Der erweiterte Geist () ist die philosophische und kognitionswissenschaftliche These, dass sich kognitive Architektur und somit auch kognitive Prozesse und Zustände über die Körpergrenzen hinaus in die Welt erstrecken. Diese These wurde im Jahr 1998 von Andy Clark und David Chalmers in dem Aufsatz The Extended Mind aufgestellt. Im Englischen wird die These des erweiterten Geistes auch als wide computationalism oder environmentalism bezeichnet.
Der aktive Externalismus (engl.: active externalism) oder Vehikel-Externalismus (engl.: vehicle externalism) ist eine Konsequenz der These des erweiterten Geistes, die von Clark und Chalmers zunächst nicht von dieser unterschieden wurde, sich aber im Gegensatz zu ihr auf den Gehalt eines mentalen Phänomens bezieht.
Begriffsbestimmung Angelehnt an Hilary PutnamPutnam, Hilary (1975/1985): The meaning of 'meaning'. In Philosophical Papers, Vol. 2: Mind, Language and Reality., Cambridge University Press. fassen Clark und Chalmers die These des erweiterten Geists wie folgt zusammen:Clark, Andy und Chalmers, David (1998): The Extended Mind. Analysis 58(1): S. 8 Kognitive Prozesse sind nicht (alle) im Kopf!
mini|Mitbegründer der These des erweiterten Geistes: David Chalmers
Damit wenden sie sich vor allem gegen die Ortsbestimmung des Internalismus. Nach dieser finden mentale Phänomene im Gehirn des Subjektes statt, welches diese Phänomene hat. Vertreter des erweiterten Geists behaupten hingegen zum einen, dass sich kognitive Systeme über den gesamten Körper des Wesens und auch in die Umwelt hinein erstrecken können, solange äußere Bestandteile eine geeignete Kopplung mit dem Kernsystem haben. Zum anderen ist dies meist mit der Behauptung verbunden, dass solche Kopplungen in der Welt tatsächlich vorliegen und es somit auch externe Kognition gibt. Diese würde sich zum Beispiel vom kognitiven Kernsystem, zumindest zeitweise, in den Körper des betreffenden Wesens, (technische) Hilfsmittel oder auch soziale Gemeinschaften hinein erstrecken.
Clark und Chalmers behaupten jedoch nicht, dass diese These dem Common Sense entspricht. Daher soll der erweiterte Geist auch keine Analyse unseres gängigen Kognitionsbegriffs sein. Vielmehr handelt es sich bei ihm um die Forderung, dass Kognition nicht nur als internes Phänomen betrachtet werden sollte. Auf diese Weise könnten, je nach Erklärungszweck, tiefere, einheitliche und nützlichere Erklärungen zustande kommen.Clark, Andy und Chalmers, David (1998): The Extended Mind. Analysis 58(1): S. 14
In der englischsprachigen Debatte zählen Andy Clark, Susan Hurley, Richard Menary, Mark Rowlands, Michael Wheeler, Robert A. Wilson und Alva Noë zu den Hauptvertretern des erweiterten Geistes, aber auch David Chalmers äußert sich im Vorwort zu Clarks Buch Supersizing the Mind (2008) der These positiv gegenüber. Als Kritiker lassen sich vor allem Frederick Adams, Kenneth Aizawa und Robert Rupert nennen.
Im deutschen Sprachraum hingegen gibt es noch keine intensive Diskussion über die These des erweiterten Geistes. Ausnahmen bilden die Philosophen Holger Lyre und Sven Walter.
Das Paritätsprinzip Im Artikel The Extended Mind stellen Clark und Chalmers folgendes Prinzip auf, welches seitdem den Namen parity principle (Paritätsprinzip) trägt:
Nach dem Paritätsprinzip ist also nicht die Körpergrenze entscheidend, wenn es darum geht, ob ein Prozess kognitiv ist. Vielmehr geht es um die Funktion eines Prozesses. Somit handelt es sich beim Paritätsprinzip um ein funktionalistisches Prinzip.
Das Paritätsprinzip stellt als solches noch kein Argument für den erweiterten Geist dar, sondern setzt die logische Möglichkeit schon voraus. Es scheint den meisten Kritikern auch nicht prinzipiell undenkbar, dass sich kognitive Prozesse über die Grenzen des zentralen Nervensystems hinaus erstrecken können. Dass dies in der Theorie möglich ist, zeigt folgendes Beispiel. So erzählt Daniel C. Dennett in seinem 1978 erschienenen Essay Where Am I?Dennett, Daniel C. (1978): Where Am I? In: Brainstorms - Philosophical Essays on Mind and Psychology, Daniel C. Dennett, Bradford Books.(Text als HTML) eine hypothetische Geschichte, die davon handelt, dass sein Gehirn aus dem Kopf entnommen und neu mit dem Körper gekoppelt wird. Hierbei würde es sich zumindest um Kognition außerhalb des Körpers handeln, wie wohl auch die meisten Kritiker des erweiterten Geistes zugeben müssten. Dies ist jedoch nur eine theoretische Möglichkeit.
Soll aus dem Paritätsprinzip hingegen gefolgert werden, dass sich Kognition tatsächlich manchmal in die Welt erstreckt, so wird mindestens ein externer Prozess benötigt, der, wäre er im Körper eines Wesens, ein kognitiver Prozess dieses Wesens wäre. Die Frage, ob ein solcher Prozess in der Welt aufzufinden ist oder nicht, spaltet die Kritiker und Vertreter des erweiterten Geistes.
So behaupten zum Beispiel Fred Adams und Ken Aizawa, dass die psychologischen und funktionalen Unterschiede zwischen internen und externen Prozessen zu fundamental sind, um das Paritätsprinzip jemals anwenden zu können.Adams, Fred and Aizawa, Ken (2008) The Bounds of Cognition, Malden, Mass. [u. a.]: Blackwell. S. 136 f.
Evolutionäres Argument Mark Rowlands versuchte das Paritätsprinzip mit einem Argument zur Evolution plausibel zu machen, das er das Barking Dog principle („Prinzip des bellenden Hundes“) nannte und wie folgt beschrieb:Rowlands, Mark (2003): Externalism: Putting Mind and World Back Together Again. Chesham: Acumen S. 166
Wenn ein Organismus die Fähigkeit haben muss, eine adaptive Aufgabe T zu leisten, dann ist es selektiv unvorteilhaft für den Organismus, interne Mechanismen für das Bewältigen von T zu entwickeln, wenn es für den Organismus möglich ist, T durch eine Kombination von internen Mechanismen und Manipulation der externen Umwelt zu leisten.
mini|Biberdamm
Demnach sei anzunehmen, dass die Evolution Lebewesen begünstigt, die ihre Umwelt so verändern können, dass ihr Körper weniger leisten muss. Als Beispiele lassen sich Spinnen und ihre Netze oder Biber und ihre Dämme nennen, vor allem aber Menschen mit ihren vielfältigen Eingriffen in die Umwelt. So können Menschen Aufwand sparen, wenn sie ihren Besitz von einem Hund bewachen lassen, der mit seinem Bellen Fremde abschreckt und auf Bedrohungen aufmerksam macht.
Wenn diese Überlegung zutrifft, so ist auch anzunehmen, dass die Evolution Lebewesen begünstigt, die kognitive Prozesse zum Teil in die Umwelt auslagern können und eine Kombination aus internen und externen Prozessen verwenden, um ihre kognitiven Aufgaben effektiver zu bewältigen. Bei dieser Argumentation wird vorausgesetzt, dass kognitive Prozesse beim Lösen bestimmter Aufgaben helfen.
Externe Zustände Folgende Zustände kommen als externe kognitive Zustände in Frage:
Überzeugungen mini|Ein klassisches Beispiel für eine externe Überzeugung: „Das Museum of Modern Art ist in der 53. Straße.“
Das klassische Beispiel für externe mentale Zustände stellen Überzeugungen dar. So beschreiben Clark und Chalmers den fiktiven an Alzheimer erkrankten Otto, der ein Notizbuch als externes Gedächtnis verwendet. So schreibt Otto neue Informationen in sein Notizbuch, wie gesunde Menschen neu gewonnene Informationen im Gehirn speichern. Analog zum neuronalen Vorgang des Erinnerns kann Otto bei Bedarf Informationen aus seinem Notizbuch gewinnen und weiterverarbeiten.Clark, Andy und Chalmers, David (1998): The Extended Mind. Analysis 58(1): S. 12–14 Will er zum Beispiel ins Museum of Modern Art, konsultiert Otto sein Notizbuch, in das er die Adresse zuvor eingetragen hat.
Auf den offensichtlichen Einwand, dass Otto zunächst nur die Überzeugung hat, dass die gewünschte Information im Notizbuch zu finden ist, antwortet Clark, dass dies die Erklärung unnötig kompliziert machen würde, da man sonst auch gesunden Menschen zunächst nur die Überzeugung unterstellen könnte, dass die benötigten Informationen in ihrem Gehirn gespeichert sind.Andy Clark: . In: Richard Menary (ed.), Objections and Replies to the Extended Mind. Ashgate. S. 7f.
Wünsche Aber nicht nur Überzeugungen, sondern auch Wünsche werden von Vertretern des erweiterten Geistes als externe Zustände in Betracht gezogen. So schreibt zum Beispiel David Chalmers im Vorwort zu Andy Clarks Buch Supersizing the Mind, dass er sein iPhone nutzt, um sich seine Lieblingsgerichte in einem bestimmten Restaurant zu merken. Bei ihm würden also die Notizen im Mobiltelefon dieselben Rollen spielen, wie es sonst neuronal realisierte Wünsche tun würden.
Zustandsträger Als externe intentionale Zustände wurden schon externe Gedächtnisse, wie Notizbücher, oder auch Erinnerungsauslöser, zum Beispiel Knoten in Taschentüchern, vorgeschlagen. Eine andere Frage ist, ob nur vom kognitiven Wesen vorgenommene Veränderungen der Umwelt oder auch ohne die Handlungen des Wesens vorhandene Dinge der Umwelt, wie Orientierungspunkte oder Bücher, externe kognitive Zustände sein können.
Interessant ist auch die Überlegung, dass in bestimmten Fällen die kognitiven Zustände eines Wesens auch auf andere Wesen ausgedehnt sein könnten. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn Otto bei Bedarf immer seine Frau anruft, wenn er eine Information benötigt, die er aufgrund seiner Krankheit vergessen hat oder wenn die Kellner bestimmter Restaurants sich merken würden, welche Gerichte David Chalmers besonders gut gefallen haben.
Externe Prozesse Externe kognitive Prozesse sind – nach Mark Rowlands – Aktionsschleifen, welche nötig für das Ausführen von kognitiven Aufgaben sind und die Manipulation von externen informationstragenden Strukturen beinhalten.Rowlands, Mark (2003): Externalism: Putting Mind and World Back Together Again. Chesham: Acumen S. 175
Sich etwas merken und an etwas erinnern Wenn es externe Wünsche und Überzeugungen gibt, so müssen diese vom kognitiven Wesen in die Umwelt ausgelagert werden und im Bedarfsfall aus dieser ausgelesen werden. Dieses Auslagern ist folglich ein externer Prozess des Sich-etwas-Merkens. Das Auslesen hingegen ein Prozess des Erinnerns, welcher zum Beispiel darin besteht, dass das betroffene kognitive Wesen im Kalender nachschlägt um eigene Vorhaben herauszufinden oder eine bestimmte auffällige Landmarke sucht, um den richtigen Weg zu finden.
Problemlösen mini|links|Ein Beispiel für externes Problemlösen: Proberotieren bei Tetris
Ein weiterer Typ externer mentaler Prozesse ist das Lösen von Problemen. Dieses ist dadurch gekennzeichnet, dass durch Manipulationen der Umwelt neue Wünsche oder Überzeugungen erzeugt werden. Es handelt sich also um epistemische (im Gegensatz zu pragmatischen) Handlungen, deren Ziel neues Wissen oder auch Wünschen ist.
Das bekannteste Beispiel für solche epistemischen Handlungen ist das Videospiel Tetris, mit welchem Clark und Chalmers die These des erweiterten Geistes einleiten. So behaupten sie, dass das interne Proberotieren der Steine im Kopf, das externe Rotieren durch das Drücken von Knöpfen und das interne Rotieren durch ein neuronales Implantat gleichwertige epistemische Aktionen sind. Diese sollten daher alle als kognitive Prozesse angesehen werden. Diesem Beispiel gingen Forschungen von David Kirsh und Paul Maglio voraus, welche in Experimenten mit Tetris feststellten, dass viele Rotationen nicht zielgerichteten, sondern eher epistemischen Charakter haben. Dies führt zur Definition einer epistemischen Handlung, deren primäre Funktion es ist, Kognition durch folgende Faktoren zu verbessern:
Reduzierung des für die mentale Berechnung benötigten Speichers (Komplexität des Raums) Reduzierung der benötigten Schritte, um eine mentale Berechnung durchzuführen (Zeitkomplexität) Reduzierung der Fehlergefahr mentaler Berechnung (Unzuverlässigkeit)Kirsh, David & Maglio, Paul P. (1994): On Distinguishing Epistemic from Pragmatic Action, in Cognitive Science 18 S. 514
Als weitere Beispiele für epistemisches Handeln sind schriftliches Rechnen oder auch Neuanordnen der Buchstaben bei Scrabble zu nennen.
Wahrnehmen