Rechit (auch Kiebitzvolk, Volk, Menge) bezeichnete bereits in der frühdynastischen Zeit Altägyptens ein im nördlichen Nildelta ansässiges Volk sowie ab dem Mittleren Reich die Gottheit Rechit. Die Herkunft der Rechit ist ungeklärt, da sie Anfang des dritten Jahrtausends v. Chr. noch nicht zum Volk der Ägypter gezählt wurden. Das Siedlungsgebiet erstreckte sich nach bisheriger Fundlage bis zum Grenzgebiet von Retjenu. Die Auswertung der frühen Inschriften auf Denkmälern ergab eine zunächst mythologisch vorgenommene Zuordnung als Nildeltabewohner, da alle „nördlichen Feinde Oberägyptens“ auch zu den „Qebehu-Bewohnern“ zählten.
Nach dem Zusammenbruch des Alten Reiches und der damit verbundenen Umwälzung sowie religiöser Neuorientierung erfuhr der Begriff „Rechit“ einen Bedeutungswandel. Anfang des Mittleren Reiches wurde der Name „Rechit“ auf eine neue Gottheit übertragen. Als eigenes Volk traten die Rechit jedoch nicht mehr in Erscheinung, vielmehr sahen die Ägypter insbesondere ab dem Neuen Reich im früheren Volk der Rechit eine Verknüpfung mit Horus. Die Volksbezeichnung Rechit und die einhergehende Bedeutung unterlag in der altägyptischen Geschichte einem mythologischen Wandel, da die Bezeichnung Rechit später auf alle „Untertanen“ als Oberbegriff angewendet wurde.
„Rechit“ als Personen- und Volksbezeichnung Etymologie Der Kiebitz überwintert als Zugvogel von Ende Oktober bis Ende März in Siwa, Alexandria, Fayum, Bubastis, Pithom und im nördlichen Sinai. Das Flugbild des Kiebitzes ist charakteristisch und nicht zu verwechseln. Kiebitze fliegen mit lockeren, gemächlichen Flügelschlägen, die Flügel selbst sind auffällig breit und gerundet. Durch die im Flug blinkende schwarze Ober- und weiße Unterseite kann man fliegende Kiebitztrupps schon aus weiter Entfernung bestimmen. Die Benennung der Bewohner dieser Gebiete wurde im übertragenen Sinn zunächst als Spottname verstanden.
mini|Kiebitz (Vanellus vanellus)
Die Altägypter sahen im Kiebitz durch sein „langsam taumelnd-flatterndes Herdenflugverhalten“ mit dem typischen langgezogenen Ruf „pliit“ einen „tollpatschigen Klagevogel im Schlamm“.Richard Meinertzhagen: Nicoll’s birds of Egypt. Rees, London 1930, S. 547.
Herkunft Den Bewohnern Oberägyptens war die Erscheinungsform des Kiebitzes unbekannt, da der Kiebitz nicht bis in die Regionen um Abydos zog. In der Weltkammer des Sonnenheiligtums von Niuserre wird der Kiebitz daher als „Vogel aus Qebehu“ beschrieben. Dem zugehörigen Volk der Rechit stand in der Frühzeit zumeist das oberägyptische Volk der Pat gegenüber, das sich selbst als „Volk des Seth und des Kenmet“ verstand. In kriegerischen Auseinandersetzungen trugen die Unterlegenen auch die Bezeichnung „Rechit“, weshalb sie auch als rechtmäßige Untertanen angesehen wurden.Wolfgang Helck: Geschichte des Alten Ägypten. Band 1, Abschnitt 3. Brill, Leiden 1968, S. 20 und S. 42. So geht beispielsweise im Zusammenhang der Henmemet des Alten Reiches der Sonnengott Re siegreich gegen das Volk der Rechit vor.Christian Leitz u. a.: LGG, Register. Peeters, Leuven 2003, ISBN 90-429-1376-2, S. 313.
mini|Gefesselter Rechit mit Käfig (Kiebitzpalette)
Die von Alan Gardiner vorgenommene Übersetzung mit der ausschließlichen Bedeutung „untere Klasse, Rebellen, Besiegte, Feinde Ägyptens“ wurde zwischenzeitlich modifiziert, da der Ausdruck Rechit mehrdeutig verwendbar war. In der frühdynastischen Periode bezeichnete „Rechit“ zumeist die Feinde Ägyptens sowie Gefangene und Untertanen. In der östlichen Region von Sais wurde das Bruchstück einer Barken-Schieferpalette gefunden, die in die Zeit der Könige Skorpion II. und Ka (um 3100 v. Chr.) datiert wird. Aufgrund der detaillierten Darstellung eines Kiebitzes, der auf dem Bootsdeck mit dem Determinativ eines KäfigsSonderzeichen U 103 gemäß Petra Vomberg: Sonderzeichenliste In: Rainer Hannig: Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch : (2800 - 950 v. Chr.). von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-1771-9, S. 1448. über dem Bug abgebildet ist, wird der Fund „Kiebitzpalette“ genannt. Der Herkunftsort konnte bislang jedoch nicht ermittelt werden.Henri Asselbergh: Chaos en beheersing: Documenten uit de aenolitische Egypten. Brill 1961; S. 222–224.
Auf der alten „Weltkarte der Ägypter“ waren die „Wohnsitze der Kiebitze“ auf die Regionen in und um Unterägypten beschränkt. Mit Beginn des Alten Reiches erfolgte die Bedeutungserweiterung des Begriffs „Rechit“ als Bezeichnung der „Bauern“, „Handwerker“ und „Bürgerlichen ohne besonderen Stand“.Simson Najovits: Egypt, the Trunk of the Tree: A Modern Survey of an Ancient Land. Band 1. Algora Publishing, New York 2003, ISBN 0-87586-221-7, S. 248. In der Ägyptologie wird daher die Frage diskutiert, ob die Rechit von jeher im Nildelta beheimatet waren oder sich dort erst später ansiedelten. Aufgrund der verstreuten Rechit-Wohnorte wird verständlich, warum die Kiebitzleute nicht nur unter Djoser teilweise zu den feindlichen Neun-Bogen-Völkern gezählt wurden.
Darstellungen mini|Sethos I. (Rechit in der Hand).
In den ägyptischen Tempeln waren die Rechit zusammen mit den zwei anderen Bevölkerungsschichten der Pat und Henmemet als mythologisch dreigeteiltes Sozialsystem der altägyptischen Weltordnung abgebildet. Ergänzend standen „Ausländer und Feinde“ in der Tempeldekoration als Pendant für das Chaos. Der König vereinte in Darstellungen beide Aspekte der altägyptischen Mythologie, weshalb er einerseits „auf den Besiegten stehend“ oder „mit dem Volk in seiner Hand“ sehr häufig zu sehen ist. Die auf den Rechit stehenden Statuen der jeweiligen Könige unterstreichen das „königliche Beherrschungsmotiv über die Rechit“ in ihrer Rolle als „zugehöriger Bestandteil zu den Neun-Bogen-Völkern“; beispielsweise liegen die Kiebitze unter Tutanchamuns Füßen. Dieses Motiv wurde ebenso bis in die Spätzeit aufrechterhalten, wie das von Amenophis III. und seiner Gemahlin Teje, die gemeinsam unter einem Baldachin sitzend auf vierzehn Rechitdarstellungen thronen.
Als „Symbol der dienenden ägyptischen Bevölkerung“ hielten die Könige die Rechit fest umklammert in ihren Händen. An der westlichen Wand der zweiten Hypostylhalle im abydenischen Totentempel ist ein Relief von Sethos I. angebracht, auf dem Sethos I. während der Krönung vor Amun-Re mit der Henukrone niederkniet, um von Amun-Re als rechtmäßiger König von Ägypten ernannt zu werden. Als weitere Insignien sind das Nemes-Kopftuch und die blaue Krone Amuns zu sehen, die ebenfalls zum Königsornat gehören, wobei die blaue Farbe der Amun-Krone den Himmel repräsentiert. In der linken Hand hält Sethos I. einen Rechit-Kiebitz als Zeichen, dass alle Menschen in Ägypten unter seiner Herrschaft stehen. In seiner rechten Hand befindet sich das Chepesch-Schwert und die gebogene „Kriegsaxt“, die Sethos I. von Amun-Re überreicht bekommt, um seine Siege in jeder Schlacht zu gewährleisten.Farid Atiya: Pocket Book of Ancient Egypt. Amer University, Kairo 2008, ISBN 977-17-4439-9, S. 202.
Frühdynastische Periode und Altes Reich mini|Rechitdarstellung auf dem Keulenknauf des Skorpion II.
Auf dem aus Kalkstein bestehenden „Keulenknauf des Skorpion II.“ sind aufgehängte Rechit zu sehen. Diese Szene wird zumeist als Skorpions Sieg über das Kiebitzvolk interpretiert. Allerdings können die Rechit-Standarten auch symbolisch für die Kontrolle Skorpions über verschiedene Gebiete Ägyptens stehen, ohne dass es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung gekommen sein muss. Ergänzend ist das Anlegen von Bewässerungsgräben oder Kanälen durch Skorpion und anderen Personen zu erkennen. Wolfgang Schenkel konnte die genauen Umstände jener Arbeiten nicht näher bestimmen.
Auf dem Annalenstein der 5. Dynastie werden die Rechit unter König Den (1. Dynastie) zweimal erwähnt, wobei aus dem vierten Regierungsjahr nur eine Lesung des „Volkes der Rechit“ in einem sonst unklaren Zusammenhang vorgenommen werden konnte. Im 31. Regierungsjahr spielen die Rechit beziehungsweise ihre Siedlungsgebiete in Verbindung einer von König Den durchgeführten Verwaltungsaktion eine Rolle. Der Ägyptologe Wolfgang Helck übersetzte 1987 die schwierige Textpassage mit „Planen(?) und Graben der westlichen und östlichen Kanäle (durch) das Gebiet der Rechit“. Dieser Lesung schloss sich 1994 auch Rolf Gundlach an.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit (= Ägyptologische Abhandlungen. (ÄA) Band 45). Harrassowitz, Wiesbaden 1987, ISBN 3-447-02677-4, S. 157 und Rolf Gundlach: Die Zwangsumsiedlung auswärtiger Bevölkerung als Mittel ägyptischer Politik bis zum Ende des Mittleren Reiches. Steiner, Stuttgart 1994, S. 50–51.
Im Gesamtkontext passt Helcks Annahme wiederum sehr gut, da zuvor von König Skorpion II. und später im Alten Reich derartige Kanalbauarbeiten belegt sind. Toby Wilkinson legte 2000 eine gegenüber Helck leicht abgeänderte Übersetzung bezüglich des 31. Regierungsjahres von Den vor, die sich an die vorgegebenen Hieroglyphen hielt: „Organisation? der landwirtschaftlichen Betriebe? des nordwestlichen Deltas (Rechit) und aller Menschen im östlichen Delta.“Toby A. H. Wilkinson: Royal annals of ancient Egypt: The Palermo Stone and its associated fragments. Kegan Paul, London 2000, S. 108 ff. Wilkinson bemerkte zu seiner Lesung, dass sie ebenfalls nur als Interpretation anzusehen sei. Frühere Übersetzungen als „landesweite Volkszählung“ können jedoch ausgeschlossen werden.
Anedjib (um 2910 v. Chr.) vermerkte im Jahr nach seinem Sedfest eine erneute gewaltige Überflutung durch die Nilschwemme, die alle nordwestlichen Gaue erfasste und unter dem Volk der Rechit eine Massenseuche auslöste.Wolfgang Helck: Geschichte des Alten Ägypten. Band 1, Abschnitt 3. Brill, Leiden 1968, S. 34. Als früheste Darstellung der Rechit im Alten Reich gilt eine Statue in der Anlage der Djoser-Pyramide (3. Dynastie), die drei Rechit-Vögel mit ihren Flügeln unter den Füßen Djosers in Verbindung der „Neun-Bogen-Völker“ zeigt. Dieses Motiv ist Bestandteil der Herrschaftsattribute des Königs und soll seine Macht über Ägypten und deren Nachbarregionen ausdrücken.
„Rechit“ als handelnde Gottheit
Mit dem Niedergang des Alten- und Beginn des Mittleren Reiches veränderte sich die Stellung des Königs, der in früheren Zeiten „über dem Volk“ stand und nach der ersten Zwischenzeit als „König im Volk“ fungierte. Er sah sich nun in der Rolle des „Hirten seines Volkes“ als Garant der Sicherheit, der „seine Herde“ und die Weltordnung schützte.Hermann Alexander Schlögl: Das alte Ägypten. Beck, München 2008, ISBN 3-406-48005-5, S. 123. Der König bekleidete insofern gegenüber Amun-Re beziehungsweise Re eine „befehlsempfangende Position“, die symbolisch der vorherigen „Rechit-Mythologie“ entsprach.
In der „Götterwelt“ vollzog sich ein ähnlicher Wandel. Im Alten Reich war eine Topografie des Jenseits für nichtkönigliche Verstorbene überflüssig, da einzig der König den Himmelsaufstieg vollzog. Mit Beginn des Mittleren Reiches entstanden genauere Vorstellungen des Jenseits, das nun auch nichtköniglichen Personen zugänglich war. Für die Begleitung der Toten und Verehrung von Himmelsgottheiten waren neue Schutz- und Hilfsgötter notwendig, denen logistische und rituelle Aufgaben zugewiesen wurden. Die Rechit-Gottheit hatte eine kultbegleitende Funktion und übernahm in diesem Geflecht hauptsächlich eine „Götter und König anbetende“ Position, die sich aus der zuvor den Rechit zugewiesenen Aufgabe als „Untertanen“ sowie „dem König dienend“ ableitete.Hermann Alexander Schlögl: Das alte Ägypten. Beck, München 2008, ISBN 3-406-48005-5, S. 127.
Mythologische Verbindungen