Unter Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten werden organisierte Zusammenschlüsse zur Verteidigung und Verbesserung von Arbeiterrechten in den Vereinigten Staaten von Amerika zusammengefasst. Dabei ist in ihrer Geschichte eine vorindustrielle Phase etwa bis 1840 mit Manufakturarbeitern und Handwerkern von der eigentlichen Industrialisierung zu unterscheiden, als mit Gewerkschaften und Arbeiterparteien für Fabrikarbeiter typische Organisationsformen auftraten.Gutman, Herbert G.: Work, Culture & Society in Industrializing America, 4. Auflage, New York 1976, S. 13. Kennzeichnend für die USA ist die geringe Ausprägung sozialistischer Bewegungen, es gibt auch keine politischen Richtungsgewerkschaften.

Die Situation der Arbeiter in den britischen Kolonien und in der Frühindustrialisierung Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung in den nordamerikanischen britischen Kolonien war um 1750 abhängig beschäftigt. Die soziale Situation der Arbeiter war recht heterogen, was einem Zusammenschluss mit dem Ziel der Verbesserung ihrer Situation entgegenstand. Die abhängig Beschäftigten lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Erstens männliche Weiße, die als Sträflinge, Zwangsarbeiter oder Schuldner aus dem angelsächsischen Mutterland in die Kolonien verschifft wurden, nach Ableistung der Strafe jedoch zu freien Bürgern wurden, und zweitens rechtlose Sklaven. Bezeichnend ist die Bevölkerungsgliederung von Carolina im Jahr 1708: Von circa 9.580 Einwohnern (darunter etwa 1.400 Indigene) waren ungefähr 4.100 Sklaven. Resultierend aus einem Arbeitskräftemangel, wurde die erste Gruppe im Vergleich gut bezahlt. Ein Arbeiter in Neuengland verdiente zu der Zeit dreimal so viel wie in England und sogar sechsmal so viel wie ein Arbeiter in Schweden oder Dänemark. Hinzu kam, dass Iren in den Kolonien (und nur dort im British Empire) rechtlich und politisch anderen „Weißen“ gleichgestellt waren.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 35–37. Der Einwanderer hat in seiner neuen Heimat offenbar ausreichende wirtschaftliche, politische und rechtliche Freiheit erlangt. Zudem standen viele Aufstiegsmöglichkeiten, die den Arbeitern offen standen, einer dauerhaften Interessenorganisation im Wege.

Dies änderte sich erst zaghaft am Ende der Kolonialzeit und in der Frühzeit der Vereinigten Staaten. Zu diesem Zeitpunkt waren die USA zwar demokratisch verfasst, aber dennoch eine Ständegesellschaft, an deren Spitze eine Gruppe von erfolgreichen Kaufleuten und Pflanzern stand, denen es allein rechtlich erlaubt war, politische und gesellschaftliche Institutionen zu gründen. Für die Mehrzahl der abhängig Beschäftigten waren Sklaverei und Zwangsarbeit Teil ihrer Lebenswelt, zudem galt für sie ein Verbot von Zusammenschlüssen zwecks gemeinsamen Handelns.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 47–50. Erste Forderungen wurden jedoch bereits im Übergang vom Merkantilismus zum Kapitalismus 1760–1830 artikuliert:Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 53. zum ersten Streik kam es 1763 in Charleston, South Carolina – eine Aktion freier afroamerikanischer Schornsteinfeger.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 33.

Frühe Handwerkerverbände zurzeit der Unabhängigkeit 1776 Der Unabhängigkeitskrieg forderte den Zusammenhalt der Bevölkerung, die die Unabhängigkeit befürworteten, ungeachtet des sozialen Standes eines jeden Einzelnen. Nach Aussagen John Adams’ war nur ein Drittel der Bevölkerung für den Bruch mit Großbritannien. Im Unterschied zu vielen mitteleuropäischen Ländern war die amerikanische Wirtschaft zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr rein agrarisch, sondern teilweise vorindustriell ausgerichtet. Im Rahmen des Krieges entstanden lokale Arbeiterorganisationen, welche als Vorläufer von Gewerkschaften und politischen Gruppen gelten. Diese so genannten „Vereine zur gegenseitigen Hilfe“ oder „Box-Clubs“ nahmen sich unter anderem der Neueinwanderer an und leisteten Hilfe bei Krankheits- und Sterbefällen. Sie waren nach Berufsständen gegliedert, so z. B. die 1767 gegründete New Yorker „Friendly Society of Tradesmen and House Carpenters“. Ein anderes Beispiel war die „Marine Society“, die 1756 entstanden ist, aber nach einem Streik von 150 ihrer Mitglieder 1779 aufgelöst wurde und sich in den „Sons of Neptune“ wieder zusammenfand.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 54–55.

mini|Benjamin Franklin Die Verfassungsväter hielten nicht viel von Arbeitern. Benjamin Franklin äußerte sich 1768 wie folgt über die Arbeiterschaft:

Die im Zuge von Unabhängigkeitserklärung und der Revolution gewährten Rechte, wie das Versammlungs- und Petitionsrecht, Pressefreiheit, das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren und das Wahlrecht für alle als „weiß“ geltenden Männer, lösten bei den Arbeitern in Stadt und Land eine republikanische Begeisterung aus. Nicht lange nach der britischen Anerkennung der USA traten die ersten organisierten Arbeitsniederlegungen in der amerikanischen Geschichte auf: Im bereits industriell geprägten Philadelphia schlossen sich Schuster und Drucker zu Gewerkschaften zusammen, um 1785 und 1786 zu streiken. Parallel dazu bildete sich in Baltimore die „Mechanical Society“.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 58–61.

Landverteilung und Zug nach Westen Thomas Jeffersons „Land Ordinance“ von 1784/85 für das Gebiet westlich der Appalachen und die „Northwest Ordinance“ von 1787 stellten preiswertes Land zur Verfügung, zusammen mit einer Bildungsoffensive nahmen sie den Arbeitern ihren Unmut. Die Amerikaner konnten bei drohender Verarmung mit Kind und Kegel nach Westen ausweichen, um sich dort ein neues Leben aufzubauenNicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 62 und 73., während der Staat zunehmend arbeiter- und gewerkschaftsfeindlicher wurde.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 65.

Die Auswirkungen der Industrialisierung Mit der Industrialisierung und dem Wandel der Marktstrukturen, der market revolutionHeideking, Jürgen: Geschichte der USA, 5. Auflage, Tübingen/Basel 2007, S. 95–97., entstand eine Schicht der Fabrikarbeiter oder das Proletariat. Auch in den USA war eine Konzentration des ökonomischen Kapitals In Hand einer kleinen Bevölkerungsschicht zu beobachten.Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, 5. Auflage, Tübingen/Basel 2007, S. 183f. Ohne hinreichenden sozialen und rechtlichen Schutz sahen sich die amerikanischen Arbeiter im Gilded Age nicht nur der Willkür der Unternehmer ausgeliefert, sondern gerieten auch unter psychologischen Druck und liefen Gefahr, ihr Selbstwertgefühl zu verlieren.

mini|links|Samuel Slater – bekannt als „Vater der amerikanischen industriellen Revolution“ mini|Modell einer „Jenny“ im Historischen Zentrum Wuppertal Aufgrund ihrer Dauer kann man die Industrielle Revolution in den Vereinigten Staaten auch als eine Industrie-Evolution bezeichnen.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 73. Ungefähr 1789 brachte der 21-jährige Samuel Slater Pläne der in Großbritannien entwickelten „Spinning Jenny“ mit, eines Webstuhls, der die Textilbranche revolutionierte. Eli Whitney entwickelte 1793 eine Baumwollentkörnungsmaschine, ihre Wirkung beschleunigte den Prozess der Industrialisierung. Durch die Kriege in Europa begünstigt, begann 1798 die Massenproduktion von Büchsen und Flinten.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 67–69. Die Politik des Isolationismus verstärkte amerikanische Autarkiebestrebungen: 1810 befanden sich in Pennsylvania 87 Textilfabriken, in denen ca. 500 Männer und über 3.500 Frauen und Kinder beschäftigt wurden.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 70–71. Diesen Zustand bedauerte der erste Finanzminister der USA Alexander Hamilton, der selbst im frühen Alter anfing zu arbeiten, zu seinen Lebzeiten nicht, sondern lobte: „Frauen und Kinder machen sich nützlicher, und letztere früher nützlich, wenn sie in Manufakturbetrieben arbeiten.“ (Report on Manufactures) Die Wirtschaft stimulierte erneut der zweite Unabhängigkeitskrieg von 1812 bis 1814 aufgrund des gegenseitigen Embargos von Großbritannien und den USA. So wurden vor allem Schifffahrts- und Munitionsfabriken ausgebaut: Während in den USA 1810 nur 55.000 t Eisen produziert wurden, waren es 1830 bereits 180.000 t. Noch mehr Arbeitskräfte wurden bei der Erschließung des Hinterlandes und der Kanalverbindung von New York mit Chicago benötigt, zwei Projekte, die durch große staatliche Investitionen ermöglicht wurden. Der Boom endete jedoch gemeinsam mit dem Britisch-Amerikanischen Krieg und der darauf folgenden Aufhebung der Embargopolitik: Amerikanische Erzeugnisse waren nicht in der Lage, mit britischen Billigprodukten zu konkurrieren, sodass es 1819 zur ersten Wirtschaftskrise kam.Nicholson, Philip Y.: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 70–72.

Diese Entwicklungen gingen einher mit einer Bevölkerungsexplosion: von 1790 bis 1820 war die US-Bevölkerung von 4 auf 10 Millionen angestiegen, 1840 lebten 17 Millionen Menschen in den USA und zu Beginn des Bürgerkrieges 31,5 Millionen.Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, 3. Auflage, Tübingen/Basel 2003, S. 95.

Frühe Gewerkschaften, Parteien und Arbeiterorganisationen