Bei der Parlamentswahl in Indien 2009 wurde das Unterhaus des gesamtindischen Parlaments, die Lok Sabha, gewählt. Die Wahlen fanden nicht an einem einzigen Tag, sondern verteilt über fünf Wahltermine, am 16., 22./23. und 30. April, sowie am 7. und 13. Mai 2009, statt. Dies hatte vor allem organisatorische Gründe. Alle Wahlergebnisse wurden jedoch erst am 16. Mai 2009 bekanntgegeben. Wahlberechtigt waren 713,8 Millionen Menschen. Indien sieht sich selbst als „größte Demokratie der Welt“ und die Wahlen wurden dementsprechend als die größte demokratische Wahlentscheidung der Welt gesehen.Um eine Vorstellung von den Dimensionen dieser Wahl zu vermitteln: Indien hat mehr Einwohner/Wähler als Europa, die Vereinigten Staaten, Russland und Kanada zusammengenommen.
Als Gewinner aus der Wahl ging die United Progressive Alliance (UPA), ein Parteienbündnis unter Führung des Indischen Nationalkongresses, hervor, das 262 der 543 Sitze (48,3 %) gewann. Besonders unerwartet war das gute Abschneiden der UPA in den Bundesstaaten Uttar Pradesh, Westbengalen, Kerala, Tamil Nadu und Rajasthan. Die von der hinduistischen Bharatiya Janata Party (BJP) angeführte National Democratic Alliance (NDA) kam auf 159 Sitze (29,3 %). Überraschend war auch das relativ schlechte Abschneiden der in dem Wahlbündnis der Third Front zusammengeschlossenen Linksparteien (79 Sitze, 14,5 %). Die landesweite Wahlbeteiligung lag bei 59,7 % (450,8 Millionen Wähler) und unter den gewählten Abgeordneten befinden sich 60 Frauen (11,0 %). Damit hatte die bisherige Regierung unter Führung des Premierministers Manmohan Singh ihren bisherigen parlamentarischen Rückhalt deutlich ausbauen können. In einer ersten kurzen Ansprache nach der Wahl dankte Premierminister Singh den Wählern für das Vertrauen, das sie in die Kongresspartei gesetzt hatten. Er versprach eine sozial handelnde Regierung („a caring government“) und eine Politik der nachhaltigen und gerechten wirtschaftlichen Entwicklung („sustained and equitable development“). Die Regierung würde weiter die säkulare Gesellschaftsordnung schützen und für eine Gesellschaft ohne Hass eintreten.Singh thanks voters for victory – BBC News, 16. Mai 2009, abgerufen am 16. Mai 2009 Insbesondere die letzte Bemerkung war eine klare Absage an hindu-nationalistisches und (in geringerem Maße) radikal-muslimisches Gedankengut, aber auch an klassenkämpferische Parolen, wie sie von einem Teil der Oppositionsparteien vertreten worden waren.
Zeitgleich zu den Wahlen zum gesamtstaatlichen Parlament fanden auch Wahlen zu den Parlamenten der drei Bundesstaaten Andhra Pradesh, Orissa und Sikkim statt.
Wahlrecht und Wahlmodus Die Wahl fand nach dem einfachen Mehrheitswahlrecht in 543 Wahlkreisen statt. Die Wahlkreisgrenzen waren im Vorfeld der Wahl durch die Delimitation Commission of India entsprechend der Daten der Volkszählung von 2001 neu festgesetzt worden und unterschieden sich daher deutlich von denen der vorangegangenen Wahl 2004. Da die Mehrheitsverhältnisse in den meisten Wahlkreisen nicht eindeutig waren, bildeten sich vor den Wahlen Bündnisse und Allianzen aus verschiedenen Parteien, die sich untereinander auf gemeinsame Kandidaten für einzelne Wahlkreise einigten. Die Stimmen wurden in insgesamt 828.804 einzelnen Wahllokalen an elektronischen Wahlmaschinen abgegebenAudio/Videoclips bzw. Powerpoint-Präsentationen zu den Electronic Voting Machines, Election Commission of India, abgerufen am 19. April 2009How do we vote in India with Electronic Voting machine, TT's Jottings-Blog of VU2SWX, 5. April 2009, abgerufen am 15. April 2009. Die Wähler konnten dabei per Knopfdruck nicht nur Namen, sondern auch Bild und Symbol ihres Kandidaten wählen. So sollte zum einen eine rasche Auswertung der Stimmergebnisse gewährleistet werden, zum andern sollte garantiert sein, dass auch die mehr als 100 Millionen Analphabeten im Land korrekt wählen konnten. Insgesamt verlief die Wahl und die Auszählung der Stimmen bemerkenswert reibungslos.
Parteien und Allianzen Die Wahlen wurden durch vier große Parteienbündnisse geprägt. Da in den Wahlkreisen das Mehrheitswahlrecht gilt, sind bei den indischen Wahlen Wahlkreis-Kandidatenabsprachen gang und gäbe.
United Progressive Alliance (UPA) Die United Progressive Alliance ist eine Parteienallianz unter Führung des Indischen Nationalkongresses. Die UPA war nach den Parlamentswahlen 2004 gegründet worden und umfasste bei der jetzigen Wahl die folgenden Parteien: Dravida Munnetra Kazhagam (eine südindische Regionalpartei in Tamil Nadu), die Nationalist Congress Party (ganz überwiegend in Maharashtra), Jharkhand Mukti Morcha (in Jharkhand), All India Trinamool Congress (eine Abspaltung der Kongresspartei in Westbengalen), Jammu & Kashmir National Conference (eine Regionalpartei in Jammu und Kashmir) sowie einige kleinere Regionalparteien. Die Rashtriya Janata Dal (RJD) hatte dagegen die UPA-Allianz verlassen und sich der sogenannten Fourth Front angeschlossen. Spitzenkandidat für das Amt des Premierministers war der amtierende Premierminister Manmohan Singh, Vorsitzende der UPA war Sonia Gandhi, die Witwe des ehemaligen Premierministers Rajiv Gandhi.
National Democratic Alliance (NDA) Die National Democratic Alliance (NDA) ist ein Parteienbündnis unter Führung der hinduistisch-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP). Die nach der BJP wichtigsten Parteien sind Shiv Sena (Regionalpartei aus Maharashtra), sowie Janata Dal, die in den Bundesstaaten Bihar und Karnataka ihre Schwerpunkte hat, Rashtriya Lok Dal in Uttar Pradesh, sowie Shiromani Akali Dal, eine Sikh-Partei aus dem Punjab. Im Vorfeld der Wahlen waren einige ehemalige Bündnispartner ausgeschert und in andere Lager gewechselt, so All India Trinamool Congress in das Lager der UPA und Biju Janata Dal sowie All India Anna Dravida Munnetra Kazhagam in das Lager der Third Front. Spitzenkandidat der NDA war der 81-jährige Lal Krishna Advani von der BJP.
Third Front Die Third Front bildete ein heterogenes Bündnis aus Parteien des linken Spektrums, die sowohl gegen die kongressgeführte Regierung als auch gegen die BJP-geführte Opposition auftraten. Dazu gehören die Parteien der Left Front („Linksfront“). Es handelte sich um eine Allianz aus mehr als 10 verschiedenen politischen Parteien, die das politisch linke Spektrum abdecken. Hierzu gehören neben der Bahujan Samaj Party (überwiegend in Uttar Pradesh), der Vertreterin der immer noch in vielen Dingen benachteiligten unteren Kasten, die Kommunistischen Parteien Indiens (Communist Party of India und Communist Party of India (Marxist)), die ihre politischen Schwerpunkte in Westbengalen, Kerala und Tripura haben und Biju Janata Dal in Orissa.
Fourth Front mini|Politiker der Fourth Front bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mumbai am 24. April 2009. Erste Reihe von links: Amar Singh, Lalu Prasad Yadav, Ram Vilas Paswan Die Fourth Front bildete einen Zusammenschluss einiger Parteien, die keiner der o. g. Bündnisse angehören. Dazu gehörten die Parteien Rashtriya Janata Dal (RJD) und Lok Janshakti Party (LJP), beide mit Schwerpunkt in Bihar, die früher zum UPA-Parteienbündnis gehört hatten. Hinzu kam die hauptsächlich in Uttar Pradesh beheimatete Samajwadi Party (SP), die früher ebenfalls die UPA-Allianz von außen unterstützt hatte.
Zeitlicher Ablauf der Wahlen mini|Zeitlicher Ablauf der Parlamentswahlen. mini|Wählerschlangen in Bhagalpur (Bihar) am 30. April 2009 Durch den obersten Wahlleiter, den Chief Election Commissioner of India N. Gopalaswami wurden am 2. März 2009 die folgenden Wahltermine festgelegt:
16. April – Andhra Pradesh, Arunachal Pradesh, Assam, Bihar, Jammu und Kashmir, Kerala, Maharashtra, Manipur, Meghalaya, Mizoram, Nagaland, Orissa, Uttar Pradesh, Chhattisgarh, Jharkhand, Andamanen und Nikobaren, Lakshadweep 22. April – Manipur 23. April – Andhra Pradesh, Assam, Bihar, Goa, Jammu und Kashmir, Karnataka, Madhya Pradesh, Maharashtra, Orissa, Tripura, Uttar Pradesh, Jharkhand 30. April – Bihar, Gujarat, Jammu und Kashmir, Karnataka, Madhya Pradesh, Maharashtra, Sikkim, Uttar Pradesh, Westbengalen, Dadra und Nagar Haveli, Daman und Diu 7. Mai – Bihar, Haryana, Jammu und Kashmir, Punjab, Rajasthan, Uttar Pradesh, Westbengalen, Delhi 13. Mai – Himachal Pradesh, Jammu und Kashmir, Punjab, Tamil Nadu, Uttar Pradesh, Westbengalen, Uttarakhand, Chandigarh, Puducherry
+Wahlen in den einzelnen Bundesstaaten und Unionsterritorien Staaten undUnionsterritorien Wahl-kreise Wahl-termine Phase 1 Phase 2 Phase 3 Phase 4 Phase 5 Wahlbe-teiligungim Mittel 16.Apr. Wahlbe-teiligung 22./23.Apr. Wahlbe-teiligung 30.Apr. Wahlbe-teiligung 7.Mai Wahlbe-teiligung 13.Mai Wahlbe-teiligung Andamanen und Nikobaren 1 1 1 64,15 % - - - - 64,15 % Andhra Pradesh 42 2 22 69,75 % 20 75,50 % - - - 72,40 % Arunachal Pradesh 2 1 2 65,00 % - - - - 65,00 % Assam 14 2 3 67,61 % 11 70,06 % - - - 69,68 % Bihar 40 4 13 43,21 % 13 45,83 % 11 46,12 % 3 37,00 % - 44,27 % Chandigarh 1 1 - - - - 1 65,51 % 65,51 % Chhattisgarh 11 1 11 58,19 % - - - - 58,19 % Dadra und Nagar Haveli 1 1 - - 1 73,22 % - - 73,22 % Daman und Diu 1 1 - - 1 71,85 % - - 71,85 % Delhi 7 1 - - - 7 51,79 % - 51,79 % Goa 2 1 - 2 55,42 % - - - 55,42 % Gujarat 26 1 - - 26 47,92 % - - 47,92 % Haryana 10 1 - - - 10 67,67 % - 67,67 % Himachal Pradesh 4 1 - - - - 4 58,35 % 58,35 % Jammu und Kashmir 6 5 1 49,68 % 1 44,73 % 1 26,43 % 1 25,38 % 2 45,63 % 39,66 % Jharkhand 14 2 6 51,16 % 8 48,86 % - - - 49,77 % Karnataka 28 2 - 17 60,00 % 11 58,48 % - - 59,44 % Kerala 20 1 20 73,33 % - - - - 73,33 % Lakshadweep 1 1 1 86,10 % - - - - 86,10 % Madhya Pradesh 29 2 - 13 51,39 % 16 51,22 % - - 51,30 % Maharashtra 48 3 13 55,74 % 25 49,18 % 10 41,24 % - - 49,17 % Manipur 2 2 1 83,70 % 1 75,50 % - - - 79,80 % Meghalaya 2 1 2 64,40 % - - - - 64,40 % Mizoram 1 1 1 50,93 % - - - - 50,93 % Nagaland 1 1 1 90,21 % - - - - 90,21 % Orissa 21 2 10 64,90 % 11 62,00 % - - - 63,35 % Puducherry 1 1 - - - - 1 79,70 % 79,70 % Punjab 13 2 - - - 4 72,78 % 9 68,13 % 69,58 % Rajasthan 25 1 - - - 25 48,50 % - 48,50 % Sikkim 1 1 - - 1 82,00 % - - 82,00 % Tamil Nadu 39 1 - - - - 39 72,46 % 72,46 % Tripura 2 1 - 2 83,91 % - - - 83,91 % Uttar Pradesh 80 5 16 45,37 % 17 45,48 % 15 46,12 % 18 48,00 % 14 47,55 % 46,45 % Uttarakhand 5 1 - - - - 5 53,67 % 53,67 % Westbengalen 42 3 - - 14 80,71 % 17 82,60 % 11 76,30 % 78,93 % Wahlkreise gesamt 543 124 59,07 % 141 56,66 % 107 52,12 % 85 52,32 % 86 65,74 % 56,97 % Staaten/Unionsterritorien, in denen gewählt wurde 17 13 11 8 9 Staaten/Unionsterritorien Wahlkreise Bundesstaaten und Unionsterritorien mit einem Wahltermin 22 164 Bundesstaaten und Unionsterritorien mit 2 Wahlterminen 8 163 Bundesstaaten und Unionsterritorien mit 3 Wahlterminen 2 90 Bundesstaaten und Unionsterritorien mit 4 Wahlterminen 1 40 Bundesstaaten und Unionsterritorien mit 5 Wahlterminen 2 86 Gesamt 35 543 Quelle: Election Commission of India
Ergebnisse
Ergebnisse nach Parteienbündnissen 400px|mini|lang=de|Ergebnis nach Wahlkreisen und Parteien (die meisten Parteien haben nur in jeweils einem oder zwei Bundesstaaten Mandate gewonnen, diese sind dann in Klammern vermerkt): 1. United Progressive Alliance
2. National Democratic Alliance
3. Third Front
4. Fourth Front
5. Unabhängige Kandidaten oder Regionalparteien mit nur einem oder zwei Mandaten mini|400px|Ergebnisse der gesamtindischen Parlamentswahlen nach Parteienbündnissen und Wahlkreisen. Die Karte widerspiegelt die Parteienbündnisse vor der Wahl. Nach der Wahl haben sich durch den Wechsel kleinerer Parteien ins Lager der UPA etwas andere Ergebnisse ergeben. mini|400px|Mehrheiten nach Parteienkoalitionen und Bundesstaaten bzw. Unionsterritorien mini|400px|Zusammensetzung der neu gewählten Lok Sabha (Farbgebung wie oben), Kleinparteien ohne Farbe sind von der Sitzordnung den Parteien zugeordnet, die sie unterstützen. Zwei Abgeordnete werden durch den Staatspräsidenten ernannt. 1. UPA: 262
2. NDA: 159
3. Third Front: 79
4. Fourth Front: 27
5. Alle übrigen: 16