mini|hochkant|Julio Tello um 1910 als Doktor in Harvard

Julio César Tello Rojas (* 11. April 1880 in Huarochirí; † 7. Juni 1947 in Lima) war ein peruanischer Mediziner, Anthropologe und Archäologe. Dabei wird er als „Vater der peruanischen Archäologie“Nora Valeska Gores: Anthropologische Literatur – literarische Anthropologie?: Das hispanoamerikanische testimonio zwischen den Welten. Diplomica Verlag, Hamburg 2008, S. 30. bezeichnet. Außerdem war er der erste Archäologe indianischer Abstammung Amerikas.Margarita Díaz-Andreu, Margarita Díaz-Andreu García: A world history of nineteenth-century archaeology : nationalism, colonialism, and the past. Oxford University Press, Oxford 2007, S. 184. Im Laufe seiner Karriere machte er wegweisende Ausgrabungen zur prähistorischen Paracas-Kultur und begründete das nationale Museum für Archäologie., University of Iowa Press, abgerufen am 22. Februar 2011.

Leben Julio Tello wurde 1880 in einem Dorf der Provinz Huarochirí als Sohn des Bauern Julián Tello und seiner Frau María Asunción Rojas geboren; daheim sprach man Quechua, die verbreitetste indigene Sprache Perus, die damals auch noch in Huarochirí gesprochen wurde. Er war in der Lage, eine erstklassige Ausbildung zu erlangen, da die zuständigen Stellen die Regierung davon überzeugen konnten, dass der junge Julio Tello diese Förderung verdiente. miniatur|Medizinische Fakultät San Fernando der Universidad Nacional Mayor de San Marcos, vor 1920 So machte Tello 1909 seinen Abschluss als Bachelor in Medizin an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos. Bereits während seiner Studienzeit interessierte er sich für die Technik der TrepanationHelaine Selin, Hugh Shapiro: Medicine across cultures : history and practice of medicine in non-Western cultures. Kluwer Acad. Publ., Dordrecht u. a. 2003, S. 238. bei den einheimischen Stämmen der Huarochirí-Region und sammelte eine große Anzahl von entsprechenden Schädel-Artefakten. Außerdem studierte er frühkindliche Krankheiten innerhalb der Population. Seine Sammlung sollte später die Basis für die entsprechende Sammlung seiner Universität bilden. Somit wurden seine Fähigkeiten früh von älteren Wissenschaftlern erkannt, wodurch er weiterhin gefördert wurde. Außerdem gehören seine dementsprechenden Studien trotz ihres Alters bis heute zu den detailliertesten und aufschlussreichsten zur Trepanation in Südamerika.Arthur C. Aufderheide, Conrado Rodríguez-Martín, Odin Langsjoen: The Cambridge encyclopedia of human paleopathology. Cambridge University Press, Cambridge 1998, S. 170.

Man bot ihm einen Studienplatz an der Harvard University an, wo er bis 1911 Kulturanthropologie studierte und auch dort seinen Master machte. Daraufhin wandte Tello sich nach Europa, um hier Archäologie zu studieren. 1911 schloss er sich dem International Congress of Americanists in England an, in dem er später eines der prominentesten Mitglieder werden sollte. Dies bildete auch den Beginn eines international orientierten Lebens. 1912 lernte Julio Tello auf dem International Congress of Americanists eine junge englische Studentin der London University, Olive Mabel Cheesman, kennen, die er im selben Jahr heiratete.

Julio Tello reiste viel im Laufe seines LebensInsbesondere zu seinen Reisen ins Landesinnere, die ihm bezüglich Chavin neue Theorien eröffneten: Brian Fagan: The Ancient Civilizations. In: Orin Starn, Carlos Iván Degregori, Robin Kirk: The Peru reader: history, culture, politics. Duke University Press, Durham 2005, S. 24 f. und lud viele auswärtige Wissenschaftler nach Peru ein,Beispielsweise: Alpheus Hyatt Verrill; Doug Frizzle: Never a Dull Moment: The Autobiography of A. Hyatt Verrill. Stillwater Lake 2008, S. 260.Virginia Kerns Scenes from the high desert: Julian Steward's life and theory. University of Illinois Press, Chicago 2003, S. 214. wodurch er ein internationales Netzwerk begründete, zu deren Umfeld sogar Alfred Charles Kinsey gehörte, da er ihm Zutritt zu der umfangreichen erotischen Sammlung seines Museums gewährte.Bspl.: Herman B. Wells: Being lucky: reminiscences and reflections. Indiana University Press, Bloomington 1980, S. 270. Aufgrund der Tatsache, dass Tello eine größere Anzahl von wissenschaftlichen Abhandlungen in weniger bekannten spanischsprachigen Handbuchreihen und TageszeitungenVgl.: Richard W. Keatinge: Peruvian prehistory: an overview of pre-Inca and Inca society. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1987, S. 165. veröffentlichte, blieben seine Erkenntnisse meist nur den Experten vorbehalten. Einige seiner Theorien und Entdeckungen sind daher außerhalb Südamerikas wenig bekannt.

miniatur|Ausgrabungsstätte in Chavín de Huántar

Tello leitete mehrere Ausgrabungen und trug zur Entwicklung der peruanischen Archäologie bei. Die Chavin-Kultur stellt für ihn diese „Mutterkultur“ dar. Seit 1985 gilt die Zitadelle von Chavin als UNESCO-Welterbe.

Im Gegensatz zu den Meinungen seiner Zeit vertrat er speziell mit Hinblick auf die Chavin-Kultur die Theorie, dass die einheimischen Zivilisationen Perus sich autochthon entwickelt hätten und nicht durch fremde Einflüsse. Diese Streitfrage schien lange Zeit nicht geklärt zu sein, da „Vor- oder Frühformen noch nicht gefunden wurden“.Dieter Eisler: Alt-Amerika. Führer durch die Ausstellung der Abteilung Amerikanische Archäologie. Herausgegeben v.d. Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Museum für Völkerkunde Berlin, 3. veränderte Auflage Berlin 1983, ISBN 3-88609-191-0, S. 120. Ausgerechnet Tellos Biograf Burger widersprach ihm darin 1992, da er in der Chavin-Kultur eine Verschmelzung von Vorgängerkulturen der Küstenregionen und des Tropenwalds in eine kosmopolitische Hochlandkultur sah.Peter I. Bogucki: The origins of human society. Wiley-Blackwell 1999, S. 300. Burger, 1992, S. 156.

Sein Lebenswerk waren seine Forschungen, die das Ziel haben, die Welt mit den Präkolumbischen Kulturen Perus bekannt zu machen. Auch für Sprachwissenschaftler ist Julio Tello interessant: 1748 schrieb der Franziskanerobservant Pedro de la Mata eine Grammatik der Cholón-Sprache, Arte de la lengua Cholóna; 1772 transkribierte der Franziskanerobservant Gerónimo Clota das Werk; 1923 transkribierte Tello seinerseits den ersten Teil des Manuskripts von 1772 und machte die Arbeit so leichter zugänglich.Otto Zwartjes, Cristina Altman (Hrsg.): Missionary Linguistics II. Lingüística misionera II. Orthography and Phonology. John Benjamins Publishing Company, Amsterdam 2005, ISBN 90-272-4600-9, S. 182.

Indem er den Presse- und Sportfotografen Abraham Guillén, der aus politischen Gründen keine herkömmlichen Aufträge mehr bekam, bei seinen Ausgrabungen als Dokumentationsfotografen auch offiziell beschäftigte, schuf er die Basis für ein umfangreiches peruanisches Fotoarchiv.

Er wurde Abgeordneter von Huarochiri von 1917 bis 1929 im Kongress der Republik Peru, gründete 1924 das Museo de Arqueología Peruana. Er starb 1947 und wurde im Garten des Museo de Arqueología y Antropología bestattet.

Zu seinem 125. Geburtstag gab die Peruanische Post 2005 eine Gedenkbriefmarke heraus.

Archäologische Arbeit miniatur|hochkant|Schrumpfkopf der Jivaro-Indianer

Bereits 1918 war Tello der erste Wissenschaftler, der eine ethnologische Analogie zu der Ikonographie der Trophäenköpfe der Nazca-Kultur aus seiner KenntnisCharles W. Mead, Paul Tice: Old Civilizations of Inca Land. 1. Aufl. 1935, Reprint Tree Book, San Diego 2002, S. 72. der Kopfjägerpraxis der Jivaro-Indianer im Osten Perus und Ecuadors ableitete und das Enthaupten der Feinde als rituelle Handlung interpretierte.Donald A. Proulx: A sourcebook of Nasca ceramic iconography: reading a culture through its art. University of Iowa Press, Iowa 2006, S. 58.

Julio Tello arbeitete 1919 mit seinem archäologischen Team in Chavín de Huantar.Tim Murray: Milestones in archaeology: a chronological encyclopedia. ABC-CLIO, Santa Barbara 2007, S. 498. Dort entdeckte er eine Stele, die später ihm zu Ehren als Tello-Obelisk bezeichnet wurde. Die Konstruktion des ersten Tempels, den man dort entdeckte, datierte er auf 850 v. Chr. Die Arbeit seines Teams etablierte die These, dass man dort auf ein über mehrere Jahrhunderte bestehendes kulturelles Zentrum gestoßen war, dessen Blütezeit zwischen 500 und 300 v. Chr. bestanden haben mag. Bis zu den Entdeckungen des späten 20. Jahrhunderts, als man die Kultur der Norte-Chico-Region entdeckte, die zwischen 3000 und 1800 v. Chr. existierte, hielt man die Chavín-Kultur für die älteste Perus.Vgl. zum Stellenwert der Entdeckung; Jerry D. Moore: Architecture and power in the ancient Andes: the archaeology of public buildings. Cambridge University Pressm, Cambridge u. a. 2003, S. 50ff.

Außerdem ist Tello bekannt für seine Entdeckung von 429 Mumienbündel in der Region des Cerro Colorado auf der Halbinsel von Paracas.Zur Einordnung: Arthur C. Aufderheide: The scientific study of mummies. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2003, S. 17. Er besuchte die Gegend zum ersten Mal am 26. Juli 1925, als er einem alten Handelsweg folgte, den er bereits 1915 besucht hatte, um antike Textilien in Pisco zu erwerben. Im Jahre 1926 entdeckte er zusammen mit William Montgomery McGovern auf der Paracas-Halbinsel die Überreste von zwei Städten sowie die Ruinen einer dritten Stadt; in der ersten Stadt fand er eine Reihe von Gräbern mit jeweils 5–15 Mumien. Am 25. Oktober 1927 entdeckten sein Team und er die ersten 100 zeremoniell begrabenen Mumienbündel. Tello war der erste einheimische Ausgräber in Peru, der eine wissenschaftliche Sicherung derartiger Funde vorantrieb und organisierte sowie die Stratigraphie zur Datierung und Korrelation nutzte. 1928 begann man mit dem Abtransport zur Sicherung der Mumien, die bis heute eine der wichtigsten Quellen für die Erforschung der Paracas-Kultur liefern, die von 750 bis 100 v. Chr. bestand.Von Tello übernommene Beschreibung der Ausgrabungslage in engl. Übersetzung durch: Edgar Lee Hewett: Ancient Andean life. Biblo & Tannen, New York 1968, S. 238 ff.

miniatur|Teil eines textilen Begräbnismantels der Paracas-Kultur

Die Nekropole enthielt rituelle Begräbnisorte, an denen die Leichname in sitzender Haltung in Körben platziert wurden. Jeder der Körper war eingehüllt in große Tuchbahnen aus gewirkter Baumwolle, die mit Wolle verstickt worden war, um besondere Muster zu kreieren. Tello entdeckte diese Stoffe, die er selbst spektakulär fand.Jane Feltham: Peruvian Textiles. Shire Ethnography 1989, ISBN 0-7478-0014-6. Tello und sein Team fanden insgesamt 394 textile Artefakte und konnten sich der finanziellen Unterstützung der Rockefeller Foundation versichern, um diese Funde zu konservieren. Mehr als 180 aus dieser Sammlung präsentierte man seit 1938 in der Ausstellung des Instituto de Investigaciones Antropologicas, wo Tellos Team auch angestellt war. Maria Reiche,Maria Reiche: Peruanische Erdzeichnungen/Peruvian Ground Drawings. Hrsg.: Kunstraum München e. V., München, 1974. die ursprünglich nur bei der Konservierung und Katalogisierung der Stoffe helfen sollte, wurde bei dieser Arbeit von beider Kollegen Paul Kosok auf die rätselhaften Nasca-Linien aufmerksam gemacht.Anthony F. Aveni: Between the lines : the mystery of the giant ground drawings of ancient Nasca, Peru. University of Texas Press, Austin 2000, S. 94. Tello hatte die Geoglyphen zwar bereits 1926 in seinen Berichten vermerkt, ihnen aber kein weiteres Interesse gewürdigt.Brian Haughton: Hidden History: Lost Civilizations, Secret Knowledge, and Ancient Mysteries. New Page Books, Franklin Lakes, NJ 2007, S. 170. Seine Versuche hingegen die Herstellung der einzigartigen Töpferkunst der Küstenregion zu entschlüsseln, gelten bis heute als gelungen.S. Linné: The Ethnologist and American Indian Potter: in: Symposium On Ceramics and Man, 1961, S. 37.