Das Kastell Böhming war ein römisches Kastell, das nahe dem UNESCO-Weltkulturerbe Obergermanisch-Raetischer Limes errichtet wurde und westlich des Dorfes Böhming im Landkreis Eichstätt in Bayern liegt. Die höchstwahrscheinlich für ein 150 bis 200 Mann starkes Grenzschutzkommando (Numerus) errichtete Befestigung ging spätestens mit dem Limesfall 259/260 n. Chr. unter.
Lage und Forschungsgeschichte
mini|links|Das Kastell mit seinem Limesumfeld mini|links|Böhming und die auch als „Pfahl“ bekannte Teufelsmauer im Jahr 1817 mini|300px|Das Kastell nach den historischen Befunden der Reichs-Limeskommission, Ergebnissen neuerer Luftbildaufnahmen und der 2008 veröffentlichten Magnetometererfassung. mini|300px|Der Kastellplatz im Bereich der Böhminger Kirche und das weitere Altmühltal von dem Höhenzug, auf dem der Limes verlief mini|Luftbild der Kirche St. Johann Baptist auf dem Kastellareal
Das in der Altmühlniederung gelegene Kastell Böhming liegt 400 Meter westlich von Böhming auf der Flur „Kirchfeld“ und ist durch seine markanten 1,5 Meter hohen Wallkanten sehr gut im Gelände sichtbar. In rund 200 Metern Entfernung fließt die Altmühl am Kastell vorbei. Den Bereich des Stabsgebäudes, den Principia, überlagern heute teilweise die freistehende Filialkirche St. Johannes der Täufer mit Mesnerhaus, Friedhof und Nebengebäude. Bis zum südlich gelegenen Kohortenkastell PfünzKastell Pfünz bei sind es rund 15 Kilometer. Etwa 900 Meter westlich des Numeruskastells Böhming verläuft der früher als „Pfahl“ oder „Teufelsmauer“ bekannte Limes auf den bewaldeten Bergsporn „Pfahlbuck“, der von hochaufragenden, steilen Felswänden getragen wird. Ein antiker Weg führt über den Steilhang direkt zur ehemaligen römischen Reichsgrenze und zu den Wachtürmen Wp 14/74–78. Bis Kipfenberg, dort quert der Limes das Altmühltal, sind es 2,5 Kilometer.
Der Ausgräber Friedrich Winkelmann, ein Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission (RLK), erläuterte die Lage des Kastells mit seinem Vicus folgendermaßen:
„Sehr auffallend ist die Lage des Kastells, das sich nur 2,2 m über den mittleren Wasserstand der Altmühl erhebt, also noch innerhalb des Bereiches der häufig auftretenden Hochwasser. Ein zwingender Grund, diese Lage zu wählen, kann wenigstens in den Terrainverhältnissen nicht gefunden werden, da hinter der Südostseite der Boden ganz flach ansteigt. Es scheint, dass das Bett der Altmühl in römischer Zeit tiefer eingeschnitten war.“Zitiert nach: Günter Ulbert, Thomas Fischer: Der Limes in Bayern. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0351-2, S. 93.
Wie eine Überprüfung der seit 1980 angefertigten archäologischen Luftbilder von Böhming ergab, erreicht der Fluss jedoch auch bei Hochwasser nicht das Lagergelände.Jörg Faßbinder: Neue Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion am Obergermanisch-Raetischen Limes. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes, Band 3. Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7. S. 162.
Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte man die Wälle von Böhming als römerzeitlich erkannt. Unter Winkelmann fanden dann im November 1898Friedrich Winkelmann: Böhming (Kastell). In: Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission. Nr. 32 (25. Juli 1899). S. 879–884; hier S. 879. und 1905 die ersten gezielten Ausgrabungen statt. Wichtigster Fund war neben dem Architekturbefund die vollständig erhaltene Bauinschrift. 1959 konnte Anton Gäck zusätzlich zu den Beobachtungen der RLK einen weiteren Torturm an der südöstlichen Schmalseite der Anlage ausmachen. Im gleichen Jahr entdeckte man das Brandgräberfeld.
2007 fand eine großflächige Begehung des Kastellplatzes mithilfe der Geomagnetik statt, wobei ohne Ausgrabung erstmals die Strukturen des Areals detaillierter nachgewiesen werden konnten, als dies zu Zeiten der Reichs-Limeskommission möglich gewesen ist. Eine Ausgrabung wurde aber vom damaligen bayerischen Landeskonservator für Bodendenkmäler, Sebastian Sommer (1956–2021), „kategorisch abgelehnt“. Fördermittel stünden nur für eine Bepflanzung des Areals, zur Sichtbarmachung der ehemaligen Strukturen, zur Verfügung. Eichstätter Kurier: Freilegung von Kastell abgelehnt, 5. Mai 2008
Die nichtbebauten Flächen des Kastells werden heute landwirtschaftlich genutzt.
Baugeschichte
mini|Archäologisch fundiertes Modell des Kastells im Römer- und Bajuwarenmuseum auf der Burg Kipfenberg mini|Die Kirche von Böhming steht auf Teilen der Principia des ehemaligen Kastells. mini|Nordostwall des Kastells. Auf dem Bergsporn „Pfahlbuck“ im Hintergrund stand der Limesturm Wp 14/78 in Sichtkontakt mit dem Kastell mini|Südostwall des Kastells, auf dem Höhenzug im Hintergrund die Limesmauer
Unter dem Steinkastell wurden immer wieder Hinweise auf eine ausgedehnte Brandschicht entdeckt, darin Eichen- und Fichtenbohlen, Terra Sigillata und verbrannte Lehmbrocken. Daraus konnte geschlossen werden, dass dem späteren Steinkastell eine durch Feuer zerstörte Holz-Erde-Anlage mit Fachwerkbebauung vorausgegangen ist. Deren Gründung ist unsicher. Als frühester Zeitpunkt ist die Regierungszeit Kaiser Hadrians (117–138) anzusehen. Damals wurde die römische Reichsgrenze in der Provinz Raetien auf ihre endgültige Linie gebracht. So wird die Gründung des nördlicher gelegenen Numeruskastells Ellingen in die Zeit um 120 gelegt. Zu dem in Böhming entdeckten Zerstörungshorizont der Holz-Erde-Anlage gehört die zeitliche Stellung der Markomannenkriege (166–180), die auch in diesem Gebiet wüteten und der möglicherweise auch das Kastell Pfünz zum Opfer fiel. Eine aus diesem Kastell stammende, zeitlich passende Bauinschrift von 183/184, die möglicherweise von Reparaturmaßnahmen kündet, wurde dort entdeckt.
Wie die 1898 vor dem linken Seitentor von Winkelmann aufgefundene Bauinschrift aus Ellinger Sandstein andeutet, wurde das bisher in Holzbauweise errichtete Kastell Böhming im Jahr 181 unter der Statthalterschaft des Quintus Spicius Cerialis von einer Abteilung der Legio III Italica aus Regensburg, die der Centurio Iulius Iulinus führte, „über der Brandschicht der ersten Bauten“Hans-Jörg Kellner: Raetien und die Markomannenkriege. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 30, 1965, S. 154–174; derselbe in: Richard Klein (Hrsg.): Marc Aurel (= Wege der Forschung 550) Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979, ISBN 3-534-07802-0, S. 226–260; hier: S. 227. in Stein ausgebaut. Die Legionäre waren für die Wehrmauer mit Toren und Türmen zuständig. Nach deren Fertigstellung machte sich die in Pfünz stationierte Cohors I Breucorum unter ihrem Kommandanten Aelius Fortis, ebenfalls ein Centurio der Regensburger Legion, an die Innenbebauung. Man nimmt an, dass der in Böhming stationierte Numerus zu wenig eigene Bauhandwerker hatte und daher andere Kräfte den Steinausbau übernahmen. Dies ist vermutlich der Grund, warum der Name des Numerus nicht in der Bauinschrift, die ursprünglich am Südwesttor angebracht war, auftaucht.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 58. Als nächste militärische Baumaßnahme am Limes unter Statthalter Cerialis ist der Steinausbau des Kastells Ellingen im Jahre 182 bekannt.
Umwehrung
Die 95 × 85 Meter große und 0,73 Hektar umfassende Wehranlage von Böhming war in ihrer Längsachse genau von Südosten nach Nordwesten gedreht, dort lag auch die Prätorialfront. Um das eigentliche Lager lag ein Doppelspitzgraben, der sowohl am Südwest- als auch am Nordosttor auf einer Breite von zehn bis zwölf Metern aussetzte. Nur an der Porta praetoria, dem Nordwesttor, mussten die beiden Gräben mittels hölzerner Übergänge passiert werden. Wie die Magnetometererkundung 2007 feststellte, könnte sich an der Nordseite des Südwesttores ein dritter Grabenstich befinden, der jedoch nur rund 25 Meter lang ist. Näheres ließe sich jedoch nur mit einer klassischen Ausgrabung sagen. Bisher konnten drei zweispurige Tore, flankiert von jeweils zwei Tortürmen an den Durchfahrten entlang der Längs- und Breitseiten festgestellt werden. Ob es auch eine Porta decumana an der Kastellrückseite im Südosten gegeben hat, konnte bei den Magnetometermessungen nicht festgestellt werden,Jörg Faßbinder: Neue Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion am Obergermanisch-Raetischen Limes. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes, Band 3. Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7. S. 163. ist aber aufgrund der Lage eines bereits durch Anton Gäck im Jahr 1959 ergrabenen Turmes sehr wahrscheinlich.Benjamin Gnade: Das römische Kastell Böhming am Raetischen Limes. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege. Band 51, 2010, S. 214 Abb. 9, 11. Neben zwei nachgewiesenen und zwei vermuteten Ecktürmen sowie den Tortürmen wurden in Böhming keine weiteren Zwischentürme entdeckt. Der Befund deckt sich mit der Bauinschrift, welche vier Türme und Tore erwähnt. Es könnte sein, dass sich die Zahl „4“ auf dieser Inschrift (portas cum turribus IIII) auch auf die Anzahl der errichteten Tore bezieht.Benjamin Gnade: Das römische Kastell Böhming am Raetischen Limes. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege. Band 51, 2010, S. 208.
Innenbebauung
Das Stabsgebäude (Principia) lag in der kleineren Südosthälfte der Fortifikation. Ihre Reste wurden von Winkelmann 1898 angeschnitten, ohne dass man jedoch ein klares Bild ihres Aussehens zeichnen konnte, da der Kirchhof weiterführende Grabungen verhinderte. Nach dem damaligen Grabungsbericht konnte der vordere Bereich des Bauwerks angeschnitten werden. Es zeigte sich eine 22 × 4,90 Meter umfassende rechteckige Querhalle, die den eigentlichen Principia vorgelagert war. Dahinter folgte ein dieselbe Länge einnehmender Raum oder Gang mit 1,30 Metern Breite, von dem ein vier Meter langer Teil durch ein Mäuerchen getrennt worden war. Von den 0,90 Meter starken Mauern des Bauwerks hatte sich nicht viel mehr erhalten als die Fundamente.Friedrich Winkelmann: Böhming (Kastell). In: Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission. 32 (25. Juli 1899), S. 879–884; hier S. 882. Für die 2007 durchgeführten Messungen blieben selbst die damals freigelegten steinernen Überreste der Principia unkenntlich.
Schematisch gut bekannt ist die Bebauung der Praetentura, des Vorderlagers. Es zeigt sich, dass das Lagerinnere dicht bebaut, jedoch klar gegliedert war. Entlang der Via principalis sind links und rechts deutlich die Umrisse von vier rund 18 × 25 Meter großen Holzgebäuden erkennbar. Deren innere Strukturen sind jedoch sehr stark gestört. Dort könnte Brandschutt die Raumfluchten überdecken. Dieser wurde bereits von Winkelmann mehrfach beobachtet. Die Funktion dieser vier Bauten bleibt bis zu einer Spatengrabung ungeklärt. Wesentlich deutlicher lassen sich drei sechs bis acht Meter breite und rund 35 Meter lange hölzerne Mannschaftsbaracken ausmachen, die entlang der Längsseiten zwischen den Eck- und Tortürmen standen. Eine vierte vermutete Soldatenunterkunft könnte ebenfalls nur durch eine Ausgrabung ermittelt werden. Offensichtlich waren die Gebäude im Kastellinneren nicht durch besonders befestigte Lagerstraßen miteinander verbunden.Friedrich Winkelmann: Das Kastell Boehming. In: Ernst Fabricius, Felix Hettner, Oscar von Sarwey (Hrsg.): Der obergermanisch-raetische Limes des Roemerreiches B VII Nr. 73a (1907). S. 133.
Bauinschrift mini|Bauinschrift (Abguss) Einen ersten Übersetzungsversuch der Bauinschrift veröffentlichte der Klassischer Philologe Karl Zangemeister (1837–1902) in der Juli-Ausgabe des Limesblatts von 1899.Karl Zangemeister: Böhming [Kastell]. (Bauinschrift). In Limesblatt. Mitteilungen der Steckenkommissare bei der Reichslimeskommission. 1892–1903 (1903), Sp. 883–888.
Die moderne Lesung dieser Inschrift aus dem Jahr 181 lautet:
Imp(eratore) Caes(are) Luc(io) Aur(elio) Antoni(n)o Aug(usto) C[ommod]o Armen(iaco) Parth(ico) Germ(a)n(ico) Sarm(atico) trib(unicia) pot(estate) VI co(nsule) III p(atre) p(atriae)