mini|Stofftaschentuch mini|Papiertaschentücher mini|Japanisches Hankachi () aus Frottee Ein Taschentuch ist ein Stück Stoff oder Papier, das vor allem zur Säuberung der Nase von Nasensekret verwendet wird. Taschentücher gibt es als waschbare Stofftaschentücher oder als Papiertaschentücher, die nach dem Gebrauch entsorgt werden. Nicht in jeder Kultur wird zum Naseputzen ein Taschentuch benutzt. Auch in Europa war das bis in die Neuzeit hinein nicht üblich.
Eine Sonderform des Taschentuchs ist das Einstecktuch, das Herren zu festlichen Anlässen oft in der Brusttasche des Sakkos tragen; es dient nur der Dekoration und hat keine praktische Funktion.
Geschichte und Entwicklung
Anfänge mini|hochkant|Gemälde Die Beichte von James Tissot, um 1880 In der römischen Antike gab es Schweiß- und Mundtücher, die von Historikern als Etikettetücher bezeichnet werden. Zum Naseputzen wurden sie nicht benutzt. Schweißtücher erwähnt erstmals der Dichter Catull mit der Bezeichnung Sudarium (, Schweiß). Sie waren aus ägyptischem Leinen und wurden in eine Gewandfalte der Toga gesteckt. Ein Jahrhundert später kam das sogenannte Orarium (, Mund) auf. Außerdem gab es in der Antike bereits Servietten, die Mappa hießen. Unter Kaiser Aurelian wurde es Sitte, im Theater hohe Persönlichkeiten und beliebte Schauspieler durch das Schwenken farbiger Tücher zu begrüßen. Mappa und Orarium sind als liturgische Symbole in der christlichen Messzeremonie erhalten geblieben.
Seit dem 11. Jahrhundert spielten Tücher eine Rolle als heimliches Liebespfand beim Minnedienst. Als Treuepfand nahmen Ritter es mit in den Kampf und gaben es der Angebeteten, meist getränkt mit Schweiß und Blut, hinterher zurück. Mitunter wurden solche Tücher offen an der Lanze befestigt, wenn die Besitzerin nicht mit einem anderen verheiratet war.
Der Weber Baptiste Chambray aus Cambrai (Flandern) stellte um 1300 angeblich die ersten Taschentücher aus Stoff her. Unter dem Namen (einfache Tücher aus Stoff zum Naseputzen) wurde es nur vereinzelt gebraucht. Es wurde in einer Tasche am Gürtel aufbewahrt.
Luxusartikel des Adels mini|hochkant|Infantin Maria Theresa von Spanien, Gemälde von Diego Velázquez, um 1652 Etwa um 1447 wurde das Taschentuch allmählich zum Luxusartikel. In italienischen Kleiderinventaren aus dem 15. Jahrhundert werden verschiedene Tücher genannt: sudarioli (Schweißtücher) paneti und drapeselli (Tüchlein) paneti da naso (Nasentücher) paneti da copa (Halstücher) fazzoletto (Ziertuch), im Deutschen früher (etwa als NasentuchMaria Kollreider: Madonna Paola Gonzaga und ihr Brautschatz (= Schlern-Schriften. Band 98). Lienzer Buch, Innsbruck 1952, S. 145. gebrauchtes) FazolettHarry Kühnel: Die Sachkultur bürgerlicher und patrizischer Nürnberger Haushalte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 15–31, hier: S. 22.
Die größte Rolle spielten die Ziertücher, die oft reich bestickt waren und offen in der Hand getragen wurden. Die kostbarsten Tücher dieser Art wurden in Venedig hergestellt und exportiert, vor allem nach Frankreich.
Caterina de’ Medici führte im 16. Jahrhundert das Toilettetuch am französischen Hof ein. Es wurde mouchoir genannt und diente vor allem repräsentativen Zwecken. Zum Schnäuzen benutzte der Adel zu dieser Zeit im Allgemeinen noch die Finger. Erasmus von Rotterdam, der einem Inventar zufolge 39 Taschentücher besaß, gilt als Ausnahme. Die Ziertücher wurden von den Damen mit Parfüm getränkt und als Liebespfand an Herren verschenkt; die Bezeichnung dafür ist mouchoir de Vénus. König Heinrich III. von Frankreich beschenkte damit seine Günstlinge, die Mignons genannt wurden.
In Deutschland war das Ziertuch seit Anfang des 16. Jahrhunderts beim Adel als Fazinetel oder Fazittlein bekannt. Wegen der üblichen Parfümierung wurden sie in den Kleiderordnungen als Schnüffeltücher bezeichnet, die den höheren Ständen vorbehalten waren.
Mit dem Aufkommen des Schnupftabaks und der Verwendung der Ziertücher zur Säuberung der Nase verloren die Tücher ihren Charakter als Luxusartikel. So wurde das Taschentuch im 18. Jahrhundert in der Oberschicht für Männer allmählich zum Gebrauchsgegenstand. Doch noch zur Zeit der Französischen Revolution gilt es als Symbol des Adels.
Allgemeine Verbreitung Mit den Erfindungen des Schnellschützen durch John Kay 1733 und der Spinning Jenny 1764 durch James Hargreaves wurde die Herstellung von Stoff zunehmend billiger. Dadurch konnten die Taschentücher kostengünstiger produziert werden und wurden vom Luxusartikel zunehmend zum Alltagsgegenstand. Christian Friedrich Germershausen (1725–1810) berichtet in seiner Hausmutter, einem Werk der der Aufklärung verpflichteten Hausväterliteratur, dass sich ein evangelischer Landpfarrer bei Dienstantritt vor dem üblichen Händeschütteln ekelte, weil an den Händen der Gemeindemitglieder immer viel Nasensekret geklebt habe. Da ihm Handschuhe auf die Dauer zu teuer waren, habe er angeregt, dass die Mütter ihren Kindern aus alten Hemden geschneiderte Taschentücher mitgaben, die wöchentlich zu wechseln wären, eine Sitte, die bald auch die Erwachsenen übernahmen, sodass bald die ganze Gegend als Musterbeispiel an Reinlichkeit gegolten habe, was sich auch günstig auf den Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte ausgewirkt habe.Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung. HarperCollins, Hamburg 2021, ISBN 978-3-7499-0240-8, S. 85 f. Zur Zeit des Biedermeier wurde es in den bürgerlichen Kreisen zum romantischen Liebessymbol. Damen hielten es oft kokett in der Hand, damit die Stickereien darauf zu sehen waren. Junge Männer trugen das Taschentuch der Angebeteten sichtbar in einem Knopfloch ihrer Jacke. Dieser Brauch soll um 1800 zuerst in London aufgekommen sein und war möglicherweise der Vorläufer des Einstecktuchs bei Männern, das erst ab 1830 belegt ist. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steckten die Damen ihr parfümiertes Taschentuch ins Dekolleté oder in die Ärmel ihres Kleides, um es griffbereit zu haben. Bis 1945 fanden circa 90 % der deutschen Stofftaschentuchproduktion im niederschlesischen Lauban statt.
Papiertaschentücher mini|Papiertaschentuch mini|Taschentuchpackung Tempo der Firma SCA
Das 20. Jahrhundert veränderte die Benutzung des Taschentuchs auf vielfältige Art und Weise. Ausschlaggebend war das kaiserliche Patent in Deutschland für ein glyceringetränktes „Taschentuch aus Papier“, das Gottlob Krum, dem Inhaber einer Göppinger Papierfabrik, am 14. August 1894 erteilt wurde (Patentnummer: 81094).Sabine Rochlitz (Red.): Göppinger Geschichten. Von Menschen, Ereignissen und Bauwerken. Archiv und Museen der Stadt Göppingen, Göppingen 2005, ISBN 3-933844-47-9, S. 170. Bei der Erfindung handelte es sich um ein sehr dünnes, fast normales Papier, das in Glycerin getränkt wurde, um eine bestimmte Weichheit zu erzielen.
Etwa 35 Jahre später, am 29. Januar 1929, meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg ein Warenzeichen für das erste Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff beim Reichspatentamt (Warenzeichennummer: 407752) an. Dieses Einwegtaschentuch erhielt den noch heute bekannten Namen Tempo. Die Idee dazu wird dem damaligen Mitinhaber der Vereinigten Papierwerke Oskar Rosenfelder zugeschrieben. Das von den eine Fabrik in Heroldsberg betreibenden Nürnberger Juden Oskar und Emil RosenfelderMartin Droschke: Wer hat’s erfunden? Papiertaschentuch. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 25. April. angemeldete Patent basierte auf einem Zellstoffpapier, das mit einer dünnen Schicht Glycerin überzogen war, um damit – wie schon bei G. Krum 1894 – Weichheit zu erzielen.
Die Firma Kimberly-Clark vermarktete schon seit 1924 in den USA Taschentücher unter dem Markennamen Kleenex, die aus dem Baumwollersatzstoff Cellucotton (Zellstoffwatte) bestanden. Cellucotton wurde vor allem während des Ersten Weltkriegs als Verbandsmaterial eingesetzt, weil es sich durch seine Saugfähigkeit und Reißfestigkeit auszeichnete. Die beiden großen Hersteller für Taschentücher aus Zellstoff begannen, den Weltmarkt zu erobern. Während Tempo sich auf dem europäischen Markt verbreitete, trat Kleenex überwiegend auf dem amerikanischen und asiatischen Markt in Erscheinung. Durch immer neue Entwicklungen wurde versucht den Absatz zu steigern. So entwickelte Kleenex 1929 eine „Pop-up“-Box. Diese Konstruktion, bei der durch die Entnahme eines Taschentuchs das nächste halb herausgezogen wurde und griffbereit war, hatte großen Erfolg. Die Absatzzahlen und der Verbrauch von Papiertaschentüchern stiegen stetig.
Seit den 1960er Jahren traten einige kleinere Taschentuchproduzenten auf den Markt. Marktführer sind noch Tempo, Softis und Kleenex. In Deutschland war von 1935 bis 1994 die Schickedanz-Gruppe (bekannt durch das Versandhaus „Quelle“) Eigentümer der Vereinigten Papierwerke (VP) Nürnberg mit ihrer Marke Tempo. In dieser Zeit war die VP mit Tempo Marktführer und bedeutendster Hersteller von Papiertaschentüchern – vor der Zellstofffabrik Waldhof (Zewa) in Mannheim mit ihrer Taschentuchmarke Softis. 1994 übernahm die amerikanische Firma Procter & Gamble die VP und verkaufte sie 2007 an die SCA weiter. Da die SCA 1995 die Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg erworben hatten einschließlich der Taschentuchmarke Softis, musste sie diese zur Vermeidung einer marktbeherrschenden Stellung abgeben. Ende 2007 erwarb der italienische Tissue-Hersteller Sofidel die Taschentuchmarke Softis sowie die dazugehörigen Lizenzen, Patente und Produktionsanlagen.„Softis“ wird italienisch. oe24.at, 4. Dezember 2007. SCA spaltete 2017 seinen Bereich der Hygienepapiere mit den Marken Tempo und Zewa ab und brachte ihn im selben Jahr unter dem Namen Essity an die Börse.
Tempo wird in Teilen des deutschen Sprachraums (außer der Schweiz) nicht nur als Markenbezeichnung, sondern als Synonym (speziell Eponym) für Papiertaschentuch überhaupt gebraucht.
mini|Zellulose besteht aus Ketten von Zuckermolekülen (im Bild horizontal) die ihrerseits mit Wasserstoffbrücken (im Bild vertikal) verbunden sind
Herstellung von Papiertaschentüchern Für die Herstellung von Papiertaschentüchern werden Zellstoff oder aus Altpapier gewonnene Recyclingfasern eingesetzt. Als Rohstoff für die Zellstoffproduktion wird Holz verwendet. Es gibt weltweit hauptsächlich zwei Zellstoffherstellungsverfahren, das Sulfitverfahren und das Sulfatverfahren.
Aussehen mini|Stofftaschentuch Die Ziertaschentücher wurden teilweise mit Goldfäden bestickt und mit Diamanten versehen. Sie waren mit etwa 60 × 50 cm wesentlich größer als heutige Taschentücher aus Stoff.
Nach der Möglichkeit, Stofftaschentücher industriell zu fertigen, wurde der Eintönigkeit entgegengewirkt. Als erste Maßnahme wurden die Taschentücher mit Monogrammen bestickt. Die kunstvoll verzierten Kürzel der Besitzer machten nicht nur äußerlich viel her, sondern trugen zur Individualität des Taschentuches bei, da keines dem anderen glich.