mini|300x300px|Luftbild des Kastells Theilenhofen (durch Bäume markiert), im Hintergrund der Ort Theilenhofen Das Kastell Theilenhofen, in der Antike Iciniacum genannt, ist ein römisches Militärlager nahe am Obergermanisch-Raetischen Limes (ORL), einem UNESCO-Weltkulturerbe, und nordwestlich des Dorfes Theilenhofen im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen in Bayern. Die wahrscheinlich für rund 480 Infanteristen und 128 Reiter (Cohors equitata) zur Grenzsicherung errichtete Befestigung ging mit dem Limesfall um die Mitte der 250er Jahre n. Chr., unter. Lage

mini|links|Lage des Kastells zur Zeit der Reichs-Limeskommission mini|300px|Theilenhofen nach den Befunden der Reichs-Limeskommission sowie den Magnetometerabtastungen von 2007 und Herbst 2008 mini|Die Porta decumana mit dem seltenen eingewölbten Torzugang sowie den zeichnerisch ergänzten Befunden zur Holzbrücke Das für die Überwachung des Grenzgebietes zuständige Kastell lag in der flachen Mulde eines rund 90 Meter über dem Tal der Altmühl stehenden Hochplateaus, am oberen Ende des kleinen, von Westen kommenden Echerbachtales. Seine Reste befinden sich rund 600 Meter nordwestlich des Dorfes Theilenhofen in der Flur „Die Weil“. Die rätische Mauer ist dort rund 2,2 Kilometer entfernt. Am Rand der nicht mehr sichtbaren Umwehrung des Kastells verlaufen Feldwege; Bäume markieren die Ecken der Befestigungsanlage. Die Lage war so günstig gewählt, dass man von einem Turm der Anlage Signale von neun bis zehn Wachtürmen am Limes erfassen konnte und auch sonst einen weiten Rundumblick auf das angrenzende Land hatte.

Forschungsgeschichte Wie der Flurname „Die Weil“ (von lateinisch Villa) zum Ausdruck bringt, verlor sich das Wissen um die Existenz einer antiken Stätte wohl nie vollständig, zumal laut der Theilenhofener Pfarrbeschreibung noch im 17. Jahrhundert mehrere Schuh hohe Überreste sichtbar in der Landschaft standen und offensichtlich von der Beackerung ausgespart blieben. Insbesondere die Reste der massiv gebauten Principia, werden zu diesen Ruinen gehört haben, da sie wohl an eine Villa erinnerten. Es wird angenommen, dass die aufgehenden römischen Baureste erst im 18. Jahrhundert abgebrochen wurden, um das letzte Freiland in diesem Bereich bepflügen zu können. In der Bayerischen Uraufnahme, die hier 1820 vorgenommen wurden, sind auf der Flurkarte nur noch Ackerparzellen erkennbar.Klaus Schwarz: Die Bodendenkmalpflege in Bayern in den Jahren 1970 bis 1972. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 11/12, 1970/71, S. 156–250; hier: S. 184. Alle vielleicht noch sichtbaren Hinweise auf das Kastell hatten die Bauern im Zuge ihrer Feldarbeiten eingeebnet. Aus dem 18. Jahrhundert berichten die Quellen, dass in der Gegend „römische Begräbnisse“ gefunden wurden. 1820 wurde ein „Schwitzbad“, heute als Militärbad bekannt, 250 Meter westlich der Fortifikation in der Talsenke Echterbach entdeckt. Der Theologe und Historiker Andreas Buchner war der erste, der Theilenhofen mit dem antiken Iciniacum gleichsetzte,Andreas Buchner: Reise auf der Teufelsmauer. Eine Untersuchung über die Überbleibsel der römischen Schutzanstalten etc. Montag-Weissische Buchhandlung, Regensburg, 1818. S. 73. auch wenn er später von dieser Theorie wieder Abstand nahm. Dieser römische Name ist auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet, der mittelalterlichen Abschrift einer römischen Straßenkarte. Im Zweiten Jahresbericht des historischen Vereins im Rezat-Kreis (1832) wurde Buchners Überlegung positiv aufgenommen und der Ort so beschrieben: „Hier aber finden sich die Ruinen einer weitläufigen Colonie und in derselben fortwährend römische Münzen und sonstige Alterthümer in bedeutender Zahl.“(ohne Nennung des Autors): Zweiter Jahresbericht des historischen Vereins im Rezat-Kreis. Für das Jahr 1831. Riegel und Wießner, Nürnberg 1832. S. 16. Und in den Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften heißt es 1838:

„Man stösst nicht selten auf altes Mauerwerk und hin und wieder auf abgerissene Stücke Römischer Strassen. Ueberall wurden und werden alte Waffen, Hausräthe, Götzenbilder, Ziegelsteine mit zierlichen Gesimsen, Glasfragmente, samische Geschirre, Eisenblech, oxidirtes Eisen und Blei ausgegraben. Kaisermünzen traten in dieser Gegend in so reichlicher Anzahl an das Tageslicht hervor, dass die Bauern ihr Bier in den Schenken oft mit Römergeld bezahlten.“Franz Anton Mayer: Genaue Beschreibung der unter dem Namen der Teufelsmauer bekannten Römischen Landmarkung. In: Abhandlungen der Philosophisch-Philologische Classe der königlich bayerischen Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 2. Band. 2. Abt. Lindauersche Hofbuchdruckerei, München 1837, S. 280.

Im Jahr 1879 untersuchte der Arzt und Hobbyforscher Heinrich Eidam (1849–1934) ein 87 Meter langes Stück der westlichen Umfassungsmauer. In den darauffolgenden Jahren zwischen 1879 und 1887 legte er den größten Teil der Westmauer, die vollständige Ostmauer sowie einen weiten Abschnitt der Nordmauer mit dem westlichen Flankenturm der Porta praetoria, der zum nördlichen Haupttor des Kastells gehörte, frei.Heinrich Eidam: Theilenhofen. (Kastell.) In: Limesblatt. Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission. Nr. 15 (19. Juni 1895). S. 421–424; hier: S. 421–422. Erst nach diesen Entdeckungen sowie der Auffindung eines Ziegelstempels mit der Abkürzung der einst hier stationierten Einheit CIIBR, war sich die frühe Forschung sicher, dass ein Kastell unter dem Boden lag. In den Jahren dieser Grabungen zog das Bodendenkmal Bewohner des Dorfes Theilenhofen an. So trug der Wagner Meier die Erde um das Osttor ab und 1884 grub der Bauer Karg selbst an der Porta praetoria. Dabei legte er auf eigene Faust ebenfalls längere Stücke der Nordmauer frei.Jörg Faßbinder: Neue Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion am Obergermanisch-Raetischen Limes. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes. Band 3. Kommissionsverlag – Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, S. 157. Von 1892 bis 1895 untersuchte Eidam in seiner Funktion als Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission (RLK) den Lagerplatz kontinuierlich weiter, wobei er sich 1894 bei der Grabung im Kastellinneren mit dem Gymnasialprofessor Josef Fink (1850–1929) sowie den Archäologen Felix Hettner (1851–1902) und Friedrich Winkelmann (1852–1934) abwechselte.Heinrich Eidam: Theilenhofen. (Kastell.) In: Limesblatt. Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission. Nr. 15 (19. Juni 1895). S. 421–424; hier: S. 422.

Im Rahmen der 1969/1970 durchgeführten Flurbereinigung sollte die bis dahin obertägig nicht mehr erkennbare Situation des Kastellplatzes, die eine starke Zergliederung durch bäuerliche Parzellen bewirkt hatte, verbessert werden. Ziel war es daher eine neue Grundstücksordnung herbeizuführen, die nicht nur die unter Tage erhaltenen Baureste dauerhaft schützen sollte, sondern auch kommende Forschungen erleichtern würde. Durch Regelungen mit der Flurbereinigungsdirektion gelang es dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege den archäologischen Anliegen vollständig zu entsprechen.Klaus Schwarz: Die Bodendenkmalpflege in Bayern in den Jahren 1970 bis 1972. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 11/12, 1970/71, S. 156–250; hier: S. 176. Durch die Flurbereinigung wurde bei der Anlage von Fischteichen auch das Kastellbad wiederentdeckt und von Fritz-Rudolf Herrmann und dem Präparator und Grabungstechniker Karl Schneider von 1968 bis 1970 mit modernen Methoden erforscht. Nach der Bestandsaufnahme ist die Anlage für die Öffentlichkeit erschlossen worden. Durch Baumbepflanzungen wurden die Dimensionen des Kastells im Gelände nachgezeichnet.

Im Jahre 2007 begann eine Magnetometerprospektion des Kastellplatzes.Jörg Faßbinder: Magnetometerprospektion am Kastell Iciniacum bei Theilenhofen, Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, Mittelfranken. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2007. Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2156-5, S. 73–77. Im Herbst 2008 wurde die Untersuchung mit der Begehung des südlichen Kastellendes abgeschlossen. Das prospektierte Areal umfasste auch das westlich liegende Holz-Erde-Lager, das 1976 erstmals mit Hilfe der Luftbildarchäologie erkannt worden war.Jörg Faßbinder: Von Eining bis Ruffenhofen. Auf dem Weg zu einem Magnetogramm-Atlas der raetischen Limeskastelle – Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion in Bayern. In: Peter Henrich (Hrsg.): Perspektiven der Limesforschung. 5. Kolloquium der Deutschen Limeskommission. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2465-8, (= Beiträge zum Welterbe Limes, 5), S. 89–103; hier: S. 97. Im Frühjahr 2010 und 2011 schloss sich die geophysikalische Prospektion des Lagerdorfs (Vicus) im weiteren Umfeld der beiden Fortifikationen an.Carsten Mischka, Cecilia Moneta: Neue geomagnetische Prospektionen in den Kastellvici des Raetischen Limes. In: Peter Henrich (Hrsg.): Der Limes vom Niederrhein bis an die Donau. 6. Kolloquium der Deutschen Limeskommission. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2466-5 (= Beiträge zum Welterbe Limes, 6), S. 123–135; hier: S. 124.

Steinkastell

Baugeschichte mini|Ziegelstempel der Cohors III Bracaraugustanorum aus dem Kastellareal von Theilenhofen, Archäologisches Museum Gunzenhausen Es wird angenommen, dass um 100 n. Chr. ein älteres Holz-Erde-Kastell errichtet wurde, von dem die ältere Forschung noch nichts feststellen konnte. Ein 1976 mit Hilfe der Luftbildarchäologie erfasstes einfaches Holzkastell, das direkt vor der westlichen Längsseite des späteren Steinkastells in den Maßen 155 × 130 Meter (1,9 Hektar) aufgeworfen worden war, könnte aus dieser frühen Phase stammen. Probeschnitte im Grabenbereich, die noch 1976 vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt wurden, konnten die Flüchtigkeit des Lagers auch aufgrund der schwachen Umwallung als gesichert feststellen. Der Althistoriker Hartmut Wolff (1941–2012) wertete diese Anlage als Vorgängerlager von TheilenhofenHartmut Wolff: Das Heer Raetiens und seine „Militärdiplome“ im 2. Jahrhundert n. Chr. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 65, 2000, S. 155–172; hier: S. 166 f. und der Archäologe Dietwulf Baatz (1928–2021) nahm an, dass die Besatzung des frühen Theilenhofener Lagers aus dem gleich großen, im Ries gelegenen Kastell Munningen gestammt haben könnte, das allerspätestens um 110 n. Chr. geräumt wurde.

Nach der von Franz Herzig am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege vorgenommenen dendrochronologischen Datierung des ersten Theilenhofener Militärbades in das Jahr 126 n. Chr., kann davon ausgegangen werden, dass auch das Steinkastell um diese Zeit,Bernd Steidl: … civitatem dedit et conubium … Acht neue Militärdiplomfragmente aus Raetien. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 79, 2014, S. 61–86; hier: S. 71. noch während der Regierungszeit von Kaiser Hadrian (117–138), entstand.

Als gesichert gilt außerdem, dass spätestens in der ersten Hälfte der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161 n. Chr.) die einst in Braga in NordportugalJochen Garbsch: Theilenhofen/Iciniacum. In: Walter Sölter (Hrsg.): Das römische Germanien aus der Luft. 2. Auflage, Lübbe, Bergisch Gladbach 1983, ISBN 3-7857-0298-1, S. 38. aufgestellte Cohors III Bracaraugustanorum Stammeinheit in Iciniacum wurde und bis zum Untergang blieb. Ein 2008 in Nördlingen entdecktes Fragment eines Militärdiploms stammt aus dem Jahr 156 n. Chr. und könnte diese Datierung noch etwas früher anberaumen. Denn das Diplom wurde für einen expedes dieser Kohorte ausgestellt,Bernd Steidl: … civitatem dedit et conubium … Acht neue Militärdiplomfragmente aus Raetien. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 79, 2014, S. 61–86; hier: S. 70. der nach Meinung des Archäologen Bernd Steidl bei einer regulären Dienstzeit um 130/131 bereits in Theilenhofen in die Cohors III Bracaraugustanorum eingetreten sein muss.