mini|Tagesangriff der Royal Air Force auf die Essener Kruppwerke Die Luftangriffe auf das Ruhrgebiet, die von der britischen Royal Air Force und den US Army Air Forces im Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg geflogen wurden, hatten das Ziel, durch verschiedene Bomberoffensiven mit unterschiedlichen Strategien die Produktion und den Transport kriegswichtiger Güter in und aus dem Ruhrgebiet, der „Waffenschmiede des Reiches“, zu behindern. Darüber hinaus richteten sich die Angriffe gegen die Moral der Zivilbevölkerung in diesem Ballungszentrum.
Wegen der zentralen wirtschaftlichen Bedeutung waren erste Planungen zum Luftkrieg im Ruhrgebiet bereits zum Ende des Ersten Weltkriegs erfolgt. Die alliierten Bombardierungen beschränkten sich nicht auf den Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, sondern umfassten die gesamte heutige Metropolregion Rhein-Ruhr. Das Flächenbombardement hatte seine Höhepunkte in den Jahren 1943 und 1944, so zum Beispiel in den fünf Monaten der Battle of the Ruhr (Schlacht um die Ruhr) des RAF Bomber Command. Nach dem Ruhrkessel und der Einnahme des Ruhrgebiets durch die US-Armee im April 1945 endeten die Luftangriffe. Zerstörung und Wiederaufbau hatten vielfältige, heute noch spürbare und teilweise intensiv diskutierte Auswirkungen. Altlastenbeseitigung und Kampfmittelräumung sind bis zur Gegenwart mit den Folgen der Luftangriffe in der Region beschäftigt.
Erster Weltkrieg
Politische Situation Der Erste Weltkrieg wurde in den Jahren 1914 bis 1918 in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Ostasien geführt und forderte rund 17 Millionen Menschenleben. Der Krieg wurde zunächst zwischen den Mittelmächten und der Entente ausgetragen. Die machtpolitischen Gegensätze der europäischen Großmächte entluden sich nach einer enormen Aufrüstung. Zum Ende des Krieges befanden sich 25 Staaten und deren Kolonien, in denen insgesamt 1,35 Milliarden Menschen lebten, also etwa drei Viertel der damaligen Erdbevölkerung, im Kriegszustand. Im Hungerwinter 1916/17 war die Lebensmittelversorgung im Deutschen Kaiserreich katastrophal, worunter besonders die Menschen im Ballungsraum des Ruhrgebiets litten.Kohlrübenwinter. Deutsches Historisches Museum; abgerufen im Mai 2009.
Luftangriffspläne im Ersten Weltkrieg Bereits vor dem Ersten Weltkrieg galt das Ruhrgebiet als die Waffenschmiede des Deutschen Reiches. Die Familie Krupp und der Krupp-Konzern waren hierfür Synonyme.
Die Kriegspläne der Entente sahen Langstreckenangriffe der Royal-Navy-Marineflieger und des Royal Flying Corps auf die deutsche Rüstungsindustrie im Rhein-Ruhr-Gebiet vor. So kam es im Jahr 1914 in Köln und 1915 in Essen zu ersten Bombenabwürfen. Im Herbst 1916 entstanden Ansätze einer koordinierten Strategie gegen das Deutsche Reich, allerdings fehlten vorerst die technischen Möglichkeiten und organisatorischen Voraussetzungen zur Realisierung. Im April 1917 wurde mit der Royal Air Force (RAF) eine eigenständige Teilstreitkraft geschaffen, nicht zuletzt auch als Reaktion auf die folgenschweren Angriffe von Gotha-G.IV-Langstreckenbombern der kaiserlichen Luftstreitkräfte auf London. Das britische Kriegskabinett verabschiedete im Juli 1918 eine verbindliche Bombenangriffsstrategie, die eine hohe Zielpriorität für das Rhein-Ruhr-Gebiet beinhaltete. Man versprach sich hiervon auch Auswirkungen auf die Moral der deutschen Zivilbevölkerung.
Die Zielpläne für das Ruhrgebiet enthielten einen Flugplatz in Gelsenkirchen-Rotthausen, Maschinenbaubetriebe in Duisburg und Rheinhausen, zwei große Stahlwerke in Dortmund und je ein weiteres in Oberhausen, Hagen sowie Mülheim. Die Akkumulatoren Fabrik (heute VARTA) in Hagen, die Essener Werke der Friedrich Krupp AG und die Hasper Hütte erhielten als Lieferanten zum U-Boot-Bau eine sehr hohe Zielpriorität.
Im November 1918 wurde die Eröffnung einer umfassenden Luftoffensive mit schweren Bombern beschlossen, die im ersten Quartal 1919 neben dem Rhein-Ruhr-Gebiet auch Berlin zum Angriffsziel haben sollte.Ralf Blank: Strategischer Luftkrieg gegen Deutschland 1914–1918. (PDF; 39 kB) Erster-Weltkrieg.Clio-Online.de Der Aufbau einer schlagkräftigen Luftflotte wurde durch die für Langstreckenflüge noch unausgereifte Doppeldecker-Technologie erschwert. Diskussionen über die völkerrechtlichen Fragen der Luftkriegskonzepte, die den Abwurf von Bomben auf bevölkerungsreiche Städte vorsahen, wirkten sich ähnlich auf die militärische Umsetzung der Pläne aus. Der Waffenstillstand am 11. November 1918 brachte die Operationen zum Erliegen.Ralf Blank: Angriffspläne im Ersten Weltkrieg. Historisches-Centrum.de abgerufen im Mai 2009. Der von der RAF 1918 in Dienst gestellte Bomber Handley Page H.P.15 kam nicht mehr zum Einsatz.
Luftverteidigung Die militärische Führung des Deutschen Reiches traf ab 1915 verstärkt Vorbereitungen gegen Luftangriffe auf das Rhein-Ruhr-Gebiet. Ab Sommer 1916 wurde die Bevölkerung der gefährdeten Städte durch die Presse und große Plakate zu „luftschutzgemäßem Verhalten“ aufgefordert. Im Frühjahr 1917 kam es zu ersten Verdunkelungsmaßnahmen, deren Einhaltung das Luftschiff LZ 93 der Kaiserlichen Marine im Mai mehrmals überprüfte. Im September 1917 ordnete das VII. Armeekorps Münster eine generelle nächtliche Verdunklung für die Städte und Industrie- und Verkehrsanlagen am Rhein sowie im westlichen Ruhrgebiet an.
Die Stationierung von Flugabwehr-Einheiten und Jagdflieger-Verbänden erhielt hohe Priorität. Im Jahr 1917 wurden in Essen, Dortmund und Düsseldorf drei Flugabwehrkanonengruppen stationiert, die per telefonischer Feuerleitung mit den wichtigsten Industrie-, Verkehrs- und Kommunalbetrieben in ihren Regionen verbunden waren. Ein umfassendes System von Alarmierungseinrichtungen erstreckte sich über das Ruhrgebiet und die angrenzenden Regionen.
Zwischenkriegszeit
Politische Situation Aus der Novemberrevolution am Ende des Ersten Weltkrieges ging die Weimarer Republik hervor. Die Ruhrbesetzung war 1923 der Höhepunkt eines politisch-militärischen Konfliktes zwischen dem Deutschen Reich und belgisch-französischen Besatzungstruppen. Im Jahr 1932 erreichte die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt, und die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet stieg auf 31,2 Prozent. Seit Beginn der Krise 1929 war die exportorientierte Produktion der Montanindustrie von Eisen, Stahl und Kohle um etwa 60 Prozent eingebrochen. Mit der Machtergreifung 1933 wurde die Regierungsgewalt in Deutschland auf die Nationalsozialisten unter der Führung Hitlers übertragen.Vgl. den Artikel Machtergreifung. In: Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Hrsg. von Georg Stötzel und Thorsten Eitz. Hildesheim 2002, S. 232 ff.; zusammenfassend siehe Regierungsübertragung auf die NSDAP bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Es folgte eine Umwandlung der Demokratie in eine Diktatur.
Siehe auch Friedensvertrag von Versailles, 1919 Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet, 1919 Ruhraufstand, 1920 Hitler-Ludendorff-Putsch, 1923 Ruhreisenstreit, 1928
Das Ruhrgebiet mini|Das Ruhrgebiet mini|Herstellung von Panzerfahrzeugen mini|Rüstungsproduktion, Frauenarbeit an Bohrmaschinen mini|hochkant|Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1931)
Im Allgemeinen sind die Grenzen des Ruhrgebiets auf den im Jahr 1920 gegründeten Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk zurückzuführen, den heutigen Regionalverband Ruhr. Die regionale ökonomische Strukturierung des Ruhrgebiets wird in der Literatur unterschiedlich gesehen, daher sind die genauen Grenzen interpretationsabhängig. Das Ruhrgebiet wird dort oft als Regierungsbezirk Arnsberg und Regierungsbezirk Düsseldorf (der „Schreibtisch des Ruhrgebiets“) definiert, wobei hier das im Regierungsbezirk Münster liegende rheinisch-westfälische Industriegebiet nicht berücksichtigt wird, aber ganz anders strukturierte Regionen am Niederrhein und im Bergischen Land mit einbezogen werden. Die nördlichen Ausläufer der Kölner Bucht reichen bis in das westliche Ruhrgebiet, und obwohl Köln und Düsseldorf nicht im Ruhrgebiet liegen, waren sie Teil und Ziel derselben regionalen alliierten Luftkampagnen.
Das Ruhrgebiet spielte eine bedeutende Rolle in der Wirtschaft im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Der Montanverbund, die Konzentration von Montanindustrie und Rohstoffvorkommen, sowie das einhergehende dichte Netz von Verkehrswegen an Rhein und Ruhr und die exponierte Lage des Ballungsraums in Reichweite der feindlichen Bomberflotten wurden von der deutschen Führung im Hinblick auf die militärische Sicherung kritisch gesehen. Hitler betonte am 23. November 1939 vor den Oberbefehlshabern im Vorfeld des Angriffs auf Frankreich:
Das Heereswaffenregiment hatte bereits im Jahr 1933 festgestellt, dass das ab Dezember dieses Jahres geplante „63-Divisionen-Kriegsheer ohne das Ruhrgebiet überhaupt nicht lebensfähig“ sei. Ab dem Jahr 1934 trat das Ruhrgebiet mit dem Ruf eines Grundstoff- und Halbzeuglieferanten im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht und der Wehrhaftmachung der deutschen Wirtschaft in den Fokus der Rüstungsbeschleunigung. Der Vierjahresplan forderte die Einsatzfähigkeit der deutschen Armee und die Kriegsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in vier Jahren. Im Rahmen der Autarkiepolitik erlebte die chemische Industrie im Ruhrgebiet eine Hochphase. Deutschland sollte mit synthetischen Stoffen auf Kohlebasis vor allem in den Bereichen Treib- und Schmierstoffe, Textilfasern und Kautschuk sowie Ersatzstoffe für Metall (Kunststoffe) unabhängig gemacht werden. Ruhrgebiet-Regionalkunde.de; abgerufen im April 2009.
Die Eisen- und Stahlindustrie konnte gegenüber dem Produktionstief der Weltwirtschaftskrise ihre Produktion bis zum Jahr 1939 mehr als verdreifachen. Der Eisenerzbedarf der Stahlwerke an der Ruhr wurde zu fast drei Vierteln durch Importe aus Schweden gedeckt, mit einem Volumen von 11 Millionen Tonnen im Jahr 1939. Fritz Thyssen bemerkte in einem vertraulichen Bericht an Hitler und Göring, dass der Ausgang des Krieges vom Eisenerz in Nordschweden abhängig sei.F. William Engdahl: Geopolitics – Geoeconomics, Halford MacKinder’s Necessary War. Engdahl.Oilgeopolitics.net In den Jahren 1935 bis 1938 steigerte sich die Roheisenproduktion von 9,9 auf 10,2 Millionen Tonnen, und die Rohstahlproduktion von 10,7 auf 12,6 Millionen Tonnen. Die Rüstungsausgaben wurden wesentlich erhöht, und die Zahl der Rüstungsbetriebe im Ruhrgebiet stieg stark an; es wurden unter anderem Munition, Fliegerbomben, Minen, Infanteriewaffen aller Art, Ausrüstung für Soldaten, Teile für den Schiffbau, Abwurfgeräte für die Luftwaffe, Halbzeuge und Spezialstahl für Kampfflugzeuge und Panzer (ohne Motoren und Geschützvorrichtungen) gefertigt.
Die Rüstungsabhängigkeit der Wirtschaft im Ruhrgebiet lag bei 70 Prozent. Berlin hatte mit 20,2 Prozent den größten Anteil an den Aufträgen der Wehrmacht, das Ruhrgebiet lag bei 15,3 Prozent.
Die auch bei den Alliierten verbreitete Vorstellung vom Ruhrgebiet als zentraler Waffenschmiede des Dritten Reiches beruhte unter anderem auf den Erfolgen der Firma Friedrich Krupp AG beim Export von Waffen und Stahlprodukten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dieser Begriff wurde im September 1937 während eines Staatsbesuchs des italienischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini weiter geprägt. Hitler besuchte mit dem Verbündeten am 27. September die Krupp-Werke in Essen, wo 70.000 Menschen für den Führer und den Duce anlässlich der Besichtigung der Geschütz- und Panzerproduktion Spalier standen. Das Hotel Handelshof war mit einem Spruchband geschmückt worden: „Herzlich willkommen in der Waffenschmiede des Reiches“., 27. September 1937 – Hitler und Mussolini besuchen die „Waffenschmiede des Reiches“ und die Krupp-Werke Essen.Mit der Forderung Hitlers in seiner Rede vom 14. September 1935 vor 54.000 HJ-Jungen, sie sollten „flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ werden, fand Krupp ein weiteres Mal Erwähnung in der NS-Propaganda. Vgl.
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