Die Braunkohle in Hürth und die darauf gründende Industrie im Rheinischen Braunkohlerevier waren mit ihren Veränderungen der Strukturen in Landschaft und Gesellschaft einer der Gründe für die Bildung der damaligen Großgemeinde Hürth aus der Bürgermeisterei Hürth im Jahre 1930. Sie spielte über hundert Jahre bis zum Abbau der letzten Kohle 1988 eine erste Rolle im Wirtschaftsleben. Aber auch bereits aus der frühen Neuzeit finden sich heute noch Spuren und Urkunden, die ein Wirtschaften mit der Braunkohle bezeugen. Auch nach dem Auslaufen des Abbaus prägen die auf der billigen Energie der Braunkohle aufbauende Chemische Industrie im jetzigen Chemiepark Knapsack und die Hürther Kraftwerke, vor allem das Kraftwerk Goldenberg, das einen Großteil der Stadt mit Fernwärme versorgt, den Ort. Die Geschichte des Braunkohleabbaus spiegelt sich in Hürther Straßennamen und vereinzelt auch noch sichtbar im Gelände wider. mini|Goldenberg-Werk 1914 Anfänge Die Braunkohle wird im Gebiet des östlichen Villehanges durch die Hürther Bäche, insbesondere durch den Duffesbach im Hürther Tälchen angeschnitten, teilweise tritt auch in den Flözen gespeichertes Grundwasser in Quellhorizonten über den liegenden Tonen an den Hängen und Talmulden aus. Diese Gebiete werden als Broich bezeichnet: südlich von Hermülheim lag der Faulbroich, in (Alt-)Hürth der Ölbruch (= Uhl = Töpfer) und noch viele andere mehr. Beim Abbau von Tonen und Hanglehmen trat auch die Braunkohle zu Tage. Im Verlauf der wirtschaftlichen Blüte nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde das Brennholz knapp, und man versuchte dann auch die Turf genannte Kohle zu trocknen und zu nutzen. Entlang der Talhänge der Quellbäche des Duffesbaches und der übrigen Hürther Bäche wurden auf dem Land der Grundherren und mit deren Erlaubnis Kuhlen in die Hänge getrieben und der Turf bis zum Grundwasser mit Hacke und Spaten abgegraben. Auf einer farbigen Karte der Kentenischer Dorffkaulen aus dem Jahre 1769, die zur Darstellung des Einzugsgebietes des für die Handwerksbetriebe an den Kölner Bächen wichtigen Duffesbaches diente, sind 22 solche Kuhlen in der Kendenicher und in der Hürther Hoheit dargestellt. Auf einer Karte von 1750 über eine Rodung bei Knapsack ist sogar eine offene tagebauartige Kentenischer Tourfgrub zwischen der Zülpicher Strass (Luxemburger Straße) und dem Kendenicher oder Kranzmaar-Bach auf Knapsack zu, sowie eine Alt Tourff Kulle im Commenderie-Wald, eine aufgelassene Grube zu sehen, möglicherweise die Försters Grube, im Wald unterhalb Knapsacks der Hermülheimer Kommende des Deutschen Ritterordens, des (außer den Kirchen und Klöstern) dritten Grundherren im Hürther Tal, und zwar zwischen Hürther Bach (Duffesbach) und dem zur Knapsacks Capell führenden Weg vom Hürther Bo[l]der Hof her, der heutigen Kapellen/Industriestraße. Oberhalb von Gleuel, am Südhang des Gleueler Baches, hatte der Hermülheimer Gastwirt und Zolleinnehmer Hermann Dümgen um 1751 eine offene Grube auf dem Land des Kölner Domkapitels gepachtet, die spätere Grube Gotteshülfe. Die Karte von 1751 zeigt bereits eine Wasserhaltung, die diesen ersten richtigen Tagebau im Rheinischen Revier zum Gleueler Bach hin entwässerte.Die Karten aus dem Historischen Archiv Köln, verkleinert abgebildet zuletzt in: Walter Buschmann, Norbert Gilson, Barbara Rinn: Braunkohlenbergbau im Rheinland. hg. vom LVR und MBV-NRW. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2008, S. 37 u. 268. Der Ausschnitt aus der Tranchotkarte der Mairie de Hürth im Blatt Frechen zeigt sowohl die Dümgen-Grube mit Grubenabfluss als auch den deutlich ausgefransten Bachhang südlich von Hürth und die recht große Kendenicher Kuhle. mini|Ausschnitt Mairie Hürth, Karte von Tranchot 1807/08
1812, in der Zeit der französischen Herrschaft im Rheinland, wurden aus steuerlichen Gründen alle Gruben dem Bergrecht des Code civil unterworfen und erfasst. Es gab damals (außer den oben genannten nun wohl nicht mehr betriebenen Gruben) folgende Betriebe auf Arealen von 0,1 bis 0,6 km² und mit 3 bis 18 Tagelöhnern betrieben mit Ausbeute von 180 bis 437,5 t: Wilhelm Fischenich, Hürth; Johann Meul, Berrenrath; Wilhelm Schilling und andere, Gleuel; Gesellschaft Engelbert Schauff und andere, Zieskoven (ehemals zwischen Alstätten und Gleuel) und Rodius, Fischenich. Nur drei mit 12 bis 18 Arbeitern schafften 1200 und 1350 t pro Jahr, die Grube an den Pescher Höfen, das „Pescherwerk“ von Peter Rolshoven, die Grube von Emanuel Scholl und die Grube der Gesellschaft von Johann Antweiler, Hürth).Akten des Département de la Roer im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Rheinland in Düsseldorf (Findnr.: 2551, Bl. 89f., 120f.Zitiert bei Erik Barthelemy: Die Franzosen in Hürth. In: Hürther Heimat. Bd. 83, S. 37f. Die Grube von Fischenich ging später im Hürtherberg auf, Schilling, Antweiler und Meul in der Gotteshülfe, Rodius in der Weilergrube und das Schauffsche Gelände wurde in die Theresia einbezogen.Barthelemy: Die Franzosen in Hürth. S. 38.
Erste Konzessionen mini|Gotteshülfeteich zwischen Gleuel und Berrenrath In der Franzosenzeit wurde das Vermögen der kirchlichen Körperschaften enteignet (Säkularisation) und stand zum Verkauf oder zur Versteigerung. Dadurch erhielten viele begüterte oder reich gewordenen Personen die Möglichkeit, neues Land zu erwerben und zu bewirtschaften und dann auch auf eigenem Land Gruben anzulegen. Eine Möglichkeit, auch auf fremdem Land zu graben, wurde erst durch das spätere preußische Bergrecht ermöglicht. Anfangs galt das Französische Recht weiter (endgültig geändert 1865). Die ersten behördlichen Konzessionen beantragte 1813 in unserem Gebiet Emmanuell Scholl, der Sohn von Karl Josef Scholl, des Maire von Hürth, für 22 ha. Der Antrag wurde wegen des Endes der Franzosenzeit nicht mehr bewilligt. Der zweite Antragsteller, schon bei den Preußen, war 1818 der Burgherr von Aldenrath, Karl Josef Freiherr von Mylius, der damals der erste Preußische Bürgermeister Kölns war, für seine Ländereien oberhalb der Grube Dümgens. Die Myliusgrube wurde aber bald stillgelegt und erst 140 Jahre später von der Grube Gotteshülfe aus ausgekohlt.Fritz Wündisch: von Klütten und Briketts. 1964, S. 51. Die bisher schon bestehenden Gruben blieben in der Regel bestehen. Scholl beantragte dann 1824 erneut die Konzession aber für ein größeres Areal, die spätere Theresia (95,9 ha). Er wollte auch das Pescherwerk übernehmen und plante weitere Konzessionen mit über 250 ha. Die Witwe Rolshoven beharrte aber auf angestammten Rechten und erhielt am 24. November 1824 die Konzession für ihre 4,5 ha aber nur „bis zum Grundwasser“, darunter wurde Scholl konzessioniert, der für seine Grube einen Entwässerungsstollen baute. Dies war ein einmaliges Bergrechtkonstrukt. Was wäre, wenn der Spiegel durch den benachbarten Abbau sinkt? Probleme entstanden aber nicht, da Scholl vorerst nicht in der Nähe abbaute.Artikel: Die Hürther Klüttenkaulen und Klüttenfabriken in Egon Conzen: 800 Jahre Alt-Hürth Hg. Ortsgemeinschaft Alt-Hürth, Stohrer Druck, Hürth 1985 Auf einer Karte von 1831Buschmann u. a.: Braunkohlenbergbau im Rheinland. 2008, S. 40. nach der preußischen Bestandsaufnahme von 1816 sind für unser Gebiet folgende Gruben eingezeichnet: Die Weilergrube oberhalb Fischenichs beim Weilerhof, der Hürther Berg mit dem Feld Franziska auf der Höhe und der Grube des Hürther Grundherren, von Wolffen, am Ausgang des Hürther Tälchens, die die Kölner Kaufleute Ritter und Renner mit dem Burgland gekauft hatten (Konzession von 1822). Auf der anderen Talseite, dem Alstädter Berg, lag die Scholls Grube von 1824, die Emmanuel Scholl, französischer „Steuereinnehmer“ und Sohn des Hürther Bürgermeisters und früheren Betreibers der Kölner Lotteriegesellschaft, Carl-Josef Scholl († 1809), nach seiner Frau Theresia, geborene von der Rennen, Grube Theresia nannte. Das Pescherwerk der Familie Rolshoven blieb existent. Vor Berrenrath, in der Quellmulde des Burbaches, lag die kleine Koepsgrube (Konzession für den Berrenrather Peter Koep vom 24. Oktober 1819), die später von seinem Sohn, dem Berrenrather Ortsvorsteher Engelbert Koep, Grube Engelbert genannt wurde.Hermann Plog: Chronologie Berrenrath. In: Dorfgemeinschaft Berrenrath (Hrsg.): 50 Jahre Umsiedlung Berrenrath. 2009, S. 16. Auch die Gleueler Grube Gotteshülfe ist verzeichnet. Viele kleinere, auch aufgegebene oder stillliegende Abgrabestellen auf eigenem Land, mögen noch dazu des Aufhebens nicht wert gewesen sein. Aber auch die größeren Gruben beschäftigten nur wenige Tagelöhner, meist auch nur in der Zeit, wenn die Feldarbeit ruhte. 1857 wurde die Grube Commenderie im ehemaligen Kommendewald für den Brauer Firmenich konzessioniert. Sie wurde bis 1872 für die Herstellung von Klütten genutzt, danach nur noch für den Betrieb der Sudkessel seiner Brauerei (heute Tennisplatzgelände, die Gewölbe existieren noch heute). Firmenich nutzte offensichtlich auch eine Grube jenseits des Hürther Baches, die in den amtlichen Karten verzeichnet ist. Die Gruben wechselten häufig die Besitzer oder lagen gar ganz still und gingen in Konkurs, da der Abbau und der Verkauf in die unmittelbare Nachbarschaft keinen rechten Gewinn brachte. Oft liest man auch, dass Grubenfelder konsolidiert (zusammengelegt) wurden, um wirtschaftlicher zu arbeiten, eine Entwicklung, die letztlich zum Großkonzern RWE Power führte.
Scholl wagte noch nicht den Schritt zum großflächigen Tagebau. Seine Grube betrieb weiterhin Tummelbau mit (1830 bis 1848) 11 bis 25 Arbeitern und 2000 bis 5500 Tonnen Kohle jährlich. Dennoch war sein Betrieb der erfolgreichste, was man an seiner Villa sehen konnte, die erst um 1980 herum abgerissen wurde (jetzt Ramada-Hotel). Sein Sohn Joseph begann dann 1855 schrittweise mit dem Tagebau und begann auch zu modernisieren, was den Betrieb aber in die roten Zahlen brachte. 1860 sank die Produktion auf rund 600 Tonnen. 1879 starb Joseph Scholl kinderlos. Nichten und Neffen versuchten, die Grube weiterzubetreiben.Conzen S. 48 f 1855 wurden in allen Gruben des Hürther Raumes etwa 6000 t Rohbraunkohle gewonnen, eine Menge, die 100 Jahre später in knapp zwei Stunden zusammenkam.Fritz Wündisch: Braunkohle, Kraftquell des Hürther Raums. In: Kölnische Rundschau (Hrsg.): 25 Jahre Großgemeinde Hürth. Köln 1955, S. 23.Fritz Wündisch: Von Klütten und Briketts. 1964, S. 110.
Industrialisierter Abbau mini|Rheinisches Braunkohlerevier mini|Ehemalige Grube Vereinigte Ville bei Knapsack (Deponie) Am 1. März 1877 wurden in Brühl auf der Roddergrube die ersten Briketts nach dem Verfahren von Carl Exter gepresst. Bisher waren nur sogenannte Nasssteine ähnlich wie Ziegel geformt worden, die an der Luft getrocknet werden mussten, und nur wenig besser brannten als die bisher handgeformten Klütten. Dazu kamen nach und nach auch Maschinen für den Abbau von Abraum und danach für den Abbau und den Transport der Kohle in Gebrauch.
Grube Rheinland und Ribbertwerke