mini|300px|Lageplan des West- und Ostkastells mit ihrer Verbindungsstraße (Grabungen 1894–1896)

Die Kastelle von Welzheim waren zwei römische Militärlager am Vorderen Limes, einem Teilabschnitt des UNESCO-Weltkulturerbes „Obergermanisch-Rätischer Limes“ auf dem Gebiet der heutigen Stadt Welzheim im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Zu den bedeutendsten Erkenntnissen, die an dieser Grabungsstätte gewonnen wurden, trugen die Brunnenfunde aus dem Ostkastell bei. Sie gaben einen umfassenden Einblick in die Vegetation und in die Lebensbedingungen der Bewohner im 2. und 3. Jahrhundert.

Westkastell (Alenkastell)

mini|300px|Das Kastell mit den zwischen 1895 und 2006 aufgenommenen Befunden

Das Westkastell Welzheim ist heute fast vollständig überbaut. Es war durch eine Straße mit dem 530 m östlich gelegenen, kleineren und wesentlich besser erforschten Ostkastell verbunden. Das Westkastell war Garnisonsort einer Kavallerieeinheit, die dem Grenzschutz diente.

Lage Bei Welzheim endet ein rund 80 Kilometer langer geradliniger, von Nord nach Süd laufender Limesabschnitt. Die Stadt ist einer der wenigen Orte am Obergermanisch-Rätischen Limes, der zwei Kastelle besaß. Die fast exakt auf einer genauen West-Ost-Achse liegende Garnison befand sich an einem nach Osten abfallenden Hang im Süden der heutigen Stadt Welzheim und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg fast vollständig überbaut. Etwas westlich der heutigen Kreuzung Schloßgartenstraße–Christian-Bauer-Straße lag die Porta praetoria, das Haupttor des Lagers, auf dessen Lage die Gesamtbebauung ausgerichtet war. Die Christian-Bauer-Straße nimmt in östliche Richtung gehend etwas versetzt die Ausrichtung der antiken Lagerstraße zu den Principia, dem Stabsgebäude, auf. Dort, wo die Christian-Bauer-Straße auf die Schorndorfer Straße stößt, befand sich ungefähr der Eingang zum Stabsgebäude. Die Schorndorfer Straße läuft in Nord-Süd-Richtung fast genau über der ehemaligen großen Vorhalle, einem Mehrzweckbau, die wie ein Riegel quer vor dem Stabsgebäude lag. Parallel zum Westwall, der ehemaligen Befestigungsmauer, läuft ein Weg und dahinter, gleichfalls der Ausrichtung des Kastells folgend, der Bahndamm. Der Bahnhof von Welzheim liegt knapp vor dem ehemaligen Nordwestturm der Fortifikation. Die vom Bahnhofsplatz in östliche Richtung abgehende Kurze Straße folgt eine Zeitlang ungefähr der Nordmauer des Kastells.

Forschungsgeschichte Nach seiner Entdeckung 1895 durch einen Oberförster wurde die Anlage von der Reichs-Limeskommission (RLK) teilweise ergraben. Dabei wurde festgestellt, dass das 236 × 181 Meter (= 4,3 Hektar) große Westkastell, das damals noch fast unüberbaut am Ortsrand lag, zu den größten Anlagen am Obergermanisch-Rätischen Limes gehört. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert, besonders aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das antike Areal zur anhaltenden Überbauung und damit zur fast völligen Zerstörung freigegeben. Auch heute werden industrielle Neubaumaßnahmen auf dem Gelände durchgeführt. Nur wenige antike Strukturen sind noch unter Wiesen geschützt. Erst 1980 fand zum ersten Mal seit den Tagen der RLK wieder eine Notgrabung statt. Dabei wurde ein Teil des Innenhofs der Principia, des Stabsgebäudes, angeschnitten. Im Jahre 1983 folgte eine Rettungsgrabung an der südsüdöstlichen Kastellecke. Dies bedingt durch den Bau einer Fabrik. Anschließend wurde 1989 an der Südmauer geforscht und 1990 östlich und nahe der Porta principalis sinistra, dem Nordtor. Dann konnten 1997 zwei Areale an der Via praetoria, der zum Osttor hinausführenden Lagerhauptstraße, aufgedeckt werden und 1999 ein Mauerabschnitt mit dem ersten Zwischenturm westlich der Porta principalis dextra, dem Südtor. Die bisher größte moderne Rettungsgrabung wurde von Juni 2005 bis Oktober 2006 durch die Erweiterung einer Produktionshalle ausgelöst. Der von den Verantwortlichen verursachte Schaden führte zum Verlust und zur endgültigen Zerstörung der größten noch in Zusammenhang stehenden Freifläche des Kastells, welche den Ostteil des Stabsgebäudes sowie einen Streifen der Retentura, des Hinterlagers, bis zur Porta decumana, des Westtors, beinhaltete. Die Grabungen wurden zunächst von Rüdiger Krause und ab Anfang 2006 von Klaus Kortüm geleitet.Klaus Kortüm: Das Welzheimer Alenlager. Vorbericht zu den Grabungen im Westkastell 2005/2006. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes, Band 3, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, S. 123–124.

Baugeschichte mini|Grundriss des Westkastells nach den Grabungsbefunden 1895–96 Die Ausmaße des genau nach den Himmelsrichtungen geplanten Welzheimer Westkastells (4,3 Hektar) lassen sich in Obergermanien mit dem Steinkastell Niederbieber (5,25 Hektar; errichtet kurz nach 185/190) oder mit Echzell (5,2 Hektar) vergleichen, was jeweils auf große Besatzungen schließen lässt.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 313. Die Forschung stellte zudem fest, dass Kastelle in ihrer vollständigen Anlage am germanischen Limes normalerweise größer und großzügiger dimensioniert waren als die mit einer vergleichbaren Truppe belegten britischen Fortifikationen. So hatte Welzheim West die doppelte Größe wie dortige vergleichbare Anlagen. Neben regionalen Unterschieden wurde vermutet, dass in Britannien nur Teile von Einheiten in diesen jeweiligen Lagern stationiert gewesen sind, was nicht nur Fragen nach einer möglicherweise anderen Organisation des dort liegenden römischen Heeres aufwirft, sondern auch unbefriedigend bleibt, da sich diese These nicht überprüfen lässt.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 321. Hieb- und stichfeste Nachweise für ein älteres Holz-Erde-Kastell wurden auch bei der Grabungskampagne 2005/2006 nicht entdeckt.Klaus Kortüm: Das Welzheimer Alenlager. Vorbericht zu den Grabungen im Westkastell 2005/2006. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes. Band 3, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, S. 125. Als Schlussmünze aus dem Kastell gilt seit seiner Auffindung 2006 ein Denar aus der Regierungszeit des Kaisers Severus Alexander (222–235). Jüngere Münzfunde stammen in Welzheim nur aus dem Bereich des Lagerdorfes.Klaus Kortüm: Das Welzheimer Alenlager. Vorbericht zu den Grabungen im Westkastell 2005/2006. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes. Band 3, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, S. 137.

Umwehrung Im Zuge der Ausgrabungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurden die Flächenmaße der rechteckigen Anlage mit 236 × 181 Meter (= rund 4,3 Hektar) ermittelt und drei der vier Tore zumindest in Teilen freigelegt, wobei abschließend festgestellt werden konnte, dass alle vier Einlässe wohl eine zweispurige Zufahrt und jeweils zwei, diese Zufahrten flankierende Türme besaß. Die Porta praetoria, das Haupt- und Osttor in Welzheim, wurde bereits von der RLK freigelegt. Es ist bis heute das einzige vollständig ergrabene Tor. Der nördliche Torturm der Porta decumana war 4 × 4,5 Meter groß und besaß ein rund 1 Meter breites Fundament. Nur an seiner Außenseite war es mit 1,5 Metern wesentlich massiver ausgeführt. Da der zweite Torturm bisher nicht ergraben worden ist, ließ sich die genaue Breite der Porta decumana auch nach den Grabungen 2005/2006 nicht ermitteln. Eine Spiegelung des Torturms an der bekannten Mittelachse des Lagers würde eine Breite von rund 13 Metern ergeben. So wäre auch hier mit einer doppeltorigen Zufahrt zu rechnen. In das typische Bild der Kastelle dieser Zeit fügt sich auch der Befund der vier abgerundeten Kastellecken (Spielkartenform) ein. In diesen Ecken waren an die Mauer gebaute Wachtürme errichtet worden. Bei der Grabung 1983 wurde erneut ein rund 20 Meter langes Teilstück der Wehrmauer freigelegt. Dabei kam eine in diesem Bereich noch zwischen 0,5 und 0,6 Meter hoch erhaltene innere Mauerschale aus dem Boden. Ihr äußeres Gegenstück hingegen wies jedoch nur noch drei bis vier Steinlagen auf. An der südöstlichen Kastellecke, die dort einen großen Bogen schlug, deckten die Forscher einen im Verhältnis zur Lagergröße relativ kleinen, leicht trapezförmigen Turm frei, der mit seinem bis zu einem Meter hoch erhaltenen Mauerwerk erstaunlich gut erhalten war. Die zum Kastell gewandte Seite des Turms besaß einen 1,2 Meter breiten Eingang. Wie nähere Untersuchungen ergaben, wurde der Turm in einem Stück mit der Lagermauer hochgezogen. Es konnte nachgewiesen werden, dass an der ergrabenen Süd- und Ostseite der Mauer im Inneren eine Erdrampe angeschüttet gewesen war. Aufgrund günstiger Bodenbedingungen wurden hier zum damaligen Zeitpunkt erstmals Holzeinlagen innerhalb einer Rampe nachgewiesen, welche die Standfestigkeit der Anschüttung gewährleisten sollten. Die vollständig und primär verkohlte Holzkonstruktion bestand aus teils parallel zueinander, teils gitterförmig angelegten Bohlen. Das Verkohlen ist eine alte Konservierungsmethode, um Holz langlebiger zu machen. Bei den Grabungen 2005/2006 wurde erneut die Wehrmauer angeschnitten, diesmal an der Westseite. Dabei kam der Nordturm der Porta decumana ebenso ans Licht wie ein rund 30 Meter langer Abschnitt der westlichen, rund 1,6 Meter breiten Kastellmauer. Wie die Archäologen feststellten, ruhte diese Mauer auf einem rund 2 Meter breiten und 0,7 Meter tiefem Fundament. Die zum Lagerinneren anschließende Erdrampe konnte mit einer Breite von rund fünf Metern vermessen werden. Sie war noch als knapp 0,2 Meter dicke Lehmpressung erkennbar. Die darin gemachten Befunde holzkohliger Streifen deckten sich mit der Auffindung einer Holzeinlage in der Wallaufschüttung, die 1983 im Bereich der Südostecke in damals wesentlich besserem Zustand angetroffen worden war.Klaus Kortüm: Das Welzheimer Alenlager. Vorbericht zu den Grabungen im Westkastell 2005/2006. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes. Band 3, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, S. 124. Insgesamt besaß das Lager zehn Zwischentürme. An der West- und Ostseite je einen zwischen den Toren und den Ecktürmen, an der Nord- und Südseite je einen in der Praetentura, dem Vorderlager, je einen in den Latera praetorii, dem Mittellager, und je einen in der Retentura.

Vor der Wehrmauer konnte bis 1983 an der Westflanke und der Südmauer ein Stichgraben erkannt werden.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 91–92. Während dreier Grabungen zwischen 1989 und 1999 wurden weitere Grabenschnitte durchgeführt, bei denen sich letztendlich die Gewissheit ergab, dass das Westkastell von drei hintereinander liegende Spitzgräben umgürtelt war, deren äußerster sich bis zu dreißig Meter von der Wehrmauer entfernte. An der Porta decumana wurde nachgewiesen, dass zumindest der innerste Graben vor dem Tor nicht aussetzte.

Innenbebauung mini|Einzelfundstücke von den Grabungen 1895/96

Via sagularis