf Würth, wissenschaftlicher Mitarbeiter der RHF, war Stein dort einige Monate bei der „Forschungsstelle Ritter“ beschäftigt.Gespräch Würth mit Benno Müller-Hill in: ders. Tödliche Wissenschaft 1988, S. 156. Steins Untersuchungen in Köln dürften – wie schon Steins Dissertation – ebenfalls teilweise in einem Zwangslager stattgefunden haben. Die Einweisung in Kölner Zwangslager in Köln begann bereits im April 1935. Im August 1937 errichtete die Stadt Frankfurt eine Zwangsinternierungslager für Sinti und Roma.Die Stadt Frankfurt am Main profilierte sich ab 1937 mit Vorschlägen, die später reichsweite Verfolgungspraxis wurden. Die Kommune forderte für Sinti und Roma die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, polizeiliche Erfassung, Berufsverbote und Zwangsarbeit. (Widmann 2001:17) (Widmann 2001:16) Peter Widmann: An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik. Berlin 2001

Im Januar 1938 wurden Frankfurter Sinti und Roma untersucht, die bereits im Frankfurter Zwangslager Dieselstraße interniert waren. Am 19. Januar wurde die Erfassung vermutlich im Zwangslager selbst durchgeführt. Bei dem Termin am 20. Januar 1938 wurde im Frankfurter Polizeipräsidium erfasst und erkennungsdienstlich fotografiert. Auf Messkarten ist die Lagerinternierung der untersuchten Sinti folgendermaßen umschrieben: „Grundst[ück] zugewiesen / aufgestellter Wagen / Wohnwagen“ – oder: „unter behördl[ichem] Druck / Wohnwagen“.Peter Sandner: Die „rassenbiologische“ und polizeiliche Erfassung der Sinti und Roma in Frankfurt ab 1936. 2006 (online) Für Mainz, Wiesbaden und Ingelheim fehlt bisher der Nachweis solcher Lager, auch hier war die Zusammenarbeit mit der Polizei sicher eng.