mini|Der gereinigte Schädel von „Little Foot“ mini|Die vier namensgebenden Fußknochen von „Little Foot“ mini|Der Schädel von „Little Foot“ am Fundort im Jahr 2006 mini|Blick über den Fundort im November 2006
Little Foot („kleiner Fuß“) bezeichnet das vollständigste bisher entdeckte Skelett eines frühen Vertreters der Hominini.Reiner Protsch, Ronald J. Clarke: The oldest complete skeleton of an Australopithecus in Africa (StW 573). In: Anthropologischer Anzeiger. Band 61, 2003, S. 7–17. Es wurde in einer Kalkstein-Formation in Sterkfontein (Südafrika) entdeckt und wird in den Fachveröffentlichungen als Australopithecus prometheus zur Gattung Australopithecus gestellt. Der Spitzname „kleiner Fuß“ entstand, da von diesem Fossil 1995 von Ronald J. Clarke zunächst vier zusammengehörige Fußgelenkknochen beschrieben wurden. Aus der Beschaffenheit dieser Fußknochen wurde abgeleitet, dass ihr Besitzer zum aufrechten Gang befähigt war. Jedoch ähnelt der Bauplan des Schultergürtels dem Bauplan der Gorillas, was bedeutet, dass Little Foot noch an eine suspensorische Fortbewegung auf Bäumen angepasst war.
Die Freilegung und Bergung der Knochen erwies sich als äußerst schwierig und langwierig, da sie vollständig in betonartig harte Brekzie aus Dolomit und Radiolarit eingebettet waren.
Fundgeschichte Der Fundort, die Silberberg Grotte, war in Südafrika seit den 1930er-Jahren als Lagerstätte von Fossilien bekannt. Helmut Kurt Silberberg, ein promovierter Kunsthändler und Galerist aus Johannesburg, nach dem der vordere Teil des weitläufigen Gang- und Höhlensystems später benannt wurde, hatte in ihm wiederholt Fossilien aufgesammelt – motiviert durch einen Fund von Robert Broom, der 1936 den ersten Schädel eines erwachsenen Australopithecus, das Fossil TM 1511, in Sterkfontein entdeckt hatte. Aus wissenschaftlicher Sicht wurden die Bodenschichten im Gebiet von Sterkfontein damals irrtümlich dem oberen Pleistozän zugeschrieben und galten daher als nicht besonders alt.Ronald J. Clarke: Excavation, reconstruction and taphonomy of the StW 573 Australopithecus prometheus skeleton from Sterkfontein Caves, South Africa. In: Journal of Human Evolution. Band 127, 2019, S. 41–53, doi:10.1016/j.jhevol.2018.11.010. Dies änderte sich erst im Januar 1945, nachdem der französische Prähistoriker und katholische Priester Henri Breuil die beiden Kiefer einer fossilen Hyäne an Broom weitergereicht hatte, die Silberberg bereits 1942 in einem tieferen Abschnitt des Höhlensystems entdeckt hatte. Broom erkannte, dass dieses Fossil der wesentlich älteren Epoche des Pliozän zuzuordnen seiRobert Broom: Age of the South African Ape-men. In: Nature. Band 155, 1945, S. 389–390, doi:10.1038/155389a0. und benannte es 1946 in einer Übersichtsarbeit zu seinen südafrikanischen Fossilienfunden als Lycyaena silberbergi;Robert Broom und Gerrit Willem Hendrik Schepers: The South African fossil ape-men: the Australopithecinae. In: Transvaal Museum Memoir. Nr. 2, Pretoria 1946. heute wird die Art als Chasmaporthetes silberbergi zur Gattung Chasmaporthetes gestellt. Eingehende wissenschaftliche Untersuchungen in der Höhle fanden trotz dieses Fundes und seiner zeitlichen Einordnung nicht statt.
Es dauerte bis 1978, ehe Phillip Tobias und sein Kollege Alun R. Hughes (1916–1992) im Umfeld der Höhle einen Beobachtungsposten einrichten ließen, von dem aus ihre Helfer den kommerziellen Abbau von Kalkstein aus der Nähe mitverfolgen konnten, in der Hoffnung, im Abraum Fossilien von Australopithecus entdecken zu können – letztlich scheinbar erfolglos, trotz einer Vielzahl entdeckter Raubtier- und Affenfossilien. 1992 wurde schließlich Ronald J. Clarke von Tobias beauftragt, eine Ausgrabung in der Silberberg-Grotte zu leiten, erneut in der Hoffnung, Australopithecus-Fossilien zu bergen. Das betonartig harte Gestein wurde durch mehrere kleine Sprengladungen gelockert, zahlreiche Fossilien von Raubtieren und von Meerkatzenverwandten wurden entdeckt, jedoch erneut keine Australopithecus-Fossilien und ungewöhnlich wenige Fossilien aus dem Formenkreis der Rinderartigen (Bovidae). Dieser Mangel an Fossilien von Boviden veranlasste Clarke, einen Blick auf die seit den 1970er-Jahren von Tobias und Hughes aufbewahrten Funde aus dem Kalkstein-Abraum zu werfen.
Am 6. September 1994 öffnete Clarke einen mit Silberberg Grotto D 20 beschrifteten Karton, der u. a. eine Plastiktüte mit der Beschriftung carnivore foot bones (Fußknochen von Raubtieren) enthielt.Die Darstellung der Fundgeschichte folgt einer Beschreibung von Donald Johanson im Editorial zum Newsletter des Institute of Human Origins der Arizona State University vom Mai 2005 sowie in der Fundbeschreibung von Clarke aus dem Jahr 1998 im South African Journal of Science, Band 94, S. 460 f. Einen dieser bereits 1980 archivierten Fußknochen identifizierte Clarke sofort als hominin, und beim weiteren Durchstöbern der Sammlung stieß er auf drei weitere hominine Fußknochen, die im folgenden Jahr wissenschaftlich beschrieben wurden. Ronald J. Clarke, Phillip Tobias: Sterkfontein member 2 foot bones of the oldest South African hominid. In: Science. Band 269, 1995, S. 521–524; doi:10.1126/science.7624772. Da das linke Sprungbein, das linke Kahnbein, das linke Keilbein sowie der linke Mittelfußknochen als zusammengehörig erkannt worden waren, wurden zunächst weitere unausgewertete Bestände gesichtet und in diesen bis Juni 1997 acht weitere Fuß- und Handknochen entdeckt, die möglicherweise dem gleichen Fossil zugeschrieben werden konnten. Einer dieser Knochen – das Fragment eines rechten Schienbeins – wies eine relativ frische Bruchstelle auf, die frühestens in den 1920er-Jahren bei einer Sprengung zum Abbau von Kalkstein entstanden sein konnte.
Daraufhin bat Clarke Anfang Juli 1997 zwei Präparatoren seines Instituts, Stephen Motsumi und Nkwane Molefe, den ursprünglichen Fundort der Fossilien, 25 Meter unter der Oberfläche der Silberberg Grotte, erneut abzusuchen. Tatsächlich entdeckten die beiden in dieser Höhle mit den Ausmaßen einer mittelgroßen Kirche Fossil Hominids: Stw 573 (Little Foot). Auf: talkorigins.org, zuletzt eingesehen am 15. März 2022. am 3. Juli – nach nur zwei Tagen Suche mit Hilfe von Handlampen – das Gegenstück zum bereits bekannten Fragment.Ronald J. Clarke: First ever discovery of a well-preserved skull and associated skeleton of Australopithecus. In: South African Journal of Science. Band 94, 1998, S. 460–463. In unmittelbarer Nähe zu diesem rechten Schienbein-Fragment entdeckten die beiden Präparatoren das aus dem Boden ragende Fragment eines linken Schienbeins, dessen Fortsetzung sich bereits unter den Jahre zuvor aus der Höhle geborgenen Fossilien befand, ferner ein linkes Wadenbein. Da sich die Knochenfunde beider Beine in anatomisch korrekter Anordnung befanden, vermuteten die Präparatoren, dass es sich um ein vollständiges Skelett handeln könnte, das mit dem Gesicht nach unten in den Kalkstein eingebettet worden war.
In den folgenden Monaten legten Clarke und seine beiden Assistenten mit Hilfe von Hammer und kleinen Meißeln zunächst weitere Fußknochen frei. Erste Überreste des Oberkörpers – einen Oberarmknochen – entdeckte Stephen Motsumi am 11. September 1998, und am 17. September wurde schließlich auch der Kopf des Individuums sichtbar: ein mit dem Unterkiefer verbundener Schädel, dessen linke Seite nach oben weist.
Ein Jahr später, im Juli und August 1999, wurden – abermals in anatomisch korrekter Anordnung – ein linker Unterarm sowie die zugehörige linke Hand entdeckt und teilweise freigelegt. Clarke berichtete von dieser Entdeckung sechs Monate später Ronald J. Clarke: Discovery of the complete arm and hand of the 3.3 million-year-old Australopithecus skeleton from Sterkfontein. In: South African Journal of Science. Band 95, 1999, S. 477–480. und erläuterte nunmehr, alle bisherigen Analysen deuteten darauf hin, dass der fossile Leichnam offenbar vollständig, durch Geländebewegungen allenfalls geringfügig verschoben und auch nicht durch Raubtiere beschädigt worden sei. Ferner habe man in der Umgebung der Hand- und der Handgelenkknochen schmale, ehemalige Hohlräume entdeckt, die mit Calciumcarbonat verfüllt seien. Dies deute darauf hin, dass der Körper vermutlich bereits vor seiner vollständigen Verwesung von Gesteinsablagerungen umhüllt wurde.
Die Freilegung der fossilen Knochen erwies sich als äußerst mühsam. Zwar wurden zunächst besonders dicke Gesteinsbrocken mit Hammer und Meißel abgetragen, jedoch erwiesen sich die Fossilien als sehr viel weicher als das sie umgebende Gestein (Brekzie, Radiolarit und extrem harter Tropfstein). Deshalb wurde im Fortgang der Freilegungsarbeiten nicht nur in der unmittelbaren Nähe von Knochen ausschließlich mit einem elektrisch betriebenen Gravierstift (Air Scribe) gearbeitet. Zusätzlich erschwert wurden die Arbeiten durch eindringendes Regenwasser, das die bereits oberflächlich freigelegten Fossilien zu schädigen drohte, weswegen die Arbeiten während der alljährlichen Regenperioden mehrfach monatelang unterbrochen werden mussten. Erst im Juni 2011 waren sämtliche Knochen auch unterseits per Gravierstift so weit vom Gestein abgetrennt worden, dass sie – noch immer eingebettet in mehrere Gesteinsblöcke – aus der Höhle ins Labor gebracht werden konnten. Die vollständige Präparation der Knochen dauerte bis 2017.
Datierung Als schwierig und im Ergebnis bisher unbefriedigend erweist sich die Altersbestimmung des Fundes,Michael Balter: Little Foot, Big Mystery. In: Science. Band 333, Nr. 6048, 2011, S. 1374, doi:10.1126/science.333.6048.1374. da es im Bereich der Fundstelle keine vulkanischen Schichten gibt, anhand derer eine sichere absolute Datierung möglich war. Daher wurde im Juli 1995 – auf Grundlage einer relativen Datierung anhand von fossilen Meerkatzenverwandten und einiger Carnivoren – für die als „member 2“ (Fundschicht 2) bezeichnete Fundschicht ein geschätztes Alter von 3,0 bis 3,5 Millionen Jahre ausgewiesen, weswegen das Fossil als der bis dahin älteste Fund eines Vertreters der Hominini in Südafrika bezeichnet wurde; diese Alterszuschreibung passte exakt zu den seit 1978 bekannten und als sicher datiert geltenden homininen Fußspuren von Laetoli. In einer zweiten Analyse der Begleitfunde wurde diese biostratigraphische Datierung jedoch bereits im März 1996 als zu alt kritisiert und stattdessen rund 2,5 Mio. Jahre als das wahrscheinlichere Alter benannt.So Jeffrey K. McKee von der südafrikanischen Witwatersrand-Universität in einem Technischen Kommentar in Science, Band 271, 1. März 1996, S. 1301. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam 2002 eine Studie von Hauptautor Lee R. Berger, der zufolge Little Foot „jünger als 3 Mio. Jahre“ ist.Lee R. Berger et al.: Revised age estimates of Australopithecus-bearing deposits at Sterkfontein, South Africa. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 119, Nr. 2, 2002, S. 192–197, doi:10.1002/ajpa.10156. Ein Jahr später wurde dann aber auf Basis der Aluminium-Beryllium-Methode sogar ein Alter von mehr als 4 Millionen Jahren publiziert. T. C. Partridge et al.: Lower Pliocene Hominid Remains from Sterkfontein. In: Science. Band 300, 2003, S. 607–612; doi:10.1126/science.1081651.Stand die Menschheitswiege in Südafrika? Auf: spiegel.de vom 25. April 2003.