mini|Orestes trifft Hermione, etwa 1800 Oreste (englisch: Orestes; HWV A11) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die am 18. Dezember 1734 im Theatre Royal, Covent Garden in London uraufgeführt wurde. Sie ist eines von drei Pasticci, deren Musik Händel aus eigenen früheren Werken zusammenstellte – die anderen beiden sind Alessandro Severo (1738) und Giove in Argo (1739).Hierbei wird die Einstufung der drei genannten Opern laut Händelwerke-Verzeichnis berücksichtigt. In Wirklichkeit ist z. B. Il pastor fido in der zweiten und dritten Version von 1734 ebenfalls ein Pasticcio aus eigenen Werken Händels.
Entstehung Oreste gehört zu den ersten Werken, die Händel an dem von John Rich geleiteten Covent Garden Theatre aufführte, nachdem sein Vertrag mit Johann Jacob Heidegger am King’s Theatre ausgelaufen war, und dieses von der Konkurrenz, der sogenannten „Adelsoper“, übernommen wurde. Das Covent Garden Theatre war noch ganz neu und bot Händel beste Aufführungsbedingungen;Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 145–146. zu den Attraktionen des Theaters gehörte zu dieser Zeit die französische Tänzerin Marie Sallé,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 148–149. die Händel schon 1717 als 10-jähriges Kind kennengelernt hatte, als sie in einer Aufführung seines Rinaldo in London aufgetreten war.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 408 f. Für die Sallé, die inzwischen zu einer bedeutenden Tänzerin mit progressiven Ideen herangereift war, schuf Händel Balletteinlagen für alle Werke der Spielzeit 1734–35.
Händel stand außerdem nach wie vor (seit einem Jahr) der wundervolle Kastrat Giovanni Carestini als primo uomo zur Verfügung. Die Adelsoper hatte allerdings ab Herbst 1734 den außergewöhnlich virtuosen und berühmten Farinelli engagiert, konnte also zu dieser Zeit mit einer besonderen Attraktion aufwarten.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 147–148.Patrick Barbier: Farinelli. Der Kastrat der Könige. Econ, Düsseldorf 1995, S. 96.
Während Farinelli an der Adelsoper in Hasses Artaserse triumphierte,Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 244. ließ Händel seine Saison im November 1734 mit Wiederaufnahmen von Il pastor fido – mit einem neuen Ballettprolog namens Terpsicore für die Sallé – und Arianna in Creta beginnen,Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 245–246. und bevor er im Januar 1735 seine ganz neue Oper Ariodante auf den Spielplan setzte, stellte er aus eigenen Werken das Pasticcio Oreste zusammen und brachte es kurz vor Weihnachten auf die Bühne.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 148–149, 362–363.
In der Uraufführung des Oreste am 18. Dezember 1734 im Covent Garden Theatre traten folgende Sänger auf:Annette Landgraf: Oreste. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 465 (englisch). Oreste – Giovanni Carestini, genannt „Il Cusanino“ (Mezzosoprankastrat) Ermione – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Ifigenia – Cecilia Young (Sopran) Pilade – John Beard (Tenor) Toante – Gustav Waltz (Bass) Filotete – Maria Caterina Negri (Alt) Tanz und Choreographie – Marie Sallé Die Vorstellung fand laut Zeitungsbericht vom 21. Dezember in The Bee in Anwesenheit der königlichen Familie statt und soll „mit großem Applaus“ („with great Applause“)Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 248. aufgenommen worden sein. Dennoch gab es nur zwei weitere Vorstellungen am 21. und am 28. Dezember.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 247.
Nicola Porporas Oper Ifigenia in Aulide, die am 3. Mai 1735. an der Adelsoper aufgeführt wurde, war möglicherweise eine Reaktion auf Händels Oreste, der ebenfalls ein Sujet aus dem antiken Iphigenie-Mythos behandelt.Die Chronologie der Aufführungen und der relativ lange Zeitraum zwischen den Aufführungen der beiden Opern spricht dagegen, dass Händel auf Porpora reagierte, wie Voss meinte. Steffen Voss: Oreste. In: Hans Joachim Marx (Hrsg.): Das Händel-Handbuch in 6 Bänden: Das Händel-Lexikon. Band 6, Laaber-Verlag, Laaber 2011, ISBN 978-3-89007-552-5, S. 534.
Libretto Vorlage für Händels Oreste war ein gleichnamiges Libretto von Giovanni Gualberto Barlocci, das zuerst von Benedetto Micheli vertont und im Karneval 1723 in Rom aufgeführt worden war. Da der Primo uomo Giovanni Carestini in dem römischen Oreste von Barlocci und Micheli mitgewirkt hatte (in der Rolle des Pilade), wäre es möglich, dass der Sänger Händel das Libretto vorgeschlagen hat. Andererseits könnte Händel das Textbuch aber auch im Jahr 1729 aus Rom mitgebracht haben, eventuell durch Vermittlung seines ehemaligen Mäzens, des Fürsten Ruspoli, dessen Gemahlin die ursprüngliche Widmungsträgerin des Librettos war.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 3, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 396 f.
Händels Textbearbeiter ist nicht bekannt. Laut Annette Landgraf könnte es sich um Giacomo Rossi oder Angelo Cori gehandelt haben, und Händel war sicher auch selber involviert. Die Rezitative der Vorlage wurden dabei wie üblich gekürzt.Annette Landgraf: Oreste. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 466 (englisch). Einige Szenen wurden gestrichen und die Rolle des bösen Toante deutlich verkleinert.Steffen Voss: Oreste (HWV A11). In: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 420. Die Arien aus früheren Werken Händels (siehe unter Musik) wurden entweder unverändert übernommen, oder textlich an die jeweilige Situation angeglichen. Nur sechs Arientexte wurden direkt von Barlocci übernommen und der bereits existierenden Musik unterlegt.Annette Landgraf: Oreste. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 466–467 (englisch).
Das Libretto gilt als sehr gelungen, verständlich, und realistisch, und selbst das in der Opera seria sonst oft unglaubwürdige und allzu plötzlich eintretende lieto fine wurde von Landgraf als „logisch und befriedigend“ bezeichnet.Annette Landgraf: Oreste. Vorwort zum Klavierauszug. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2008, , S. V.
Historisch-literarischer Hintergrund mini|Orestes und Pylades treffen in Tauris auf Iphigenie (Vasenmalerei aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., Louvre, Paris) Die Handlung basiert grundsätzlich auf dem Iphigenie-Mythos, besonders auf dem Drama Iphigenie bei den Taurern (Ιφιγένεια εν Ταύροις, ca. 414 v. Chr.) von Euripides. Barlocci verwendete jedoch mehrere andere antike Quellen für sein Libretto, wie Die Eumeniden (Ὀρέστεια γ, Εὐμενίδες, 458 v. Chr.) von Aischylos und das Drama Elektra (Ἠλέκτρα, ca. 413 v. Chr.) von Sophokles. Weitere Anregungen stammen aus dem vierten Buch der Historien des Herodot, aus Ovids Briefen vom Schwarzen Meer (Epistulae ex Ponto) und aus Ciceros Laelius über die Freundschaft (Laelius de amicitia).Annette Landgraf: Oreste. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 466 (englisch).
Im Mittelpunkt steht bei Händel nicht Iphigenie, sondern ihr Bruder, der auch als Titelheld fungierende Orestes (Oreste), und dessen Frau Hermione (Ermione), in die sich der böse König Thoas (Toante) verliebt. Die Rolle der Iphigenie ist hier nach den Konventionen der Opera seria nur die seconda donna.Steffen Voss: Oreste (HWV A11). In: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 419.
Handlung
Musik Vom Oreste sind die Direktionspartitur und eine Cembalo-Partitur erhalten; ein Autograph existiert nicht. Die Ouvertüre ist auch in Ouvertüren-Ausgaben von John Walsh erhalten.
Fast alle Musiknummern (Arien, Ariosi u. ä.) entnahm Händel eigenen Opern, von denen die meisten schon älter als vier Jahre waren; ja, er griff sogar auf Werke seiner italienischen Jugendzeit zurück. Texte konnten teilweise beibehalten werden oder wurden an den neuen Kontext angeglichen (siehe oben: Libretto). Die Arien stammen aus Händels Opern Rodrigo (1707 ?), Agrippina (1709 ?), Radamisto (1720), Floridante (1721), Ottone (1723), Tamerlano (1724), Riccardo Primo (1727), Siroe (1728), Lotario (1729), Partenope (1730) und Sosarme (1732). Die Ouvertüre ist eine überarbeitete Fassung der Einleitung zur Kantate Clori, Tirsi e Fileno („Cor fedele in vano speri“, HWV 96; 1707). Die neuesten Stücke waren die Ballettmusiken am Ende aller drei Akte, die er für Marie Sallé und ihr Ensemble zum großen Teil für die Wiederaufnahmen von Il pastor fido (mit Prolog Terpsicore; 1734) und Arianna in Creta (1734) kurz zuvor in derselben Saison komponiert hatte; auch der Schlusschor ist aus Arianna in Creta.Annette Landgraf: Oreste. Vorwort zum Klavierauszug. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2008, , S. IV.
Völlig neu komponiert sind nur die Secco-Rezitative, zwei Accompagnati und zwei Tänze am Ende des ersten Aktes (Nr. 11 und 13) zu einer damals auch als „The Grecian Sailor“ („der griechische Seemann“) bekannten Balletteinlage.
Trotz der chronologisch ziemlich heterogenen Herkunft der Musik und trotz einiger für den neuen Kontext eher ungeschickt ausgewählter Arien gilt Händels Oreste insgesamt als ein musikalisch und dramaturgisch gelungenes und wirkungsvolles Bühnenwerk.Steffen Voss: Oreste (HWV A11). In: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 420–421.Auch: Annette Landgraf: Oreste. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 467 (englisch).
Orchester Zwei Oboen, zwei Hörner, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Erzlaute oder Theorbe, zwei CembaliEs ist bekannt, dass in Händels (wie in italienischen) Opernaufführungen zwei Cembali sowie Erzlaute im Continuo verwendet wurden. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 34–35.).
Aufführungsgeschichte In der Neuzeit wurde das Pasticcio erstmals wieder am 4. Juni 1988 während der Händelfestspiele Halle (Saale) im Goethe-Theater Bad Lauchstädt mit dem Händelfestspielorchester Halle unter Leitung von Christian Kluttig aufgeführt. Die Regie hatte Andreas Baumann.