mini|Ephraim Moses Lilien, 1910 mini|Theodor Herzl auf dem Balkon des Hotels Les Trois Rois in Basel, 1901 mini|links|hochkant|Vater Jakob Lilien mit seinem Werkzeug (Illustration zu Lieder des Ghetto) mini|Berlin 1902: Gründungsmitglieder des Jüdischen Verlags. V. l. n. r.: (stehend) E. M. Lilien, Chaim Weizmann, Davis Trietsch, (sitzend) Berthold Feiwel und Martin Buber.Lionel Gossman: Jugendstil in Firestone: The Jewish Illustrator E. M. Lilien (1874–1925), letzte Seite (princeton.edu PDF). mini|Plakat (1899) mini|Den Toten des Pogroms von Kischinjow gewidmet. mini|Illustration zu „Lieder des Ghetto“ (1902), Jüdisches Museum der Schweiz

Ephraim Moses Lilien (geboren am 23. Mai 1874 in Drohobycz, Galizien, Österreich-Ungarn; gestorben am 17. Juli 1925Reinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. S. 465 (Todesdatum 17. [sic!] Juli in zwei Todesanzeigen sowie auf dem Grabstein (s. Foto von 2014)). in Badenweiler), auch Efraim Mose Lilien, , , war ein galizisch-jüdischer Grafiker, Illustrator, Maler und Fotograf, der vor allem durch seine ornamentalen grafischen Arbeiten im Jugendstil und seine Exlibris bekannt wurde.

Leben und Werk Ephraim Moses Lilien wurde 1874 in einer galizischen Kleinstadt im Kreis Lemberg geboren. Seine Eltern waren der in ärmlichen Verhältnissen lebende Drechslermeister Jacob Lilien (1854–1907) und dessen Ehefrau Karoline, geb. Langermann (1855–1920).Reinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. S. 462. Da seine Eltern kein Geld hatten, um ihrem Sohn den Schulbesuch zu ermöglichen, wurde er zu einem Schildermaler in die Lehre geschickt. Reiche Verwandte, die sich schämten, dass ein Familienmitglied Schildermaler werden sollte, unterstützten ihn daraufhin mit fünf Gulden monatlich, sodass Lilien die Realschule in Lemberg besuchen konnte.Reinhard Bein: Zeitzeugen aus Stein. S. 97 (zitiert aus einem Brief Liliens von 1901). Ab 1890 besuchte er die Kunstschule in Krakau. Da die fünf Gulden aber nicht ausreichten, musste er dennoch nebenbei als Maler arbeiten. Nach eigener Aussage war die Not seine „ständige Begleiterin“.Reinhard Bein: Zeitzeugen aus Stein. S. 99 (zitiert aus einem Brief Liliens von 1901).

Von dem 1. Preis in einem Malwettbewerb reiste Lilien zum Studium nach Wien, doch das Geld reichte nicht einmal für die Immatrikulation. 1894 ging er nach München, wo es ihm nach ein paar Jahren gelang, erste Aufträge, unter anderem für die Zeitschrift Jugend und den Süddeutschen Postillon zu erhalten. 1896 gewann er den 2. Preis in einem Fotografierwettbewerb der Jugend. 1899 zog Lilien nach Berlin, wo er sich erfolgreich als Werbegrafiker etablierte und in den Kreisen der Bohème verkehrte. Eine Freundschaft verband ihn mit der Schriftstellerin und Diseuse Maria Eichhorn.Mark H. Gelbert: Melancholy Pride, Nation, Race, and Gender in the German Literature of Cultural Zionism. M. Niemeyer, Tübingen 2000, S. 227.

Künstlerisches Schaffen und politisches Engagement Mit dem von ihm illustrierten und gestalteten Buch Juda, einer Sammlung von Balladen des nichtjüdischen Dichters Börries von Münchhausen, wurde Lilien 1900 zum „ersten zionistischen Künstler“ und stellte in den folgenden Jahren seine Arbeit fast gänzlich in den Dienst der nationaljüdischen Idee. Mit seinen Arbeiten prägte er das Erscheinungsbild der jungen zionistischen Bewegung nachhaltig. 1903 illustrierte er das Buch Lieder des Ghetto des jiddischen Schriftstellers Morris Rosenfeld. Die Encyclopaedia Judaica nannte ihn 1971 den ersten Künstler, der sich bei den Zionisten engagierte, da er nacheinander an drei Zionistenkongressen teilnahm.Encyclopaedia Judaica, Band 11, Sp. 240. Neben der Einladungskarte zum 5. ZionistenkongressGedenkblatt des Fünften Zionisten-Congresses in Basel. In: Ost und West. Band 2, 1902, Sp. 17–18. stammt unter anderem auch das bekannte Foto von Theodor Herzl auf dem Balkon des Hotels „Drei Könige“ in Basel von Lilien.

Lilien engagierte sich im Rahmen der Demokratisch-Zionistischen Fraktion. 1902 war er zusammen mit Martin Buber, Chaim Weizmann, Berthold Feiwel und Davis Trietsch einer der Mitbegründer des Jüdischen Verlags in Berlin.Regine Nahrwold: Lilien, Ephraim Moses. In: 1906, 1910 und 1914 bereiste er für jeweils mehrere Monate Palästina und war von den Eindrücken dort begeistert.Reinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. S. 463.

Im April 1903 kam es in der bessarabischen Stadt Kischinjow zu dem Pogrom von Kischinjow, bei dem mehrere Dutzend Juden ermordet wurden, was heftige internationale Reaktionen hervorrief. Lilien schuf zum Gedenken an die Opfer eine Grafik. mini|Die Zehn Gebote in der Bibel-Ausgabe von Ferdinand Rahlwes, illustriert von Lilien Lilien illustrierte die „Bücher der Bibel“, herausgegeben von Ferdinand Rahlwes, von 1895 bis 1909 Pastor an St. Ulrici in Braunschweig.Informationen zu Ferdinand Rahlwes. Die Übersetzung stammte von Eduard Reuss.Informationen zu Eduard Reuß. Ursprünglich waren 10 Bände geplant, es erschienen aber nur drei.Walter Heinemann: Erinnerungen eines Braunschweiger Juden nach 30 Jahren in der Fremde. In: Bilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945. S. 129. Der wirtschaftliche Erfolg stellte sich für Lilien erst durch den Kontakt zum Braunschweiger Verleger Georg Westermann ein, der zwischen 1907 und 1912 die drei Bände der Prachtausgabe herausbrachte. 1909 fand in Wien Liliens erste eigene Ausstellung statt. Da es in Braunschweig zu jener Zeit keinen ausreichend großen Ausstellungsraum gab, wurde auf Liliens Vorschlag die Burg Dankwarderode für Ausstellungen hergerichtet. Liliens erste dortige Ausstellung fand ebenfalls noch 1909 statt, in den nächsten Jahren folgten Ausstellungen auch in anderen Städten. Diese Erfolge führten allmählich zu einer Verbesserung im Verhältnis zu seinem Schwiegervater.Reinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. S. 464. 1912 erschien die „Bibel für Schule und Heim“, 1914 die Bibel in der Lutherübersetzung.

Erster Weltkrieg 1916 meldete sich Lilien, der aufgrund seiner Geburt in Galizien österreichischer Staatsbürger war, freiwillig, um auf Seiten Österreich-Ungarns am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Da er zu diesem Zeitpunkt bereits knapp über 40 Jahre alt war, wurde er als Offizieranwärter eingestuft. Als bekannter Fotograf und Grafiker, der schon vor dem Krieg mehrmals Palästina besucht hatte, wurde Lilien zunächst an die osmanische Front und später in den Nahen Osten entsandt, um Fotos und Zeichnungen vom Kriegsgeschehen und den diversen Kriegsschauplätzen anzufertigen. Unter anderem reiste er zu diesem Zweck durch Kleinasien und an die Palästinafront. Lilien kehrte gegen Kriegsende als Leutnant nach Wien zurück. Für seine Dienste wurden ihm das österreichische Goldene Verdienstkreuz sowie der osmanische Eiserne Halbmond verliehen. Die Ergebnisse seiner Tätigkeit gelten als in den Wirren der Novemberrevolution verloren gegangen.Armin A. Wallas (Hrsg.): Eugen Hoeflich. Tagebücher 1915 bis 1927. Böhlau, Wien 1999, ISBN 3-205-99137-0, S. 268.

Rettung der Hornburger Synagoge

In der 30 km südöstlich von Braunschweig gelegenen Ortschaft Hornburg befand sich bis 1924 eine Synagoge, die 1766 errichtet worden war. Das seit 1882 nicht mehr genutzte Gotteshaus war über 40 Jahre lang dem Verfall überlassen worden. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg erfuhr Karl Steinacker, erster Direktor des „Vaterländischen Museums Braunschweig“, dem heutigen Braunschweigischen Landesmuseum, vom desolaten Zustand des Gebäudes und bemühte sich bereits damals um seine Rettung. 1922 erfuhr er schließlich von der Absicht, das Gebäude wegen Baufälligkeit abreißen zu lassen. Zusammen mit der Jüdischen Gemeinde Braunschweig, dem braunschweigischen Landesrabbiner Hugo Schiff, E. M. Lilien und anderen gelang es Steinacker, die gesamte historische Inneneinrichtung der Synagoge 1924 nach Braunschweig zu bringen und dort im Jüdischen Museum Hinter Aegidien wieder originalgetreu aufzubauen.Die Hornburger Synagoge im Vaterländischen Museum zu Braunschweig. von Kurt Wilhelm In: Menorah: jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur. Heft 5–6, Mai 1930, S. 257–260. Die Innenausstattung der Hornburger Synagoge befindet sich noch heute vollständig erhalten im Jüdischen Museum Braunschweig.Website Jüdisches Museum im Ausstellungszentrum Hinter Aegidien.

Einsatz für notleidende Künstler Bereits während seiner Berliner Zeit hatte sich Lilien für die (wirtschaftlichen) Belange von Künstlern eingesetzt und engagierte sich bis zum Ende seines Lebens stark für die Verbesserung der Lebensumstände von Künstlern, wie z. B. für die polnische Malerin Regina MundlakEphraim Lilien: Ein offener Brief, Zeitschrift Ost und West, Ausgabe Februar 1902, S. 109–114. So gründete er in Braunschweig den „Bundeswirtschaftsverband bildender Künstler“ der später mit dem in Hannover verschmolzReinhard Bein: Zeitzeugen aus Stein. S. 99. und zu dessen 1. Vorsitzenden er gewählt wurde und bis zu seinem Tode blieb. Seine Frau war als Schriftführerin und geschäftsführendes Mitglied des Vereins tätig, bis ihr diese Tätigkeiten 1933 von den Nationalsozialisten verboten wurden.Walter Heinemann: Erinnerungen eines Braunschweiger Juden nach 30 Jahren in der Fremde. In: Bilzer, Moderhack (Hrsg.): BRUNSVICENSIA JUDAICA. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945. S. 130. Als in Braunschweig eine Jury für einen Wettbewerb für das Wilhelm-Raabe-Denkmal zusammengestellt wurde und sich nicht ein einziger Künstler unter den Juroren befand, sorgte Lilien nicht nur dafür, dass zukünftig in jeder Jury mindestens ein Künstler vertreten sein musste, sondern auch dafür, dass angemessene Preise ausgelobt würden.

Familie mini|Wohnhaus der Familien Magnus und Lilien in der Wolfenbütteler Straße 5 (früher 3) in Braunschweig (2014)

1903 lernte Lilien die an der Münchner Kunstakademie studierende Grafikerin Helene Magnus (1880–1971) kennen.Reinhard Bein: Ewiges Haus. Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig. S. 227. Sie entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Braunschweig. Ihre Eltern waren der Justizrat Otto Magnus (1836–1920) und dessen Ehefrau Sophie, geb. Isler (1840–1920).Reinhard Bein: Sie lebten in Braunschweig. S. 430 f. Ihr Bruder war der Arzt Rudolf Magnus (1873–1927). 1906 heirateten Lilien und Magnus gegen den entschiedenen Widerstand der Brauteltern. Insbesondere Otto Magnus war gegen die Heirat seiner Tochter mit einem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Ostjuden.

Das Verhältnis zu seinem Schwiegervater verbesserte sich im Laufe der Jahre – nicht zuletzt auch aufgrund des künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolges des Schwiegersohns. Nach dem Tod der Schwiegereltern 1920 siedelte die Familie nach Braunschweig über, der Heimatstadt der Ehefrau. Fortan lebten sie im Haus Wolfenbütteler Straße 3 (heute 5), das Otto Magnus 1886/1887Wolfgang Kimpflinger: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen. Band 1.2.: Stadt Braunschweig. Teil 2, Hameln 1996, ISBN 3-8271-8256-5, S. 140. hatte bauen lassen.

Nachdem die Familie nach Braunschweig übersiedelt war, stellte Lilien 1921 einen Antrag auf Einbürgerung. Alle deutschen Länder stimmten diesem Antrag zu – bis auf den Freistaat Mecklenburg-Schwerin, wo man sich auf eine von 1920 stammende Vereinbarung der Innenminister berief, die den Zuzug von Osteuropäern (de facto aber ausschließlich Ostjuden) verhindern sollte. Daraufhin wandte sich der Innenminister des Freistaates Braunschweig an seinen Kollegen in Mecklenburg-Schwerin und konnte ihn überzeugen, seinen Widerstand aufzugeben. So erhielt Lilien die deutsche Staatsangehörigkeit.

mini|Grabstein von E. M. Lilien (rechts) und seiner Frau Helene, geb. Magnus, auf dem Jüdischen Friedhof (2014)