mini|300px|Der Burgus aus der Luft (2020) Der Burgus Burgsalach, der auch unter den Namen Kleinkastell „In der Harlach“ und Kastell Burgsalach bekannt wurde, war ein römisches Militärlager, das nahe der zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Rätischen Mauer errichtet wurde und südlich des Dorfes Burgsalach im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen in Bayern liegt. Die höchstwahrscheinlich für eine Hundertschaft (Zenturie) errichtete steinerne Fortifikation ist eine der jüngsten Anlagen am obergermanisch-rätischen Limes und wurde im 3. Jahrhundert gegründet. Ihre Architektur ist für deutsche Kastelle einzigartig.
Der Nachweis eines Fahnenheiligtums zeigt, dass die dort liegende Zenturie ein eigenes Feldzeichen besessen hat und als eigenständige taktische Einheit operierte.
Lage Der Burgus Burgsalach liegt auf der Flur „Harlach“, südwestlich des Dorfes Burgsalach. Er befindet sich auf der Hochfläche der Südlichen Frankenalb und wurde rund 1,3 Kilometer hinter dem Limes direkt an der damals wichtigen Verbindungsstraße zwischen den Kastell Weißenburg und Kastell Pfünz angelegt. Diese römische Straßentrasse befindet sich streckenweise noch in einem ausgezeichneten Zustand.Günter Ulbert, Thomas Fischer: Der Limes in Bayern. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0-351-2. S. 87.
Forschungsgeschichte mini|links|Das Kleinkastell, wie es seit der Sicherung 1965 vom Hügel mit dem Grabungsschutt aus präsentiert wird. 1790 waren nach einer Notiz des Pappenheimer Dechanten und Konsistorialrats Michael Redenbacher (1764–1816) die baulichen Überreste – damals unter dem Namen „Altes Schlösschen“ bekannt – noch „vortrefflich erhalten“. Darüber hinaus sah er mehrere dem Kaiser Septimius Severus (193–211) geweihte Altäre.Siebenter Jahresbericht des Historischen Vereins im Rezatkreis. 1836. Riegel und Wießner, Nürnberg 1837, S. 49. Im Jahr 1800 führte der Geistliche Rat und Professor der Mathematik Ignaz Pickel (1736–1818) aus Eichstätt die erste bekannt gewordene Grabung durch, die jedoch keine wesentlichen Erkenntnisse brachte, „weil seine Untersuchung zu flüchtig war“, wie der Archäologiepionier Franz Anton Mayer (1773–1854) 1835 schrieb.Franz Anton Mayer: Genaue Beschreibung der unter dem Namen der Teufelsmauer bekannten Römischen Landmarkung. Zweite Abtheilung, von Kipfenberg bis an die Strasse bei Ellingen. 1835, S. 35. Trotzdem überlieferte Pickel eine erste Grundrissskizze.Harald Koschik: Geschichte der Forschung. In: Konrad Spindler (Hrsg.): Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen – Archäologie und Geschichte (= Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 14). Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0493-4, S. 15 ff.; hier: S. 21. Es zeigte sich später, dass der Geistliche Rat bei seiner Untersuchung nicht in die Tiefe gegraben hatte, sondern lediglich dem oberflächlichen Verlauf der Mauern nachgegangen war. 1805 erfolgte eine Nachgrabung durch Redenbacher. Von dieser Grabung sind viele vorgefundene bauliche Details überliefert, die später, aufgrund des immer stärkeren Verfalls des Bauwerks, verloren gingen. Ein Plan, den Redenbacher hinterließ, wies zeichnerische Fehler auf. Die halbrunde Apsis im Nordosten bezeichnete er als „Thurm“. Trotzdem ließ sich seine grundsätzliche Aufmaßung mit der Realität gut übereinbringen.Friedrich Winkelmann: Der römische Burgus in der Harlach bei Weißenburg i. B. In: Korrespondenzblatt der Römisch-Germanischen Kommission 2, 1917, S. 45–54; hier: S. 46.
Mayer hielt die Anlage aufgrund ihrer Bauweise und des fehlenden Grabens – den Redenbacher 1790 allerdings noch gesehen haben will – für eine Herberge (Mansio). Dieser Meinung schloss sich 2011 der Archäologe Andreas A. Schaflitzl an, wobei eine letztendliche Bewertung nicht möglich ist.Andreas A. Schaflitzl: Burgus oder Mansio? – Wachstube oder Gaststube? Neue Erkenntnisse und Überlegungen zum Gebäude in der Harlach. In: Weißenburger Blätter, „villa nostra“. 3/2011, S. 5–19.
Eine anhaltende Zerstörung des Areals setzte erst nach den frühen Grabungen ein. Insbesondere die Mär von einem Schatz, der „beim Schlössel“ vergraben sein sollte, ermutigte Raub- und Schatzgräber, die Ruinen immer wieder umzugraben.Renate Schiwall: „Von allem Gestrüpp und Gesträuch gesäubert“ – Die Erforschungs- und Konservierungsgeschichte des Burgus bei Burgsalach. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege. 49, 2008, S. 199–219; hier: S. 199. Offensichtlich bei einem von Bauern veranstalteten Raubzug kam 1831 ein römischer Schlüssel zutage, den Mayer in seine Sammlung bekam und als Schlüssel vom Haupttor der Herberge interpretierte.Franz Anton Mayer: Genaue Beschreibung der unter dem Namen der Teufelsmauer bekannten Römischen Landmarkung. Zweite Abtheilung, von Kipfenberg bis an die Strasse bei Ellingen. 1835, S. 36. Aufgrund seiner Popularität wurde der Burgus überregional bekannt. 1861 ließ der bayerische König Maximilian II. Joseph eine noch heute erhaltene Gedenkstele bei den Ruinen aufstellen, die den Ort fälschlicherweise als Colonia tituliert.
Nachdem sich die Grundstücksbesitzer beharrlich geweigert hatten, den Limesforscher Wilhelm Kohl (1848–1898) an diesem Platz graben zu lassen, gelang es dem Historischen Verein Weißenburg mit Mitteln der Kreisregierung von Mittelfranken im Jahr 1915 das Gelände anzukaufen.Friedrich Winkelmann: Der römische Burgus in der Harlach bei Weißenburg i. B. In: Korrespondenzblatt der Römisch-Germanischen Kommission 2, 1917, S. 45–54; hier: S. 47. In den Kriegsjahren 1916 und 1917 konnte während zweier Kampagnen unter der Leitung von Friedrich Winkelmann (1852–1934), einem Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission (RLK), das zu dieser Zeit trotz allem noch sehr gut erhaltene, bis zu zwei Meter hohe Gemäuer systematisch ergraben und untersucht werden. Die Mittel zu dieser Grabung stellte das Königlich Bayerische Generalkonservatorium bereit. Im Frühjahr 1916 legte Winkelmann die Nord- und Südfront sowie den Lichthof frei, im Mai des darauffolgenden Jahres widmete er sich den beiden anderen Flügeln. Winkelmanns Grabungen waren die ersten und letzten im 20. Jahrhundert. Nach Abschluss der Untersuchungen wurden die Baureste zur Konservierung der teilweise empfindlichen Befunde bis auf die Höhe von einem Meter wieder zugeschüttet.
Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Bau endgültig ein Opfer von Witterung und natürlichem Verfall. Auch blieb er zumindest zeitweilig noch ein Opfer menschlicher Verwüstung, insbesondere des Steinraubs. Im weiteren Verlauf geriet das Areal jedoch aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und die Natur eroberte es sich zurück. Erst 1962 wurden die inzwischen auf dem Gelände gewachsenen Bäume gefällt und das Mauerwerk provisorisch repariert. Da diese erste Sanierungsmaßnahme keinen anhaltenden Schutz vor der Witterung bieten konnte, wurden 1965/1966 Schüler und Lehrkräfte des Christian-von-Bomhard-Gymnasiums Uffenheim eingesetzt, um unter der Anleitung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege und mit Unterstützung des amerikanischen Militärs die übrig gebliebenen Mauerstümpfe erneut zu sanieren, aufzumauern und mit einer dicken Schicht Zement abzudecken. Bei diesen Arbeiten kam auch schweres Gerät, darunter Bagger, zum Einsatz. Aus dem im Kastellareal liegenden Schutt wurde der heute vor dem Haupttor liegende Aussichtshügel errichtet. Das Gymnasium übernahm anschließend die Patenschaft für die laufende Pflege an dem Bauwerk.G. Birkner, Kurzbericht, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter. 37, Heft 1, 2, München 1972, S. 182. In diesem Zustand verblieb das Baudenkmal bis 2008. Damals fanden mit der Anlage von drei kleinen Sondagen erstmals seit 1917 wieder wissenschaftliche Untersuchungen statt. Zudem wurde mit der mehrere Jahre dauernden Neukonservierung begonnen. Diese Maßnahme schloss auch Überlegungen für den zukünftigen Erhalt der Ruine mit ein. Zwischen 2010 und 2013 entstand der aus Bundesmitteln und der Sparkassen-Kulturstiftung finanzierte Römererlebnispfad Burgsalach. Unter anderem weisen nun neben der 1965 errichteten Steinplatte mit dem Grundriss der Anlage drei plastisch ausgeführte Bronzemodelle auf die verschiedenen Rekonstruktionsmöglichkeiten der Anlage hin.Hans-Heinrich Häffner: Römererlebnispfad Burgsalach – spielerische Denkmalvermittlung rund um den „Burgus“. In: Der Limes, 2, 2013, S. 32–35; hier: S. 34 (Foto). Zu dem Projekt gehörte auch die mit Hilfe von Werkverträgen erfolgte wissenschaftliche Aufarbeitung der Altgrabungen und die Sondierung des tatsächlich erhaltenen antiken Mauerbestands. Die so entstandenen Abwicklungen aller Wände dokumentiert nun anhand des 1916 und 1917 erstmals photographisch dokumentierten Zustands die dramatischen Verschlechterungen bis ins 21. Jahrhundert. Ein weiterer Punkt war die Mustersanierung eines Abschnitts des Zangentores, das in die Anlage führt.Hans-Heinrich Häffner: Römererlebnispfad Burgsalach – spielerische Denkmalvermittlung rund um den „Burgus“. In: Der Limes, 2, 2013, S. 32–35; hier: S. 33–35. Diese war im Juli 2011 bereits weitgehend abgeschlossen.Robert Renner: Limesprojekt Burgsalach. Kein Römer-Zeltplatz. Weitere Ausgaben wären nötig gewesen – Nun nur Tagespauschalen, Rubrik Weißenburg und Umgebung. In: Weißenburger Tagblatt 174, 30./31. Juli 2011.
Die früher für diese Anlage meist gewählte Bezeichnung „Burgus“ bezeichnet eigentlich kleinere spätantike Kastellplätze im Grenzgebiet. Das von den Römern aus dem Germanischen entlehnte Wort ist im militärischen römischen Sprachgebrauch jedoch bereits seit dem Ende des 2. Jahrhunderts nachweisbar.Unter anderem sind dazu Inschriften aus der Regierungszeit des Kaisers Commodus (180–192) vom pannonischen Donaulimes bekannt: und .
Baugeschichte mini|Der Grundriss des Burgus nach den Forschungsergebnissen von Friedrich Winkelmann (1917/1918) sowie Renate Schiwall (2008) mini|Rekonstruktionsversuch des Kleinkastells im Römermuseum Weißenburg mini|Blick über die Anlage mit dem bis 2013 restaurierten Abschnitt des Zangentores (2015) mini|Blick auf das Kastellareal, deutlich sichtbar ist das zangenförmige Tor im Vordergrund (1991) mini|Blick aus dem hinteren Teil des Lagers über den Innenhof mit seiner geschotterten Fläche auf das Tor (1991) In seiner architektonischen Gestaltung wurden am gesamten obergermanisch-rätischen Limes bisher keine vergleichbaren Fortifikationen beobachtet. Wie der Archäologe Wilhelm Schleiermacher (1904–1977) 1962 feststellte, war der karreeförmige Grundriss der Burgsalacher Anlage „schon immer“ mit spätrömischen Befestigungsbauten in Kleinasien oder Nordafrika verglichen worden,Wilhelm Schleiermacher: Centenaria am rätischen Limes. In: Joachim Werner (Hrsg.): Aus Bayerns Frühzeit. Friedrich Wagner zum 75. Geburtstag. Beck, München 1962, S. 195–204; hier: S. 195. wobei speziell die nordafrikanischen Parallelen stets hervorgehoben wurden. Dort entdeckte man römische Militärlager, die in ähnlicher Grundrissplanung aus dem frühen 4. Jahrhundert stammen. Außerdem ist von dort auch der lateinische Name dieses Wehranlagentyps inschriftlich überliefert: Er wird Centenarium genannt. Eventuell steht seine Errichtung mit der Anwesenheit von Angehörigen der Legio III Augusta aus Lambaesis in Africa in Zusammenhang. Die Legion war im Zuge von Machtkämpfen unter den Gordianenkaisern aufgelöst und ihre Mannschaften in verschiedene Provinzen strafversetzt worden. Bei dieser Gelegenheit könnten die in Raetien stehenden Truppenteile diese Befestigung errichtet haben, was sich allerdings nicht beweisen lässt. Die Legion fiel damals unter die damnatio memoriae und durfte dementsprechend auch keine Bauinschriften mit ihren Namen hinterlassen.Centenarium Tibubuci: bei ,Oldenstein 2009, S. 250–251.
Man geht heute davon aus, dass das Kleinkastell aufgrund seiner architektonischen Eigenheiten in die letzte Sicherungs- und Ausbauphase des Limes gehört, die in die Regierungszeit Kaiser Caracallas (211–217) fällt, der 213 den Limes und seine Kastelle an vielen Stellen persönlich in Augenschein nahm.
Umwehrung und Tor