mini|hochkant|Emblem des MfSmini|Konferenzraum des Ministers im Haus 1 der ehemaligen MfS-Zentrale in der Ruschestraße 103 in Berlin-Lichtenberg
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Kurzwort „Stasi“, wurde am 8. Februar 1950 nach sowjetischem Vorbild (MGB/KGB) gegründet. Es fungierte in der DDR als Geheimdienst und Geheimpolizei sowie als zentrales Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument der SED. Die Losung „Schild und Schwert der Partei“, über Jahrzehnte geprägt durch Erich Mielke, war untrennbar verbunden mit Überwachung, Verfolgung und Zensur.
Die Regierung Modrow versuchte am 17. November 1989, während der „Friedlichen Revolution“, den Apparat in das Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) zu transformieren, was letztlich scheiterte und in der endgültigen Auflösung zum 31. März 1990 mündete. Heute werden die Stasi-Akten (111 Kilometer Akten, ca. 2 Mio. Fotos, 381 Datenträger (CD-ROMs), 23.000 Tonträger u. 2.900 Filme) und Kaderakten im Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv dauerhaft aufbewahrt, um die persönliche Einsichtnahme der Betroffenen aus dem In- und Ausland sowie die historische, politische und juristische Aufarbeitung zu gewährleisten.
Die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg war als „Dienstkomplex Normannenstraße“ (im Volksmund „die Firma“ oder „Horch und Guck“) der Hauptsitz und steht heute als Stasimuseum unter Denkmalschutz.. Von hier aus steuerte das MfS die flächendeckende Überwachung der DDR-Bevölkerung über 15 Bezirksverwaltungen sowie 211 Kreis- und Objektdienststellen (KD und OD; vgl. Liste der Einrichtungen der Staatssicherheit der DDR) unter dem Motto „Genossen, wir müssen alles wissen“. Parallel dazu kontrollierten 15 KGB-Verbindungsoffiziere auf zentraler sowie auf bezirklicher Ebene die Einhaltung sowjetischer Interessen.
Ein zweiter Pfeiler in Ost-Berlin war das geheime, ummauerte „Sperrgebiet Hohenschönhausen“, der „weiße Fleck“ auf DDR-Stadtplänen. Es beherbergte die zentrale Untersuchungshaftanstalt (UHA), das Haftarbeitslager „X“ sowie den Operativ-Technischen Sektor (OTS) für Abhörtechnik und die Zentrale Personendatenbank (ZPDB).
Sowohl die „Westarbeit“ des Auslandsgeheimdienstes (HV A) unter Markus Wolf als auch das Politisch-operative Zusammenwirken (POZW) untermauerten den Machtanspruch der SED. Die enge Zusammenarbeit mit der Volkspolizei und der Justiz, dem Bildungs- und Erziehungswesen, den Volkseigenen Betrieben (VEB), den Kommunalen Wohnungsverwaltungen (KWV)Hubertus Knabe: Wenn der Staat über die eigene Wohnung bestimmt, 11. November 2023., dem Sport- und Gesundheitswesen ermöglichte gezielte Erziehungs- und Disziplinierungsmaßnahmen. Stasi-Führungsoffiziere und hochrangige Kader (Nomenklaturkader) entwickelten solche Methoden als marxistisch-leninistische und dialektische Gesetzmäßigkeit im Kampf gegen den Klassenfeind. Ihre operative Arbeit betrachteten die Verantwortlichen nicht als Unrecht, sondern als notwendige Legitimation, um auf der Basis des „real existierenden Sozialismus“ den Kommunismus zu verwirklichen.Armin Fuhrer: Von Diktatur keine Spur? Mythen und Fakten über die DDR. S. 17. Olzog Verlag, 2009. ISBN 978-3-7892-8309-3
Überblick Menschen gerieten in der DDR bei „Westkontakten“, einem Ausreiseantrag, bei Fluchtverdacht oder als „feindlich-negative Personen“ ins Visier der Stasi. Das traf auch Personen mit abweichendem Sozialverhalten, alternativen Lebensstilen oder unkonventioneller Bekleidung. Wer vom Idealbild des „sozialistischen Menschen“ abwich, wurde gezielt belehrt oder sogar isoliert. Ebenso bildeten Christen und Kirchen ein zentrales Ziel staatlicher Kontrolle und Unterwanderung. Damit ignorierte die DDR-Regierung die Verpflichtung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, die in der von ihr am 1. August 1975 unterzeichneten Schlussakte von Helsinki festgeschrieben war.
Das MfS entwickelte sich zu einem weitverzweigten, personalstarken Stasi-Netzwerk. Zum 31. Oktober 1989 gehörten ihm 91.015 hauptamtliche Mitarbeiter (HMA) an, einer auf 180 Einwohner sowie 189.000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Die tatsächliche Überwachungsdichte war durch eine unbezifferte Zahl von sogenannten Auskunftspersonen (AKP) noch höher. Die Bevölkerung nannte sie meist „Spitzel“ oder „Denunzianten“. Formal war es ein „Ministerium der bewaffneten Organe“ mit einer militärischen Struktur und einem eigenen militärisch-operativen Arm – dem Wachregiment „Feliks Dzierzynski“. Es schulte seine Offiziere ideologisch und praktisch an der Juristischen Hochschule (JHS).
Über legendierte Offiziere im besonderen Einsatz (OibE) nahm es Einfluss auf Schlüsselpositionen in Sport, Kultur, Wirtschaft, Verwaltung, Politik, Wissenschaft und im diplomatischen Dienst. Das Rückgrat dieses Überwachungsapparates bildeten die etwa 12.000 bis 13.000 hauptamtlichen „operativen Mitarbeiter“ – umgangssprachlich „Führungsoffiziere“ –, welche die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) und OibE rekrutierten und steuerten. Ihr Auftrag war es, die „staatliche Sicherheit und gesellschaftliche Entwicklung“ in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich operativ und präventiv zu sichern. Dem Politikwissenschaftler Helmut Müller-Enbergs zufolge waren politische Ideale das Hauptmotiv für Stasi-IM-Arbeit, während Geld und Erpressung eine untergeordnete Rolle spielten.
Das Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument der Stasi war ein komplexes Netz aus Tätern, Opfern, Profiteuren und Mitläufern. Dessen Akteure agierten häufig in fließenden Rollen – heute im Kontext der Forschung zunehmend als „Mitmach-Diktatur“ verstanden. Es zwang die Bevölkerung durch die ständige latente Angst vor Konsequenzen (wie beruflicher Degradierung oder Bildungs- und Karrierebenachteiligung der Kinder bei Flucht-Mitwisserschaft) zur Selbstzensur („Schere im Kopf“) und zu einem Leben mit Doppelmoral („Zwei-Gesichter-Mentalität“). Ergänzend sicherte die SED-Führung ihre Macht durch ein soziopsychologisches System der Steuerung und Privilegierung – wer loyal war, erhielt sozialen Aufstieg sowie exklusiven Zugang zu Gütern und wurde so in eine tiefe staatliche Abhängigkeit eingebunden.
Ein Spezifikum der internen Struktur war, dass die hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter die am besten überwachte Personengruppe in der DDR waren. Dieses Bewusstsein hatte tiefgreifende und dauerhafte Auswirkungen auf ihr soziales Verhalten, ihre Psyche und ihre Mentalität. Die soziologische Studie von Uwe Krähnke zeigt, dass die Mitarbeiter repressive Überwachung durch eigene Gewöhnung legitimierten. Die Motivation gründete auf einer Normalisierung von Privatsphäreverletzungen und staatlicher Kontrolle. Viele Kinder von Stasi-Mitarbeitern standen unter permanentem Linientreue- und Geheimhaltungsdruck, der von ihren Eltern gefordert wurde, was zu dokumentierten psychischen Belastungsfolgen wie Identitätskonflikten führte.
Methodisch setzte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Observation sowie die „Operative Psychologie“ zur systematischen Steuerung der Wirklichkeitswahrnehmung ein. Dies diente der präventiven und operativen Disziplinierung der Bevölkerung, flankiert durch die politische Reglementierung des Bildungs- und Arbeitsweges zur Selektion linientreuer Kader und interner Indoktrination – „Feindbildarbeit“ – auch innerhalb des MfS. Durch den Aufbau vertraulicher Scheinverhältnisse zur Anbahnung von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) und Auskunftspersonen (AKP) sowie manipulative Gesprächs- und Verhörtechniken wurde das Vertrauen innerhalb der gesamten Gesellschaft nachhaltig untergraben.
Mittels der Strategie der „Zersetzung“, heute als „Weiße Folter“ bekannt, versuchte man, die soziale Isolierung und psychische Zermürbung von Zielpersonen (ZP) durch Kompromittierung, systematische Verunsicherung und organisierte Misserfolge herbeizuführen. Diese Form der Repression wurde wissenschaftlich durch Gefälligkeitsgutachten legitimiert, wobei die politische Haft oder Ausbürgerung oft die endgültige Stufe der Isolation markierte. Den äußersten repressiven Endpunkt bildete dabei bis in die 1980er Jahre die Todesstrafe, die vor allem gegen vermeintliche Staatsfeinde, NS-Verbrecher sowie MfS- oder Militärangehörige bei Vorwurf des „Verrats“ verhängt und unter strengster Geheimhaltung in Leipzig vollstreckt wurde.
Es existierten offiziell keine politischen Gefangenen, da tatsächliche DDR-Regimegegner und Regimekritiker durch juristische Euphemismen wie „Staatsfeindliche Hetze“ (§ 106 StGB-DDR) oder „Rowdytum“ (§ 215 StGB-DDR) behördlich zu „Kriminellen“ umdefiniert und stigmatisiert wurden (Opposition und Widerstand in der DDR). Nachdem in den 1950er Jahren in Stasi-Gefängnissen noch physische Folter zur Erzwingung von Geständnissen dominierte, setzte das MfS ab den 1960er Jahren verstärkt auf die „Operative Psychologie“. Bei den Stasiopfern (SED-Opfern) halten die daraus resultierenden psychischen, körperlichen und sozialen Spätfolgen bis heute an und erweisen sich in vielen Fällen als dauerhafte gesundheitliche Belastungen.
Die Hauptverwaltung A (HV A) war der Auslandsgeheimdienst des MfS, der eine „verdeckte Front“ gegen den Westen bildete. Dies geschah durch gezielte Einflussnahme und Desinformation über ein dichtes Netz aus Quellen (IM und legendierte OibE) – meist mittels gefälschter oder gestohlener Dokumente und Identitäten – im Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW). Gleichzeitig war die systematische Devisenbeschaffung über staatseigene Tarnfirmen des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo-Firmen) ein zentrales Ziel. Durch die illegale Beschaffung wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse sowie hochwertiger Mangelgüter versuchte die DDR, westliche Technologie-Embargos (COCOM-Embargo) zu umgehen und so ihre militärische Stärke und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Neben umfassender Militär- und politischer Spionage gehörten die Unterstützung links- und rechtsextremistischer Gruppen im Ausland, die politische Unterwanderung über Tarnorganisationen wie die Liga für Völkerfreundschaft und Generale für den Frieden sowie Sexpionage zu den Instrumenten der Aktiven Maßnahmen. Die Stasi ideologisierte diese Informanten als „Kundschafter des Friedens“.
Außerhalb des MfS gab es einen weiteren Nachrichtendienst in der DDR, die Militärische Aufklärung der Nationalen Volksarmee (MIL-ND) mit Sitz in Berlin-Köpenick. Diese wurde – ebenso wie die Grenztruppen der DDR und die Nationale Volksarmee (NVA) – durch die Hauptabteilung I (MfS-Militärabwehr oder Verwaltung 2000) des MfS kontrolliert.
Im Verlauf der „Wende und friedlichen Revolution“ (November 1989 bis März 1990) nutzte Hans Modrow die Sündenbock-Strategie, indem er das MfS isolierte – als Einzelschuldigen. Ziel war es, für die Öffentlichkeit die systematische Verstrickung der SED-Kader in das Unrechtssystem zu verschleiern, um die politische Überlebensfähigkeit der reformierten Partei (SED) und den angestrebten Fortbestand der DDR im Sinne eines reformierten Sozialismus zu sichern.
Das Forschungsprojekt des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) unter der Leitung von Historiker Michael Wala, das auf bislang unveröffentlichten BfV-Akten basiert und am 10. Oktober 2023 erschien, entlarvt den „Stasi-Mythos“ der DDR-Auslandsspionage (HV A), indem es aufzeigt, dass viele MfS-Agenten aus finanziellen oder karrierebezogenen Motiven handelten und nicht aus politischer Überzeugung. Das BfV drehte zwischen 1959 und 1990 rund 2.000 HV A-Agenten als Doppelagenten um, die ihr Wissen gegen Bezahlung verkauften, und über 150 ehemalige MfS-Mitarbeiter verrieten ihr Wissen bereits vor 1989 an westliche Dienste, was ihre angebliche Loyalität widerlegt.