Sumer is icumen in (Der Sommer ist gekommen) ist der bekanntere mittelenglische Titel eines Kanons, der von der Forschung allgemein als das älteste in der europäischen Musikgeschichte überlieferte Beispiel dieser mehrstimmigen Kompositionstechnik anerkannt ist. Das um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstandene Stück wurde kurz vor 1300 erstmals schriftlich fixiert; in dieser ersten Handschrift findet sich neben dem weltlichen, volkssprachlichen Text auch ein geistlicher in mittellateinischer Sprache, der mit den Worten Perspice christicola beginnt. Als ältestes bekanntes sechsstimmig gesetztes Musikstück, als Dokument der sich entwickelnden mittelenglischen Sprache im Allgemeinen und der Emanzipation volkssprachlicher, weltlicher Liedtexte neben lateinisch verfassten mit geistlicher Thematik sowie als außerordentlich frühes Beispiel harmonisch aufgefassten Musizierens nimmt der „Sommerkanon“ eine herausgehobene Position in der Musikgeschichte ein.
Überlieferungsgeschichte Die „Reading rota“ Der Kanon erscheint erstmals in einer spätmittelalterlichen Handschrift, die heute als MS Harley 978 in der British Library aufbewahrt wird. Der Codex stammt ursprünglich aus der Bibliothek der Abtei Reading. Da dieses Kloster jedoch kein eigenes Skriptorium unterhielt, wird im Allgemeinen die vergleichsweise nahe gelegene Universitätsstadt Oxford als Entstehungsort angenommen. Auf die Herkunft des Manuskripts bezieht sich auch eine gängige Alternativbezeichnung des Sommerkanons, „Reading rota“. Das lateinische Wort rota (= Rad) wird hier synonym zum englischen round verwendet und bezeichnet die Form des Ringkanons. mini|center|380px|MS Harley 978 f.11v stellt den „Sommerkanon“ in einer frühen Form der Mensuralnotation dar. Das ist sechsstimmig ausgesetzt. Als erster Besitzer und möglicherweise auch Auftraggeber der Abschrift wird William von Winchester vermutet, einer der drei in MS Harley 978 namentlich erwähnten Mönche der Readinger Abtei, der als Musikliebhaber bekannt war. Im Codex selbst sind Schriften verschiedenen Charakters, jedoch alle religiöser Natur, gesammelt. Sumer is icumen in ist der einzige darin enthaltene weltliche Text und darüber hinaus der einzige in englischer Sprache, während das übrige Material (darunter auch weitere Musikstücke) in Französisch und Latein verfasst ist.
Datierung miniatur|Ruinen der Reading Abbey, Blick vom Dormitorium auf das Kapitelhaus Die Herstellung der eigentlichen Handschrift wird heute auf die letzten Jahre des 13. Jahrhunderts datiert; bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts nahm man für den Sommerkanon selbst eine Entstehungszeit um 1230 an. Diese Datierung wurde annähernd auch von den ersten systematischen Untersuchungen zu dem Stück gestützt, die auf den später in die USA emigrierten deutschen Musikwissenschaftler Manfred Bukofzer zurückgehen. Bukofzer selbst widerrief seine früheren Einschätzungen jedoch in einem Aufsatz aus dem Jahre 1944 und setzte die Entstehungszeit des Kanons nun weit später an. Heutzutage gelten Bukofzers späte Thesen ihrerseits als weitgehend widerlegt, und die Forschung datiert die Komposition von Sumer is icumen in wieder in die Mitte des 13. Jahrhunderts.Sanders, Grove S. 708.
Für die Datierung spielen neben bibliothekskundlichen Erkenntnissen und Methoden auch philologische (etwa in Bezug auf die Entwicklung des Mittelenglischen) und natürlich musikwissenschaftliche (beispielsweise auf die im Manuskript verwendete Mensuralnotation) Erwägungen eine Rolle, die jedoch bis heute kein eindeutiges Resultat gezeitigt haben.
Urheberschaft Die Zuschreibung an W. de Wycombe, wie sie in populärwissenschaftlicher Literatur gelegentlich zu finden ist, ist darauf zurückzuführen, dass es sich bei Wycombe um einen der ganz wenigen namentlich bekannten englischen Komponisten der Epoche handelt. Es gibt jedoch keine allgemein anerkannten Forschungsergebnisse, die einen näheren Bezug des Musikers zum Sommerkanon nahelegen. Musikwissenschaftliche Untersuchungen sprechen ausnahmslos von einer anonymen Komposition, ebenso bleibt ungeklärt, ob die Musik und die beiden Texte von ein und derselben Person verfasst wurden.
Musikalische Charakteristika Notation, Metrum und tonale Struktur Der Notentext entspricht im Wesentlichen den Konventionen der schwarzen oder „frankonischen“ Mensuralnotation, die sich in der Musik Westeuropas im Lauf des 13. Jahrhunderts als Standard für die Niederschrift zeitgenössischer Kompositionen etablierte. Allerdings sind – was etwas ungewöhnlich ist – die Notenlinien in roter Farbe gezogen, außerdem bestehen die Systeme je aus sechs, in Zeile 6 sogar sieben Linien anstelle der damals bereits üblichen fünf. Da kaum vergleichbare Handschriften aus dem mittelalterlichen England erhalten geblieben sind, ist es jedoch so gut wie nicht möglich, aus diesen Besonderheiten weitergehende Schlüsse herzuleiten.Hurry, S. 25.
Eine eigentliche Mensur, die ungefähr der modernen Taktangabe gleichkäme, ist noch nicht vorgezeichnet, da im fraglichen Zeitraum das dreiteilige Metrum als Normalfall betrachtet wurde. Das Symbol am Beginn jedes Systems ist ein C-Schlüssel, der durch seine Position in etwa dem heutigen Tenorschlüssel entspricht.Hurry, S. 29.
Das nach dem Schlüssel vorgezeichnete „b“ ist als B molle zu lesen, weist also auf das hexachordum molle als tonalen Bezugsrahmen des Kanons hin. Das heute ebenso vorgezeichnete F-Dur ist eine weit spätere musikgeschichtliche Entwicklung, so dass es (dem Höreindruck des modernen Ohrs zum Trotz) ein Anachronismus wäre, den Sommerkanon als „in F-Dur stehend“ zu beschreiben.
Satztechnik Notiert sind in MS Harley 978 nur drei Stimmen: die eigentliche Kanonmelodie und zwei als pes (Fuß) bezeichnete Begleitstimmen, die durch Stimmtausch auseinander ableitbar sind. Im Notentext der Kanonmelodie befindet sich über dem Wort lhude ein in roter Farbe hervorgehobenes Kreuz, das als signum congruentiae dient, d. h., eine neue Stimme setzt mit dem Kanon dann ein, wenn die vorhergehende diese Stelle erreicht hat. Die „für die Geschichte des Kanons archetypische einstimmige Aufzeichnungsweise“ ist bis auf den heutigen Tag üblich und am Beispiel des Sommerkanons erstmals in der Musikgeschichte belegt. mini|center|270px| Die einander nach dem Kanonprinzip imitierenden Oberstimmen sind reich an den seinerzeit „modern“ wirkenden klangvollen Intervallen (Terzen und Sexten) und erzeugen auf diese Weise (zumindest für das heutige, durch die Harmonik geprägte Ohr) den Höreindruck einer Komposition in Dur, wobei diese musikalische Auffassung dem Mittelalter noch fremd war. Im Zusammenklang mit den beiden pedes verstärkt sich der akkordische Eindruck noch, da die Stimmen unablässig zwischen den Dreiklängen F-Dur und g-moll hin- und herzupendeln scheinen, die der heutige Hörer als Wechsel zwischen Tonika und Subdominante,g-Moll ist die Subdominantparallele in F-Dur. in späterer Musik eine der grundlegendsten harmonischen Beziehungen, wahrnimmt. Obwohl Sumer is icumen in den melodischen und rhythmischen Duktus anderer Kompositionen der Ars antiqua (etwa dem Graduale Sederunt principes in der berühmten Organum-Vertonung Pérotins) aufgreift, geht die vollstimmige Klanglichkeit des Sommerkanons weit über seine bekannten Vorbilder hinaus.
Aufführungsanweisungen mini|center|550px|Kanonmelodie und pedes in moderner Notation
Der Kopist der Handschrift fügte den beiden Texten und den Noten eine recht ausführliche Anweisung bei, die erklärt, wie der Kanon aufzuführen sei. Aus dem schieren Vorhandensein dieser Aufführungsvorschrift wird zum einen auf die Existenz eines – wenn auch heute nicht mehr namentlich bekannten – Komponisten geschlossen, zum anderen illustriert die etwas umständliche Formulierung, wie wenig vertraut die Zeitgenossen mit dem Kompositionsprinzip eines Ringkanons gewesen sein dürften.
Transkription Deutsche Übersetzung Hanc rotam cantare possunt quatuor socii. A paucioribus autem quam a tribus vel saltem duobus non debet dici, preter eos qui dicunt pedem. Canitur autem sic. Tacentibus ceteris, unus inchoat cum hiis qui tenent pedem. Et cum venerit ad primam notam post crucem, inchoat alius, et sic de ceteris. Singuli vero repausent ad pausaciones scriptas, et non alibi, spacio unius longe note. Pes 1: Hoc repetit unus quociens opus est, faciens pausacionem in fine. Pes 2: Hoc dicit alius, pausans in medio, et non in fine, sed immediate repetens principium. Diesen Kanon können vier Gefährten singen. Von weniger als von dreien oder zumindest zweien soll aber er nicht vorgetragen werden, neben denen, die den pes halten. Es wird aber folgendermaßen gesungen: Während die Übrigen schweigen, beginnt einer mit denen, die den pes halten. Und wenn er bei der ersten Note nach dem Kreuz angekommen ist, beginnt ein anderer, und so mit den Übrigen. Die Einzelnen jedoch pausieren bei den eingeschriebenen Pausenzeichen, und nirgendwo sonst, für die Dauer einer Longa. Pes 1: Dies wiederholt einer, sooft es nötig ist, und macht die Pause am Ende. Pes 2: Dies singt der andere, wobei er in der Mitte pausiert und nicht am Ende, sondern dann sofort den Anfang wiederholt.
Vermischung mittelalterlicher Liedformen Zumindest hinsichtlich der musikalischen Form, der Sumer is icumen in angehört, scheint es zunächst keine Zuordnungsprobleme zu geben. Das Manuskript selbst bezieht sich auf hanc rotam („diesen [Ring-]Kanon“). Dennoch weist das Stück Merkmale auf, die eher für den Typus des rondellus („Rundgesang“) charakteristisch sind. Vereinfachend ausgedrückt, ist der rondellus durch den simultanen Einsatz der beteiligten Stimmen gekennzeichnet, was im Sommerkanon durch die beiden pedes und die Kanonmelodie gegeben ist. Letztere wird aber durch den sukzessiven Einsatz der Stimmen zum entscheidenden Kriterium für den Typus rota. Auch Querverbindungen zu anderen Liedformen des Mittelalters werden für den Sommerkanon gelegentlich postuliert, was aber anhand der für das England des 13. Jahrhunderts sehr begrenzten Quellenlage – die hauptsächlich auf die Vernichtung der klösterlichen Handschriftenbestände unter Heinrich VIII. zurückzuführen ist – kaum abschließend entschieden werden kann.
Text Das Readinger Manuskript bietet zwei Texte für den Vortrag des Sommerkanons an. Die Praxis, in verschiedenen Stimmen eines polyphon gesetzten Musikstücks inhaltlich ganz verschiedene Texte – durchaus auch in unterschiedlichen Sprachen – zu singen, verbreitete sich in der Motette des späten Mittelalters und vor allem in der Renaissance. Für die „Reading rota“ wird diese Vortragsweise im Allgemeinen jedoch noch nicht angenommen.Auszuschließen ist die Möglichkeit des simultanen Vortrags beider Texte jedoch nicht, s. Roscow, S. 194.
Das mittelenglische Sumer is icumen in
Transkription und Übersetzungen Mittelenglisches Original Modernes Englisch Deutsch Sumer is icumen in, Lhude sing cuccu! Groweþ sed and bloweþ med And springþ þe wde nu, Sing cuccu! Awe bleteþ after lomb, Lhouþ after calue cu. Bulluc sterteþ, bucke uerteþ, Murie sing cuccu! Cuccu, cuccu, wel singes þu cuccu; Ne swik þu nauer nu. Pes 1: Sing cuccu nu. Sing cuccu. Pes 2: Sing cuccu. Sing cuccu nu. Summer has come, Loudly sing, cuckoo! Seed grows and meadow blows And wood springs now, Sing, cuckoo! Ewe bleats after lamb, Cow lows after calf. Bullock stirs, buck farts, Merrily sing, cuckoo! Cuckoo, cuckoo, well you sing, cuckoo. Never stop now Pes 1: Sing cuckoo now. Sing, cuckoo. Pes 2: Sing cuckoo. Sing cuckoo now. Der Sommer ist gekommen Kuckuck, singe laut! Es wächst die Saat, die Wiese grünt Und das Gehölz schlägt aus, Singe, Kuckuck! Die Aue [das Mutterschaf] blökt nach dem Lamm, Die Kuh muht nach dem Kalb. Der Ochse rührt sich, der Bock furzt Singe froh, Kuckuck! Kuckuck, Kuckuck, wie schön singst Du, Kuckuck. Nun schweige niemals mehr. Pes 1: Singe nun, Kuckuck. Sing, Kuckuck. Pes 2: Sing, Kuckuck. Singe nun, Kuckuck.
Probleme der Interpretation