Interozeption (von „inmitten von“ und recipere „aufnehmen“) ist der Oberbegriff für diejenigen Komponenten der Wahrnehmung von Lebewesen, die Informationen nicht über die Außenwelt, sondern aus eigenen Körperabschnitten und über eigene Körperabschnitte erfassen. Dabei unterscheidet man die Propriozeption (Wahrnehmung von Körperlage und -bewegung im Raum) und die Viszerozeption (Wahrnehmung von Organtätigkeiten).Kurt Buser, Thomas Schneller, Klaus Wildgrube: Kurzlehrbuch medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie. Urban & Fischer Verlag, 2007, ISBN 978-3-437-43211-8, S. 93, (books.google.de)

Möglicherweise ist Interozeption eine Voraussetzung für emotionales Empfinden. Und korreliert dabei mit dem Bauchgefühl, wobei der Bauch als zweites Gehirn mit enterischem Nervensystem fungiert.

Die Wahrnehmung der Außenwelt wird als Exterozeption bezeichnet.

Psychologische und klinische Bedeutung

Interozeption und Emotionsentstehung Die zentrale Forschungsfrage der Interozeption befasst sich damit, wie Körperwahrnehmungen die Entstehung von Gefühlen und Entscheidungen beeinflussen. Dazu formulierte Antonio Damasio die sogenannte Somatic Marker HypothesisDamasio, A. R. (1996). The somatic marker hypothesis and the possible functions of the prefrontal cortex. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 351(1346), 1413–1420.. Demnach sind Entscheidungen nicht nur bloße und rationale Abwägungen. Vielmehr beschreibt Damasio diese als sogenannte somatische Marker, körperliche Empfindungen wie ein beschleunigter Herzschlag oder ein Gefühl der Anspannung, die auf vergangene Erfahrungen zurückzuführen sind. Diese Marker entstehen, sobald das Gehirn anfängt, die Konsequenzen einer bevorstehenden Handlung zu antizipieren. Dabei wird ein Körperzustand ausgelöst, der infolge das Verhalten einer Person bewusst oder unbewusst lenktBechara, A., & Damasio, A. R. (2005). The somatic marker hypothesis: A neural theory of economic decision. Games and Economic Behavior, 52(2), 336–372.. Diese Reaktion wird als „Als-ob-Körperschleife“ bezeichnet. Dieser Zustand muss nicht zwingend real eintreten, um trotzdem zu wirken.

Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte „Bauchgefühl“: Bevor über eine riskante oder unangenehme Entscheidung nachgedacht wird, wird ein meist unangenehmes und warnendes Gefühl verspürt. Diese Gefühle setzen eine funktionierende Interozeption voraus. Andernfalls könnten keine körperlichen Signale in eine bevorstehende Entscheidung einfließen.

Klinische Relevanz und therapeutische Anwendung Die Interozeption gilt in der psychiatrischen Forschung heute als „transdiagnostischer Faktor“, der bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen eine zunehmend wichtige Rolle annimmtKhalsa, S. S., Adolphs, R., Cameron, O. G., Critchley, H. D., Davenport, P. W., Feinstein, J. S., Feusner, J. D., Garfinkel, S. N., Lane, R. D., Mehling, W. E., Meuret, A. E., Nemeroff, C. B., Oppenheimer, S., Petzschner, F. H., Pollatos, O., Rhudy, J. L., Schramm, L. P., Simmons, W. K., Stein, M. B., Stephan, K. E., Van den Bergh, O., Van Diest, I., von Leupoldt, A., & Paulus, M. P. (2018). Interoception and mental health: A roadmap. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 3(6), 501–513.. Zu besagten Erkrankungen, wie beispielsweise Angststörungen, Traumafolgestörungen oder Essstörungen, wird eine veränderte Wahrnehmung der körperlichen Signale beobachtet. Ein praktisches Beispiel hierfür ist die Anorexia nervosa: Hier nehmen betroffene Patienten Hunger- und Sättigungssignale oft verändert wahr. Dies wird als möglicher Grund zur Aufrechterhaltung der Erkrankung angeführt und diskutiertJacquemot, A. M. M. C., & Park, R. (2020). The role of interoception in the pathogenesis and treatment of anorexia nervosa: A narrative review. Frontiers in Psychiatry, 11, Artikel 281.. Bezüglich dieser Annahme wurde ein Ansatz namens „interozeptive Konfrontation“ (Interoceptive Exposure) entwickelt. Ursprünglich sollte dieser Ansatz zur Behandlung von Panikstörungen genutzt werden, wurde später jedoch auch auf Essstörungen übertragenBoswell, J. F., Anderson, L. M., & Anderson, D. A. (2015). Integration of interoceptive exposure in eating disorder treatment. Clinical Psychology: Science and Practice, 22(2), 194–210.. Dabei werden die Betroffenen mit körperlichen Empfindungen konfrontiert, die normalerweise vermieden werden. Ziel ist es, schrittweise eine höhere Toleranz gegenüber den Empfindungen zu schaffen. Der Ansatz gilt konzeptionell als vielversprechend, kontrollierte Studien konnten die Wirksamkeit speziell bei Essstörungen jedoch bislang nicht eindeutig belegen.

Interozeption und Achtsamkeitsmeditation In der Forschung wird Achtsamkeitsmeditation mit einer verbesserten Wahrnehmung von körperinneren Signalen verbunden. Praktiken wie Atembeobachtung oder der sogenannte Body Scan lenken die Aufmerksamkeit gezielt auf die KörperempfindungenFarb, N. A. S., Segal, Z. V., & Anderson, A. K. (2013). Mindfulness meditation training alters cortical representations of interoceptive attention. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 8(1), 15–26.. Studien zu strukturierten Achtsamkeitsprogrammen wie dem Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) zeigen, dass solche Übungen mit Veränderungen in Hirnregionen einhergehen, die an der Verarbeitung von körperlichen Signalen beteiligt sind. Eine aktuelle Analyse, die auf die Ergebnisse verschiedener Studien zurückgreift, zeigt, dass Achtsamkeitstraining die selbstberichtete Wahrnehmung von körperlichen Signalen verbessert. Dieser Effekt wird zwar als klein bis mittel eingestuft, ist aber über viele Studien hinweg konstantTreves, I. N., Chen, Y.-Y., Wilson, C. L., Verdonk, C., Qina'au, J., Pustejovsky, J. E., Goldberg, S. B., Mehling, W., Schuman-Olivier, Z., & Khalsa, S. S. (2025). A meta-analysis of the effects of mindfulness meditation training on self-reported interoception. Scientific Reports, 15, Artikel 38889.. Auch die Reduktion von psychischen Belastungen steht in einem Zusammenhang mit einer verbesserten interozeptiven Wahrnehmung. Der genaue Ursachen- und Wirkmechanismus ist hierbei jedoch noch nicht vollständig geklärt.

Siehe auch Tiefensensibilität Tastsinn (Taktile Wahrnehmung)

Literatur F. H. Petzschner, H. Critchley, C. Tallon-Baudry: Interoception. In: Scholarpedia. Band 17, Nr. 5, 2022, S. 55569. (var.scholarpedia.org/article/Interoception) M. Loescher, P. Haggard, C. Tallon-Baudry: Interoception vs. Exteroception: Cardiac interoception competes with tactile perception, yet also facilitates self-relevance encoding. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 122, Nr. 49, 2025, S. e2516229122. Tallon-Baudry C, Loescher M, Clément A: A dual-function framework of interoception: the information and coordination modes of interoceptive signaling. Trends in Neurosciences, 2026; 49, 161-172.

Weblinks

Einzelnachweise

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